Gott hat einen Namen – „Gott sieht mich“

Wie sehe ich aus? Wie wirke ich auf andere? Was werden denn die Leute dazu sagen? Da haben die Nachbarn sicher wieder was zu tratschen.
Ein gutes Ansehen zu haben, das ist wohl ein erstrebenswertes und auch gutes Ziel. Für die meisten Menschen ist ihr Ansehen sehr wichtig. Wie ich auf andere wirke und ob andere mich schätzen, das ist kaum jemandem ganz gleichgültig. Ein gutes Ansehen ist für viele ein erstrebenswertes Ziel. Und es stärkt das Selbstbewusstsein. Nun gibt es sicher einige, die sagen: Ein starkes Selbstbewusstsein erkennt man daran, dass man auf das Gerede anderer nichts gibt. Ich persönlich bin allerdings der Meinung: Kaum ein Mensch ist so autark, dass er auf das Ansehen durch andere gar nicht mehr angewiesen ist.
Um Ansehen ist nicht nur der Mensch von heute zuweilen sehr bemüht, auch zu biblischen Zeiten war die Frage, woher ich Ansehen erhalte, durchaus wichtig. Im Alten Testament wird die Geschichte von Sara und ihrer Magd Hagar erzählt (Gen 16). Es ist eine Geschichte, in der es um das Ansehen geht. Ansehen zu gewinnen und zu verlieren. Die Geschichte erzählt am Ende, woher der Mensch wahres Ansehen gewinnt. Was den Menschen zu einem angesehenen Menschen macht. Die Bibel erzählt:
Sara war kinderlos. In der damaligen Zeit war das für das Ansehen einer Frau fatal. Sie gewann Ansehen bei den Leuten, wenn sie Kinder bekam. Je mehr Kinder, je mehr Ansehen. Und Sara stellt fest: Ich kann mich nicht mehr sehen lassen. Ich verliere Ansehen bei den Leuten. Ihre Magd Hagar dagegen wird schwanger, steigt daher im Ansehen der Leute und hält sich schnell für angesehener als ihre Herrin. Und „ihre Herrin galt in ihren Augen nichts mehr“ (Gen 16,4), so heißt es fast wörtlich im biblischen Text. Sara kann das nicht dulden, dass ihre Magd sich in einer Weise aufspielt, wie es ihr nicht zusteht. Sie jagt Hagar im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste. Hagar verliert ihr Ansehen schneller, als sie gucken kann.
Doch in der Wüste darf sie die Erfahrung machen, dass Gott ihr Schicksal sieht. Sie erfährt, woher ihr wirkliches Ansehen, ihre Wertschätzung kommt. Gott schenkt ihr Ansehen und Wertschätzung. Ein Ansehen, eine Wertschätzung, die ihr keine Meinung der anderen nehmen kann. Und sie gibt Gott einen Namen: Sie nennt ihn El-Roi d.h. übersetzt: Gott, der mich wahrnimmt. Gott, der nach mir schaut. Gott, der mir Ansehen verleiht.

Gott, der nach mit schaut. Ein wunderbarer Schatz in der Heiligen Schrift. Ein Mensch nennt Gott beim Namen. Sonst offenbart Gott seinen Namen. Ein Mensch erfährt: Gott schaut nach mir. Er sieht mein Leid, mein Elend, mein Streben nach Ansehen. Gott schaut mich an. Vor ihm habe ich Ansehen, weil ich ich bin. Gott schenkt mir Ansehen ganz unabhängig von der Meinung der anderen. Bei Gott bin ich immer gut angesehen.

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Verunsicherung oder Heimat?

„Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien ihnen Elija und mit ihm Moses und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.

Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte.

Da kam eine Wolke und überschattete sie und es erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemanden mehr bei sich außer Jesus.

Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander was das sei: von den Toten auferstehen. “  (Mk 9,2-10)

Der Evangelist Markus schildert diese Szene als einen Höhepunkt (im wahrsten Sinne des Wortes, da auf dem Berg!) seines Evangeliums. Diese Verklärung wirft viele Fragen auf – eine  wesentliche ist: wozu dient Religion? Zur Verunsicherung und Eröffnung neuer Perspektiven oder als Rückzugsort, als Heimat in unübersichtlichen Zeiten? Der Dichter und Theologe Christian Lehnert formuliert: „Religion kann man von zwei Seiten her verstehen, als stabilisierendes oder verunsicherndes Treiben.“ (C. Lehnert, Der Gott in einer Nuß, Berlin 2017, S. 126).

Für Markus ist sie eindeutig letzteres: die wirkliche Begegnung mit Jesus verstört, Petrus weiß nicht, was er sagen soll – er ist ganz benommen. Und auf dem Weg zurück beschäftigt die drei Jünger die Frage, was Auferstehung sein soll.

Religion ist also kein sanftes Ruhekissen, keine behagliche Heimat, keine Hütte. Sie verunsichert, zeigt neue Perspektiven auf und reißt aus gewohnten Gleisen und festgefügten Weltbildern.

Daher ist Religion, die nur bewahren will, nicht im Sinne Jesu, wie ihn Markus schildert.

Glaube und Religion wollen den neuen Blick einüben, Veränderung und damit wahres Leben ermöglichen.

Die Texte der Bibel ermutigen dazu in vielfacher Weise – lassen wir uns anregen!

Pascal Schmitt, Freiburg

Warum ich die Bibel nicht lese

Ermutigt durch den Beitrag von Sebastian Mutke im jüngsten Bibel heute Heft (2 (2018), S. 28f: „Wo das Evangelium zu Hause ist“, möchte ich das Spitzenargument „Männer lesen nicht in der Bibel“ aufgreifen und durch Rückmeldungen aus katholischen Pfarreien ergänzen.

Warum ich die Bibel nicht lese:

Ich lese nicht.
Ich lese nur wenig.
Ich brauche eine Brille.
Ich kenne mich nicht aus in diesem dicken Buch.
Ich verstehe nicht, was ich da lese.
Ich bin sprachlich überfordert.
Ich habe keine Zeit.

Bibellesen hat mir mein Pfarrer noch nie empfohlen.

Bibellesen ist kopflastig.
Bibellesen ist elitär.
Bibellesen ist langweilig.
Bibellesen ist zu trocken.
Bibellesen ist anstrengend.
Bibellesen ist evangelisch.
Bibellesen ist superfromm.
Bibellesen ist lebensfern.
Bibellesen ist nur was für Frauen.
Bibellesen ist nicht wichtig, wichtig ist die Hl. Messe.

Die Bibel ist veraltet.
Die Bibel ist zu fremd.
Die Bibel ist ein zu dickes Buch.

Die Argumente sind nicht erfunden, sondern wurden über Jahre hin von PastoralreferentInnen und GemeindereferentInnen gesammelt. Nehmen wir sie ernst. Wer Augen hat zu lesen, der lese.

Reinhold Then, Diözesanbeauftragter für das kath. Bibelwerk in der Diözese Regensburg

Jesus – Markus – und jetzt?

Seit nun doch schon einigen Jahren beschäftige ich mich mit der Übertragung von Bibeltexten in Leichte Sprache. Ein Spezifikum dieser Leichten Sprache ist, dass sie absolut verständlich sein muss. Mehrdeutige oder gar missverständliche Textaussagen darf es nicht geben. Das liegt an der Zielgruppe für diese Leichten Texte: Menschen mit Lernbehinderung.

Für den „Übersetzer“ heißt das, dass er einen Text sehr gut verstanden haben muss, um ihn in Leichte Sprache übertragen zu können. Was bei einer Gebrauchsanleitung noch relativ einfach ist, wird bei literarisch anspruchsvolleren Texten schon schwieriger. Sie sind „bedeutungsoffen“ und können auf mehrerlei Weise verstanden werden. Da muss sich der Übersetzer in Leichte Sprache leider (!) für eine ganz bestimmte Deutung entscheiden.

Der Witz bei den Gleichnissen

Eine ganz besondere Herausforderung aber stellen Gleichnisgeschichten dar. Sie wollen ja „im übertragenen Sinne“ Klarheit schaffen. Sie schaffen den Zuhörenden einen offenen Raum, in dem diese selber ihre Lösung für das gestellte Problem finden können (sollen). Wenn man ein Gleichnis erklären muss, ist die Geschichte kaputt. Das ist wie bei einem Witz.

In Leichter Sprache komme ich aber um die Erklärung einer Gleichnisgeschichte nicht herum. Das mag man bedauern, aber es ist halt trotzdem so. Weil Gleichnisse in Bildern erzählen, die aufgelöst werden müssen. Was mache ich aber, wenn es zum selben Gleichnis mehrere Erklärungen gibt wie z. B. in Markus 4? Da erzählt Jesus das Gleichnis vom Sämann, in dem er breit ausführt, wie viel beim Säen „daneben geht“, um dann am Schluss zu zeigen, dass der Erfolg des Wenigen, das auf guten Boden fiel, die Verluste bei weitem aufwiegt (Mk 4, 1-9). Kurz darauf folgt dann aber eine Erklärung, die in eine ganz andere Richtung geht, weil sie das Gleichnis allegorisch auslegt (Mk 4,13-20). Da geht es nicht mehr um den Sämann und seine Zuversicht beim Ausbringen der Saat, sondern um den richtigen Boden, der Frucht bringen soll.

Von Jesus zu Markus

Es scheint mir einigermaßen klar zu sein, dass das eigentliche Gleichnis noch viel näher an dem dran ist, was Jesus verkündet hat: Es spricht von seiner Zuversicht, dass die Verkündigung des Reiches Gottes Frucht bringt, auch wenn es vielleicht zunächst einmal gar nicht danach aussieht. Die allegorische Auslegung deutet demgegenüber eine ganz andere Geschichte und stammt (nicht nur) meines Erachtens sicher nicht von Jesus. Sie ist später hinzugewachsen.

… und heute?

Mir geht es jetzt nicht darum, welcher der beiden Texte heiliger ist oder womöglich der „eigentliche“ Bibeltext. Meine Frage ist: Wenn Markus diese beiden Texte vorgefunden und hintereinander gestellt hat, möchte er dann das Gleichnis auf diese ganz bestimmte Form verstanden wissen? Und: Müssen wir als Übertragende diese Deutung übernehmen, also die allegorische Deutung bereits in die Übertragung des Gleichnisses in Leichte Sprache eintragen? Oder sagen wir: Nachdem Jesus dieses Gleichnis erzählt hatte, erzählte er ihnen, wie man die Geschichte auch noch anders verstehen kann …?

Schwierig, schwierig!

Dieter Bauer, Kath. Bibelwerk, Stuttgart

„Sag mir, mit wem du isst …“ – Ein biblischer Mahlberater

„Sag mir, mit wem du isst, und ich sage dir, wer du bist!“ Ja, meine Tischgemeinschaft sagt  viel über mich aus.

Das fängt bei der alltäglichen Mittagspause an: Gehe ich alleine essen? Oder mit Kolleginnen und Kollegen? Und: Wen frage ich? Es geht weiter bei privaten Essenseinladungen: Wer lädt mich ein? Wen lade ich ein? Und dann natürlich der Ausnahmefall: ein großes Fest, zum Beispiel eine Hochzeit oder ein runder Geburtstag. Hier kommt zur Frage der Gästeliste zumeist auch noch das Feilen an einer passenden Sitzordnung hinzu.

Wenn Sie selbst an Ihren heutigen Tag denken: Welche Mahlzeiten stehen an? Sitzen Sie mit anderen am Tisch?

Miteinander essen ist viel mehr als nur Nahrungsaufnahme. Miteinander essen ist ein wichtiges soziales Ereignis. Hier kann viel Positives im zwischenmenschlichen Bereich passieren. Hier kann aber auch viel schiefgehen. Vermutlich fallen Ihnen auf Anhieb mehrere Situationen aus Ihrem Leben ein, die den einen oder anderen Fall illustrieren.

Miteinander essen – das ist keine Erfindung der Neuzeit. Es ist ein urmenschliches soziales Tun.

So erwähnt auch der Apostel Paulus in seinen Briefen mehrfach das Mahl in der christlichen Gemeinde (1 Korinther 11,17–34). Vor allem weist Paulus dabei auf Probleme und Missstände hin. Seine Empfehlungen geben mir auch heute noch zu denken.

In der christlichen Gemeinde in Korinth gibt es eine große soziale Kluft. Reiche Gemeindemitglieder auf der einen Seite, arme auf der anderen. Und beim Gemeinschaftsmahl geht es alles andere als gemeinschaftlich zu. Die Wohlhabenderen bleiben lieber unter sich. So haben die ärmeren Gemeindemitglieder das Nachsehen.

Und Paulus? Er schlägt mit der Faust auf den Tisch: Das ist kein Mahl, wie es Jesus gefallen würde. Wer Jesus von Nazaret nachfolgen will, der darf solche Tischsitten nicht einreißen lassen. Wer sich auf Jesus beruft, muss herzliche Gastfreundschaft praktizieren. Jesus hat nie nach Status oder Einkommen differenziert. Jesus hat mit allen das Brot geteilt.

Damit hält Paulus auch mir einen Spiegel vor. Und Paulus fragt mich an: „Sag mir, mit wem du isst, und ich sage dir, wer du bist!“

Verflucht und zugenäht!

Jetzt, jetzt, jetzt! Schnell, schnell, schnell! Ein solcher Ausruf würde gut in die gegenwärtige Zeit passen, ist in diesem Fall aber nicht Ausdruck der Leistungs- und Genussgesellschaft des 21. Jahrhunderts, sondern antike Ungeduld, die sich in sogenannten „defixiones“ oder Fluchtäfelchen Luft machte. Zugegeben, auch mir war dieser Bereich biblischer Umwelt unbekannt, bis mich die bibelwissenschaftliche Neugier zu einem verheißungsvoll angekündigten Kolloquium der Universität Mainz trieb.

„Mit Fluchtafeln (defixionum tabellae) und Gebeten um Gerechtigkeit“, so der Ausschreibungstext, „versuchten Menschen der Antike, erlittenes Unrecht auszugleichen, Wettkampfsituationen zu moderieren oder die Wechselfälle des Lebens günstig zu beeinflussen.“ Fluchtafeln stellten eine in der Antike verbreitete Form des Schadenszaubers dar. In der Regel verwendete man dazu dünne Bleistücke, auf die man schrieb oder schreiben ließ, was „auf natürlichem Weg“ nicht zu bewältigen war.
Mit ihrer Hilfe dieser Fluchtäfelchen (in der Regel waren es nur handtellergroße Exemplare) sollten Personen oder andere Lebewesen magisch-rituell bzw. mit der Hilfe einer Gottheit beeinflusst oder „gebunden“ (defigere) werden, um ihnen geistig oder körperlich Schaden zuzufügen. Das betreffende Anliegen wurde dann entweder bestimmten Gottheiten der Unterwelt anvertraut, die den Fluch vollziehen sollten, oder die Sache wurde durch die Erstellung der Tafel selbst als erledigt angesehen, auf jeden Fall sollte es „schnell, schnell, schnell“ gehen, und am besten sofort.

Darf die Bibel fluchen?

Das Fluchen bringt man in der Regel nicht mit den Texten des Alten oder Neuen Testaments in Verbindung, die im Bewusstsein von Gläubigen als „Heilige Schrift“ ethisch einwandfrei zu sein haben. Umso überraschender ist es, wenn man feststellt, dass nicht wenige Formulierungen im Neuen Testament dem Wortlaut der defixiones verdächtig ähnlich sind. So schreibt etwa Paulus in 1 Kor 16,22, wer „den Herrn nicht liebt, sei verflucht“, oder in Gal 3,10, diejenigen, die „aus den Werken des Gesetzes leben, stehen unter einem Fluch.“ In Mt 25,41 ruft der Weltenrichter, Jesus selbst, denen zu seiner Linken zu: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!“
Um nicht missverstanden zu werden: Ich will hier keiner biblischen Drohkulisse das Wort reden, im Gegenteil. Eine Referentin der Tagung betonte ausdrücklich, dass die biblische Sprachethik das Fluchen generell verpönt habe. Und dennoch stehen die verstörenden Worte und Bilder in der Bibel. Wer täte sich nicht schwer mit einem Wort wie dem in 1 Kor 5,5, wo Paulus in einem Fall von Inzest es für geboten hält, „diesen Menschen dem Satan (zu) übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird.“ Auch wenn es sich dabei um eine ausschließlich verbale „Aktion“ gehandelt haben dürfte, kann spätestens hier niemand mehr sagen, das Neue Testament sei (im Unterschied zum Alten) zugänglich und leicht verständlich. Wer tiefer eintaucht in die Kultur, auf deren Boden das Neue Testament entstand, wird manchem begegnen, was fremd ist, unverständlich, verstörend. Die frühen Christen waren ebenso Kinder ihrer Zeit, wie wir es heute sind. Ihr Denken prägt die biblischen Texte, die wir so gern „überzeitlich“ hätten, in jeder Zeile.

Götter, Geister und Dämonen

Die antike Welt war voller Götter, unsichtbarer Geister, Dämonen. Im Markusevangelium begleiten die Dämonen Jesus auf Schritt und Tritt. Die Menschen lebten mit ihnen ebenso, wie sie heute mit Viren und mit Handystrahlen leben. Das Lukasevangelium erzählt ganz selbstverständlich von einer Frau, einer „Tochter Abrahams, die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt“ (Lk 13,16), und die Jesus, an einem Sabbat, von ihrem Leiden befreit. Die Apostelgeschichte wiederum kennt einen Mann namens Simon, der sein Geld mit Zauberei verdient (Apg 8,9ff) und dabei auch noch recht erfolgreich ist. Möglicherweise ist er Jude, denn er trägt einen jüdischen Namen. An anderer Stelle (Apg 19,13) ist explizit von jüdischen (nicht heidnischen) „Beschwörern“ die Rede, die umherziehen und versuchen, den Namen Jesu über den bösen Geistern von Besessenen anzurufen. Diese sieben Söhne eines Hohenpriesters namens Skeuas tun nichts Anderes als das, was man als berufsmäßiger Exorzist in der Antike eben tut. Freilich, die Apostelgeschichte macht auch deutlich, daß es so nicht geht. Der Name Jesu ist keine „Methode“, und die Kraft über das Böse erwächst nur aus dem Glauben. Das bekommen die sieben Priestersöhne denn auch schmerzhaft zu spüren.
Und schließlich bedient sich das letzte Buch des Neuen Testaments, die „Offenbarung des Johannes“, einer Terminologie, wie man sie auch in den defixiones findet, wenn der Verfasser davon spricht, wie der Engel mit einer schweren Kette vom Himmel herabsteigt und den Teufel für tausend Jahre fesselt (Offb 20,1ff). Es ist eine faszinierende Welt, in der die menschlichen Abgründe bevölkert sind von unsichtbaren Wesen, denen man nur rituell und mit Hilfe der Götter beikommen kann.

Lieber doch segnen

Gefragt, ob die Verwünschungen der defixiones denn irgendeine nachweisbare Wirkung gehabt hätten, antwortete der betreffende Referent: Wohl nicht, denn dann wären vermutlich nicht viele Menschen übrig geblieben…
Das Denken und die Bilderwelt der Antike haben nicht Halt gemacht vor den biblischen Texten, denn die Botschaft von Jesus dem Auferstandenen richtete sich ja gerade an eine Welt, deren dunkle Seiten man nicht minder fürchtete als heute. Die biblischen Verfasser und ihre Adressaten und Adressatinnen kannten nur diese Welt, der sie freilich mit Röm 12,14 zurufen konnten: „Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht!“ Sie hatten erkannt, daß das Segnen aus der Fülle Gottes heraus größere Kraft besitzt als rachegetriebene Verwünschungen. Und das dürfte heute nicht viel anders sein als zur Zeit des Neuen Testament, denn – verflucht und zugenäht! – zum Verwünschen braucht es keine handtellergroßen Bleitäfelchen, sondern im Zweifelsfall nur schlechte Laune. Zum Segnen aber steht uns die ganze Schöpfung zur Verfügung, gerade jetzt, jetzt, jetzt, in einem vor Leben strotzenden Frühling.

Dr. Andrea Pichlmeier, Referat Bibelpastoral Passau

Aufhören oder mitmachen?

Zwischen diesen beiden Polen schwanken gerade all die Fastenzeitbegleiter, Kalender und Impulse, die es allenthalben auf dem Markt gibt. Sieben Wochen ohne, sieben Wochen mit … wofür entscheide ich mich? Was passt gerade zu mir?
Genau da fängt für mich die Frage an: Worum geht es in diesen 40 Tagen? Um mich? Darum, dass es mir besser geht, dass ich mehr die bin, die ich sein möchte, dass ich perfekter, kompatibler, kompromissloser oder kompromissbereiter werde?
Der Schriftlesung am Aschermittwoch aus dem Buch Joel (Joel 2,12-17) mahnt mit eindeutigen Worten:

Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider!

Das heißt doch: Bleibt nicht beim Äußeren stehen, sondern wagt euch ins Innerste vor! Was denkt ihr wirklich? Was berührt Euch? Wem wendet sich Euer Herz zu? Gott, Euch selbst oder den Nächsten? Wo muss ein Schnitt gemacht werden?
Und noch etwas! Joel beschreibt im nächsten Vers Gott: gnädig und barmherzig, langmütig, reich an Güte, voller Erbarmen und Reue über seine eigene Strenge, mit der er uns auf den rechten Weg bringen möchte. Ja, auch Gott selbst ist bereit, umzukehren und uns mit Segen zu begegnen. Mit so einem Gott kann ich es wagen, mein Herz anzuschauen. Mit so einem Gott kann ich umkehren, um wieder mehr in seiner Spur zu gehen.
Schließlich fordert Joel auf, das Volk, die Alten, Kinder, Säuglinge, ja selbst Bräutigam und Braut zu versammeln und die Gemeinde zu heiligen, damit alle sehen und hören können, dass Gott mitten unter ihnen und mit ihnen ist.

Ich meine,  dass es darum in den kommenden 40 Tagen gehen könnte: wo hat Gott Platz in unseren Herzen und auf den öffentlichen Plätzen? Die Menschen heiligen – wie kann das geschehen?
Einer meiner Vorschläge wäre, aufzuhören. Aufzuhören mit den markigen, lautstarken Sprüchen, in denen all die Anderen schlecht und herunter gemacht werden bis zur Anstandslosigkeit. Aufhören mit dem Zuhören und zum Aufhören auffordern, wenn so geredet wird.
Der andere Vorschlag lautet, mitzumachen, wenn Gutes geredet wird. Hinzuhören, wenn von Herz zu Herz gesprochen wird. Vom Segen und Gesegnet sein zu erzählen. Von einem Gott, der voller Mitgefühl ist, und der mit jedem und jeder von uns umkehrt.

Barbara Janz-Spaeth, Diözese Rottenburg-Stuttgart