Eure Gerechtigkeit

Darum sage ich euch:
Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist
 als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer,
werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
(Mt 5,20)

„Du hast keinen Krankenwagen gerufen?“, fragt Rana. Zusammen mit ihrem Mann Emad versucht sie verzweifelt, den erbarmungswürdigen alten Mann wiederzubeleben, der offensichtlich einen Herzanfall erlitten hat. Er erholt sich wieder, ehe er im Beisein seiner herbeigerufenen Familie einen zweiten Anfall erleidet, dessen Ausgang man als Zuschauer nur erahnen kann.

Scham und Ehre

Der iranische Film The Salesman oder Forushande, wie er auf Persisch heißt, berührt, eingebettet in ein zurückhaltend abgründiges Beziehungsdrama, die Frage nach Recht und Erbarmen in einer erbarmungslosen Welt, in der sich das Recht archaischen Vorstellungen von Scham und Ehre beugen muß, auch im Milieu eines „großstädtischen Bildungskleinbürgertums“, das „hilflos zwischen Anpassung und Selbstbewußtsein schwankt“, wie in einer Filmkritik der FAZ zu lesen war.
Rana und Emad müssen Hals über Kopf aus ihrer Wohnung flüchten, weil das Haus, ausgelöst durch Bauarbeiten auf dem Nachbargrundstück, einzustürzen droht. Ein Freund aus der Theatergruppe, in der sie beide spielen, bietet ihnen eine gerade erst frei gewordene Wohnung an. Um die Vormieterin gibt es Gerüchte. Sie habe Männerbesuche gehabt, heißt es. Einer dieser Besuche, so wird sich später herausstellen, hat vom Umzug der Frau nichts mitbekommen und läutet an der Tür. Rana, die Emad erwartet, drückt den Türöffner, läßt die Wohnungstür einen Spalt weit offen stehen und begibt sich unter die Dusche.
Als Emad nach Hause kommt, sieht er eine Blutlache im Bad und erfährt, daß Rana im Krankenhaus liegt. Sie wird an einer Kopfwunde genäht. Nie wird man erfahren, was genau sich in dem Moment ereignet hat, als der unbekannte Besucher die Frau entdeckt, die er nicht erwartet hat und Ranas Schrei die Nachbarn auf den Plan ruft. Rana kann sich ihrerseits nicht an den Moment erinnern, der sich wie eine große Unbekannte zwischen sie und Emad drängen und ihre Beziehung verändern wird.

Schuld und Sühne

Da Rana nicht zur Polizei gehen will, macht Emad sich selbst auf die Suche nach dem Täter. Es gelingt ihm, den Mann ausfindig zu machen, der sich als biederer, herzkranker Familienvater in fortgeschrittenem Alter erweist und von den Seinen auf anrührende Weise geliebt wird. Von seinen Besuchen bei Ranas und Emads Vormieterin ahnen sie nichts.
Der liberale, joviale Gymnasiallehrer Emad ist inzwischen zum Rächer geworden, an dem das geradezu kindische Flehen des alten Mannes abprallt. Er hat eine Strafe ersonnen, die das Leben nicht nur des alten Mannes, sondern auch seiner Angehörigen zerstören wird. Der Mann soll sich seiner Familie offenbaren. Rana hingegen sieht die Strafe mit der Angst des Mannes und seiner abgründigen Verzweiflung abgegolten und will ihn ziehen lassen. Während sie über die Schande hinauswächst, die ihr angetan wurde, versinkt Emad im Kampf um seine Ehre.

Gerechtigkeit und Erbarmen

Dabei bleiben Schuld und Sühne, die beiden Momente am Anfang und am Endes des Films, verhüllt. Niemand, der Besucher und die Besucherin des Films ebensowenig wie die Protagonistin selbst, erfährt, was geschah, ehe die Nachbarn Rana ohnmächtig auf dem Badezimmerboden finden. Und ob der Täter, der keine Gewalt im Sinn hatte, seine Lebenslüge mit ins Grab nehmen wird, bleibt gleichermaßen offen. Beide Momente plädieren mit ihrer Unzugänglichkeit für Gnade. Denn niemand, weder die Protagonisten noch der „allwissende“ Erzähler und erst recht nicht die unbeteiligten Zuschauer des Films, kennt die Wahrheit. Solange aber der Rest eines Zweifels besteht, gilt der bereits im römischen Recht verankerte Grundsatz In dubio pro reo, „im Zweifel für den Angeklagten“. Das ist ein Minimum menschlicher Gerechtigkeit. Wenn aber eure Gerechtigkeit nicht weiter reicht, so verstehe ich Jesu Wort in der Bergpredigt heute, habt ihr Gott noch nicht kennengelernt (vgl. Mt 5,20). Wie weit darf Gerechtigkeit gehen? Zweifellos braucht es ein Gericht, um die Opfer von Gewalt und Vergewaltigung zu rehabilitieren, doch wie kann das geschehen?
In der „Katholischen Welt“ des Radiosenders Bayern2 ist heute von der Barmherzigkeit als einer einer „universellen Tugend“ die Rede. Die Barmherzigkeit, heißt es da, sei über die Grenzen der Kirche hinaus bedeutsam und verbinde die Christen mit dem Judentum, wo sie eine der wichtigsten Eigenschaften Gottes darstelle, während im Islam einer der wichtigsten Namen Gottes der „Allbarmherzige“ sei. Auch Muslime glauben, „daß niemand dieser Barmherzigkeit Grenzen setzen könne und ihre Tore immer offen stehen.“ Rana und Imad sind Muslime. Sie ringen, nicht anders als die meisten Christen, um Menschlichkeit in einer Welt voller Abgründe. Bei Gott hat diese Menschlichkeit einen Namen: Erbarmen. Vermutlich wäre darin die „größere Gerechtigkeit“ zu suchen.

Die Autorin betreibt auch drei eigene Blogs: Bibelpastoral Passau, Fernkurs Passau und zeit.geschichten

Der Stern am Boden

In zwei Kirchen habe ich im vergangen Jahr Sterne im Muster des Fußbodens entdeckt.
Eine wahrhaft ungewohnte Perspektive: Sterne am Boden?
Inzwischen denke ich: Ja! Sterne am Boden braucht es genauso wie Sterne am Himmel.
Sie sind nötig für die Menschen, die grade mehr nach unten schauen als nach oben, warum auch immer. Für sie leuchten sie auf. Vielleicht trägt sie ihr Glanz, wenn der Gang beschwerlich geworden ist und macht ihn etwas leichter. Vielleicht kommen sie ins Staunen, wenn sie so unvermutet einen Stern unter ihren Füßen sehen, dort, wo man ihn doch am wenigsten erwartet. Vielleicht wagen sie ganz vorsichtig wieder den Blick zum Himmel, ob dort nicht doch ein Stern zu finden ist, der sie ihrer Wege führen kann.

 „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen …“ heißt es im Evangelium.

Warum wollen Magier aus dem Osten einem neugeborenen König der Juden huldigen? Warum machen sie sich auf die Reise und folgen einem Stern am Himmel? Sie gehören einer anderen Religion und einem anderen Volk an; sie leben in einem fremden Land und sind offensichtlich wohlhabend. Es gab schon damals unzählige Gründe, zuhause zu bleiben und vielleicht weiter die Sterne am Himmel zu beobachten, ohne den Boden zu verlassen. Die Gefahren, die unterwegs oder im fremden Land lauern oder die Frage, wie sie das Kind finden wollen? Die Magier sind trotzdem aufgebrochen und in die Ferne los gezogen. Sie haben sich auf das Himmelszeichen verlassen und darüber hinaus auf das, was sie daraus lesen und deuten konnten. Sie sind dem Himmelslicht treu geblieben und haben auf ihrem Weg viele Grenzen überwunden.
Mich lädt dieser Vers zum Nachdenken ein: schau ich zum Himmel hoch oder ist mein Blick vor allem auf die Erde gerichtet? Ausgerichtet auf den Alltag, begrenzt von Vernunft, Gewohnheit und Sicherheit? Offenbar entgrenzt das Kind in der Krippe unsere Enge. Es führt in die Ferne, in das Fremde und Unbekannte, heraus aus dem, was uns bequem werden ließ. Was bringt uns wirklich in Bewegung? Wann überlegen wir nicht nur, sondern fangen an zu handeln? Welche Zeichen der Zeit deuten wir im Licht des Evangeliums? Wir bauen heute eher Grenzen auf, anstatt sie zu überwinden. Wir wehren fremde Menschen ab statt auf sie zuzugehen. Wir merken nicht, dass wir vor allem auf den Boden schauen und der grenzenlose Himmel bedeutungslos geworden ist. Vielleicht sind die Magier gerade deshalb aufgebrochen, weil sie die Enge, den auf den Boden gerichteten Blick nicht mehr aushielten. Und vielleicht erzählt uns der Evangelist genau deshalb diese Geschichte, damit wir wieder den Himmel im Blick haben und den leuchtenden Stern sehen, der uns Grenzen überwinden lässt.
„Als sie den Stern sahen, wurden sie von großer Freude erfüllt.“
Warum? – Kennen Sie das Gefühl, wenn man bemerkt, dass das eigentliche Ziel verloren ging? Dass man am falschen Ort gelandet ist, wo nichts zusammen passt? Und wie gut es ist, wenn man dann merkt, dass man wieder auf den ursprünglichen Weg zurück gefunden hat? Die Magier haben sich noch einmal finden lassen vom Stern auf ihrer Suche nach dem, zu dem sie wollten.
Mich lädt dieser Vers zum Nachdenken ein, wonach ich suche. Breche ich nach einem Misserfolg noch einmal auf und suche weiter? Die Magier werden doppelt beschenkt: sie suchten einen König und finden Gott in der Gestalt eines Kindes und an einem Ort, der ganz und gar nicht den Vorstellungen entspricht. Aber dorthin hat sie der Stern geführt, das Himmelslicht zum Licht der Welt, dem Stern, der auf der Erde leuchtet.

Barbara Janz-Spaeth, Diözese Rottenburg-Stuttgart

(tlw entnommen einem Predigtvorschlag der Autorin zu Epiphanie 2017)

Endlich da: Die neue Einheitsübersetzung!

Am 20. September 2016 stellte die Deutsche Bischofskonferenz nach zehnjähriger Arbeit die überarbeitete Einheitsübersetzung der Öffentlichkeit vor. Mit großer Deutlichkeit benannte der Vorsitzende des Leitungsgremiums Bischof em. Dr. Joachim Wanke dabei das grundlegende Problem jeder Revision: „Viel Vertrautes bleibt, und einiges wird uns ungewohnt vorkommen – eine wunderbare Chance, dass wir wieder genauer hinhören und Gottes Wort neu an uns heranlassen.“

Zu Geschichte und Stil der Einheitsübersetzung

Die Einheitsübersetzung ist die katholische Übersetzung für alle Bereiche kirchlichen Lebens (Liturgie, Katechese, Verkündigung, private Lektüre etc.) im gesamten deutschsprachigen Raum. Herausgeber sind deshalb die Bischofskonferenzen von Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie die Erzbischöfe von Luxemburg, Vaduz, Straßburg, Bozen-Brixen und Lüttich. Von daher hat sie den Namen „Einheits“-übersetzung erhalten.

Den Anfangsimpuls zu diesem Projekt gab 1960 das Katholische Bibelwerk e.V. mit einer sogenannten „Denkschrift“, die mit Blick auf die Bibellektüre der Gläubigen an die Bischöfe den Wunsch nach einer einheitlichen deutschen Übersetzung richtete. Dieses Anliegen stieß auf offene Ohren, noch bevor das II. Vatikanische Konzil den Weg zu einer biblischen und muttersprachlichen Erneuerung von Seelsorge und Liturgie öffnete und in der Offenbarungskonstitution Dei Verbum auch die Übersetzung aus den Urtexten zum Prinzip machte.

Die Einheitsübersetzung ist in großem Maß ein „Kind“ der innerkirchlichen Erneuerungen vor dem und rund um das Konzil. Das wird an verschiedenen Aspekten deutlich: Die Einheitsübersetzung bietet eine Übersetzung aus den Urtexten in ein gehobenes Gegenwartsdeutsch, weder zu feierlich, noch zu alltagssprachlich. Neben Bibelwissenschaftler/innen hatten auch Sprachwissenschaftler/innen und Schriftsteller/innen an den Texten gearbeitet. Von diesem hohen Niveau sollten auch bei der Revision keine Abstriche gemacht werden.

Nach über 20 Jahren mehrten sich aber die Stimmen, die v.a. eine neue Annäherung an die aktuelle Gegenwartssprache sowie die Korrektur von Übersetzungen forderten, deren Textgrundlage oder theologische Interpretation sich verändert hatte. Nach intensiver Vorklärung startete das Gremium der Revisor/innen 2006 mit dem klaren Auftrag seine Arbeit, keine neue Übersetzung, sondern eine moderate Revision zu erstellen. Die Intensität der Veränderungen ist je nach Buch verschieden stark ausgeprägt.

Einige Akzente der Übersetzung

Ein Novum ist in der neuen Einheitsübersetzung die deutlichere Nähe zum biblischen Text. Dies wird z.B. bei biblischen Wendungen wie „siehe“, „es geschah“, „er erhob die Augen und sah“ sichtbar und hörbar, die in der Fassung von 1980 als nicht sinngebend gestrichen worden waren. Heute versteht man genau diese „Floskeln“ als Signale für Leser/innen und Hörer/innen, sich dem Wort der Schrift zu öffnen.

Ebenso ist der biblische Sprachgebrauch bei Metaphern und Vergleichen oft wörtlicher beibehalten: Die „Hand“ bleibt eine „Hand“ und wird bei metaphorischer Redeweise nicht mehr aufgelöst zu „Macht“, „Gewalt“ oder „Herrschaft“, und der „Bund“ wird „aufgerichtet“ und nicht mehr „geschlossen“.

Nach 20 Jahren wurde jetzt der Text auch an den aktuellen Sprachgebrauch angepasst, so dass z.B. das Modewort „betroffen“ sein, nun dem biblischen „Staunen“ oder „Erschrecken“ Raum gibt, „Leute“ wieder zum „Volk“ werden und Maria und Elisabet „schwanger werden“ anstatt zu „empfangen“. Auch sprachliche Hinzufügungen wurden zurückgenommen, nun beginnt 1 Kor 15,36 knapp mit: „Du Tor! ..:“ und nicht mehr als ganzer (aber hinzugefügter Satz): „Was für eine törichte Frage!…“

Offensichtliche Fehler in der Übersetzung wurden ebenfalls korrigiert, so dass der Blindgeborene in Joh 9 nun nicht „wieder“ sieht, sondern eben erstmals „sehen kann“ und David „rötlich“ und nicht etwa „blond“ ist.

Analog zu anderen deutschsprachigen Übersetzungen wie z.B. der Lutherbibel umschreibt die neue Einheitsübersetzung den nicht auszusprechenden Gottesnamen mit „HERR“ (in Kapitälchen) und macht ihn so eindeutig erkennbar. Das geschah v.a. aus Respekt gegenüber der jüdischen Praxis, den Gottesnamen JHWH nicht auszusprechen. Gesprochen wird ein Ersatzwort wie „adonaj/mein Herr (in einer Form, die aber nur Gott allein vorbehalten ist) oder „ha-Schem/der Name“ u.a.

Im Hebräischen Text stehen nur die Konsonanten des Gottesnamen JHWH, die dazugeschriebenen Vokale stammen vom jeweiligen Ersatzwort. Es ist ein unersetzbarer Teil religiöser Erziehung, das zu wissen.

Bisher gab es in der Einheitsübersetzung an etwa 150 Belegstellen die Variante „Jahwe“ oder einfach die Anrede „Herr“, die aber den Namen im Grunde unsichtbar machte. Die jetzt sichtbare Erkennbarkeit des Eigennamens ist ein echter Gewinn. Gleichzeitig ist „Herr“ egal in welcher Schreibweise, zwar eine gebräuchliche und durch Luther, Zürcher Bibel, u.a. deutschsprachige Übersetzungen eingeführte, zudem mit dem neutestamentlichen „kyrios/Herr“ gut identifizierbare Umschreibung, sie zementiert aber dennoch eine patriarchale Redeweise von Gott. Und das gerade an den Orten, an denen der Eigenname Gottes eine Beziehungsbeschreibung sein könnte und keine „Herrschaftsaussage“. In jedem Halleluja verwenden wir ja auch die Kurzform des JHWH-Namens: Hallelu-JA. Vielleicht wäre das auch eine spannende Idee gewesen: „JA (JHWH), hat mich zu euch gesandt.“ (Ex 3,14). Oder eine Form wie im Hebräischen zu entwickeln: Geschrieben: JHWH, gesprochen GOTT und gedruckt als JHWHGOTT. Beim Hören des Textes z.B. in der Liturgie sind Kapitälchen ebenso nicht wahrnehmbar.

Eine Überraschung wird für viele die Einführung von inklusiver Sprache sein, wenn eine Gruppe aus Männern und Frauen besteht, wie z.B. in der Anrede an die Gemeinde als „Brüder und Schwestern“ in den Paulusbriefen oder die Bezeichnung „Kinder“ statt „Söhne“. Diese Entscheidung bedeutet aber nicht, dass aus „Mann“ immer „Mensch“ wird und so lautet Ps 1,1 weiterhin: Selig, der Mann …“ („Selig“ allerdings ersetzt das sprachlich schwache „wohl“.)

Vollständig überarbeitet wurden auch die Einleitungen zu den biblischen Büchern, die Überschriften über Sinnzusammenhänge, der Anmerkungsapparat, sowie die Anhänge insgesamt.

Schließlich muss erwähnt werden, dass einige „Antisemitismen“ getilgt wurden, die nicht als historische Zeugnisse des antiken Konfliktes zwischen der sich entwickelnden christlichen Gemeinschaft im Gegenüber zum bleibenden Judentum im Neuen Testament stehen, sondern als „Eintragungen“ in den Text zu werten sind.

Dazu gehören manche Überschriften (vgl. Joh 12,37 ) oder die Streichung der Hinzufügung in Röm 11,28, die jüdische Menschen als „Feinde Gottes“ bezeichnete, sowie das äußerst sensiblere Verb „übergeben“ statt „verraten“ für die Handlung des Judas.

Besondere pastorale Chancen

Die Überarbeitung der Psalmen wird vermutlich die größten Emotionen auslösen, weil man mit diesen Texten oft persönlich sehr intensiv in langer Gebetspraxis verbunden ist. Es braucht vielleicht etwas Anstrengung, um sich z.B. an die Neufassung von Psalm 23 zu gewöhnen. Gleichzeitig steckt genau darin die Chance jeder neuen Übersetzung: Es werden Akzente sichtbar, die vorher verdeckt waren, man hört nochmal genauer hin, man wird sich seiner eigenen Bilder und manchmal auch Vorlieben bewusst.

Psalm 23

1Ein Psalm Davids./Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.2Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. 3Meine Lebenskraft bringt er zurück./ Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit,/ getreu seinem Namen. 4Auch wenn ich gehe im finsteren Tal,/ ich fürchte kein Unheil;/ denn du bist bei mir,/ dein Stock und dein Stab, sie trösten mich. 5Du deckst mir den Tisch/ vor den Augen meiner Feinde./ Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt,/ übervoll ist mein Becher. 6Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang/ und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Im katholischen Gotteslob bleiben die Psalmen in der Fassung von 1980 zunächst erhalten, so dass hier im liturgischen Gebrauch Zeit zur langsamen Annäherung geschenkt ist. Überhaupt hat man v.a. auch die Tagzeitengebete des Magnifikat, Benediktus und Nunc Dimittis nicht verändert. Die liturgischen Bücher werden Schritt für Schritt veröffentlicht.

Eine von heute aus gesehen eigenartige „Hebraisierung“ des Titels „Christus“ zu „Messias“ wurde zugunsten des griechischen Begriffs gestrichen. Hier wird es sicher Klärungsbedarf geben, spätestens wenn die ersten Texte ohne „Messias“ liturgische Verwendung finden.

Die „Brüder und Schwestern“ in den Paulusbriefen werden viele freuen, aber vielleicht auch Gegner finden. Ebenso wird es wohl der textkritischen Richtigstellung der von Paulus gegrüßten Apostelin namens Junia (Röm 16,7) ergehen.

Persönlich habe ich bisher am intensivsten von ersten Leser/innen Rückmeldungen zur Umschreibung des Gottesnamens in Ex 3,14 erhalten. Hier wurde aus dem „Ich-bin-da“ das sprachlich sicher korrektere „Ich-bin“. „Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin, der ich bin. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt.“ 

Für viele wird gerade diese Veränderung als ein schmerzlicher Verlust des vertrauten „Ich-bin-da“ sein. Das wird in der Katechese neu zu füllen sein und bestimmt jeder Bibelgruppe Anlass zu einem anregenden Gespräch geben.

Dr. Katrin Brockmöller, geschäftsführende Direktorin Katholisches Bibelwerk e.V.

Der Nächste bitte!

Diesen Satz kennen wir nur allzu gut aus der Arztpraxis. Man ärgert sich, wenn der Nächste ein anderer ist, und wartet darauf, selbst der Nächste und damit endlich an der Reihe zu sein. Der Nächste bin ich am liebsten selbst.

Der Nächste bitte! – Unter dieser Überschrift fand sich vor einiger Zeit ein Zeitungsbericht zu einer Episode des Personenkarussells, das sich immer wieder  in Wirtschaft und Politik dreht. Hier ist der Nächste – je nach Sichtweise – der Hoffnungsträger oder eine Bedrohung für seinen Vorgänger, den er ablöst. Oder er ist der, auf den man voll Neid schaut, weil man selbst so gerne die Stelle bekommen hätte, die jener jetzt einnimmt.

In solches Denken platzt die so oft zitierte Nächstenliebe als Zentrum eines biblisch-christlichen Ethos ziemlich störend hinein. Keineswegs aber erst heute! Das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 25-37), in dem Jesus angesichts eines Raubopfers zwei tatenlos Vorbeigehende einem hilfreichen Mann aus der damals feindlich beäugten jüdischen Gruppe der Samariter gegenüberstellt, steht ja nicht im luftleeren Raum. Es antwortet auf die von Jesus erinnerte Forderung der Tora nach Nächstenliebe und die damit provozierte Frage: „Wer ist denn mein Nächster?“ Ein cleverer Schachzug, diese Frage eines Mannes, der von Jesus die Einlassbedingungen für’s ewige Leben wissen will. Wenn schon eine solch schwierige Forderung wie die der Nächstenliebe, dann bitte eine konkrete Liste! Sie böte zwei Vorteile: Man könnte sie abhaken wie die einzelnen Therapieeinheiten in einer Kur zum Nachweis bei der Krankenkasse. Und wer auf der Liste nicht erscheint – den brauche ich auch nicht zu lieben.

Leider tut Jesus den Gefallen nicht. Besser: Gott sei Dank tut er es nicht. Stattdessen erzählt er ein Gleichnis, das komplexer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Klar: Die Räuber haben den Niedergeschlagenen nicht geliebt. Und doch könnte man schon hier fragen: Was war ihr Motiv? Von menschenverachtender Geldgier bis zur existentiellen Not, der bislang niemand abhelfen wollte oder konnte, ist alles denkbar – ebenso wie berechtigte oder unberechtigte Rache. Von daher könnte man schon an dieser Stelle ein erstes Mal fragen: Was hindert Täter an der Nächstenliebe? Was hindert daran, in irgendeiner Weise einmal nicht zuzuschlagen? Und wird das Opfer fortan ein in der Liebe „Behinderter“ sein? Misstrauen und Menschenangst  lassen ihn vielleicht überall nur noch „Räuber“ vermuten.

Zwei Männer, fertig mit ihrem Dienst am Tempel, gehen mit abgewandtem Gesicht am Daliegenden vorbei. „Bei aller Liebe!“ – nach dem Wochendienst heißt es jetzt auf schnellstem Weg heim zu den Lieben. Kein Risiko! Keine Verunreinigung durch Blutkontakt, die aufwändige Reinigungsriten nach sich ziehen würde. Außerdem sieht „der da“ nicht so aus, als sei noch etwas zu machen. Toragebot der Nächstenliebe hin, Toragebot der Nächstenliebe her – hier gilt das Gebot der Stunde: heimwärts! Die Nächstenliebe hat – frei nach Kohelet 3 – „ihre Zeit und Stunde“, also: Jetzt nicht!

Der besagte Samariter sieht das offensichtlich anders. Er sieht – und hilft. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Das äußere Bild der Not dringt in sein Inneres – biblisch ist der Ort der Barmherzigkeit der Leben schenkende Mutterschoß (hebräisch) oder die Eingeweide (griechisch). Mitgebrachtes Öl und Wein – wohl eher für Zuhause gedacht – wird zu Desinfektionszwecken eingesetzt, das Reittier als Transportmittel zur Verfügung gestellt und eine wohl kaum vorgesehene Nachtwache im Wirtshaus eingeschoben. Mehr ist nicht drin an Eigenleistung. So wechselt auch noch Geld den Besitzer zur weiteren Versorgung durch den Gastwirt mit versprochener Nachzahlung, wenn die Summe nicht ausreichen sollte. Wird der Wirt wirklich helfen, oder – im Sinne eines reinen Materialisten – das Geld ohne Leistung einstreichen?

Viele Möglichkeiten, sich im Gleichnis fragend zu verorten; es wie einen Raum zu betreten mit vielen „Andockstationen“, um möglicherweise diesen Raum am Ende anders zu verlassen, als man ihn betrat.

Die Überraschung kommt zum Schluss. Man könnte ja mittlerweile vor lauter Erzählen vergessen haben, dass Jesus eigentlich auf eine Frage antworten wollte: „Wer ist mein Nächster?“ Das wollte der Fragesteller wissen. Jetzt antwortet Jesus mit einer Gegenfrage: „Wer ist dem Opfer zum Nächsten geworden?“ Auf das Gleichnis bezogen ist die Antwort simpel: Natürlich der Samariter! Aber es geht gar nicht um den Samariter, sondern immer um mich – die bzw. jeweils Lesende(n). Damit bin ich wieder am Anfang der Ausführungen. Ich bin nicht nur am liebsten immer der Nächste. Der Nächste zu sein wäre auch tatsächlich im Sinne dessen, was Jesus und die Heilige Schrift einfordern.

Der Nächste bin tatsächlich immer ich selbst, aber nicht als vom Arzt hereingebetener Patient, sondern als barmherziger Helfer, der im anderen keine Bedrohung, keinen Störer, Auszunutzenden oder Lästigen, sondern einen Menschen sieht, der meine Zuwendung braucht.

Der Nächste bitte! Der Satz lautete besser: „Sei du der Nächste! Bitte!“

Dr. Gunther Fleischer, Köln

Der 126. Psalm zum „Tag der deutschen Einheit“

„Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. …“

Ich gestehe es gerne, wann immer ich den 126. Psalm bete, höre, lese oder singe – er berührt mich zutiefst. Eigentlich ist es ja ein uralter Text – mehr als 2.500 Jahre alt. Aber beim Lesen wird doch sofort deutlich, wie aktuell die Worte dieses Psalm auch heute noch immer sind. Viele Christen verbinden gerade diesen Text auch mit den Geschehnissen der Wende, die doch Grundlage für den Tag der deutschen Einheit ist. Die Menschen, die sich 1989/1990 in den Kirchen versammelten, waren beinahe sprachlos über das, was da geschehen ist und fanden ihre Gedanken in diesem Jubellied des Volkes Israel wunderbar ausgedrückt – „ja, Großes hat der Herr an uns getan.“ Mit diesen Worten konnten sie beten, ihren Dank, ihre Freude ausdrücken. Auch heute, 27 Jahre später, können wir uns diesem Ruf anschließen. Großes, oder gerne auch Großartiges ist an uns geschehen. Es gibt nicht viele andere Länder, die – entgegen aller populistischer Unkenrufe – so sehr im Wohlstand leben, wie wir. Redefreiheit, Religionsfreiheit, Reisefreiheit und so weiter – all das sind Geschenke, die wir in vollen Zügen genießen, auch wenn wir sie manchmal gar nicht mehr richtig würdigen.

Aber, natürlich, nicht alles ist „Friede, Freude, Eierkuchen“. Natürlich gibt es Probleme und Schwierigkeiten. Ein sächsischer, katholischer Pfarrer hat das – genau diesem Psalm folgend – schon 1997 wie folgt formuliert: „Inzwischen sind wir aus dem Traum erwacht. Es gibt unberechtigte Wünsche nach ägyptischen Fleischtöpfen ebenso wie die Sehnsucht nach immer neuen süßen Trauben, da die versprochenen nicht ganz so süß waren.“ Allzu oft ist aus dem Freudentaumel der ersten Tage auch eine Gier nach immer mehr geworden. Eine Gier, die wir leider auch in unseren Tagen immer wieder erleben müssen. Wo Menschen, die aus den Töpfen des Sozialstaates im reichen Maß schöpfen können, nicht bereit sind zu teilen, sondern sich lieber alte Hassparolen zu eigen machen. Auch darum weiß der Psalm, wenn er spricht „wende doch Herr unser Geschick.“ Der Weg zur vollen Freiheit der Menschen, der Weg zur vollen Einheit ist noch lang und sicher auch nicht einfach. Aber im Vertrauen auf den, der immer hilft – egal, ob wir ihn erkennen oder nicht – im Vertrauen auf IHN ist dieser Weg geh bar. Es ist unsere Aufgabe als Christen, als Politiker, als Seelsorger, als Menschen, denen die Menschen am Herzen liegen mitzuhelfen, dass wahre Einheit, wahre Freiheit gelingen kann; damit Populisten jedweder Coleur keine Chance mehr haben in unserem Land, sondern damit Menschlichkeit es ist, was wirklich zählt.

In Zeiten wie unseren, wo Land auf – Land ab vom drohenden Untergang gesprochen wird, ist es unsere Aufgabe – konfessions- und parteiübergreifend – zu zeigen, wie gut es uns trotz allem, oder sogar vielleicht wegen allem doch geht. Dieser Weg ist sicher der schwierigere, Gott aber wird uns nicht verlassen, sondern uns dabei schenken, was uns noch fehlt; so wie der Psalmbeter es schon vor 2.500 Jahren erkannt hat: „Sie gehen hin unter Tränen und bringen den Samen zur Aussaat, sie kommen wieder mit Jubel und bringen ihre Garben ein.“

Gott segne alle Bemühungen um Einheit, Freiheit und Menschlichkeit.

 

Daniel Pomm, Bistum Erfurt

Aus meiner Predigt im ökumenischen Gottesdienst am 3.10.2016

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Reich Gottes in Mbyo?

dsc_2808-1024x684Dorfidylle in Ruanda: Ein paar Bänke stehen im Schatten der Eukalyptusbäume, wir werden herzlich von der Dorfgemeinschaft empfangen. Aber das, was Mathias Sendegeya dann erzählt, ist alles andere als idyllisch: „Ich habe sechs Menschen getötet“, berichtet der Ruander mit fast schon brutaler Offenheit von seiner Verstrickung in den Völkermord von 1994. Damals kamen binnen 100 Tagen zwischen 800.000 und einer Million Ruanderinnen und Ruander auf brutalste Art und Weise ums Leben, ermordeten Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 75 Prozent der Tutsi-Minderheit. Und das in einem Land, das mit einem Bevölkerungsanteil von beinahe 70 Prozent Katholiken als das katholischste in ganz Afrika galt.

Von Angesicht zu Angesicht mit einem Mörder

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einem Mann gegenüber sitze, der mehrere Menschen ermordet hat. Und der davon im Kreise der Überlebenden und Angehörigen seiner Opfer spricht. Gemeinsam mit Kollegen der Nürnberger katholischen Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus und Mitgliedern von CECUP e.V., unserem Förderverein für Friedens- und Bildungsarbeit in Afrika, bin ich zum zweiten Mal in Ruanda unterwegs. Neben der Unterstützung unseres Ausbildungsprojektes für alleinerziehende Mütter in Butare wollen wir auf unserer Reise durch das ostafrikanische „Land der 1000 Hügel“ mehr über den Genozid, seine Vorgeschichte und seine Folgen erfahren. Und wir wollen dies mit unseren Erfahrungen und Ansätzen aus der Bildungsarbeit in Nürnberg zusammen bringen – der Stadt der Reichsparteitage und Nürnberger Prozesse ebenso wie der Menschenrechte und des Friedens.

An diesem sonnigen Julitag sind wir nach Mbyo gereist, einem kleinen Ort im Osten Ruandas, der auch als Versöhnungsdorf bekannt ist. Hier soll funktionieren, was aus deutscher Sicht beinahe unvorstellbar erscheint: Die Täter des Genozids und die Angehörigen ihrer Opfer leben wieder zusammen, Tür an Tür, ohne, dass es zu Racheakten und Feindseligkeiten kommt.

„Wir teilen alles“, sagt tatsächlich die neben Sendegeya sitzende Jeannette Mukabyagaju. Sie war 13 Jahre alt und verlor ihre Eltern, ihren Bruder und ihre Schwester durch den Genozid; nur drei Verwandte kamen mit dem Leben davon. Sie selbst konnte sich nur retten, weil sie sich zwei Monate lang auf einer Toilette vor den im Blutrausch mordenden Nachbarn versteckte. Rache an Tätern wie Sendegeya? Daran denkt sie trotz der traumatisierenden Erfahrungen nicht.

Es ist eine bewegende Geschichte, die Jeanette erzählt. Aber auch die des Täters Sendegeya berührt uns tief. „Der Pastor des Dorfes war mein Freund“, erzählt er von der Zeit vor dem Genozid, „er schenkte mir eine Kuh.“ Und dennoch brachte der heute 56-Jährige sechs Menschen aus der Familie des Geistlichen um. Auch 22 Jahre nach der Tat lässt das schlechte Gewissen Sendegeya nicht in Ruhe: Während er seine Geschichte erzählt, kneten seine Finger immer wieder ineinander, sein Blick ist immer wieder starr in die Ferne gerichtet.

Denn mit den Morden ist seine Erzählung noch nicht zu Ende: Er wird nach dem Genozid zu einer neunjährigen Haftstrafe verurteilt, und der Pfarrer, der ihn im Gefängnis besucht, um mit ihm über seine Taten zu sprechen, ist ausgerechnet jener Pastor, dessen Familie Sendegeya umgebracht hat. „Ich habe es ihm dann gestanden und ihn um Vergebung gebeten“, erzählt Sendegeya weiter. Leider erfahren wir nicht, wie der Pastor reagiert hat, doch er scheint trotz seiner grausamen Familiengeschichte die treibende Kraft für die Versöhnung des Dorfes gewesen zu sein.

2003, neun Jahre nach dem Genozid, gibt es in Ruanda eine Generalamnestie für viele Täter, die auch Sendegeya die Freiheit zurückbringt. Drei Monate lang wird er auf die Rückkehr in sein Dorf vorbereitet, dann steht er eines Tages wieder dort, wo seine Opfer lebten. „Ich hatte furchtbare Angst vor Rache und schämte mich sehr“, erinnert sich Sendegeya an diese Zeit.

Er ist nicht der einzige, der sich Sorgen macht. Auch Jeannette Mukabyagaju hat Angst, dass mit der Rückkehr der Täter von einst das Morden wieder beginnt. „Am Anfang konnten wir nicht miteinander sprechen, uns nicht einmal gegenüber sitzen“, erinnert sie sich. Was in dieser Situation half, waren nicht Worte, sondern Taten: Täter und Opfer brennen zusammen Ziegel, um die während des Genozids zerstörten Häuser wieder aufzubauen.

„In der Bibel steht, dass wir vergeben sollen“

Und, vermutlich noch wichtiger: Die Täter erzählen den Angehörigen, wo sie die Opfer 1994 verscharrt hatten. Neun Jahre hatten die Menschen gehofft, dass ihre Angehörigen vielleicht doch überlebt haben könnten. Jetzt gibt es Gewissheit – und die hilft, das Geschehene zu verarbeiten. „Das war ein wichtiges Signal, dass die Täter Reue zeigen“, berichtet Mukabyagaju. Und erinnert an das christliche Gebot zur Vergebung. „In der Bibel steht, dass wir vergeben sollen“, diesen Satz sagt sie mehrfach bei unserem Gespräch. Ruhig, fast tonlos, und doch mit Überzeugung.

Die Fähigkeit zur Vergebung scheint über die Jahre gewachsen zu sein. Denn heute arbeiten die Frauen im Dorf zusammen und bessern mit Korbwaren und Näharbeiten die Einkommen der Familien auf. Und die Männer sorgen für die Bestellung der Felder – die Unterscheidung in Hutu und Tutsi spielt nach den Worten unserer Gastgeber keine Rolle mehr. „Ich vertraue ihm meine Kinder an, und er mir seine“, erzählt Mukabyagaju und deutet dabei auf Sendegeya.

Der Besuch in Mbyo wirkt lange nach in unserer Gruppe, auch bei mir. Ist das wirklich „echte“ Versöhnung? Oder ist es nicht eher die – absolut nachvollziehbare – Verdrängung eines letztlich nicht vergess-und noch weniger vergebbaren Leids? Weil es eben keine andere Möglichkeit gibt, wenn man weiterleben will? Weil nur so überhaupt eine Chance auf eine wie auch immer geartete Zukunft besteht? Und weil sich in einem so kleinen Land wie Ruanda Täter und Opfer schon räumlich nicht aus dem Weg gehen können? Vergebung also als unvermeidliche Option, mit der sich die Hoffnung auf eine erträgliche Zukunft irgendwie am Leben erhalten lässt?

Die Begegnungen mit den Menschen des Versöhnungsdorfes irritieren und bewegen mich und alle anderen in unserer Gruppe. Kann das funktionieren? Oder machen sich die Menschen in Ruanda etwas vor? Je länger ich darüber nachdenke, desto nachdenklicher werde ich. Zunächst einmal: Was oder wer gibt mir das Recht, überhaupt so zu denken? Und dann: Sieh hin – es funktioniert doch ganz offensichtlich. Seit Jahren. Hier in Mbyo, aber nachweislich auch an unzähligen anderen Orten. Im ganzen Land leben Täter und Opfer zusammen, im gleichen Dorf, in derselben Straße, Haustür an Haustür.

„In der Bibel steht, dass wir vergeben sollen.“ Jeanettes Worte gehen mir nicht aus dem Sinn. Die 35-jährige Mutter dreier Kinder zitiert nicht das Gebot der Feindesliebe, das uns vielleicht als erstes in den Sinn kommen könnte. Schließlich würde sich niemand wundern, wenn die Täter, die ihren Opfern und deren Angehörigen so viel Leid zugefügt und das Leben so vieler zerstört haben, als Feinde betrachtet würden und es dauerhaft blieben.

Gerechtigkeit, Reue, Vergebung

Stattdessen: Vergeben. Dem „Nächsten“, also dem ehemaligen Nachbarn, Freund oder gar Angehörigen, der über mich, meine Familie oder meine Freunde so unsägliches Leid gebracht hat. Wie kann das gelingen? Vielleicht, so frage ich mich, ist eine solche Vergebung realistischer und mehr auf Zukunft ausgerichtet als eine auf den ersten Blick noch extremer erscheinende Feindesliebe. Weil Vergebung die und den anderen in den Blick nimmt und ihr und ihm einen Neuanfang ermöglicht. Weil sie ihr oder ihm die Chance gibt, vom mordenden Täter wieder zum Nachbarn und Nächsten auf Augenhöhe zu werden. Vergebung – mag sie aus purer Notwendigkeit, Verzweiflung, Resignation oder schlicht der Sehnsucht geschehen, endlich wieder an eine Zukunft glauben zu wollen – kann so zur Basis für Versöhnung und für eine gemeinsame Zukunft von Tätern und Opfern werden. Doch was sich auf dem Papier so erbaulich, beinahe kitschig lesen mag, ist in Wirklichkeit ein langer, steiniger Weg, das spüren wir bei unseren Gesprächen.

Und noch etwas wird deutlich: Dieser beispiellose Weg der Versöhnung könnte wohl nicht gegangen werden, wenn der Vergebung nicht Gerechtigkeit und sichtbare, tätige Reue der Täter vorangingen. „Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein“, so heißt es beim Propheten Jesaja (Jes 32,17). Die Verurteilung und Bestrafung der Mörder trägt ebenso zur Versöhnung und zum sozialen Frieden bei wie das offensichtlich ernsthafte Bemühen der Täter, sich der Begegnung und der Konfrontation mit den Opfern und deren Angehörigen auszusetzen und so der eigenen Verantwortung zu stellen.

Reich Gottes in Mbyo?

Am Ende unseres Besuches bleiben weit mehr Fragen als wir Antworten bekommen. Die Gedanken und Gefühle reichen von Verwunderung und Staunen über Respekt bis zu Fassungslosigkeit und tiefer Bewegung. Vielleicht ist ja das, was hier geschieht, ein kleines Stück vom Reich Gottes? Die subversive, alles auf den Kopf stellende, Menschen und Welt verändernde Kraft des Evangeliums auf – blitzt sie hier, in der Dorfgemeinschaft von Mybo, auf? Unscheinbar und zögernd, und doch mit unbestreitbarer Wirkung …

Zum Abschluss dieses unvergesslichen Besuches nehmen wir noch eine Bitte Jeanette Mukabyagajus mit nach Hause zurück: „Erzählt den Menschen in Deutschland, dass Versöhnung möglich ist.“

 

(Mit Dank an Siegfried Grillmeyer (Foto) sowie Armin Jelenik und Daniel Grillmeyer für die Unterstützung)

Nachverdichtung

In der Sommerferienzeit erinnern sich bibelaffine Menschen gerne an die Worte Jesu aus dem Markusevangelium: „Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.“ (Mk 6,30-32) Oft findet man das Zitat in Pfarrbriefen oder auf Internetseiten von Pfarrgemeinden als Anstoß zu einer Betrachtung über Ruhe und Erholung, die wir alle bräuchten, über Zeiten von Gottesbegegnung, zu denen die Ferien natürlich gehörten oder zu kritischen Bemerkungen zum Stress und Trubel der modernen Zeit.

Alles gut und recht – aber: nützt das was? Werden Menschen ruhiger, erholter – suchen sie Zeiten der Muße? Eher nicht. Das Leben wird schneller und dichter, kein Wort beschreibt diesen Zug der Zeit besser als das aus der Stadtplanung stammende Wort „Nachverdichtung“. Weil in vielen beliebten Städten kein bezahlbarer Wohnraum mehr zu finden ist, da Bauland fehlt und Ausdehnung in die Fläche geographisch nicht geht, wird „nachverdichtet“: Grünflächen verschwinden, Schrebergärten werden bebaut, Parks von Gründerzeitvillen und Gärten von Gartenstadthäusern parzelliert und überbaut. Orte der Ruhe und Frische (das Grün trägt ja zum besseren Stadtklima bei, v.a. in Zeiten des Klimawandels) gehen verloren. Was hier geschieht, ist Bild für das Leben vieler Menschen: in Beruf, Freizeit und Familie geschieht „Nachverdichtung“: der Termin passt auch noch rein, das schaffe ich, andere schaffen es auch… usw. Schon die Kinder haben durchgetaktete Terminpläne.

Ruhe würde hier nur ein radikaler Wechsel des Lebensstils bringen, ein Ausstieg aus der Logik des Wachstums, des Immer-mehr und Immer-weiter. Aber geht das überhaupt? Ist das nicht weltfremde Utopie?

Und wenn wir auf die biblische Geschichte schauen, so ist auch hier von „Nachverdichtung“ die Rede:

„Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.“ (Mk 6,33f.)

also: guter Wille, aber letztlich doch keine Ruhe – die Menschen kriegen mit, wohin Jesus und die Jünger gehen –  the show must go on.

Wenn wir in unsere Welt heute schauen, mehren sich die Zeichen, dass es so nicht weitergeht, dass Änderungen not tun. Der Klimawandel ist genauso Ergebnis eines verdichteten Lebensstils wie Flüchtlinge, die auf Grund unserer Wirtschaftsweise hier in ihren Heimatländern keine wirtschaftliche Perspektive mehr sehen. Wenn alle so „verdichtet“ lebten wie wir, wäre die Erde buchstäblich am Ende.

Die Zeit der Unterbrechung jetzt – Zeit, auch darüber nachzudenken. Und vielleicht die Enzyklika „Laudato si“ (http://w2.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html) von Papst Franziskus (wieder) lesen, der darin Mut macht zu einem anderen Lebensstil (und sogar die Nachverdichtung in den Städten anspricht – vgl. Abschnitt 44!).