Hören und lesen

Eine Story hören, die mit der eigenen Geschichte zu tun hat, ist ergreifend. Dramatisch schildert dies Nehemia (3. Jh. v. Chr.), der Esra bei einer Lesung der Weisung des Herrn die Menschen zum Weinen bringt (Neh 8,1-12). Dieses Vorlesen und damit Hören der Schrift ist das Urbild unseres Wortgottesdienstes.

Seit jener Zeit hat sich bis zum heutigen Tag in der Vermittlung des Textes im Gottesdienst kaum etwas verändert. Wir hören den mündlichen Vortrag der Schriftleserinnen und Schriftleser. Die Kunst des Hörens ist angesagt.

Zur Zeit des Esra waren eingeladen „Männer und Frauen und überhaupt alle, die schon mit Verstand zuhören konnten.“ Für unsere Tage schier unglaublich ist die Erwähnung, „vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra vor“. Die Vorlesekompetenz des Vortragenden wurde damit umschrieben, dass Esra als Priester und Schriftgelehrter (sofer) vorgestellt wurde. „Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigenes dafür errichtet hatte“, wohl damit man ihm besser zuhören konnte. Nicht unbedeutend ist auch die Bemerkung: „die Leviten, erklärten dem Volk die Weisung… sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten.“

Das Gehörte an diesem „heiligen Tag zur Ehre des Herrn“ wurde gefestigt mit der kulinarischen Aufforderung: „Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein!“ Bei solch singulär festlichen Aufwand dürfte tatsächlich etwas hängen geblieben sein.

Bekenntnis und Zeugnis der Vortragenden kann selbst bei mittelmäßiger Lesung auch heute noch Hörerin und Hörer in Bewegung, wenn auch nicht gleich zum Weinen bringen. Mnemotechnische Mittel wie z.B. Satzbau, Wortwiederholungen und Rhythmus, die bereits im Text vorgegeben sind, mögen das Merken erleichtern. Doch was bleibt haften, wenn wir Woche für Woche, 52mal im Jahr die Botschaft nur hören?

Menschen, die nur hören und nicht lesen können, haben ein ausgeprägtes Gedächtnis und eine besondere Aufmerksamkeit.

Seit der allgemeinen Schulpflicht (18./19.Jhd.) und der damit verbundenen Alphabetisierung können viele Menschen im deutschsprachigen Raum lesen. Mit dem Lesevermögen haben sie in zunehmender Weise aber auch Gedächtnis und die Aufmerksamkeit zum Zuhören verlernt.

Deshalb hören in der Folge die Menschen beim Wortgottesdienst heute schlechter zu, ihre Gedanken gehen während des Vortrags gerne spazieren. Weitere Gründe für den Hörverlust in der Moderne kommen hinzu. Beim Verlassen der Kirche haben Gottesdienstbesucher schon vergessen, was sie kaum gehört haben.

Wir können auch lesen

Eine Maßnahme gegen das Vergessen könnte ein Leseblatt der Schriftlesungen sein, wie es in vielen Ländern üblich ist. Gottesdienstbesucher nehmen die Schriftlesungen des Sonntags verschriftet mit nach Hause und können im Nachgang die Inhalte nochmals zurückholen, vergegenwärtigen, meditieren, betrachten, studieren und in der Folge anwenden.

Der Akt der Vermittlung des Wortes Gottes, zu dem der gelesene Text werden möchte, war und ist durchaus kompliziert. Vormals mündliche Inhalte (Erzähltexte) werden gehört, später verschriftet und dann als Hl. Schrift wieder vorgetragen und in neuem Kontext erneut gehört. Es sind inzwischen Hörtexte, die schwer verständlich werden. Nicht zuletzt weil sich der Lebenszusammenhang und das Hörvermögen der Menschen gewandelt hat. Selbst bei bestem Willen reicht das Hören nicht mehr aus, die Inhalte zu verstehen. Es braucht mehr Redundanz, um die Inhalte zurückzuholen, zu vergegenwärtigen und sie hin und her zu bewegen (Ruminatio).

Ein Weg der Redundanz kann das wieder und wieder Hören in der Sonntagsliturgie sein, deren Texte sich bekanntlich spätestens im vierten Jahre wiederholen. Über Jahrzehnte hin gehört mag dann am Ende doch etwas hängen bleiben.

Ein anderer Weg der Redundanz ist das Lesen. Leseblätter der Schriftlesungen für die ganze Sonntagsgemeinde oder am Ende gar eine Bibel könnten eindeutig Abhilfe schaffen.

Hörvermögen und Leseverstehen ergänzen und überlagern sich. Am Ende bleibt die Botschaft, die einen Weg zum „hörenden Herzen“ finden möchte.

Reinhold Then, Regensburg

(Der Autor versucht gerade Leseblätter zu den Schriftlesungen der Sonntage in der neuen Einheitsübersetzung im deutschsprachigen Raum einzuführen. Sie sind derzeit abrufbar unter dem virtuellen Lehrhaus der Bibelpastoralen Arbeitsstelle:  http://www.bpa-regensburg.de)

Sagt die Bibel den Propheten Muhammad voraus?

Sagt die Bibel den Propheten Muhammad voraus? Als ich diese Frage das erste Mal las, hielt ich sie für ziemlich daneben. Wer kommt denn auf so eine Idee? Jetzt, nachdem ich mich für die Redaktion eines „Bibel heute“-Heftes länger damit auseinandersetzen musste, finde ich die Frage gar nicht mehr so seltsam. Sie macht mich nämlich auf etwas aufmerksam, was wir Christen schon immer – und meist unreflektiert – tun:

Mit großer Selbstverständlichkeit lesen wir Texte der Hebräischen Bibel, die wir „Altes Testament“ nennen, auf Jesus Christus hin. Nach christlicher Überzeugung ist der Messias Jesus von Nazaret das Ziel der Heilsgeschichte, die mit der Schöpfung begann. „Mose und alle Propheten“ künden nach dem Lukasevangelium „in der gesamten Schrift über ihn“ (Lk 24,27). Dazu gehört auch, dass Jesus von Nazaret in christlicher Überzeugung der letzte der Propheten ist.

Aus der Sicht des Judentums sieht das alles natürlich ganz anders aus. Dort endet die Reihe der Propheten mit Maleachi, der für den Jüngsten Tag die Wiederkunft des Elija ankündigt (Mal 3,23f). Die christliche Interpretation, die in Johannes dem Täufer den wiedergekommenen Elija sieht (Mt 11,14), vermochte das Judentum nicht nachzuvollziehen.

Wir haben also drei Weltreligionen, die nacheinander je für sich die Abfolge der Propheten für abgeschlossen erklärt haben, aber mit großer Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass die vorangehenden Heiligen Schriften ihre Propheten vorausgesagt haben. Und es ist interessant, dass sich Muslime auf dieselben Stellen der Hebräischen Bibel beziehen wie auch die Christen, zum Beispiel auf Dtn 18,18: „Einen Propheten wie dich [Mose] will ich ihnen mitten unter ihren Brüdern erstehen lassen. Ich will ihm meine Worte in den Mund legen und er wird ihnen alles sagen, was ich ihm auftrage.“ Während Christen das als Hinweis auf Jesus von Nazaret verstehen, ist es für Muslime einer auf Muhammad.

Für mich wäre der gemeinsame Bezug auf die Heiligen Schriften der Juden, Christen und Muslime eine gute Grundlage, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Und vielleicht etwas von der eigenen Arroganz im Umgang mit den Glaubensgeschwistern abzulegen.

Dieter Bauer

Faktisch – Postfaktisch – Kontrafaktisch

Die Wise Guys mit ihrem Song >Jetzt ist Sommer< und die Erzählung von Petrus im Gefängnis in der Apostelgeschichte

Der Ausdruck >Postfaktisch< wurde im letzten Herbst zum Wort des Jahres 2016 gekürt. Der Begriff zielt auf unsere gefühlte Wahrheit, die für unser Leben von Bedeutung ist. Unsere Wirklichkeit, die immer vielschichtig und mehrdimensional ist, beinhaltet verschiedene Wahr­heiten, denn aus menschlicher Sicht existiert >die eine Wahrheit< nicht.

>Kontrafaktisch< zur Wirklichkeit singen die >Wise Guys> in ihrem Song von 2011 ihre eigene gewünschte Realität:

„Wenn nix draus wird wegen sieben Grad…“, dann schaffen wir uns trotzdem einen schönen Sommer. „Ich drücke einfach auf den kleinen grünen Knopf und die Sonne geht an in meinem Kopf: Sommer ist, was in deinem Kopf passiert, es ist Sommer, ab ins Gummiboot, der Winter hat ab sofort Hausverbot“.

Der Traum hier bei den >Wise Guys< von einer Kompetenz in uns selbst, die – auch wenn es >faktisch< alles andere als Sommer ist, bei uns diesen Sommer schafft!! Natürlich meint der Begriff >Sommer< in der Verwendung bei den Wise Guys auch ein viel weiteres Spektrum:

Ein Leben in Balance, mit sich selbst, mit den Menschen, die wichtig sind, die einen lieben, die man selbst liebt, der gute Kontakt zur Natur, zur Schöpfung bis hin zum Draht nach „oben“, zur Transzendenz, zu Gott.

Sommer ist, was im Kopf passiert

Aber auch das Gegenteil gibt es – die andere Realität. Dann ist >postfaktisch< kein Sommer, selbst wenn draußen 30 Grad angezeigt werden. Menschen finden keine Hoffnung, vielmehr herrscht Verzweiflung, Depression, Mutlosigkeit und für das Leben fehlt die Perspektive.
Was wäre das für ein Traum, wenn das möglich wäre:

„Ich drücke einfach auf den kleinen grünen Knopf und es ist Sommer“.

Im realen Leben wissen wir, dass wir hierfür mehr tun müssen. Gerade bei psychischen Krisen brauchen wir Geduld, denn so einfach legt sich der Schalter nicht um. Gespräche sind nötig, Therapien, Medizin. Und bei gesellschaftlichen Problemlagen braucht es das Bewusstsein, dass es in der politischen Diskussion nicht allein um Emotionen, sondern auch um Fakten geht. Auf jeden Fall aber ist zu wünschen, dass „der kleine grüne Knopf“ sich nicht zurückgeschaltet.

Werfen wir ein Blick auf die Erzählung von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis in der Apostelgeschichte, Kapitel 12,6-11 und suchen nach dem >Faktischen<, >Kontrafaktischen< und >Postfaktischen<.

In Jerusalem hatte König Herodes Petrus verhaften lassen und in einer Gefängniszelle eingesperrt. In der Übersetzung der >Volxbibel< heißt es dann:

6 Eine Nacht vor der Verhandlung schlief Petrus seelenruhig in seiner Knastzelle. Zwei Soldaten, an die er mit Ketten gefesselt war, lagen neben ihn, ein dritter hielt vor der Tür Wache. 7 Plötzlich kam ein Engel mitten in die Zelle!

Es war so derbe viel Licht da, als hätte jemand einen 1000 Watt – Halogen­strahler angemacht. Der Engel weckte Petrus auf und sagte zu ihm:  „Hey Petrus, schnell, steh auf!“In derselben Sekunde wurden die Handschellen aufgesprengt.

8 „Zieh deine Klamotten an, nimm deine Jacke, und dann mir nach“, sagte der Engel zu ihm.9 Petrus ging hinter ihm langsam aus der Zelle raus, aber es kam ihm die ganze Zeit so vor, als würde er träumen. 10 Sie gingen, ohne dass jemand was mitbekam, einfach durch die Wachleute durch, einer nach dem anderen, bis sie schließlich an ein schweres Eisentor kamen. Das öffnete sich von alleine, sie gingen durch und waren auf einer engen Straße. Und zack, war der Engel auch schon wieder verschwunden. 11 Jetzt schnallte Petrus erst, was da gerade abgegangen war. „Ich habe nicht geträumt! Gott hat tatsächlich einen Engel vorbeigeschickt, um mich hier rauszuholen! Herodes kann noch lange warten, bis ich hingerichtet werde!“

Diese Geschichte wurde von einem unbekannten Schriftsteller und Evan­gelienschreiber verfasst, nachträglich von den Kirchenvätern wird er LUKAS genannt, gut 60 Jahre nachdem Petrus in Jerusalem gewirkt hat, und 30 Jahre nach dem Märtyrertod des Petrus.

Und so müssen wir >postfaktisch< gesehen sagen: die Erzählung ist zu allererst im Kopf des Geschichtenschreibers Lukas passiert. Schriftsteller arbeiten so.

Aber Lukas fasst in dieser Geschichte Erfahrungen von Gefangenschaft und Befreiung in Worte und spricht sie dem Petrus zu. Und wer von den Hörern und auch von uns kann nicht erzählen, was es heißt – real und auch innerlich – eingesperrt und gefesselt zu sein oder sich wie in einem Gefängnis zu fühlen. Wer kennt nicht das Erleben von Freiheit, von Befreiung, vom Aufsprengen der Fesseln?

Die Nacht, die Ketten, das Gefängnis sind reale Bilder für Verlorenheit und Unfreiheit. Das Licht, der Engel, die Überwindung von Hindernissen, die offene Tür sind Zeichen einer göttlicher Rettung.

Und der Verfasser des Textes stellt mit seiner Erzählung anschaulich dar, dass Gottes Macht größer ist als >faktische< staatliche Gewalt.

Dahinter steht die Erfahrung der jungen Christinnen und Christen: GOTT steht auf der Seite der Jesus–Leute. Die Befreiung erscheint für Petrus wie ein Traum. Mit traumwandlerischer Sicherheit wird sie zur Wirklichkeit.

Die Wise Guys könnten singen: „Befreiung ist, was im Kopf passiert“.

Bei Petrus ist der Schalter umgelegt, die Freiheit „geht an in seinen Kopf“.

Was sich in der Erzählung in Bilder verdichtet, kann in jeder Befreiung erlebt und erfahren werden. Lukas legt es dem Petrus so in den Mund: „Was da gerade abgegangen ist, habe ich nicht geträumt! Gott hat tatsächlich einen Engel vorbeigeschickt, um mich hier rauszuholen! Herodes kann noch lange, lange warten“.

>Postfaktisches< Erleben, >kontrafaktisch< zur Wirklichkeit als Motivation zur Überwindung realer Hindernisse.

Das zeigt die Erzählung aus der Apostelgeschichte. Und sie wünscht uns einen Engel auf unserer Seite und es passiert in unseren Köpfen: Menschen werden aus ihren inneren und äußeren Gefängnissen befreit, Fesseln werden gesprengt und Menschen können in einem Gleichgewicht wieder gut leben.

Kontrafaktisch – Postfaktisch – Faktisch

Dies ist Botschaft des Textes.

Dr. Ulrich Kmiecik, Berlin

„Die Deinen bauen uralte Trümmerstätten wieder auf…“

Herbst 2015: Mit einigen Geflüchteten, die ich aus einer der Notunterkünfte kannte, besuchte ich die Würzburger Residenz. Einfach mal etwas Schönes von Würzburg sehen, dachte ich mir. Wir schlossen uns einer Führung durch die beeindruckenden Prachträume an und landeten schließlich in einem Raum, der die Zerstörung der Residenz im 2. Weltkrieg dokumentiert. Es gelang mir kaum, die jungen Leute, die alle aus Syrien kamen, zum Weitergehen zu bewegen. Intensiv betrachteten sie die Fotos der zerstörten Residenz und studierten die Dokumentation des Wiederaufbaus.

Schließlich fragte mich einer der jungen Leute: „Meinst Du, Burkhard, es wird in Aleppo auch mal so sein, dass wir die Stadt wieder aufbauen so wie in Würzburg?“ Ich habe in diesem Augenblick versucht, mit meiner Antwort Hoffnung auszustrahlen und gleichzeitig ist mir einmal mehr bewusst geworden, dass die alten Fotos, die ich von zerstörten deutschen Städten kenne, für die Menschen, die zu uns kommen, heute erlebte Wirklichkeit sind. Die Bilder der Ruinen machen sichtbar, wozu Menschen in jeder Richtung fähig sind: zu ungeheurer Zerstörung, aber auch zu Taten der Hoffnung trotz allem.

„Die Deinen bauen die uralten Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern aus der Zeit vergangener Generationen stellst du wieder her.“ (Jes 58,12)

So schreibt Jesaja im 58. Kapitel. In den Versen zuvor beschreibt der Autor einen Versöhnungs- und Heilungsweg. Nur auf diesem Weg gelingt die Heilung der zerstörten Stadt, die Versöhnung mit der Geschichte voller Verletzungen – nicht über Wehklagen und Fasten. Der Wiederaufbau der eigenen Trümmerorte und die Heilung alter Wunden führt über die ganze Aufmerksamkeit für diejenigen, die heute leiden unter Ungerechtigkeit, Krieg, Hunger und Unterdrückung.

Die alten Trümmer der Seele und die realen Trümmer der zerstörten Städte werden in dem Augenblick wieder zu einem Ort für das Leben, in dem sie den Blick lenken auf die leidenden Menschen heute.

Manchmal denke ich mir: Vielleicht sagen deshalb so viele Menschen, die vor Krieg und Zerstörung geflüchtet sind und in Würzburg gelandet sind, dass es ihnen hier so gut geht. Weil wir selber wie Verwundete sind in dieser Stadt, die im März 1945 zu 90 % zerstört wurde. Und weil wir damit einen besonderen Auftrag haben, uns den Verwundeten unserer Tage zuzuwenden.

Vielleicht ist eine verwundete Stadt der beste Fluchtort für Menschen, die heute aus zerstörten Städten mit verwundeten Seelen zu uns kommen.

Was für die Stadt gilt, in der ich lebe, lässt sich für so viele Orte in Deutschland sagen. Es sind Orte, die Geschichten der Zerstörung erzählen, aber auch Hoffnung machen, dass aus Trümmern ein neuer Anfang möglich ist.

Ist es vielleicht tatsächlich so, dass diese Städte gerade in diesen Tagen noch einmal neu aufgebaut werden und aus Trümmern erstehen, wo Menschen, die heute Opfer von Krieg und Gewalt sind, bei uns Aufnahme finden? Ist es vielleicht tatsächlich so, dass hier aus den Trümmern neu ersteht, weil Menschen mit ihren körperlichen und seelischen Wunden hier einen Ort finden, an dem sie wirklich gesehen werden mit ihren Leiden, mit ihrem Hunger nach Gerechtigkeit?

„Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche…?“ (Jes 58,6), höre ich die Stimme Gottes bei Jesaja weiter rufen, wenn gerade ihr euch einsetzt für Gerechtigkeit in der einen Welt. „Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche…“, wenn Menschen auf der Flucht gerade bei Euch in Deutschland Heimat und Heilung für Leib und Seele finden.

„…Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen.“ (Jes 58,8)

Eure Gerechtigkeit

Darum sage ich euch:
Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist
 als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer,
werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
(Mt 5,20)

„Du hast keinen Krankenwagen gerufen?“, fragt Rana. Zusammen mit ihrem Mann Emad versucht sie verzweifelt, den erbarmungswürdigen alten Mann wiederzubeleben, der offensichtlich einen Herzanfall erlitten hat. Er erholt sich wieder, ehe er im Beisein seiner herbeigerufenen Familie einen zweiten Anfall erleidet, dessen Ausgang man als Zuschauer nur erahnen kann.

Scham und Ehre

Der iranische Film The Salesman oder Forushande, wie er auf Persisch heißt, berührt, eingebettet in ein zurückhaltend abgründiges Beziehungsdrama, die Frage nach Recht und Erbarmen in einer erbarmungslosen Welt, in der sich das Recht archaischen Vorstellungen von Scham und Ehre beugen muß, auch im Milieu eines „großstädtischen Bildungskleinbürgertums“, das „hilflos zwischen Anpassung und Selbstbewußtsein schwankt“, wie in einer Filmkritik der FAZ zu lesen war.
Rana und Emad müssen Hals über Kopf aus ihrer Wohnung flüchten, weil das Haus, ausgelöst durch Bauarbeiten auf dem Nachbargrundstück, einzustürzen droht. Ein Freund aus der Theatergruppe, in der sie beide spielen, bietet ihnen eine gerade erst frei gewordene Wohnung an. Um die Vormieterin gibt es Gerüchte. Sie habe Männerbesuche gehabt, heißt es. Einer dieser Besuche, so wird sich später herausstellen, hat vom Umzug der Frau nichts mitbekommen und läutet an der Tür. Rana, die Emad erwartet, drückt den Türöffner, läßt die Wohnungstür einen Spalt weit offen stehen und begibt sich unter die Dusche.
Als Emad nach Hause kommt, sieht er eine Blutlache im Bad und erfährt, daß Rana im Krankenhaus liegt. Sie wird an einer Kopfwunde genäht. Nie wird man erfahren, was genau sich in dem Moment ereignet hat, als der unbekannte Besucher die Frau entdeckt, die er nicht erwartet hat und Ranas Schrei die Nachbarn auf den Plan ruft. Rana kann sich ihrerseits nicht an den Moment erinnern, der sich wie eine große Unbekannte zwischen sie und Emad drängen und ihre Beziehung verändern wird.

Schuld und Sühne

Da Rana nicht zur Polizei gehen will, macht Emad sich selbst auf die Suche nach dem Täter. Es gelingt ihm, den Mann ausfindig zu machen, der sich als biederer, herzkranker Familienvater in fortgeschrittenem Alter erweist und von den Seinen auf anrührende Weise geliebt wird. Von seinen Besuchen bei Ranas und Emads Vormieterin ahnen sie nichts.
Der liberale, joviale Gymnasiallehrer Emad ist inzwischen zum Rächer geworden, an dem das geradezu kindische Flehen des alten Mannes abprallt. Er hat eine Strafe ersonnen, die das Leben nicht nur des alten Mannes, sondern auch seiner Angehörigen zerstören wird. Der Mann soll sich seiner Familie offenbaren. Rana hingegen sieht die Strafe mit der Angst des Mannes und seiner abgründigen Verzweiflung abgegolten und will ihn ziehen lassen. Während sie über die Schande hinauswächst, die ihr angetan wurde, versinkt Emad im Kampf um seine Ehre.

Gerechtigkeit und Erbarmen

Dabei bleiben Schuld und Sühne, die beiden Momente am Anfang und am Endes des Films, verhüllt. Niemand, der Besucher und die Besucherin des Films ebensowenig wie die Protagonistin selbst, erfährt, was geschah, ehe die Nachbarn Rana ohnmächtig auf dem Badezimmerboden finden. Und ob der Täter, der keine Gewalt im Sinn hatte, seine Lebenslüge mit ins Grab nehmen wird, bleibt gleichermaßen offen. Beide Momente plädieren mit ihrer Unzugänglichkeit für Gnade. Denn niemand, weder die Protagonisten noch der „allwissende“ Erzähler und erst recht nicht die unbeteiligten Zuschauer des Films, kennt die Wahrheit. Solange aber der Rest eines Zweifels besteht, gilt der bereits im römischen Recht verankerte Grundsatz In dubio pro reo, „im Zweifel für den Angeklagten“. Das ist ein Minimum menschlicher Gerechtigkeit. Wenn aber eure Gerechtigkeit nicht weiter reicht, so verstehe ich Jesu Wort in der Bergpredigt heute, habt ihr Gott noch nicht kennengelernt (vgl. Mt 5,20). Wie weit darf Gerechtigkeit gehen? Zweifellos braucht es ein Gericht, um die Opfer von Gewalt und Vergewaltigung zu rehabilitieren, doch wie kann das geschehen?
In der „Katholischen Welt“ des Radiosenders Bayern2 ist heute von der Barmherzigkeit als einer einer „universellen Tugend“ die Rede. Die Barmherzigkeit, heißt es da, sei über die Grenzen der Kirche hinaus bedeutsam und verbinde die Christen mit dem Judentum, wo sie eine der wichtigsten Eigenschaften Gottes darstelle, während im Islam einer der wichtigsten Namen Gottes der „Allbarmherzige“ sei. Auch Muslime glauben, „daß niemand dieser Barmherzigkeit Grenzen setzen könne und ihre Tore immer offen stehen.“ Rana und Imad sind Muslime. Sie ringen, nicht anders als die meisten Christen, um Menschlichkeit in einer Welt voller Abgründe. Bei Gott hat diese Menschlichkeit einen Namen: Erbarmen. Vermutlich wäre darin die „größere Gerechtigkeit“ zu suchen.

Die Autorin betreibt auch drei eigene Blogs: Bibelpastoral Passau, Fernkurs Passau und zeit.geschichten

Der Stern am Boden

In zwei Kirchen habe ich im vergangen Jahr Sterne im Muster des Fußbodens entdeckt.
Eine wahrhaft ungewohnte Perspektive: Sterne am Boden?
Inzwischen denke ich: Ja! Sterne am Boden braucht es genauso wie Sterne am Himmel.
Sie sind nötig für die Menschen, die grade mehr nach unten schauen als nach oben, warum auch immer. Für sie leuchten sie auf. Vielleicht trägt sie ihr Glanz, wenn der Gang beschwerlich geworden ist und macht ihn etwas leichter. Vielleicht kommen sie ins Staunen, wenn sie so unvermutet einen Stern unter ihren Füßen sehen, dort, wo man ihn doch am wenigsten erwartet. Vielleicht wagen sie ganz vorsichtig wieder den Blick zum Himmel, ob dort nicht doch ein Stern zu finden ist, der sie ihrer Wege führen kann.

 „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen …“ heißt es im Evangelium.

Warum wollen Magier aus dem Osten einem neugeborenen König der Juden huldigen? Warum machen sie sich auf die Reise und folgen einem Stern am Himmel? Sie gehören einer anderen Religion und einem anderen Volk an; sie leben in einem fremden Land und sind offensichtlich wohlhabend. Es gab schon damals unzählige Gründe, zuhause zu bleiben und vielleicht weiter die Sterne am Himmel zu beobachten, ohne den Boden zu verlassen. Die Gefahren, die unterwegs oder im fremden Land lauern oder die Frage, wie sie das Kind finden wollen? Die Magier sind trotzdem aufgebrochen und in die Ferne los gezogen. Sie haben sich auf das Himmelszeichen verlassen und darüber hinaus auf das, was sie daraus lesen und deuten konnten. Sie sind dem Himmelslicht treu geblieben und haben auf ihrem Weg viele Grenzen überwunden.
Mich lädt dieser Vers zum Nachdenken ein: schau ich zum Himmel hoch oder ist mein Blick vor allem auf die Erde gerichtet? Ausgerichtet auf den Alltag, begrenzt von Vernunft, Gewohnheit und Sicherheit? Offenbar entgrenzt das Kind in der Krippe unsere Enge. Es führt in die Ferne, in das Fremde und Unbekannte, heraus aus dem, was uns bequem werden ließ. Was bringt uns wirklich in Bewegung? Wann überlegen wir nicht nur, sondern fangen an zu handeln? Welche Zeichen der Zeit deuten wir im Licht des Evangeliums? Wir bauen heute eher Grenzen auf, anstatt sie zu überwinden. Wir wehren fremde Menschen ab statt auf sie zuzugehen. Wir merken nicht, dass wir vor allem auf den Boden schauen und der grenzenlose Himmel bedeutungslos geworden ist. Vielleicht sind die Magier gerade deshalb aufgebrochen, weil sie die Enge, den auf den Boden gerichteten Blick nicht mehr aushielten. Und vielleicht erzählt uns der Evangelist genau deshalb diese Geschichte, damit wir wieder den Himmel im Blick haben und den leuchtenden Stern sehen, der uns Grenzen überwinden lässt.
„Als sie den Stern sahen, wurden sie von großer Freude erfüllt.“
Warum? – Kennen Sie das Gefühl, wenn man bemerkt, dass das eigentliche Ziel verloren ging? Dass man am falschen Ort gelandet ist, wo nichts zusammen passt? Und wie gut es ist, wenn man dann merkt, dass man wieder auf den ursprünglichen Weg zurück gefunden hat? Die Magier haben sich noch einmal finden lassen vom Stern auf ihrer Suche nach dem, zu dem sie wollten.
Mich lädt dieser Vers zum Nachdenken ein, wonach ich suche. Breche ich nach einem Misserfolg noch einmal auf und suche weiter? Die Magier werden doppelt beschenkt: sie suchten einen König und finden Gott in der Gestalt eines Kindes und an einem Ort, der ganz und gar nicht den Vorstellungen entspricht. Aber dorthin hat sie der Stern geführt, das Himmelslicht zum Licht der Welt, dem Stern, der auf der Erde leuchtet.

Barbara Janz-Spaeth, Diözese Rottenburg-Stuttgart

(tlw entnommen einem Predigtvorschlag der Autorin zu Epiphanie 2017)

Endlich da: Die neue Einheitsübersetzung!

Am 20. September 2016 stellte die Deutsche Bischofskonferenz nach zehnjähriger Arbeit die überarbeitete Einheitsübersetzung der Öffentlichkeit vor. Mit großer Deutlichkeit benannte der Vorsitzende des Leitungsgremiums Bischof em. Dr. Joachim Wanke dabei das grundlegende Problem jeder Revision: „Viel Vertrautes bleibt, und einiges wird uns ungewohnt vorkommen – eine wunderbare Chance, dass wir wieder genauer hinhören und Gottes Wort neu an uns heranlassen.“

Zu Geschichte und Stil der Einheitsübersetzung

Die Einheitsübersetzung ist die katholische Übersetzung für alle Bereiche kirchlichen Lebens (Liturgie, Katechese, Verkündigung, private Lektüre etc.) im gesamten deutschsprachigen Raum. Herausgeber sind deshalb die Bischofskonferenzen von Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie die Erzbischöfe von Luxemburg, Vaduz, Straßburg, Bozen-Brixen und Lüttich. Von daher hat sie den Namen „Einheits“-übersetzung erhalten.

Den Anfangsimpuls zu diesem Projekt gab 1960 das Katholische Bibelwerk e.V. mit einer sogenannten „Denkschrift“, die mit Blick auf die Bibellektüre der Gläubigen an die Bischöfe den Wunsch nach einer einheitlichen deutschen Übersetzung richtete. Dieses Anliegen stieß auf offene Ohren, noch bevor das II. Vatikanische Konzil den Weg zu einer biblischen und muttersprachlichen Erneuerung von Seelsorge und Liturgie öffnete und in der Offenbarungskonstitution Dei Verbum auch die Übersetzung aus den Urtexten zum Prinzip machte.

Die Einheitsübersetzung ist in großem Maß ein „Kind“ der innerkirchlichen Erneuerungen vor dem und rund um das Konzil. Das wird an verschiedenen Aspekten deutlich: Die Einheitsübersetzung bietet eine Übersetzung aus den Urtexten in ein gehobenes Gegenwartsdeutsch, weder zu feierlich, noch zu alltagssprachlich. Neben Bibelwissenschaftler/innen hatten auch Sprachwissenschaftler/innen und Schriftsteller/innen an den Texten gearbeitet. Von diesem hohen Niveau sollten auch bei der Revision keine Abstriche gemacht werden.

Nach über 20 Jahren mehrten sich aber die Stimmen, die v.a. eine neue Annäherung an die aktuelle Gegenwartssprache sowie die Korrektur von Übersetzungen forderten, deren Textgrundlage oder theologische Interpretation sich verändert hatte. Nach intensiver Vorklärung startete das Gremium der Revisor/innen 2006 mit dem klaren Auftrag seine Arbeit, keine neue Übersetzung, sondern eine moderate Revision zu erstellen. Die Intensität der Veränderungen ist je nach Buch verschieden stark ausgeprägt.

Einige Akzente der Übersetzung

Ein Novum ist in der neuen Einheitsübersetzung die deutlichere Nähe zum biblischen Text. Dies wird z.B. bei biblischen Wendungen wie „siehe“, „es geschah“, „er erhob die Augen und sah“ sichtbar und hörbar, die in der Fassung von 1980 als nicht sinngebend gestrichen worden waren. Heute versteht man genau diese „Floskeln“ als Signale für Leser/innen und Hörer/innen, sich dem Wort der Schrift zu öffnen.

Ebenso ist der biblische Sprachgebrauch bei Metaphern und Vergleichen oft wörtlicher beibehalten: Die „Hand“ bleibt eine „Hand“ und wird bei metaphorischer Redeweise nicht mehr aufgelöst zu „Macht“, „Gewalt“ oder „Herrschaft“, und der „Bund“ wird „aufgerichtet“ und nicht mehr „geschlossen“.

Nach 20 Jahren wurde jetzt der Text auch an den aktuellen Sprachgebrauch angepasst, so dass z.B. das Modewort „betroffen“ sein, nun dem biblischen „Staunen“ oder „Erschrecken“ Raum gibt, „Leute“ wieder zum „Volk“ werden und Maria und Elisabet „schwanger werden“ anstatt zu „empfangen“. Auch sprachliche Hinzufügungen wurden zurückgenommen, nun beginnt 1 Kor 15,36 knapp mit: „Du Tor! ..:“ und nicht mehr als ganzer (aber hinzugefügter Satz): „Was für eine törichte Frage!…“

Offensichtliche Fehler in der Übersetzung wurden ebenfalls korrigiert, so dass der Blindgeborene in Joh 9 nun nicht „wieder“ sieht, sondern eben erstmals „sehen kann“ und David „rötlich“ und nicht etwa „blond“ ist.

Analog zu anderen deutschsprachigen Übersetzungen wie z.B. der Lutherbibel umschreibt die neue Einheitsübersetzung den nicht auszusprechenden Gottesnamen mit „HERR“ (in Kapitälchen) und macht ihn so eindeutig erkennbar. Das geschah v.a. aus Respekt gegenüber der jüdischen Praxis, den Gottesnamen JHWH nicht auszusprechen. Gesprochen wird ein Ersatzwort wie „adonaj/mein Herr (in einer Form, die aber nur Gott allein vorbehalten ist) oder „ha-Schem/der Name“ u.a.

Im Hebräischen Text stehen nur die Konsonanten des Gottesnamen JHWH, die dazugeschriebenen Vokale stammen vom jeweiligen Ersatzwort. Es ist ein unersetzbarer Teil religiöser Erziehung, das zu wissen.

Bisher gab es in der Einheitsübersetzung an etwa 150 Belegstellen die Variante „Jahwe“ oder einfach die Anrede „Herr“, die aber den Namen im Grunde unsichtbar machte. Die jetzt sichtbare Erkennbarkeit des Eigennamens ist ein echter Gewinn. Gleichzeitig ist „Herr“ egal in welcher Schreibweise, zwar eine gebräuchliche und durch Luther, Zürcher Bibel, u.a. deutschsprachige Übersetzungen eingeführte, zudem mit dem neutestamentlichen „kyrios/Herr“ gut identifizierbare Umschreibung, sie zementiert aber dennoch eine patriarchale Redeweise von Gott. Und das gerade an den Orten, an denen der Eigenname Gottes eine Beziehungsbeschreibung sein könnte und keine „Herrschaftsaussage“. In jedem Halleluja verwenden wir ja auch die Kurzform des JHWH-Namens: Hallelu-JA. Vielleicht wäre das auch eine spannende Idee gewesen: „JA (JHWH), hat mich zu euch gesandt.“ (Ex 3,14). Oder eine Form wie im Hebräischen zu entwickeln: Geschrieben: JHWH, gesprochen GOTT und gedruckt als JHWHGOTT. Beim Hören des Textes z.B. in der Liturgie sind Kapitälchen ebenso nicht wahrnehmbar.

Eine Überraschung wird für viele die Einführung von inklusiver Sprache sein, wenn eine Gruppe aus Männern und Frauen besteht, wie z.B. in der Anrede an die Gemeinde als „Brüder und Schwestern“ in den Paulusbriefen oder die Bezeichnung „Kinder“ statt „Söhne“. Diese Entscheidung bedeutet aber nicht, dass aus „Mann“ immer „Mensch“ wird und so lautet Ps 1,1 weiterhin: Selig, der Mann …“ („Selig“ allerdings ersetzt das sprachlich schwache „wohl“.)

Vollständig überarbeitet wurden auch die Einleitungen zu den biblischen Büchern, die Überschriften über Sinnzusammenhänge, der Anmerkungsapparat, sowie die Anhänge insgesamt.

Schließlich muss erwähnt werden, dass einige „Antisemitismen“ getilgt wurden, die nicht als historische Zeugnisse des antiken Konfliktes zwischen der sich entwickelnden christlichen Gemeinschaft im Gegenüber zum bleibenden Judentum im Neuen Testament stehen, sondern als „Eintragungen“ in den Text zu werten sind.

Dazu gehören manche Überschriften (vgl. Joh 12,37 ) oder die Streichung der Hinzufügung in Röm 11,28, die jüdische Menschen als „Feinde Gottes“ bezeichnete, sowie das äußerst sensiblere Verb „übergeben“ statt „verraten“ für die Handlung des Judas.

Besondere pastorale Chancen

Die Überarbeitung der Psalmen wird vermutlich die größten Emotionen auslösen, weil man mit diesen Texten oft persönlich sehr intensiv in langer Gebetspraxis verbunden ist. Es braucht vielleicht etwas Anstrengung, um sich z.B. an die Neufassung von Psalm 23 zu gewöhnen. Gleichzeitig steckt genau darin die Chance jeder neuen Übersetzung: Es werden Akzente sichtbar, die vorher verdeckt waren, man hört nochmal genauer hin, man wird sich seiner eigenen Bilder und manchmal auch Vorlieben bewusst.

Psalm 23

1Ein Psalm Davids./Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.2Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. 3Meine Lebenskraft bringt er zurück./ Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit,/ getreu seinem Namen. 4Auch wenn ich gehe im finsteren Tal,/ ich fürchte kein Unheil;/ denn du bist bei mir,/ dein Stock und dein Stab, sie trösten mich. 5Du deckst mir den Tisch/ vor den Augen meiner Feinde./ Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt,/ übervoll ist mein Becher. 6Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang/ und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Im katholischen Gotteslob bleiben die Psalmen in der Fassung von 1980 zunächst erhalten, so dass hier im liturgischen Gebrauch Zeit zur langsamen Annäherung geschenkt ist. Überhaupt hat man v.a. auch die Tagzeitengebete des Magnifikat, Benediktus und Nunc Dimittis nicht verändert. Die liturgischen Bücher werden Schritt für Schritt veröffentlicht.

Eine von heute aus gesehen eigenartige „Hebraisierung“ des Titels „Christus“ zu „Messias“ wurde zugunsten des griechischen Begriffs gestrichen. Hier wird es sicher Klärungsbedarf geben, spätestens wenn die ersten Texte ohne „Messias“ liturgische Verwendung finden.

Die „Brüder und Schwestern“ in den Paulusbriefen werden viele freuen, aber vielleicht auch Gegner finden. Ebenso wird es wohl der textkritischen Richtigstellung der von Paulus gegrüßten Apostelin namens Junia (Röm 16,7) ergehen.

Persönlich habe ich bisher am intensivsten von ersten Leser/innen Rückmeldungen zur Umschreibung des Gottesnamens in Ex 3,14 erhalten. Hier wurde aus dem „Ich-bin-da“ das sprachlich sicher korrektere „Ich-bin“. „Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin, der ich bin. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt.“ 

Für viele wird gerade diese Veränderung als ein schmerzlicher Verlust des vertrauten „Ich-bin-da“ sein. Das wird in der Katechese neu zu füllen sein und bestimmt jeder Bibelgruppe Anlass zu einem anregenden Gespräch geben.

Dr. Katrin Brockmöller, geschäftsführende Direktorin Katholisches Bibelwerk e.V.