„Erhebt eure Häupter!“ (Lk 21,28)

„Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Befreiung ist nahe!“

Wäre nicht dieser letzte Satz, wir müssten über dem heutigen Text des Lukas (Lk 21,20-28), der „Evangelium“ zu sein beansprucht, schier verzweifeln. Was haben Krieg und Verwüstung mit der Frohbotschaft Jesu zu tun? Was haben Angst und Schrecken vor dem Weltende, dem kosmischen Super-GAU im Evangelium zu suchen?
Gewiss sind das alles keine Worte des historischen Jesus, sondern eine Komposition des Lukas, der vielleicht 20 Jahre nach der Katastrophe der Zerstörung Jerusalems durch die Römer seine markinische Vorlage neu schreibt. Nur hilft uns diese Einsicht nicht aus der Klemme. Der Text steht in der Heiligen Schrift und wird in der Liturgie als Wort Gottes verlesen. Was ist seine Botschaft hier und heute?
Das Kirchenjahr geht dem Ende zu, der Advent steht vor der Tür. So legt es sich nahe zu bedenken, was es mit dem Kommen des Menschensohns auf sich hat, der anderen Seite der kosmischen Erschütterung. Was bedeutet es für die Jüngerinnen und Jünger Jesu, um Jesu Kommen zu wissen und mit ihm rechnen zu dürfen? Bevor wir darauf zu antworten suchen, hören wir zunächst noch ein wenig vertieft in unseren Text hinein. Denn eines ist merkwürdig an ihm und bedarf unserer Aufmerksamkeit:

Warum schließt sich die Prophetie vom endzeitlichen Kommen des Menschensohns unmittelbar an die Ankündigung der Zerstörung Jerusalems an? Wie hängt beides zusammen? Liegt die Katastrophe von 70 n. Chr. für Lukas nicht schon mindestens zwei Jahrzehnte zurück? Und ist andererseits die Parusie für Lukas – im Unterschied etwa zu Paulus – nicht in zeitliche Ferne gerückt? Richtet sein Blick sich nicht in die Weite der Zukunft, in der es gilt, aller Welt das Evangelium zu verkündigen? Warum der traumatisierte Blick zurück auf die Zerstörung Jerusalems?
Fremd ist auch die Weise, wie Lukas von der Verwüstung Jerusalems durch die römischen Heere spricht. Kurz zuvor, in Kap. 19 heißt es:

„Als Jesus näherkam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: […] Es werden Tage über dich kommen, in denen deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen […]; sie werden dich und deine Kinder zerschmettern und keinen Stein in dir auf dem andern lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast“ (Lk 19,41-44).

Jesus weint über die Stadt, weil sie ihren Kairos verpasst und einem schrecklichen Schicksal entgegensieht.
Solche Rede ist nicht neu, wir kennen sie aus dem Alten Testament. Juda hat nicht auf seine Propheten gehört. Gott antwortet mit der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier. Für Lukas ist die Verwüstung der Stadt die kollektive „Vergeltung“ dafür, dass sie ihren Messias abgelehnt hat. Was für ein schwer verdauliches Gottesbild?! Aber achten wir auf das Ende des ersten Teils unseres Evangeliums, wo es heißt: „Mit scharfen Schwert wird man sie erschlagen, als Gefangene wird man sie zu allen Völkern schleppen und Jerusalem wird von den Völkern zertreten werden, bis die Zeiten der Völker sich erfüllen“. Was bedeutet die zeitliche Grenze: „bis die Zeiten der Völker sich erfüllen“? Haben Gefangenschaft und Deportation aus der Heimat einmal ein Ende? Gibt es Hoffnung für das Volk Gottes auf ein Ende allen Leidens?

Dieser Satz, der die Zukunft nur verhüllend andeutet, verrät das Geschichtsbild des Lukas: Zuerst muss das Evangelium unter den Völkern verkündet werden, dann kommt auch für Israel eine Zeit des Aufatmens. Wann und wie das geschehen wird, bleibt den Menschen verborgen. „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“, sagt Jesus seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt, als sie ihn fragen: „Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“ Gott ist der Herr der Geschichte, er bestimmt, wann „die Zeiten der Völker erfüllt“ sind, Jerusalem und Israel aufatmen können und der „Menschsohn“ kommt. Jetzt wird begreiflich, warum auf die Rede von der Gefangenschaft und Deportation der Juden in alle Welt unmittelbar die Prophetie vom Kommen des Menschensohns folgt. Lukas kann sich die Vollendung der Geschichte nicht ohne Israel vorstellen.
Gewiss ist das eine grandiose Vision, verwandt übrigens mit der des Paulus in Röm 9-11 – mit einer starken Prophetie am Ende. Aber die Geschichte der zurückliegenden zweitausend Jahre ist über diese Vision hinweggegangen. Dies zu erkennen, reicht aus unserer Perspektive ein Blick auf das letzte Jahrhundert mit Shoa und Gründung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina, des ersten seit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. Sind deshalb „die Zeiten der Völker erfüllt“ und kann Israel aufatmen? Offenbar nicht.
Auch das Ende der Welt, das Lukas in apokalyptischer Tradition erwartet, hat keine Motivationskraft mehr. Nicht, dass auch wir uns um die Zukunft unseres Globus sorgen, von tobenden Meeren wissen, die im Tsunami ganze Landstriche ins Verderben reißen, Katastrophen befürchten, weil menschliche Unvernunft das Klima unserer Erde verändert. Aber all das Schreckliche, was Menschen in Zukunft erleben dürften – Katastrophen und Kriege um die Ressourcen dieser Erde –, darf nicht mit dem von Lukas Gemeinten verwechselt werden. Er spricht nicht von dem, was Menschen verschulden, sondern von einem kosmischen Ende, das Gott in seiner Freiheit setzt. Er folgt frühjüdischen Vorstellungen vom baldigen Ende der Zeit, die heute kaum mehr vermittelbar sind. Die moderne Astrophysik ermöglicht uns Einblicke in „Zeit-Räume“ des Weltalls, in dem unser Sonnensystem nur ein Tropfen in einem unfassbaren Ganzen ist. Derartige Einsichten, die sich wissenschaftlich ständig weiterentwickeln, können nicht durch mythische Erwartungen eines baldigen Kommens des Herrn auf den Wolken außer Kraft gesetzt werden. Nicht zufällig sind diese in Sekten ausgewandert, wo sie zuweilen skurrile Formen annehmen, wenn man meint, das nahe Ende der Welt berechnen zu können.
Baruch Spinoza, der große jüdische Schriftgelehrte und Philosoph des 17. Jahrhunderts, erklärt in seinem Theologisch-politischen Traktat: Gott offenbart sich entsprechend dem Vorstellungsvermögen der Propheten, er offenbart sich gemäß ihren Anschauungen, er offenbart sich in ihrer Zeit, zu ihrer Stunde. Überholt die Geschichte ihre Prophetien, so bleibt doch deren Kern.
Wenden wir diesen einfachen wie überzeugenden Grundsatz auf unseren Text an, dann entbirgt er seine Frohbotschaft, die zwei Pole hat: Gott gibt niemanden auf – und: Er ist den Seinen nahe. Beides gehört innerlich zusammen.
Gott gibt niemanden auf, erst recht nicht sein Volk. Wir Christen haben allzu lange gedacht, mit der Ablehnung Jesu durch die Autoritäten Jerusalems und der Zerstörung ihrer Stadt sei die Geschichte des Gottesvolks zu Ende und die Kirche sei an seine Stelle getreten. Die Töne, die Lukas im heutigen Evangelium wie insgesamt in seinem Geschichtswerk vernehmen lässt, hatten keine Chance gehört zu werden. Christlicher Erhabenheitsdünkel ließ es nicht zu.
Wir Menschen neigen dazu, Anderslebenden und Andersdenkenden nicht den Respekt entgegen zu bringen, den sie verdienen, sie abzuschreiben, ihnen aus dem Weg zu gehen.

Dabei könnte Begegnung gerade Neues eröffnen. Ich frage mich, ob nicht gerade dies eine Weise ist, wie Gott uns in überraschender Weise immer wieder nahekommen will. Er kommt auf sehr unterschiedliche Weise.
Woran erkennen wir seine Nähe? Wie erfahren wir, dass Jesus zu uns kommt? Das heutige Evangelium gibt Antwort: Sein Kommen befreit die Seinen von ihrer Daseins-Angst: „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Befreiung ist nahe!“ Über die Völker aber heißt es: „Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen“.
Angst stellt sich ein, wenn der Mensch sich überfordert sieht und nicht mehr Herr der Lage ist, wenn die Wellen über ihm zusammenschlagen und die Zukunft unheimlich wird. Unheimlichkeit ist der Nährboden von Angst. Angst lähmt, kann aber auch wachrütteln und Kräfte freisetzen.
„Richtet euch auf und erhebt eure Häupter!“ Sich aufrichten, den Kopf nicht hängen lassen, erhobenen Hauptes und mit klaren Gedanken den Gefährdungen entgegentreten – das ist das Gegenteil von Depression und Angst, die den Menschen in sich zusammensinken lassen. „Erhebt eure Häupter!“ gilt für Lukas selbst angesichts des Todes. Zwar geht er mit dem Hauptstrom frühchristlichen Denkens von der Erwartung einer nicht allzu fernen Wiederkunft des Herrn aus. Aber er lässt Jesus am Kreuz auch dem bußfertigen Verbrecher erklären: „Noch heute wirst Du mit mir im Paradies sein“ (Lk°23,43). Wer glaubt, der kann trotz aller Bangigkeit und Angst sogar dem Sterben getrost entgegensehen. Für ihn bedeutet der Tod Begegnung mit seinem kommenden Herrn.
Das ist der Nerv unseres Textes: Glauben heißt Angst überwinden. Glauben setzt Kräfte frei – beim Einzelnen wie in der Gemeinschaft. In diesen Tagen ist viel von Ängsten in unserer Gesellschaft die Rede. Es gibt sie, sie werden aber auch mit politischer Absicht geschürt. Angst geht auch in unserer Kirche um, denn wir ahnen: ihre gegenwärtige Gestalt hält nicht mehr lange, und ihre neue kennen wir noch nicht. Abschied vom Alten ist immer ein Stück Sterben. Aus der Sicht des Glaubens freilich auch ein Schritt zur vertieften Begegnung mit dem Herrn. Er kommt uns entgegen und wir ihm. Sein Kommen ist unvorhersehbar, es geschieht in beglückenden Momenten, in Erfahrungen von Liebe, Freundschaft und Hilfe in Not, aber er ist uns auch nahe im Zweifel und der Suche nach Wahrheit. Ich erwarte meinen Herrn nicht auf den Wolken, sondern heute und morgen. Das macht neugierig, versetzt in eine Erwartungshaltung dem Anderen gegenüber und motiviert zum Aufbruch.
Kurz nach unserem Evangelientext heißt es in der eschatologischen Rede Jesu:

„Nehmt euch in acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht wie eine Falle; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen. Wachet und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt“ (Lk 21,34-36).

Glauben heißt nüchtern und wachsam sein. Nüchternheit wehrt geschürten Ängsten, Wachsamkeit immunisiert gegenüber Beschwichtigungen. Ein solcher nüchterner, wachsamer Glaube atmet und lebt durch das Gebet, im gemeinschaftlichen wie im persönlichen. Lasst uns also in der kommenden Adventszeit Wachsamkeit im Gebet einüben, um jederzeit vor den Herrn treten zu können, wenn er kommt: heute oder morgen, aber auch in der Stunde unseres Todes.
AMEN

 (c) Predigt von Prof. Dr. Michael Theobald am 28. November 2019 im Wilhelmsstift Tübingen

Das Tal der Tränen hinter sich lassen

Psalm 42-43 als heilsames Selbstgespräch

Manche Menschen führen Selbstgespräche, wenn sie etwas bewegt, ihnen keine Ruhe lässt und eine Lösung braucht. In der Bibel finden wir solche Gespräche mit dem eigenen Inneren in manchen Psalmen. Vor allem dann, wenn man sich in Not oder Bedrängnis weiß. In der Klage wehrt man sich gegen das, was einem das Leben schwer macht. Denn Herzensqual spüren Menschen, deren Leben den Erwartungen zuwiderläuft, denen Trauriges und Unglück widerfahren ist. Zum Heilungsprozess gehören in der Trauerarbeit das Zulassen der Gefühle, das Aussprechen des Leidvollen und das Gewinnen einer neuen Lebensperspektive. All das findet sich in Ps 42-43, einem Psalm in drei Teilen mit jeweils widerkehrendem Refrain. Erst in der griechischen Übersetzung des Psalms aus dem Hebräischen wurde der Psalm in zwei Psalmen geteilt, obwohl es einen Spannungsbogen im Ganzen gibt.

Nach Psalm 42-43 sitzt da eine betende Person traurig am Jordan im Hermongebirge, weit weg von Jerusalem. Im ersten Teil des Psalms schaut sie voll Wehmut zurück in die Vergangenheit, als sie schöne Feste am Tempel in Jerusalem mitfeierte, im zweiten Teil beklagt sie das Elend der Gegenwart, von starken Gefühlen überflutet , im dritten Teil hofft sie, dass in der Zukunft die Not überwunden wird. Am Anfang des Psalms steht als Bild für die betende Person das von der Hirschkuh, die nach Wasser lechzt. Es drückt hier Sehnsucht aus nach Nähe zu einem Gott, der scheinbar abhanden gekommen ist in harter Zeit und Not. Zumindest ist die Beziehung nicht mehr so lebendig, wie sie schon war.

Dazu wird auch noch vom Umfeld der Finger in diese Wunde gelegt, wenn darüber gespottet wird, wo denn nun dieser Gott sei. Siebenmal im Psalm wird gefragt: Warum ist es so? Eigentlich wird damit eher nach dem Wozu gefragt: Wohin soll das führen? Welchen Sinn soll dieses Leiden haben? Die Fragen richten sich an Gott und das eigene Innere zugleich. Denn Gott wohnt in der Seele. Gerade in der Trauer ist es wichtig, nicht zu versteinern im Schmerz, sondern sich zu bewegen. Im Weinen (V. 4) kommt das Verhärtete ins Fließen. Im (Selbst-) Gespräch entsteht zudem eine Bewegung durch das gute Zureden zum verzagten Ich. Die Seele wird in der Qual und Unruhe dreimal im Refrain angesprochen und zur Geduld ermutigt. Vorausgeschaut wird schon mitten im Traurig-sein auf eine kommende Zeit der Dankbarkeit über Gottes Hilfe in der Not. Beten mit so großem Vertrauen, als ob man das Erbetene schon empfangen hätte, das geschieht im Psalm hier, und das empfiehlt auch Jesus (Mk 11,24). Danken mitten in der Not? Das greift weit hinaus über das Bedrängende der Gegenwart und spannt eine Brücke über das Tal der Tränen zum festen, rettenden Ufer jenseits der Qual.

Dennoch werden in der Gegenwart auch die starken Gefühle und Tränen zugelassen, die überfluten wie Wassermassen. Halt gibt da Gott, der Fels. Das Festhalten an ihm verhindert, dass man untergeht im Verlassenheitsgefühl oder dem unterliegt, was einen angreift. Stärkende Gottesbilder wie die vom „Gott des Lebens“, dem „Retter“, „Tröster“, „Licht“, „ der Freude“ und „Treue“ sind Anker in der seelischen Not. Die Gottesbeziehung stabilisiert sich so nach und nach. Der innere Spannungsbogen führt mehr und mehr hin zu „meinem Gott“ (Ende des dreimaligen Refrains).

Aus-Wege aus der Not und Traurigkeit sind nach dem Psalm letztlich

  • sich an gute Zeiten erinnern, die es schon gab (hier sind es frohe Feste);
  • den Schmerz im Weinen und im Klagen ausfließen lassen;
  • im Gespräch bleiben mit dem Inneren: fragen, bitten, vertrauend ausschauen, ermutigen („harre“);
  • sich an positiven Bildern von Gott festhalten wie an einem Geländer.

Nach der jüdischen Überlieferung gibt es drei Wege, der Trauer Ausdruck zu geben und zugleich aus ihr herauszufinden: 1. Stufe: Der Mensch weint. 2. Stufe: Der Mensch schweigt. 3. Stufe: Der Mensch wandelt sein Leid in ein Lied. Das ist das Gebet des Ps 42-43: ein Lied, das hilft, das Tal der Tränen hinter sich zu lassen, das mitten in der Traurigkeit schon hineinreicht in den Dank nach überstandener Not. Es ist eine Einübung in Gottvertrauen und Sich-trösten-lassen, bis heute!

Anneliese Hecht

Geliebt

„Warum ist Gott Mensch geworden?“ So lautete eine spannende Frage in der mittelalterlichen Theologie.

„Warum ist Gott Mensch geworden?“, so habe ich auch bei einem Glaubensabend die Leute in der Pfarrei gefragt. Daraufhin kam selbstverständlich die Antwort: „Um uns am Kreuz durch seinen Tod von den Sünden zu erlösen.“

Das ist gewiss ein wichtiger Aspekt im großen Heilsgeschehen Gottes, aber er verkürzt das wunderbare Geheimnis der Liebe Gottes.

Duns Scotus, ein Vertreter der franziskanischen Theologie, antwortet auf diese Frage: „Gott ist Mensch geworden, weil er uns liebt.“ Gegenfrage: „Wäre Gott auch Mensch geworden, wenn der Mensch nicht gesündigt hätte?“ Antwort: „Selbstverständlich; denn Gott sucht in Seiner Liebe ein menschliches Du, dem ER sich schenken kann.“

Das Johannesevangelium bringt es auf den Punkt: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn dahingab…“ (Joh 3,16)

Wir können gar nicht tief genug ermessen, wie unbegreiflich und überbordend und vor allem vorbedingungslos die Liebe Gottes ist. Vielleicht könnte uns ein Gedicht von Bertolt Brecht (aus: Der gute Mensch von Sezuan) eine Ahnung davon vermitteln, wenn wir es als Zusage Gottes hören:

Ich will mit dem gehen, den ich liebe.
Ich will nicht ausrechnen, was es kostet.
Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist.
Ich will nicht wissen, ob er mich liebt.
Ich will mit ihm gehen, den ich liebe.

Wirklich, unfassbar. Deswegen meint der in einer Plattensiedlung in Leipzig lebende Kleine Bruder Andreas Knapp: „Wie zart muss mir gesagt werden, dass ich geliebt bin, damit ich es wirklich glauben kann.“

Katja Ebstein hatte zu ihrer Zeit gesungen: „Nur die Liebe lässt uns leben.“ Wie wahr!

Und Wilhelm Bruners:

Geliebt –
das notwendige Lichtwort
in der Dunkelkammer
stets bedrohten Lebens.

Im Kreuz Jesu wird die unendlich schenkende Liebe Gottes sichtbar. Sie wirbt um mich und meine Antwort.

H.-Konrad Harmansa, Leipzig – Diözesanleiter Kath. Bibelwerk e.V., Bistum Magdeburg

„Gebt ihr ihnen zu essen!“ oder: Die Hoffnung kommt zuerst

Markus 6,35-44 als (entwicklungs)politisches Programm

„Gebt ihr ihnen zu essen!“ Dieser Auftrag Jesu entstammt einer der bekanntesten Wundergeschichten der Bibel, der Erzählung von der so genannten Brotvermehrung (oder wunderbaren Speisung). Es ist die einzige neutestamentliche Wundergeschichte, die in allen vier Evangelien vorkommt, was ihre Bedeutung unterstreichen mag. Der Aufruf Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger findet sich dabei in allen drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas). Es lohnt sich, auf die vermutlich älteste schriftliche Fassung dieser Geschichte, also die des Markusevangeliums (Markus 6,35-44), einen genaueren Blick zu werfen. Denn was da auf den ersten Blick als wunderbare Erzählung eines übernatürlichen Geschehens daherkommt, ist bei näherem Hinsehen nichts anderes als ein Paradebeispiel für das Erkennen, Analysieren und Lösen eines Urdilemmas menschlicher Existenz. Sozusagen eine biblische Version des sozialethisch-politischen Dreischritts vom Sehen, Urteilen und Handeln.

Wieder einmal spät geworden bei Jesus …

Und er lehrte sie lange. Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät. Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Gehöfte und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können! (Mk 6,34b-36)

Es ist wieder einmal spät geworden bei Jesus. Nachhaltige Verkündigung benötigt offenbar Zeit und Ausdauer – für die, die verkünden, ebenso wie für die, die zuhören. Doch Vermittlung und Verkündigung sind das eine – menschliche Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken das andere. Wenig verwunderlich also, wenn die Jünger irgendwann unruhig werden. Unterweisung schön und gut, aber jetzt wo es Abend wird, stehen andere Dinge an: Wo gibt es für die vielen Leute etwas zu essen? Wo eine Unterkunft? Die besorgten Fragen und pragmatischen Lösungsvorschläge der Jünger sind mehr als angebracht und nachvollziehbar. Es bedarf nicht nur der theoretischen Glaubens- und Wissensvermittlung oder Vision; ebenso wichtig sind praktische Kompetenzen und Realitätssinn.

Gebt ihr ihnen zu essen! (Mk 6,37a)

Jesus geht auf diese Sorgen ein. Allerdings anders als erwartet: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Die Menschen müssen nicht woanders hin, um versorgt zu sein. Es ist alles hier, was nötig ist. Ihr selber habt alles, um diese Menschen satt zu machen. So lautet der Subtext seiner knappen Antwort.

Wir können doch nicht allen helfen!?

Sie sagten zu ihm: Sollen wir weggehen, für zweihundert Denare Brot kaufen und es ihnen zu essen geben? (Mk 6,37b)

Erneut ist die Reaktion der Jünger verständlich. Sie offenbart einen Konflikt, in dem wir uns oft wiederfinden. Jenes Urdilemma, das gerade jenen zu schaffen macht, die anderen helfen und Unterstützung geben wollen, die die Not anderer sehen und etwas dagegen tun wollen.

Die Antwort der Jünger ähnelt jenem – mal resignativ, mal trotzig, mal entschuldigend vorgebrachten – Satz, der gerade heute angesichts weltweiter Hunger-, Kriegs- und Flüchtlingskatastrophen in verschiedenen Variationen immer wieder zu hören ist: Auch wenn wir es wollten – wir schaffen das nicht! Wir können nicht allen helfen, wir können nicht alle aufnehmen. Wir können nicht alle satt machen! Dazu fehlen uns die Mittel und die Möglichkeiten, dazu sind wir zu wenige und haben zu wenig Einfluss … Angesichts aktueller Krisen und Katastrophen ist dieser Einwand heute genauso aktuell wie damals am See Genesaret: Kleinbäuerliche Landwirtschaft- was kann sie tatsächlich bewirken? Mikrokredite – wie nachhaltig verändern sie bestehende Strukturen? Seenotrettung – was bringt sie wirklich? Oder, noch konkreter, auf der persönlichen Ebene: Was kann ich als Einzelne/r mit meinem Verhalten schon dazu beitragen, dass sich wirklich etwas ändert? Wenn ich fair einkaufe, was hilft das den Armen in Afrika? Wenn ich auf das Auto verzichte, was ändert sich dann am Weltklima?

Markus, der Erzähler dieser Geschichte, kennt dieses menschliche Urdilemma offenbar nur zu genau. Interessant ist, welchen Lösungsansatz er Jesus anbieten lässt. Darin zeigt sich nicht nur der Menschenkenner – heute würde man sagen: der Psychologe.  Darin zeigt sich auch der Pädagoge und Motivator, der mit dem klaren Blick für das Machbare von der Welt, wie sie ist, ausgeht und daraus realistische Handlungsoptionen entwickelt. Insofern ist diese Geschichte auch ein Paradebeispiel für gelungenes Coaching und Empowerment.

Biblische Version des merkelschen „Wir schaffen das“

Er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote und außerdem zwei Fische. Dann befahl er ihnen, sie sollten sich in Mahlgemeinschaften im grünen Gras lagern. Und sie ließen sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig nieder. Darauf nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten. Auch die zwei Fische ließ er unter allen verteilen. (Mk 6,38-41)

Jesus geht nicht weiter auf den besorgten Einwand der Jünger ein, er ruft zum Handeln auf. Sein Impuls lautet: Fangt mit dem an, was da ist – und kümmert euch nicht um das, was nicht da ist oder noch fehlt. Der Mangel wird weder schöngeredet noch ignoriert, sondern nüchtern konstatiert: Ja, es sind wirklich lächerlich wenige Brote und Fische für die mehr als 5.000 Menschen. Aber dieser Mangel wird nicht zum Vorwand für Resignation oder Frust, sondern zur Motivation für Veränderung und Handeln. Die Frage lautet nicht: Was brauchen wir noch? Die Frage lautet: Was haben wir schon?

Wie so oft bei Markus leitet Jesu dazu an, die Perspektive zu wechseln: Weg vom Minus – hin zum Plus. Eine solche aktive Haltung angesichts eines offensichtlichen Mangels mag auf den ersten Blick erschreckend naiv oder provozierend realitätsfern erscheinen. Es ist ein Handeln wider besseres Wissen. Doch unter der Perspektive Jesu wird es zur Keimzelle der Veränderung. Die entscheidende Zutat dabei ist die Hoffnung, wie sie im Lobpreis Jesu an den Vater (Mk 6,41) sichtbar wird. Es ist Hoffnung in gut biblischem Sinn: Eine Haltung, die in der hoffnungsvollen Gewissheit wurzelt, dass eine andere Welt nicht nur möglich ist, sondern bereits begonnen hat. Eine solche Haltung bedeutet nicht naiv-resignative Vertröstung, sondern realistisch-handlungsorientierte Zuversicht. Sie motiviert dazu, aktiv zu werden – weil es begründete Zuversicht gibt, dass der Mangel des Anfangs sich am Ende in Fülle verwandeln lässt.

Und alle aßen und wurden satt. Und sie hoben Brocken auf, zwölf Körbe voll, und Reste von den Fischen. Es waren fünftausend Männer, die von den Broten gegessen hatten. (Mk 6,42-44)

Der Rest ist bekannt – es ist sozusagen der biblische Vorläufer des merkelschen „Wir schaffen das“. Alle aßen und wurden satt; ja, es bleibt sogar noch etwas übrig. Hoffnungshandeln beseitigt Mangel, Solidarität schenkt Fülle und erzeugt sogar noch Überschuss – so lautet das Fazit des Markus.

Solidarisches Handeln als paradoxes Handeln

Wer diese Wundergeschichte etwas genauer liest, erkennt auch zahlreiche Verbindungen zum Alten Testament: So erinnert das gruppenweise Lagern in 100 und 50 an die Wüstenwanderung Israels nach dem Auszug aus Ägypten (vgl. Exodus 18,25); das grüne Gras, in dem sich die Menschen niederlassen, lässt die grünen Auen des 23. Psalms aufscheinen, auf denen der Hirte seine Schafe lagern lässt. Und die Erzählung von der wundersamen Speisung als Ganze erscheint wie die Neuauflage einer Geschichte, die Jahrhunderte vorher vom Gottesmann Elischa berichtet wird (2 Könige 4,42-44). Damit wird klar: Was hier erzählt wird, steht in der langen Tradition der Geschichte Israels mit Gott und ruft in Erinnerung, was von Anfang an gilt: Solidarisches Handeln im Vertrauen auf bzw. vor Gott ist nicht selten ein scheinbar paradoxes Handeln – einerseits im realistischen Wissen, dass es eigentlich nicht reicht, andererseits mit der hoffnungsvollen Gewissheit, dass es am Ende mehr als reicht.

Und dann die Hoffnung dazu geben …

Die Wundergeschichte des Markus liefert ein anschauliches Beispiel dafür, dass kein Projekt zu klein, keine Idee zu abwegig und kein Tun zu sinnlos ist, wenn es darum geht, anderen zu helfen, Not zu lindern und Mangel zu beheben. Sie ist damit so etwas wie eine Magna Charta (entwicklungs)politischen Handelns der Kirche.

„Gebt ihr ihnen zu essen!“ Dieser Auftrag Jesu will wörtlich verstanden werden: Es geht darum, möglichst alle Menschen satt zu machen. Doch der Aufruf reicht über diese konkrete Verstehensebene hinaus: Es geht zugleich darum, angesichts schier unmöglich erscheinender Erfolgsaussichten dennoch mit dem (Wenigen) zu beginnen, was da ist. Und dann die Hoffnung dazu zu geben. Hoffnung nicht als verzweifelte Option, die zuletzt stirbt, wenn nichts mehr hilft. Sondern Hoffnung als Gewissheit, dass das Wenige nicht zu wenig, dass das Unbrauchbare nicht ungeeignet und dass das Unwahrscheinliche nicht irreal ist.

Die Hoffnung kommt zuerst!


Überarbeitete Fassung eines Beitrags aus : S. Grillmeyer / M. Kleiner (Hrsg.), Gebt ihr ihnen zu essen! Bedeutung und Potenzial kleinbäuerlicher Landwirtschaft (edition cph 8), Würzburg: Echter 2019. – Foto: Claudio Ettl

Leseratten aufgemerkt!

Aus der Musikliteratur kennen Sie die Aufforderung am Ende des Stücks: da capo al fine – nochmal von vorne bis zum Ende und wenn Sie am Ende angelangt sind, gilt die Aufforderung erneut: da capo al fine.

Wer seinen noch leseunkundigen Kindern oder Enkeln gerne vorliest, hört oftmals am Ende der Lektüre die Bitte: Lies nochmal (da capo al fine). Zumindest dann, wenn es eine gute Geschichte war. Ein Buch später zweimal oder gar öfter lesen, das kennen heute meist nur noch Jugendliche. Aus Lesern sind so Wiederholungsleser und Vielleser geworden.

Für Leseratten, die heute meist weiblichen Geschlechts sind, gibt es einen solchen Hinweis auch in einer biblischen Literatur. Ihnen kommt entgegen, dass die Aufforderung dort sogar an Frauen ergeht. Das wesentliche Mittel einer spannenden Geschichte ist, dass sie verrätselt. Da der Mensch keine offenen Rätsel verträgt, will er jedes Rätsel lösen, sonst ist er nicht glücklich.

Auch dieses literarische Moment hat der biblische Autor beachtet und es am Ende seiner Geschichte platziert. Darüber hinaus findet sich an vielen Stellen dieser Schrift ein Unverstehen, das ein Rätsel aufgibt.

Hinzukommt, dass der Autor ständig den geneigten Leser, die geneigte Leserin mit einbezieht. Regieanweisungen, wir nennen sie heute gerne auch redaktionelle Notizen, finden sich auf Schritt und Tritt in dieser Schrift.

Damit die einzelnen Erzählabschnitte gut im Gedächtnis haften bleiben, sind sie zudem chronologisch kurz und knapp geordnet. Auch wenn die Erzählzeit (Lesezeit) für diese Schrift nur ca. neunzig Minuten braucht, die erzählte Zeit umfasst ebenfalls nur neunundvierzig (7×7) Tage plus einen Tag.

Sie haben das Rätsel schon gelöst und wissen, welches biblische Buch gemeint ist?

Es ist das Markusevangelium.

Das Schlussrätsel, das der junge Mann mit weißem Gewand im Grab an die Frauen richtet, lautet dort: „Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es gesagt hat.“ Da capo al fine. Lies nochmal von vorne, lies nochmal, dann wirst du am Ende verstehen, worum es geht. Des Rätsels Lösung ist ganz einfach oder doch nicht?

„Da verließen sie (die Frauen) das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“

Ein eigenartiger Schluss oder etwa nicht?

Die kirchliche Redaktion hat das Rätsel auf ihre Weise aufgelöst und noch einen sekundären Markusschluss angehängt. Nun lautet der Schlusssatz im Evangelium: „Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die es begleiteten.“ Auch gut, wenn auch nicht so spannend.

Dass das ständige Wieder- und Wiederlesen nicht nur eine schöngeistige Privatlektüre in der stillen Wohnstube sein soll, wird in der Mitte des sekundären Markusschlusses ausgedrückt: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“

Zumindest vom Hl. Franziskus wissen wir, dass er das Evangelium sogar den Vögeln und Fischen erzählt hat.

Vieles von dem, was uns heute so fremd und neuartig vorkommt, war den Erstleserinnen und Erstlesern und mehr noch den leseunkundigen Ersthörerinnen und Ersthörern des Evangelisten noch bekannt. Heute müssen wir die Zusammenhänge und Absichten erst wieder enträtseln und die Regeln der Erzählkunst neu entdecken.

Eine spannende Lektüre dazu ist der Entdecker dieser Zusammenhänge und Erzählbögen:  Ludger Schenke, Das Markusevangelium. Pointen, Rätsel und Geheimnisse, Herder Verlag, Freiburg 2018.

Reinhold Then, Diözesanbeauftragter des Kath. Bibelwerks in der Diözese Regensburg

Junger Wein in alten Schläuchen

Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche. Sonst würde ja der junge Wein die Schläuche zerreißen; er läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar.
Sondern: Jungen Wein muss man in neue Schläuche füllen.
Und niemand, der alten Wein trinkt, will jungen; denn er sagt: Der alte ist bekömmlich.
Lukas 5,37-39

Alle drei synoptischen Evangelien kennen den Spruch vom jungen Wein, den man in neue Schläuche füllen soll. Eine sehr einsichtige Aufforderung ist das. Wer anders handelt, hat den Schaden sofort: Wein und Schläuche sind kaputt.

1. Der Wein läuft aus und damit der Ertrag der Ernte und der Vorrat für das kommende Jahr.

2. Gleichzeitig mit dem jungen Wein gehen auch noch die alten, leergetrunkenen, aber evtl. für andere Dinge noch gut zu verwendenden Schläuche kaputt.

In den Evangelien steht diese Antwort Jesu jeweils im literarischen Kontext von Diskussionen mit den Nachfolger/innen des Johannes sowie mit Mitgliedern der pharisäischen Gemeinschaft. Beide Gruppen befolgten strenge Fasttage. Jesus kontert ihre Anfrage, wieso seine Jünger nicht fasten, mit dem Verweis auf ein Hochzeitsfest. Solange der Bräutigam da ist, dauert das Fest. Essen und Trinken gehört selbstverständlich dazu. Fasten können seine Jünger dann später. Hier geht es um Grundsatzfragen, nicht um Kleinigkeiten.

Jesus rät in diesem kurzen Evangelium dazu, in Fragen der religiösen Praxis klug zu differenzieren: Was passt wann? Welches Verhalten, welche Entscheidungen sind angemessen für welchen Kontext? Die Botschaft des Gleichnisses lautet also: Die Regeln für religiöse Praxis jeder Art können immer nur aus einer guten Analyse der jeweiligen Gegenwart erschlossen werden. Was steht an? Wessen Nähe gilt es zu feiern? Was geht verloren, wenn wir das falsche Material verwenden? Es muss passen! Organisiert eure religiöse Praxis möglichst so, dass weder Material verschleudert wird noch Ressourcen bzw. Lebensmittel verloren gehen. Der junge Wein gehört in junge Schläuche.

Natürlich ist das jenseits der konkreten Bildwelt auch im übertragenen Sinn eine Einladung: Nehmt neues Material, wenn neue Gaben vorhanden sind. Lasst das mit den alten Schläuchen und Traditionen. Wenn ihr neue Vorräte anlegen wollt, dann müsst ihr auch bereit sein, in neues Material zu investieren. Gebt euer Geld für neue Schläuche aus!

In der aktuellen kirchlichen Situation, die geprägt ist vom Entsetzen über den vielfältigen Missbrauch von Macht und Körpern, vom wachsenden Unmut über die streng am Geschlecht orientierte Aufteilung pastoraler Aufgaben, sowie dem Verlassen der Kirche als institutionelle Gemeinschaft, liegen Deutungen für dieses Gleichnis Jesu sehr offen auf der Hand. Ist der neue Wein heute die neue Wahrnehmung und Wertschätzung der Würde und Gleichrangigkeit von Frauen, von ihren Ideen, ihren Körpern, ihrem Glauben und ihren Charismen? Wollen wir diese Gaben wirklich in alte Schläuche stecken? Haben wir denn „neue Schläuche“ oder sind bereit, welche einzukaufen?

Wie auch immer sich unsere Kirche entwickeln wird. Wenn nichts geschieht oder zu wenig, werden einige noch eine Zeit lang vom Vorrat des „alten Weines in alten Schläuchen“ trinken können. Aber dieser Vorrat wird dann zu Ende gehen.

Neuer Wein wird nicht zu altem Wein reifen, wenn keine neuen Formen erfunden werden.

Alternativ kann man auch einfach den eigenen jungen Wein ernten und in neue Schläuche füllen! Dann heißt es, neugierig abwarten, wie er sich entwickelt.

Dr. Katrin Brockmöller, Direktorin Katholisches Bibelwerk e.V. in Stuttgart, www.bibelwerk.de

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Sende deinen Geist aus und erneuere das Antlitz deiner Kirche. Liturgische Lese- und Arbeitshilfe für den Gebetsruf und das Friedensgebet 2019/2020, Kolping Diözesanverband Münster (www.kolping-ms.de), S. 16-17.

Gott wohnt in einem Lichte – Teil V

lectio divina auf dem Jakobsweg

5. Nun darfst du in ihm leben und bist nie mehr allein, darfst in ihm atmen, weben und immer bei ihm sein. Den keiner je gesehen noch künftig sehen kann, will dir zur Seite gehen und führt dich himmelan.

Kurz vor Palmsonntag bin ich in Santiago angekommen. Ich bin dort drei Tage geblieben um meine Erfahrungen zu reflektieren. So viele starke Begegnungen, so tiefe Gespräche! Fünf Menschen haben mit mir über die Frage nach dem Sinn des Todes gesprochen. Nur einer davon war Christ. Unser Umfeld ist voll von fragenden und suchenden Menschen. Den Weg in die Kirchen unserer Städte finden sie vielleicht nicht mehr. Sollten dann nicht wir die Zeugen, die Bindeglieder sein, die den Menschen Christi Liebe vermitteln können?

Matthias habe ich auf dem Weg übrigens nochmal in einer Herberge getroffen. Dort haben wir zusammen mit einigen Weggefährten gekocht und gegessen. Mahlgemeinschaft.

Ja. Und was ist nun aus meiner Frage geworden? Wo finde ich die Camino-Wegweiser Gottes in meinem Leben? Was weist hin auf diesen „Ich bin der ich bin“?

Ich habe eine wunderbare Natur erlebt. Die Schöpfung ist großartig. Ich habe herrliche Römerbrücken, uralte Kathedralen und Städte gesehen.

Aber dem lebendigen Gott, dem bin ich in den Menschen, in den intensiven Gesprächen begegnet. Da war Gott mit mir. Da hat er mir sein Antlitz gezeigt. Das fröhliche Gesicht von Matthias verwies auf Gott.

Hat Gott auf diesem Jakobsweg auch durch mich zu anderen gesprochen?

Epilog

Ostermontag, 22.04.2019 17:10

Von: Matthias H.

Betreff: Ostergrüße

Lieber Torsten,

schön von Dir zu hören, ich wünsche dir auch noch frohe Ostern.

Deine Nachricht hat mich sehr berührt, vielen Dank für Deine Wertschätzung. Ich habe auch noch ein sehr intensives Erlebnis gehabt. Auf der letzten Etappe habe ich am Morgen den Wunsch verspürt, nicht allein in Santiago anzukommen.

 Als ich dann fast den gesamten Weg für mich allein war, spürte ich plötzlich meine gesamte Familie um mich herum – und alle waren mit mir auf dem Weg.

Da wusste ich, dass ich diesen Weg auch für meine Familie mache.

 Ich würde mich freuen, wenn wir weiter in Kontakt bleiben.

Liebe Grüße aus der Lausitz

Am Ziel angekommen: Blogbeitrag und Pilgerreise.

Torsten Bühring, Magdeburg