„Gebt ihr ihnen zu essen!“ oder: Die Hoffnung kommt zuerst

Markus 6,35-44 als (entwicklungs)politisches Programm

„Gebt ihr ihnen zu essen!“ Dieser Auftrag Jesu entstammt einer der bekanntesten Wundergeschichten der Bibel, der Erzählung von der so genannten Brotvermehrung (oder wunderbaren Speisung). Es ist die einzige neutestamentliche Wundergeschichte, die in allen vier Evangelien vorkommt, was ihre Bedeutung unterstreichen mag. Der Aufruf Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger findet sich dabei in allen drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas). Es lohnt sich, auf die vermutlich älteste schriftliche Fassung dieser Geschichte, also die des Markusevangeliums (Markus 6,35-44), einen genaueren Blick zu werfen. Denn was da auf den ersten Blick als wunderbare Erzählung eines übernatürlichen Geschehens daherkommt, ist bei näherem Hinsehen nichts anderes als ein Paradebeispiel für das Erkennen, Analysieren und Lösen eines Urdilemmas menschlicher Existenz. Sozusagen eine biblische Version des sozialethisch-politischen Dreischritts vom Sehen, Urteilen und Handeln.

Wieder einmal spät geworden bei Jesus …

Und er lehrte sie lange. Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät. Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Gehöfte und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können! (Mk 6,34b-36)

Es ist wieder einmal spät geworden bei Jesus. Nachhaltige Verkündigung benötigt offenbar Zeit und Ausdauer – für die, die verkünden, ebenso wie für die, die zuhören. Doch Vermittlung und Verkündigung sind das eine – menschliche Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken das andere. Wenig verwunderlich also, wenn die Jünger irgendwann unruhig werden. Unterweisung schön und gut, aber jetzt wo es Abend wird, stehen andere Dinge an: Wo gibt es für die vielen Leute etwas zu essen? Wo eine Unterkunft? Die besorgten Fragen und pragmatischen Lösungsvorschläge der Jünger sind mehr als angebracht und nachvollziehbar. Es bedarf nicht nur der theoretischen Glaubens- und Wissensvermittlung oder Vision; ebenso wichtig sind praktische Kompetenzen und Realitätssinn.

Gebt ihr ihnen zu essen! (Mk 6,37a)

Jesus geht auf diese Sorgen ein. Allerdings anders als erwartet: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Die Menschen müssen nicht woanders hin, um versorgt zu sein. Es ist alles hier, was nötig ist. Ihr selber habt alles, um diese Menschen satt zu machen. So lautet der Subtext seiner knappen Antwort.

Wir können doch nicht allen helfen!?

Sie sagten zu ihm: Sollen wir weggehen, für zweihundert Denare Brot kaufen und es ihnen zu essen geben? (Mk 6,37b)

Erneut ist die Reaktion der Jünger verständlich. Sie offenbart einen Konflikt, in dem wir uns oft wiederfinden. Jenes Urdilemma, das gerade jenen zu schaffen macht, die anderen helfen und Unterstützung geben wollen, die die Not anderer sehen und etwas dagegen tun wollen.

Die Antwort der Jünger ähnelt jenem – mal resignativ, mal trotzig, mal entschuldigend vorgebrachten – Satz, der gerade heute angesichts weltweiter Hunger-, Kriegs- und Flüchtlingskatastrophen in verschiedenen Variationen immer wieder zu hören ist: Auch wenn wir es wollten – wir schaffen das nicht! Wir können nicht allen helfen, wir können nicht alle aufnehmen. Wir können nicht alle satt machen! Dazu fehlen uns die Mittel und die Möglichkeiten, dazu sind wir zu wenige und haben zu wenig Einfluss … Angesichts aktueller Krisen und Katastrophen ist dieser Einwand heute genauso aktuell wie damals am See Genesaret: Kleinbäuerliche Landwirtschaft- was kann sie tatsächlich bewirken? Mikrokredite – wie nachhaltig verändern sie bestehende Strukturen? Seenotrettung – was bringt sie wirklich? Oder, noch konkreter, auf der persönlichen Ebene: Was kann ich als Einzelne/r mit meinem Verhalten schon dazu beitragen, dass sich wirklich etwas ändert? Wenn ich fair einkaufe, was hilft das den Armen in Afrika? Wenn ich auf das Auto verzichte, was ändert sich dann am Weltklima?

Markus, der Erzähler dieser Geschichte, kennt dieses menschliche Urdilemma offenbar nur zu genau. Interessant ist, welchen Lösungsansatz er Jesus anbieten lässt. Darin zeigt sich nicht nur der Menschenkenner – heute würde man sagen: der Psychologe.  Darin zeigt sich auch der Pädagoge und Motivator, der mit dem klaren Blick für das Machbare von der Welt, wie sie ist, ausgeht und daraus realistische Handlungsoptionen entwickelt. Insofern ist diese Geschichte auch ein Paradebeispiel für gelungenes Coaching und Empowerment.

Biblische Version des merkelschen „Wir schaffen das“

Er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote und außerdem zwei Fische. Dann befahl er ihnen, sie sollten sich in Mahlgemeinschaften im grünen Gras lagern. Und sie ließen sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig nieder. Darauf nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten. Auch die zwei Fische ließ er unter allen verteilen. (Mk 6,38-41)

Jesus geht nicht weiter auf den besorgten Einwand der Jünger ein, er ruft zum Handeln auf. Sein Impuls lautet: Fangt mit dem an, was da ist – und kümmert euch nicht um das, was nicht da ist oder noch fehlt. Der Mangel wird weder schöngeredet noch ignoriert, sondern nüchtern konstatiert: Ja, es sind wirklich lächerlich wenige Brote und Fische für die mehr als 5.000 Menschen. Aber dieser Mangel wird nicht zum Vorwand für Resignation oder Frust, sondern zur Motivation für Veränderung und Handeln. Die Frage lautet nicht: Was brauchen wir noch? Die Frage lautet: Was haben wir schon?

Wie so oft bei Markus leitet Jesu dazu an, die Perspektive zu wechseln: Weg vom Minus – hin zum Plus. Eine solche aktive Haltung angesichts eines offensichtlichen Mangels mag auf den ersten Blick erschreckend naiv oder provozierend realitätsfern erscheinen. Es ist ein Handeln wider besseres Wissen. Doch unter der Perspektive Jesu wird es zur Keimzelle der Veränderung. Die entscheidende Zutat dabei ist die Hoffnung, wie sie im Lobpreis Jesu an den Vater (Mk 6,41) sichtbar wird. Es ist Hoffnung in gut biblischem Sinn: Eine Haltung, die in der hoffnungsvollen Gewissheit wurzelt, dass eine andere Welt nicht nur möglich ist, sondern bereits begonnen hat. Eine solche Haltung bedeutet nicht naiv-resignative Vertröstung, sondern realistisch-handlungsorientierte Zuversicht. Sie motiviert dazu, aktiv zu werden – weil es begründete Zuversicht gibt, dass der Mangel des Anfangs sich am Ende in Fülle verwandeln lässt.

Und alle aßen und wurden satt. Und sie hoben Brocken auf, zwölf Körbe voll, und Reste von den Fischen. Es waren fünftausend Männer, die von den Broten gegessen hatten. (Mk 6,42-44)

Der Rest ist bekannt – es ist sozusagen der biblische Vorläufer des merkelschen „Wir schaffen das“. Alle aßen und wurden satt; ja, es bleibt sogar noch etwas übrig. Hoffnungshandeln beseitigt Mangel, Solidarität schenkt Fülle und erzeugt sogar noch Überschuss – so lautet das Fazit des Markus.

Solidarisches Handeln als paradoxes Handeln

Wer diese Wundergeschichte etwas genauer liest, erkennt auch zahlreiche Verbindungen zum Alten Testament: So erinnert das gruppenweise Lagern in 100 und 50 an die Wüstenwanderung Israels nach dem Auszug aus Ägypten (vgl. Exodus 18,25); das grüne Gras, in dem sich die Menschen niederlassen, lässt die grünen Auen des 23. Psalms aufscheinen, auf denen der Hirte seine Schafe lagern lässt. Und die Erzählung von der wundersamen Speisung als Ganze erscheint wie die Neuauflage einer Geschichte, die Jahrhunderte vorher vom Gottesmann Elischa berichtet wird (2 Könige 4,42-44). Damit wird klar: Was hier erzählt wird, steht in der langen Tradition der Geschichte Israels mit Gott und ruft in Erinnerung, was von Anfang an gilt: Solidarisches Handeln im Vertrauen auf bzw. vor Gott ist nicht selten ein scheinbar paradoxes Handeln – einerseits im realistischen Wissen, dass es eigentlich nicht reicht, andererseits mit der hoffnungsvollen Gewissheit, dass es am Ende mehr als reicht.

Und dann die Hoffnung dazu geben …

Die Wundergeschichte des Markus liefert ein anschauliches Beispiel dafür, dass kein Projekt zu klein, keine Idee zu abwegig und kein Tun zu sinnlos ist, wenn es darum geht, anderen zu helfen, Not zu lindern und Mangel zu beheben. Sie ist damit so etwas wie eine Magna Charta (entwicklungs)politischen Handelns der Kirche.

„Gebt ihr ihnen zu essen!“ Dieser Auftrag Jesu will wörtlich verstanden werden: Es geht darum, möglichst alle Menschen satt zu machen. Doch der Aufruf reicht über diese konkrete Verstehensebene hinaus: Es geht zugleich darum, angesichts schier unmöglich erscheinender Erfolgsaussichten dennoch mit dem (Wenigen) zu beginnen, was da ist. Und dann die Hoffnung dazu zu geben. Hoffnung nicht als verzweifelte Option, die zuletzt stirbt, wenn nichts mehr hilft. Sondern Hoffnung als Gewissheit, dass das Wenige nicht zu wenig, dass das Unbrauchbare nicht ungeeignet und dass das Unwahrscheinliche nicht irreal ist.

Die Hoffnung kommt zuerst!


Überarbeitete Fassung eines Beitrags aus : S. Grillmeyer / M. Kleiner (Hrsg.), Gebt ihr ihnen zu essen! Bedeutung und Potenzial kleinbäuerlicher Landwirtschaft (edition cph 8), Würzburg: Echter 2019. – Foto: Claudio Ettl

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Leseratten aufgemerkt!

Aus der Musikliteratur kennen Sie die Aufforderung am Ende des Stücks: da capo al fine – nochmal von vorne bis zum Ende und wenn Sie am Ende angelangt sind, gilt die Aufforderung erneut: da capo al fine.

Wer seinen noch leseunkundigen Kindern oder Enkeln gerne vorliest, hört oftmals am Ende der Lektüre die Bitte: Lies nochmal (da capo al fine). Zumindest dann, wenn es eine gute Geschichte war. Ein Buch später zweimal oder gar öfter lesen, das kennen heute meist nur noch Jugendliche. Aus Lesern sind so Wiederholungsleser und Vielleser geworden.

Für Leseratten, die heute meist weiblichen Geschlechts sind, gibt es einen solchen Hinweis auch in einer biblischen Literatur. Ihnen kommt entgegen, dass die Aufforderung dort sogar an Frauen ergeht. Das wesentliche Mittel einer spannenden Geschichte ist, dass sie verrätselt. Da der Mensch keine offenen Rätsel verträgt, will er jedes Rätsel lösen, sonst ist er nicht glücklich.

Auch dieses literarische Moment hat der biblische Autor beachtet und es am Ende seiner Geschichte platziert. Darüber hinaus findet sich an vielen Stellen dieser Schrift ein Unverstehen, das ein Rätsel aufgibt.

Hinzukommt, dass der Autor ständig den geneigten Leser, die geneigte Leserin mit einbezieht. Regieanweisungen, wir nennen sie heute gerne auch redaktionelle Notizen, finden sich auf Schritt und Tritt in dieser Schrift.

Damit die einzelnen Erzählabschnitte gut im Gedächtnis haften bleiben, sind sie zudem chronologisch kurz und knapp geordnet. Auch wenn die Erzählzeit (Lesezeit) für diese Schrift nur ca. neunzig Minuten braucht, die erzählte Zeit umfasst ebenfalls nur neunundvierzig (7×7) Tage plus einen Tag.

Sie haben das Rätsel schon gelöst und wissen, welches biblische Buch gemeint ist?

Es ist das Markusevangelium.

Das Schlussrätsel, das der junge Mann mit weißem Gewand im Grab an die Frauen richtet, lautet dort: „Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es gesagt hat.“ Da capo al fine. Lies nochmal von vorne, lies nochmal, dann wirst du am Ende verstehen, worum es geht. Des Rätsels Lösung ist ganz einfach oder doch nicht?

„Da verließen sie (die Frauen) das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“

Ein eigenartiger Schluss oder etwa nicht?

Die kirchliche Redaktion hat das Rätsel auf ihre Weise aufgelöst und noch einen sekundären Markusschluss angehängt. Nun lautet der Schlusssatz im Evangelium: „Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die es begleiteten.“ Auch gut, wenn auch nicht so spannend.

Dass das ständige Wieder- und Wiederlesen nicht nur eine schöngeistige Privatlektüre in der stillen Wohnstube sein soll, wird in der Mitte des sekundären Markusschlusses ausgedrückt: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“

Zumindest vom Hl. Franziskus wissen wir, dass er das Evangelium sogar den Vögeln und Fischen erzählt hat.

Vieles von dem, was uns heute so fremd und neuartig vorkommt, war den Erstleserinnen und Erstlesern und mehr noch den leseunkundigen Ersthörerinnen und Ersthörern des Evangelisten noch bekannt. Heute müssen wir die Zusammenhänge und Absichten erst wieder enträtseln und die Regeln der Erzählkunst neu entdecken.

Eine spannende Lektüre dazu ist der Entdecker dieser Zusammenhänge und Erzählbögen:  Ludger Schenke, Das Markusevangelium. Pointen, Rätsel und Geheimnisse, Herder Verlag, Freiburg 2018.

Reinhold Then, Diözesanbeauftragter des Kath. Bibelwerks in der Diözese Regensburg

Junger Wein in alten Schläuchen

Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche. Sonst würde ja der junge Wein die Schläuche zerreißen; er läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar.
Sondern: Jungen Wein muss man in neue Schläuche füllen.
Und niemand, der alten Wein trinkt, will jungen; denn er sagt: Der alte ist bekömmlich.
Lukas 5,37-39

Alle drei synoptischen Evangelien kennen den Spruch vom jungen Wein, den man in neue Schläuche füllen soll. Eine sehr einsichtige Aufforderung ist das. Wer anders handelt, hat den Schaden sofort: Wein und Schläuche sind kaputt.

1. Der Wein läuft aus und damit der Ertrag der Ernte und der Vorrat für das kommende Jahr.

2. Gleichzeitig mit dem jungen Wein gehen auch noch die alten, leergetrunkenen, aber evtl. für andere Dinge noch gut zu verwendenden Schläuche kaputt.

In den Evangelien steht diese Antwort Jesu jeweils im literarischen Kontext von Diskussionen mit den Nachfolger/innen des Johannes sowie mit Mitgliedern der pharisäischen Gemeinschaft. Beide Gruppen befolgten strenge Fasttage. Jesus kontert ihre Anfrage, wieso seine Jünger nicht fasten, mit dem Verweis auf ein Hochzeitsfest. Solange der Bräutigam da ist, dauert das Fest. Essen und Trinken gehört selbstverständlich dazu. Fasten können seine Jünger dann später. Hier geht es um Grundsatzfragen, nicht um Kleinigkeiten.

Jesus rät in diesem kurzen Evangelium dazu, in Fragen der religiösen Praxis klug zu differenzieren: Was passt wann? Welches Verhalten, welche Entscheidungen sind angemessen für welchen Kontext? Die Botschaft des Gleichnisses lautet also: Die Regeln für religiöse Praxis jeder Art können immer nur aus einer guten Analyse der jeweiligen Gegenwart erschlossen werden. Was steht an? Wessen Nähe gilt es zu feiern? Was geht verloren, wenn wir das falsche Material verwenden? Es muss passen! Organisiert eure religiöse Praxis möglichst so, dass weder Material verschleudert wird noch Ressourcen bzw. Lebensmittel verloren gehen. Der junge Wein gehört in junge Schläuche.

Natürlich ist das jenseits der konkreten Bildwelt auch im übertragenen Sinn eine Einladung: Nehmt neues Material, wenn neue Gaben vorhanden sind. Lasst das mit den alten Schläuchen und Traditionen. Wenn ihr neue Vorräte anlegen wollt, dann müsst ihr auch bereit sein, in neues Material zu investieren. Gebt euer Geld für neue Schläuche aus!

In der aktuellen kirchlichen Situation, die geprägt ist vom Entsetzen über den vielfältigen Missbrauch von Macht und Körpern, vom wachsenden Unmut über die streng am Geschlecht orientierte Aufteilung pastoraler Aufgaben, sowie dem Verlassen der Kirche als institutionelle Gemeinschaft, liegen Deutungen für dieses Gleichnis Jesu sehr offen auf der Hand. Ist der neue Wein heute die neue Wahrnehmung und Wertschätzung der Würde und Gleichrangigkeit von Frauen, von ihren Ideen, ihren Körpern, ihrem Glauben und ihren Charismen? Wollen wir diese Gaben wirklich in alte Schläuche stecken? Haben wir denn „neue Schläuche“ oder sind bereit, welche einzukaufen?

Wie auch immer sich unsere Kirche entwickeln wird. Wenn nichts geschieht oder zu wenig, werden einige noch eine Zeit lang vom Vorrat des „alten Weines in alten Schläuchen“ trinken können. Aber dieser Vorrat wird dann zu Ende gehen.

Neuer Wein wird nicht zu altem Wein reifen, wenn keine neuen Formen erfunden werden.

Alternativ kann man auch einfach den eigenen jungen Wein ernten und in neue Schläuche füllen! Dann heißt es, neugierig abwarten, wie er sich entwickelt.

Dr. Katrin Brockmöller, Direktorin Katholisches Bibelwerk e.V. in Stuttgart, www.bibelwerk.de

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Sende deinen Geist aus und erneuere das Antlitz deiner Kirche. Liturgische Lese- und Arbeitshilfe für den Gebetsruf und das Friedensgebet 2019/2020, Kolping Diözesanverband Münster (www.kolping-ms.de), S. 16-17.

Gott wohnt in einem Lichte – Teil V

lectio divina auf dem Jakobsweg

5. Nun darfst du in ihm leben und bist nie mehr allein, darfst in ihm atmen, weben und immer bei ihm sein. Den keiner je gesehen noch künftig sehen kann, will dir zur Seite gehen und führt dich himmelan.

Kurz vor Palmsonntag bin ich in Santiago angekommen. Ich bin dort drei Tage geblieben um meine Erfahrungen zu reflektieren. So viele starke Begegnungen, so tiefe Gespräche! Fünf Menschen haben mit mir über die Frage nach dem Sinn des Todes gesprochen. Nur einer davon war Christ. Unser Umfeld ist voll von fragenden und suchenden Menschen. Den Weg in die Kirchen unserer Städte finden sie vielleicht nicht mehr. Sollten dann nicht wir die Zeugen, die Bindeglieder sein, die den Menschen Christi Liebe vermitteln können?

Matthias habe ich auf dem Weg übrigens nochmal in einer Herberge getroffen. Dort haben wir zusammen mit einigen Weggefährten gekocht und gegessen. Mahlgemeinschaft.

Ja. Und was ist nun aus meiner Frage geworden? Wo finde ich die Camino-Wegweiser Gottes in meinem Leben? Was weist hin auf diesen „Ich bin der ich bin“?

Ich habe eine wunderbare Natur erlebt. Die Schöpfung ist großartig. Ich habe herrliche Römerbrücken, uralte Kathedralen und Städte gesehen.

Aber dem lebendigen Gott, dem bin ich in den Menschen, in den intensiven Gesprächen begegnet. Da war Gott mit mir. Da hat er mir sein Antlitz gezeigt. Das fröhliche Gesicht von Matthias verwies auf Gott.

Hat Gott auf diesem Jakobsweg auch durch mich zu anderen gesprochen?

Epilog

Ostermontag, 22.04.2019 17:10

Von: Matthias H.

Betreff: Ostergrüße

Lieber Torsten,

schön von Dir zu hören, ich wünsche dir auch noch frohe Ostern.

Deine Nachricht hat mich sehr berührt, vielen Dank für Deine Wertschätzung. Ich habe auch noch ein sehr intensives Erlebnis gehabt. Auf der letzten Etappe habe ich am Morgen den Wunsch verspürt, nicht allein in Santiago anzukommen.

 Als ich dann fast den gesamten Weg für mich allein war, spürte ich plötzlich meine gesamte Familie um mich herum – und alle waren mit mir auf dem Weg.

Da wusste ich, dass ich diesen Weg auch für meine Familie mache.

 Ich würde mich freuen, wenn wir weiter in Kontakt bleiben.

Liebe Grüße aus der Lausitz

Am Ziel angekommen: Blogbeitrag und Pilgerreise.

Torsten Bühring, Magdeburg

Gott wohnt in einem Lichte – Teil IV

Lectio divina auf dem Jakobsweg

4. Er macht die Völker bangen vor Welt- und Endgericht und trägt nach dir Verlangen, lässt auch den Ärmsten nicht. Aus seinem Glanz und Lichte tritt er in deine Nacht: Und alles wird zunichte, was dir so bange macht.

Dienstag, 2. April 2019 13:33

An: Hans-Konrad H.

Betreff: Grüße vom Camino

Lieber Konrad,

Ich bin kurz vor der portugiesisch-spanischen Grenze.

Der Pilgerweg ist unglaublich stark für mich. Ich bin bis gestern zwei Tage mit einem Buddhisten zusammen gepilgert. Wir haben stundenlang unsere Spiritualität verglichen. Es ging immer: Buddha sagt… Und meine Antwort war: Genau das meint auch die Bibel an der und der Stelle…

Ich sage Dir, Gott ist VIEL GRÖSSER, als wir denken.

Er offenbart sich auch in diesem pilgernden Buddhisten! Ich komme nicht raus aus dem Wundern.

Herzliches Bon Camino

Torsten

Dienstag, 2. April 2019 17:03

Lieber Torsten,

das ist ja wunderbar, dass Du solche be-weg-enden Erfahrungen machen darfst! Das geht wirklich nur auf dem Weg, der von DEM begleitet wird, der selber DER WEG schlechthin ist.

Ja, und GOTT ist immer noch viel größer und je anders als wir denken. ER ist für jede Überraschung gut. Einfach aufmerksam und offen bleiben.

Danke und weiterhin be-leben-de Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen.

Viele Grüße

H.-Konrad

(Fortsetzung folgt…)

Torsten Bühring, Magdeburg

Gott wohnt in einem Lichte – Teil III

Lectio divina auf dem Jakobsweg

3. Auch deines Hauptes Haare sind wohl von ihm gezählt. Er bleibt der Wunderbare, dem kein Geringstes fehlt. Den keine Meere fassen und keiner Berge Grat, hat selbst sein Reich verlassen, ist dir als Mensch genaht.

Am nächsten Morgen gibt es keine Frage. Wir gehen zusammen weiter. Mein erstes Frühstück zu zweit auf diesem Camino. Warum muss man bis nach Portugal reisen, um Menschen zu treffen, die zu einem passen? Warum geschieht das nicht in meiner Heimatstadt Magdeburg?

Heute geht es über den höchsten Pass des Camino Portugues. Aber da komme ich erst nachmittags an und dann auch wieder allein.

Wir laufen und tauschen uns immer weiter über die Suche nach Gott oder dem Göttlichen aus, über das Leben in einer religionslosen Gesellschaft. Wir sind im Schritt und in den Gedanken im Gleichklang. Ich erzähle ihm von diesem rätselhaften Namen des Höchsten. Ich bin der ich bin. Matthias findet wichtig, dass dieser Name in der Gegenwartsform formuliert ist. Er meint, ich solle Gott in der Gegenwart suchen, im Hier und Jetzt.

Da fragt Matthias, ob wir nicht ein Lied singen wollen? Ich: Hm, kann man mal versuchen. Stimme mal was an.

Und Matthias singt auf eine ganz einfache Melodie:

„Mein lieber Freund, mein lieber Freund.
Lass mir die sagen, wie wertvoll du mir bist.
Alles was wir teilen ist schön.
Ich mag dich sehr.“

Ich bin gerührt. Ich lasse mich ein Stück zurückfallen. Jetzt schlucke ich. Und dann wandern wir und singen gemeinsam dieses Lied.

Irgendwann vorm Pass will Matthias das Tempo erhöhen. Er hat noch Reserven. Da trennen wir uns. Ich fühle mich gut dabei. Wie schön, diesem Menschen begegnet zu sein. Darüber will ich nachdenken.

(Fortsetzung folgt…!)

Torsten Bühring, Magdeburg

Gott wohnt in einem Lichte – Teil II

Lectio divina auf dem Jakobsweg

2. Und doch bleibt er nicht ferne, ist jedem von uns nah. Ob er gleich Mond und Sterne und Sonnen werden sah, mag er dich doch nicht missen in der Geschöpfe Schar, will stündlich von dir wissen und zählt dir Tag und Jahr.

Zwei Tage später. Ankunft in der Herberge von Portela de Tamel. Es ist fast  Abend. Ich sitze mit zwei kanadischen Frauen in der Nähe der Anmeldung. Sie fragen mich aus, wie es war, hinter dem Eisernen Vorhang aufzuwachsen. Sie erzählen mir, wie sie sich 1989 in Kanada mit den Menschen in Ostdeutschland mitgefreut haben.

Da beobachte ich einen ankommenden Pilger. Er wird an der Anmeldung nach seinem Beruf gefragt. Er ist ein Koch. Ein Koch auf dem Camino? Wieso mag der auf dem Jakobsweg sein? Dieser Mensch interessiert mich. Vielleicht komme ich mit ihm noch ins Gespräch.

In der Nacht sitzen wir alle im Garten der Herberge zusammen. Wir essen   gemeinsam Pizza. Es sind alles junge Menschen, der Koch hat einen Platz in meiner Nähe. Ich höre den Gesprächen zu. Warum gehen die anderen diesen Weg, frage ich mich. Bewegt sie auch so etwas wie mein Ich-bin-der-ich-bin-Gott? Nein. Da höre ich recht oberflächliche Gespräche. Nur dieser Koch, der hat ein Motiv. Das spüre ich.

Plötzlich wird es ganz kurz richtig Hell. Eine Sternschnuppe. Alle rätseln, was das wohl war. Eine Leuchtrakete? Ein Blitz? Und ich denke mir: Wir sind auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Compostela bedeutet Sternenfeld. Ein Stern weist uns heute den Weg zum Ziel. Schon einmal hat ein Stern drei suchenden Menschen den Weg gewiesen. Auch sie waren Pilger.

Am nächsten Tag geht es nach Ponte de Lima. Ein langer Weg. Der Koch ist nach ein paar Yogaübungen im Garten bereits aufgebrochen. Es ist Sonntag. In einem Dorf besuche ich einen Gottesdienst. Blasen an den Füßen, die Wärme. Aber trotzdem ist der Weg schön, wenn auch einsam. Dann komme ich in Ponte de Lima an. Es ist spät. Hoffentlich ist noch ein Bett in der Herberge frei. Sonst habe ich ein Problem.

Und dann verliere ich mich. So viele Menschen. Es ist Jahrmarkt. Überall Verkaufsstände, Familien in portugiesischen Sonntagsgewändern. Ich lasse mich treiben, vergesse die Zeit. Dort! Ein paar Musiker singen ein Volkslied. Ich höre zu. Es nimmt kein Ende. Ich drehe mich um – und da steht der Koch vor mir. Und er sagt zu mir: Wollen wir essen gehen? Ich habe schon ein Lokal ausgesucht.

Was wird mit meiner Herberge? Egal. Wir gehen Essen. Und noch bevor die Getränke auf dem Tisch stehen, frage ich ihn nach seinen Motiven für diese Pilgerschaft. Er heißt Matthias. Wie ich ist er im Osten ohne Religion aufgewachsen. Genau wie mich hat ihn die Frage nie losgelassen, ob das alles ist. Er sucht auf dem Weg des Buddhismus. Ich suche als Christ Antworten in der Bibel. Wir sind uns von Anfang an vertraut. Wir respektieren unseren unterschiedlichen Weg. Eigentlich nähern wir uns doch beide dem gleichen Geheimnis von verschiedenen Seiten an, stellen wir fest.

Da sagt Matthias: Ich habe die letzten Tage in den Herbergen kaum geschlafen. Deshalb habe ich mir heute in der Jugendherberge ein Doppelzimmer genommen. Es ist noch ein Bett frei, wenn du willst. Ich bin verblüfft. Ich habe zu Essen, ich habe ein Bett, ich habe einen Freund zum Austausch. Braucht man eigentlich mehr?

Wir liegen auf den Betten und reden noch lange. Dann frage ich in die Dunkelheit hinein: Wie fühlst du dich eigentlich, so fern von deiner Frau, deinen Kindern? Ich höre Stille. Ich höre Schlucken. Wir sollten schlafen.

(Fortsetzung folgt … !)

Torsten Bühring, Magdeburg