Gott wohnt in einem Lichte

Lectio Divina auf dem Jakobsweg

Prolog

Endlich wieder auf einem Pilgerweg. Auf DEM Pilgerweg. Auf dem Camino de Santiago.

Im Herbst wusste ich, dass ich wieder pilgern muss. Systematisch habe ich die Ausrüstung zusammengestellt, trainiert, alles bedacht. Und dann war es doch ganz anders als erwartet…

Ich war ab 24. März für drei Wochen auf dem Camino Portugues unterwegs, von Porto bis Santiago de Compostela. Knapp 300 km bin ich gelaufen, nur mit einem  Rucksack und mit ganz wenig Gepäck. Täglich musste ich Wäsche waschen und die Nächte habe ich in Herbergen zusammen mit bis zu 120 Pilgerbrüdern und -schwestern verbracht. Und ich wollte mit bescheidenen Mitteln auskommen. Pro Tag sollten möglichst 15 Euro für Unterkunft und Verpflegung reichen.

Im Gepäck hatte ich ein Lectio Divina Projekt des Bibelwerks: 12 Texte aus dem Buch Exodus. Meinen Pilgerweg durch Nordportugal und Galicien wollte ich im Spiegel der Wüstenwanderung des Volkes Israel erleben. 12 biblische Texte – Vorrat für 12 Tage Lectio Divina, dachte ich. Wie funktioniert die Verbindung von Lectio und Pilgern? Geht Lectio beim Laufen? Wie gestaltet man die Schritte einer Lectio-Einheit auf einem Pilgerweg?

Mich hat eine Melodie die ganze Zeit begleitet. In den Strophen des Liedes „Gott wohnt in einem Lichte“ von Jochen Klepper (1938) möchte ich drei Tage auf dem Camino reflektieren.

  1. Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann. Von seinem Angesichte trennt uns der Sünde Bann. Unsterblich und gewaltig ist unser Gott allein, will König tausendfaltig, Herr aller Herren sein.

Fünfter Tag in Portugal. Vormittags Lectio auf dem Camino, mitten im Wald. Es ist mein zweiter Text, den ich auf diesem Weg meditieren will: Mose am brennenden Dornbusch.

Es wird mein letzter Text aus meiner Sammlung von 12 Abschnitten des Exodusbuches sein. Mehr werde ich mir nicht ansehen. Mehr brauche ich nicht. Hier beginnt die längste Lectio Devina Einheit meines  Lebens. Ich habe mein Pilgerthema gefunden. Dieser Text wird mich bis Santiago nicht mehr loslassen, gemeinsam mit diesem Lied von Jochen Klepper aus dem Jahr 1938.

Fünf Worte der Bibel treffen in mein Herz. Das habe ich mir nicht ausgesucht, das ist da: „Ich bin der ich bin…“ Damit werde ich nicht an einem Tag fertig. Damit werde ich nicht in drei Wochen fertig.

Mit Moses frage ich in einem Eukalyptuswald vor Sao Pedro de Rates: Wer bist Du, Gott? Und die Antwort: Ich bin der ich bin. Was soll das? Ich werde wütend. Wenn mir ein Kind solch eine Antwort geben würde, ja das wäre eine Unverschämtheit.

Aber hier spricht Gott. Das muss wichtig sein für mich! Ich verkoste die Worte, laut, allein, immer wieder. …Ich bin der ich bin… Wie soll ich das betonen? Wo klingt es in mir an? Ich spreche diesen Satz kilometerlang vor mich hin und lege den Schwerpunkt jeweils auf einen anderen Teil. …Ich bin der ich bin…

Und da, ja, da ist es: Ich bin der ich bin. Das ist für mich bestimmt. Ich kann ihn gar nicht fassen. Nur er kennt sich ganz und gar. Unverfügbar ist er, transzendent, meinen Sinnen unnahbar. Jedes Bild, das ich mir von ihm mache, ist von vorn herein falsch. Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann. Dass kenne ich doch. Wie ging dieses Lied gleich… Das wird mein Pilgerlied.

Und nun? Wo begegne ich diesem unsichtbaren Gott? Geht das überhaupt? Plötzlich sehe ich einen kleinen gelben Pfeil, ein Caminopfeil. An allen Jakobswegen gibt es diese unscheinbaren Wegweiser. Sie sind auf das Pflaster gemalt, an Laternen oder Hauswände. Nur dem Pilger sind sie sichtbar, dem Suchenden. Wer kein Ziel hat übersieht sie einfach. Ich will auf diesem Camino Gottes Wegweiser suchen. Wie und wo weist er auf sich hin? ich bin gespannt…

(Fortsetzung folgt…!)

Torsten Bühring, Magdeburg

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Nicht Gott ist der Skandal, sondern der Mensch.

Gerne frage ich bei Veranstaltungen zur Heiligen Schrift: „Nach welcher Lesung möchten Sie im Gottesdienst eigentlich nicht hören: ‚Wort des lebendigen Gottes‘?“ Fast immer ist Gen 22 dabei, die sogenannte „Opferung des Isaak“.

Das ist genau der Gott, mit dem niemand zu tun haben möchte: Arrogant und menschenverachtend in seinem Verlangen nach einem Menschenopfer und am Ende großzügig-herablassend auf seine Forderung verzichtend. Das hat mit Gott nichts zu tun. Solche Texte gehören aus dem Leserepertoire der Bibel in der Kirche herausgenommen. Zumindest wäre deutlich zu machen: Der Gott des Alten Testaments ist ein völlig anderer als der des Neuen Testaments. Brutalität und Barmherzigkeit stehen einander unversöhnlich gegenüber. Da hat das Christentum doch gegenüber dem Glauben Israels einen Quantensprung gemacht.

Nur zu dumm, dass der, auf den sich die Christen berufen, nämlich Jesus Christus, genau aus diesem Volk Israel stammt und den Gott, von dem das Alte Testament spricht, auch noch seinen Vater nennt. Nur zu dumm, dass in jeder Kirche ein Kreuz zu sehen ist, das bezeugt: Da wurde zwar keiner auf einem Holzstoß als Opfer verbrannt, aber es wurde einer aufs Holz gelegt, festgenagelt und hochgezogen. Und dann wartete man zu, bis er endlich tot war. Der Unterschied zur Isaak-Erzählung: Jetzt ist es Gott selbst, der zum Opfer wird. Aber irgendwie hängt Gott selbst mit drin, hatte doch Jesus gebetet: „Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Aber nicht mein, sondern dein Wille möge geschehen.“ Einige der modernen Christentumskritiker haben scheinbar Recht, wenn sie sagen, dass der Unterschied zwischen Altem und Neuen Testament doch gar nicht so groß sei. Gott bleibt grausam.

Also: Wer sich durch das Beiseiteschieben der Isaak-Erzählung herausmogeln möchte aus den Zumutungen unseres Glaubens, hat deren Ernst noch nicht wirklich wahrgenommen. Was soll man dann aber vernünftigerweise zu ihr sagen?

Schaut man in die Bibel selbst hinein, stellt man fest, dass dort ein wichtiger Lesehinweis gegeben wird. Es heißt dort: „Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe“. Es lohnt sich, „diese Ereignisse“ einmal näher anzuschauen. Denn vielen dürfte von Abraham vor allem die Berufung in Erinnerung sein: Auf Gottes Wort hin und ermutigt durch die Verheißung von Nachkommenschaft verlässt er alles und zieht in ein unbekanntes Land. Doch noch im selben Kapitel wird berichtet, wie er seine Frau Sara – ohne die eine Erfüllung der Verheißung schwerlich möglich war – während einer Hungersnot dem Harem des ägyptischen Pharao zu überlassen bereit ist. Aus Angst davor, wegen seiner schönen Frau umgebracht zu werden, rät er ihr: „Sag, du seiest meine Schwester, damit es mir deinetwegen gut ergeht.“ Dass die Geschichte am Ende gut ausgeht, haben Abraham wie Sara allein Gott und dem Pharao zu verdanken, der die Zeichensprache Gottes versteht. Als Abraham aus Misstrauen gegenüber der göttlichen Verheißung das Rechtsmittel der Nebenfrau ausschöpft und diese Frau namens Hagar schwanger wird, weicht er der Eifersucht seiner bislang unfruchtbaren Ehefrau Sara dadurch aus, dass er Hagar einmal als Schwangere und später sogar mit ihrem neugeborenen Ismael im wörtlichen Sinne „in die Wüste schickt“. Wieder verhindert nur Gottes Eingreifen den drohenden Tod für Mutter und Kind.

Das ist nicht einfach nur eine Erzählung von vor mehreren tausend Jahren. Spekulanten sind bereit, für Börsengewinne ganze Volkswirtschaften zu gefährden. Pharmakonzerne lassen Gutachten fälschen, um lebensgefährliche Produkte auf den Markt zu bringen und nehmen den Tod von Menschen in Kauf. Mobbing heißt das Stichwort der Gegenwart zur Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes. Der spontan durch Alkohol- oder Drogenexzess aufbrechenden Lust an Gewalt wird in U-Bahn-Stationen freier Lauf gelassen. Kinder – und am liebsten gesunde – werden zum mit allen Mitteln zu erzwingenden Recht; da kann man sich um ein paar überzählige Embryonen nicht auch noch kümmern.

Es ist erstaunlich: Die Opferbereitschaft unserer Gesellschaft scheint grenzenlos. In allen geschilderten Situationen von Abraham bis heute könnte das Motto lauten: „Unterm Strich zähl – ich.“

Und nach all diesen Ereignissen sollte Gott zuschauen, der das Leben aller will? Dabei macht die Anfangsnotiz, dass es sich um eine Probe handelt, deutlich: Gott schlägt nicht mit gleichen Mitteln zurück und opfert jetzt seinerseits: sei es Abraham oder Isaak. Nein, die unerträgliche Forderung, den einzigen geliebten Sohn Isaak zu opfern, soll dem Abraham nur spiegeln, was er bis jetzt getan hat. Für einen Augenblick wird er zur Preisgabe eines Menschen gezwungen, wie er sie zuvor dreimal freiwillig und mit Berechnung vorgenommen hat. Wer Gott begegnet, begegnet sich selbst – und keineswegs als schulterklopfendem Tattergreis, sondern in seinem Zurückbleiben hinter dem, wozu Gott sie und ihn erschaffen hat. Nicht um irgendeinen gewalttätigen oder Opfer verlangenden Gott geht es, sondern um einen letztlich gewalttätigen und zu allen möglichen Opfern bereiten Menschen, der von Gott entlarvt wird. Die letzte Entlarvung wird der Kreuzestod Jesu sein: Ein Unschuldiger muss sterben. Die Ankläger fühlen sich durch Jesus gestört, Pilatus sieht seine Freundschaft zum römischen Kaiser in Gefahr. Die Entlarvung solcher Mechanismen in unserem Handeln hat natürlich niemand gern. Aber darin liegt die Chance zu wirklichem Leben. Sich wenigstens versuchsweise auf Umkehr einzulassen, ist der entscheidende Schritt, von Gott her auf Auswege aus verfahrenen Situationen hingewiesen, letztlich aus ihnen erlöst zu werden. Der Widder lauert sozusagen schon im Gebüsch.

Solange wir ihn nicht entdecken, ist nicht Gott der Skandal, sondern der Mensch.

Gunther Fleischer, Köln

Auf dein Wort hin

Auf dein Wort hin

„Auf dein Wort hin.“ Dieser kurze Ausschnitt aus dem Lukasevangelium hat mich eine ganze Woche begleitet, da er in der zweiten Februarwoche Te Deum am Anfang des Nachtgebetes als Impuls stand und am 5. Sonntag im Jahreskreis Teil des Sonntagsevangeliums war.
„Auf dein Wort hin“ – auch wenn der abgedruckte Impuls deutlich länger war und der zugehörige Evangelientext (Lukas 5,1-11) noch länger, so blieb ich doch immer nur bei diesen vier kurzen Worten hängen.
„Auf dein Wort hin“ – es hat mich beeindruckt dieses – ja – Credo des Simon, das er einem zu diesem Zeitpunkt wildfremden Mann gegenüber aussprach. Und es hat mich auf mein Leben schauen lassen und die Frage kam auf: „wo hast du denn auf sein Wort hin gehandelt, bzw. eben nicht?“ Dies wurde noch verstärkt durch die im Te Deum (Februar 2019, Seite 101) abgedruckte Frage: „Reicht Gottes Wort so weit in meinen Alltag wie bei Petrus?“ Es lies mich manchmal sprachlos und antwortlos zurück.
„Auf dein Wort hin“ – ich bin dran hängengeblieben an diesem Satz, auch über die zweite Februarwoche hinaus. Und es ging mir immer wieder durch den Kopf, wie Menschen zu allen Zeiten vermeintlich auf Gottes Wort hin handelten und wie oft sie ihr eigenes zu Gottes Wort machten um ihre eigenen Taten zu rechtfertigen. Wie oft auf diese Weise Gottes Wort missbraucht worden ist, durch die Geschichte hindurch.
„Auf dein Wort hin“ – es hat mich einfach nicht losgelassen. Und irgendwann weitete sich plötzlich der Blick auf die ganze Schrift hin und mir wurde bewusst, in welchem unbegreiflich größeren Kontext dieser Satz des Simon doch steht: Gott spricht und die Erde entsteht (Gen 1,3), Gott spricht und Abraham zieht los, Gott spricht und Mose ist bereit sich dem Pharao entgegen zu stellen, Gott spricht und die ProphetenInnen werden berufen, Gott spricht und eine junge Frau lässt sich auf ein ungeahntes Abenteuer ein und letztlich „Er spricht: Ja, ich komme bald“ (Offb 22,20) und mahnt im letzten Buch der Bibel bereit zu sein für das Kommen des Herrn. Vom ersten bis zum letzten Blatt – wortwörtlich – ein Buch, dass sich auf „sein“ Wort hin ausrichtet. Alles steht in seinem Wort.
„Auf dein Wort hin“ – es bleibt die Frage nach mir und meinem „Gehen“ in seinem Wort, es bleibt das Problem der vielen grausamen Taten, die angeblich auf Gottes Wort hin geschahen. Es wächst aber auch die durchaus tröstliche Erkenntnis, dass selbst Menschen wie Simon Petrus immer wieder neu auf „sein Wort hin“ aufbrechen mussten und durften um ihre Aufgabe zu erfüllen; dass Menschen wie die ProphetInnen manchmal regelrecht überzeugt werden mussten (Stichwort: Jona) um auf sein Wort hin tätig zu werden. Und schließlich bleibt das Wissen, dass nicht mein Wort oder dass eines anderen Menschen das letzte Wort sein wird, sondern das SEINE.

Daniel Pomm
Diözesanleiter des Katholischen Bibelwerks im Bistum Erfurt

Der Riss in der Welt

Der jüdische Tempel, der sich in der Antike stolz über Jerusalem erhob, ist nicht mehr. Er wurde im Jahr 70 von der römischen Armee unter Titus zerstört. Es ist eine lange und komplizierte Geschichte.
Ebensolang ist die Geschichte, die seither ins Land gegangen ist. Der grundstürzende Verlust ist nie aus dem Gedächtnis geglitten, war doch der Tempel jener Ort, an dem man dem Ewigen begegnete. Er stand im Zentrum aller jüdischen Feste und tut es in gewisser Weise immer noch.
„Warum liegt ein Ei auf dem Sederteller“, will der Teilnehmer einer Fortbildung von mir wissen. Das stehe doch nicht in der Bibel. Nein, das Ei wurde erst nach dem Fall des Tempels auf den Teller gelegt. Es soll die Festtagsopfer symbolisieren, die bei den drei großen jüdischen Wallfahrtsfesten Pessach, Schawuot und Sukkot im Jerusalemer Heiligtum dargebracht wurden. Andere sagen, das Ei sei Zeichen der Zerbrechlichkeit menschlichen Geschicks und Ausdruck der Trauer um den zerstörten Gottesort.
Im Ei wächst Leben heran, doch dieses Leben hat nur einen dünnen und äußerst zerbrechlichen Schutz.
In den ersten Tagen des Jahres besuchte ich eine Ausstellung zur Kabbala im Wiener Jüdischen Museum und trat ein in eine Welt voller Bedeutungen: jede kleinste Fläche des Daseins bedeckt mit Buchstaben, beschriftet mit Sinn. Gleich am Eingang wurde der Besucher mit einem Zitat des jüdischen Dichters und Sängers Leonard Cohen empfangen: „Da ist ein Riss, ein Riss in allem. Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt.“
In der mystischen Tradition der Kabbala hat sich die Suche von Menschen nach der Erfahrung einer unmittelbaren Beziehung zu Gott niedergeschlagen. Die göttliche Wirklichkeit, so die Überzeugung, durchdringe die menschliche Welt, die menschliche Welt bilde die göttliche ab. Um das zu erkennen bedurfte es bestimmter Fähigkeiten, die erlernt und erfahren werden mußten. Wer diesen Weg ging, dem mochte sich die  Weisheit des Seinsgrundes bis in Wort und Buchstabe und bis in die Fingerspitzen des eigenen Leibes hinein offenbaren.
Die Kabbala hat ihre Spuren nicht nur in Mystik und Magie und in der klassischen Kunst und Literatur hinterlassen, sondern auf bisweilen überraschende Weise auch in der Gegenwartskultur. Madonna oder Britney Spears bedienten sich ihrer ebenso wie die Herausgeberinnen des Jewish Women’s Magazine „Lilith“, einer Zeitschrift jüdischer Feministinnen.
Alles beginnt zu sprechen auf der Suche nach der verborgenen Welt hinter, oder besser: in den Dingen. Überall kann sich diese Welt – und es wird sich dabei doch um nichts anderes als um den Himmel handeln – überraschend öffnen, wenn auch nur einen Spalt breit, oder einen Riss lang.
Als Jesus im Markusevangelium nach seiner Taufe aus dem Wasser steigt, sieht er, wie der Himmel einen Riss bekommt „und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam“ (Mk 1,11). Dann aber schließt dieser Riss sich sogleich wieder, und Jesus bekommt es in der Wüste mit dem Satan zu tun. Erst am Ende, als er am Kreuz stirbt, bekommt der Himmel, nun in Gestalt des Tempelvorhangs, wieder einen Riss (vgl. Mk 15,38), und Jesus tritt ein. In den Himmel.
Tempel und Vorhang sind verschwunden, und auch der Riss scheint sich wieder geschlossen zu haben, jedenfalls ist er bloßem Auge meist nicht zu erkennen.

* * *

Szenenwechsel. Ich gehe durch die Stadt. Eine vom Efeu bedrängte und mit Graffiti bedeckte Mauer begleitet mich ein Stück auf dem Heimweg. Sie bröckelt. Das hat Charme, denke ich. Und dann sehe ich ihn – den Riss. Den Spalt, durch den das Leben einbricht.

Nachtrag: Ein Gedicht von Reiner Kunze

ZUFLUCHT NOCH HINTER DER ZUFLUCHT
(für Peter Huchel)

Hier tritt ungebeten nur der wind durchs tor
Hier
ruft nur gott an
Unzählige leitungen läßt er legen
vom himmel zur erde
Vom dach des leeren kuhstalls
aufs dach des leeren schafstalls
schrillt aus hölzerner rinne
der regenstrahl
Was machst du, fragt gott
Herr, sag ich, es
regnet, was
soll man tun
Und seine antwort wächst
grün durch alle fenster

Kunze ist meines Wissens kein Kabbalist. Aber ein Dichter.

Dr. Andrea Pichlmeier, Bibelpastoral Passau

„No sacrifice at all“ – Elton John

Die Rock- und Pop Musik ist oft die erste Auslegerin der Frohen Botschaft in der säkularen Welt. Zu diesem Weihnachtsfest habe ich den Song SACRIFICE von Elton John ausgesucht. Der Text ist von Bernie Toupin, der selbstbewusst über >Sacrifice< urteilt: Es sei einer „der besten Songs, die wir geschrieben haben“. Der Song ist eine Ballade und kein typisches Liebeslied.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn das Thema >Sacrifice / Opfer< mit der Botschaft von Weihnachten in Verbindung gebracht wird?
Die Leserin, der Leser des Blogs ist eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen, d.h. den Song zu hören. Einen Ausschnitt aus dem Lied möchte ich schon hier anführen:

It’s a human sign                                        Es ist einfach nur menschlich.
When things go wrong                              wenn die Dinge falsch laufen.
When the scent of her lingers                 Wenn der Duft von ihr verweilt
And temptation’s strong                           und die Versuchung stark ist.

Into the boundary                                       Innerhalb der Grenzen
Of each married man                                 eines jeden verheirateten Mannes
Sweet deceit comes calling                      süßer Betrug ruft
And negativity lands                                   und Negativität kommt auf

And it’s no sacrifice                        Und es ist kein Einsatz
Just a simple word                          nur ein einfaches Wort
It’s two hearts living                        Es sind zwei Herzen
In two separate worlds                  lebend in zwei verschiedenen  Welten

But it’s no sacrifice                          Aber es ist kein Einsatz
No sacrifice                                        Kein Opfer
It’s no sacrifice at all                       es ist überhaupt kein Einsatz

In der Ballade geht es um das Scheitern von zwei Menschen: die Trennung in einer Beziehung, einer Ehe. Die Dinge sind aufgrund eines Betrugs verkehrt gelaufen. Negatives kommt ans Tageslicht. Die Versuchung durch einen anderen Menschen ist einfach zu stark gewesen. Man lebt in verschie­denen Welten und die gemeinsame Ausrichtung ist verloren gegangen.

Elton John kommentiert das Verhalten der Handlungsträger immer wieder:
>No sacrifice< -bzw- >no sacrifice at all<.

Im Englischen kann >sacrifice< übersetzt werden mit: Opfer, Opfergabe, Aufopferung, Opferung, Verzicht, Opferbringung, Opferhandlung, Hingabe, Darbringung….

Im biblischen Kontext gibt es neben dem Brand- und Ganzopfer auch das Speiseopfer. Es geht um die Gaben, die ein Mensch freiwillig der Gottheit opfert, übergibt. Im Gegenzug wird von Gott all das weggenommen, was trennt und eine heilvolle Beziehung zu Gott stört.

Ein Blick auf die Übersetzung von >Elton Johns<: >Sacrifice< zeigt, dass ich das Wort mit Opfer und auch mit Einsatz wiedergebe.

Um einen Weg heraus aus der in eine Schieflage geratenen Beziehung zu finden, wäre ein größeres Engagement der Beteiligten nötig, ein Einsatz oder auch ein Opfer.
Doch Elton singt: da ist überhaupt >no sacrifice at all< kein Einsatz.

In den Tagen um Weihnachten werden viele von uns die Erzählungen in der Bibel rund um die Geburt Jesu hören oder auch lesen.

Schauen wir uns die Handlungsträger in den sogenannten „Weihnachtserzähl­ungen“ der beiden anonymen Evangelienschreiber, wir nennen sie Matthäus und Lukas, an:

Das Matthäusevangelium berichtet, dass sich Joseph von der schwangeren Maria in aller Stille trennen wollte.
Elton John würde kommentieren: >No sacrifice at all!<. Joseph zeigt  über­haupt keinen Einsatz!
Und es bedarf eines Engels, der bei Joseph den richtigen Einsatz einfordert.
Stehe bei deiner Frau!

Das Lukasevangelium scheint auf den ersten Blick gegenüber dem stumm gewordenen Zacharias zwei mutige und engagierte Frauen aufzubieten, die sich, beide schwanger, begegnen: Maria und Elisabeth. Aber auch ihr Auftreten, so stellt es der Evangelist dar, ist promotet, in Gang gesetzt, durch einen Engel namens Gabriel.
Ohne diesen Engel würde Elton John sagen: >No sacrifice at all!<. Da ist überhaupt kein Einsatz!
Mit diesem Engel gibt Lukas einen ersten Hinweis auf das Göttliche.

Damit sind wir in diesen beiden Evangelien auf der richtigen Spur.
Die beiden Evangelienschreiber, Matthäus und Lukas, verfassen ihre Evangelien für die dritte, vielleicht auch vierte Generation christlicher Gemeinden, versprengt in den Weiten des römischen Reichs.
Es ist die Zeit der ersten Christenverfolgungen unter Kaiser Domitian.
Das frühe Christentum hat sich von der jüdischen Community losgelöst.
Es ist eine Zeit der Krise: der Tempel in Jerusalem wurde durch die “Super-macht“ Rom im Krieg von 66-71 n. Chr. zerstört. Das Wiederkommen des Messias ist nicht erfolgt.
Wie lässt sich ein in die Krise geratenes Christentum konsolidieren?
Matthäus und Lukas wählen unabhängig voneinander als literarisches Mittel: ihre Evangelien.
Das Christentum tritt schriftstellerisch in Erscheinung.

Lukas und Matthäus bringen das von ihnen berichtete Geschehen in einen Kontext, in dem hinter all dem vordergründigen Handeln letztendlich Gott und sein Einsatz stehen.

Johannes ist schon im Leib seiner Mutter Elisabeth von Geist erfüllt.
Der Existenzgrund Jesu ist schon in Marias Schwangerschaft der Heilige Geist, das Pneuma, die Ruach, die Geisteskraft Gottes.

Das ist der Einsatz, die Gabe, sacrifice at all!

Aber all das wird in den Texten um Weihnachten nun auch wieder gebrochen. Es ist nicht das große Ereignis, das die Evangelienschreiber mit ihren Texten erfassen. Jesus wird in seiner Ohnmacht dargestellt: geistgewirkt  und doch klein. Ein Kind, ohnmächtig, ohne Herberge, verfolgt auf der Flucht mit seinen Eltern.

Was ist der Einsatz, die Gabe, sacrifice at all ???

Auch das weitere Geschehen Jesu ist geistbegleitet. Es geht Jesus nicht darum, die eigene Herrschaft als Alternative zum Kaiser aufzurichten, sondern die Herrschaft GOTTES.

Das ist die Botschaft, aus der die Gemeinden des Matthäus und des Lukas neu Hoffnung schöpfen angesichts ihrer Situation.

Das messianische Projekt ist anders und doch nicht gescheitert.

Durch den Einsatz Gottes, der so klein ist wie ein Kind, aber geistgefüllt, kann es unter den Menschen weiter gehen. Und es muss dann nicht mehr heißen:  No sacrifice at all!

Vielleicht bringt uns dieser ganz andere Einsatz Gottes dazu, Weihnachten mit anderen Augen neu zu sehen. Abseits von Glanz und Größe kann in Gottes Augen Wichtiges geschehen. Und wir können geführt vom Geist, uns einsetzen, damit  Gottes Herrschaft im Leben und in der Welt weiter Fuß fassen kann.

In diesem Sinne wünsche ich, auch im Namen des Teams der „Bibelpastoral“

FROHE WEIHNACHTEN

Ihr /Euer

Ulrich Kmiecik

Dr. Ulrich Kmiecik, Kath. Bibelwerk Berlin

Gott hat einen Namen – „Gott sieht mich“

Wie sehe ich aus? Wie wirke ich auf andere? Was werden denn die Leute dazu sagen? Da haben die Nachbarn sicher wieder was zu tratschen.
Ein gutes Ansehen zu haben, das ist wohl ein erstrebenswertes und auch gutes Ziel. Für die meisten Menschen ist ihr Ansehen sehr wichtig. Wie ich auf andere wirke und ob andere mich schätzen, das ist kaum jemandem ganz gleichgültig. Ein gutes Ansehen ist für viele ein erstrebenswertes Ziel. Und es stärkt das Selbstbewusstsein. Nun gibt es sicher einige, die sagen: Ein starkes Selbstbewusstsein erkennt man daran, dass man auf das Gerede anderer nichts gibt. Ich persönlich bin allerdings der Meinung: Kaum ein Mensch ist so autark, dass er auf das Ansehen durch andere gar nicht mehr angewiesen ist.
Um Ansehen ist nicht nur der Mensch von heute zuweilen sehr bemüht, auch zu biblischen Zeiten war die Frage, woher ich Ansehen erhalte, durchaus wichtig. Im Alten Testament wird die Geschichte von Sara und ihrer Magd Hagar erzählt (Gen 16). Es ist eine Geschichte, in der es um das Ansehen geht. Ansehen zu gewinnen und zu verlieren. Die Geschichte erzählt am Ende, woher der Mensch wahres Ansehen gewinnt. Was den Menschen zu einem angesehenen Menschen macht. Die Bibel erzählt:
Sara war kinderlos. In der damaligen Zeit war das für das Ansehen einer Frau fatal. Sie gewann Ansehen bei den Leuten, wenn sie Kinder bekam. Je mehr Kinder, je mehr Ansehen. Und Sara stellt fest: Ich kann mich nicht mehr sehen lassen. Ich verliere Ansehen bei den Leuten. Ihre Magd Hagar dagegen wird schwanger, steigt daher im Ansehen der Leute und hält sich schnell für angesehener als ihre Herrin. Und „ihre Herrin galt in ihren Augen nichts mehr“ (Gen 16,4), so heißt es fast wörtlich im biblischen Text. Sara kann das nicht dulden, dass ihre Magd sich in einer Weise aufspielt, wie es ihr nicht zusteht. Sie jagt Hagar im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste. Hagar verliert ihr Ansehen schneller, als sie gucken kann.
Doch in der Wüste darf sie die Erfahrung machen, dass Gott ihr Schicksal sieht. Sie erfährt, woher ihr wirkliches Ansehen, ihre Wertschätzung kommt. Gott schenkt ihr Ansehen und Wertschätzung. Ein Ansehen, eine Wertschätzung, die ihr keine Meinung der anderen nehmen kann. Und sie gibt Gott einen Namen: Sie nennt ihn El-Roi d.h. übersetzt: Gott, der mich wahrnimmt. Gott, der nach mir schaut. Gott, der mir Ansehen verleiht.

Gott, der nach mit schaut. Ein wunderbarer Schatz in der Heiligen Schrift. Ein Mensch nennt Gott beim Namen. Sonst offenbart Gott seinen Namen. Ein Mensch erfährt: Gott schaut nach mir. Er sieht mein Leid, mein Elend, mein Streben nach Ansehen. Gott schaut mich an. Vor ihm habe ich Ansehen, weil ich ich bin. Gott schenkt mir Ansehen ganz unabhängig von der Meinung der anderen. Bei Gott bin ich immer gut angesehen.

Verunsicherung oder Heimat?

„Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien ihnen Elija und mit ihm Moses und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.

Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte.

Da kam eine Wolke und überschattete sie und es erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemanden mehr bei sich außer Jesus.

Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander was das sei: von den Toten auferstehen. “  (Mk 9,2-10)

Der Evangelist Markus schildert diese Szene als einen Höhepunkt (im wahrsten Sinne des Wortes, da auf dem Berg!) seines Evangeliums. Diese Verklärung wirft viele Fragen auf – eine  wesentliche ist: wozu dient Religion? Zur Verunsicherung und Eröffnung neuer Perspektiven oder als Rückzugsort, als Heimat in unübersichtlichen Zeiten? Der Dichter und Theologe Christian Lehnert formuliert: „Religion kann man von zwei Seiten her verstehen, als stabilisierendes oder verunsicherndes Treiben.“ (C. Lehnert, Der Gott in einer Nuß, Berlin 2017, S. 126).

Für Markus ist sie eindeutig letzteres: die wirkliche Begegnung mit Jesus verstört, Petrus weiß nicht, was er sagen soll – er ist ganz benommen. Und auf dem Weg zurück beschäftigt die drei Jünger die Frage, was Auferstehung sein soll.

Religion ist also kein sanftes Ruhekissen, keine behagliche Heimat, keine Hütte. Sie verunsichert, zeigt neue Perspektiven auf und reißt aus gewohnten Gleisen und festgefügten Weltbildern.

Daher ist Religion, die nur bewahren will, nicht im Sinne Jesu, wie ihn Markus schildert.

Glaube und Religion wollen den neuen Blick einüben, Veränderung und damit wahres Leben ermöglichen.

Die Texte der Bibel ermutigen dazu in vielfacher Weise – lassen wir uns anregen!

Pascal Schmitt, Freiburg