Merkel, Luther, der Papst und eine Bibel, die alle verstehen

Warum die Prinzipien der Leichten Sprache für die Kirche unverzichtbar sind

Was haben Angela Merkel, Martin Luther und der Papst mit der Bibel gemeinsam? Diese Frage konnte sich stellen, wer die Geschenke sah, mit denen die Bundeskanzlerin bei ihrem Abschiedsbesuch im Vatikan im vergangenen Oktober Franziskus überraschte. Unter anderem waren darunter die drei Bände der Evangelien in Leichter Sprache, einer inklusiven Bibelübertragung, die das Nürnberger Caritas-Pirckheimer-Haus, das Stuttgarter Bibelwerk und die Thuiner Franziskanerinnen seit 8 Jahren gemeinsam mit behinderten Menschen erstellen.

All das war kein Zufall. Die evangelische Pfarrerstochter und Kanzlerin überreicht dem Papst eine katholische „Bibel für Alle“ aus Anlass des großen Jubiläums der ersten deutschen „Bibel für Alle“. Denn 2022 jährt es sich zum 500. Mal, dass Martin Luther das Neue Testament in ein für alle verständliches Deutsch übertrug. Die biblischen Texte sollten die Sprache der Menschen ihrer Zeit sprechen – nicht umgekehrt, das war seine Absicht.

Verständlichkeit, Klarheit, Zielgruppenorientierung, nah dran an den Menschen wie am Wort – diese Kriterien gelten für jede Art von Text, der von möglichst allen verstanden werden soll. Sprache wird dabei nicht als starres Kunstwerk oder verstaubtes Museum, sondern als lebendiger, dynamischer Prozess verstanden. Wie seinerzeit Luther beschäftigen auch uns im Projekt „Evangelium in Leichter Sprache“ (www.evangelium-in-leichter-sprache.de) diese Kriterien, wenn wir standardsprachliche Bibeltexte der Einheitsübersetzung in Leichte Sprache übertragen.

Leichte Sprache ist barrierefreie Sprache. Zuallererst für Menschen mit Lernschwierigkeiten bzw. geistiger Behinderung gedacht, ist sie auch für alle anderen Menschen geeignet, deren Sprachkompetenz (noch) nicht ausreicht, um „schwere“ Texte zu verstehen – Kinder, Schüler:innen, Menschen mit Demenz, Geflüchtete und andere.

Schwere Texte leicht gemacht

Leichte Sprache bedient sich klarer Regeln: Kurze Sätze, einfache Wörter, keine Fremdwörter oder mehrdeutigen Bilder, nur eine Aussage pro Satz, keine komplizierten Satzkonstruktionen, klares Schriftbild, große Schrift, dazu Bilder und Illustrationen zur Verdeutlichung u.v.m.… Ihr Ziel: Die Botschaft möglichst einfach klar zu machen.

Dabei helfen besonders zwei Regeln: Zum einen: Kompliziertes und Schweres muss leicht, d.h. einfach gesagt werden. Dies zwingt mich, mir über die eigentliche Botschaft des Textes oder eines Begriffs erst einmal selbst klar zu werden, bevor ich anderen davon erzähle. Wie beschreibe ich z.B. in Leichter Sprache eine Synagoge? „Eine Synagoge ist ein besonderes Haus. In der Synagoge können sich die Menschen treffen. Und beten. Und zusammen über Gott sprechen“. Was ist ein Prophet? „Der Prophet ist ein Mensch, der in seinem Herzen mit Gott redet. Der Prophet sagt den Menschen, was Gott zu ihm im Herzen redet.“

Zum anderen: Beim Übersetzen muss ich die Perspektive derjenigen einnehmen, für die ich den Text übertrage, also der Zielgruppe. Und das in radikalster Form: Das Gütesiegel „Leicht“ dürfen die Texte erst tragen, wenn sie gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten entstanden, am besten von Beginn an. Eine nicht immer einfache, aber ungemein qualitätssichernde Anforderung.

Die Perspektive auf den Kopf stellen

Wer Texte in Leichte Sprache überträgt, gibt die Entscheidung darüber, ob und wann ein Text wirklich verständlich ist, ab, und zwar an die Lesenden bzw. Hörenden. Nicht das, von dem ich glaube, dass es für die anderen verständlich sein könnte oder sollte, zählt. Sondern das, von dem die anderen sagen, dass sie es verstehen!

Leichte Sprache stellt die Perspektive auf den Kopf. Keine andere biblische Geschichte veranschaulicht das besser als die vom blinden Bartimäus (Mk 10,46-52). Als er vor ihm steht, dürfte Jesus schnell geahnt haben, worum ihn der Blinde bitten würde. Doch Jesus macht ihn nicht einfach sehend. Er stellt als erstes eine unerwartete – aber alles entscheidende – Frage: „Was willst DU dass ich DIR tun soll?“ Jesu Blick geht auf Augenhöhe mit Bartimäus: Was er braucht, mag für andere scheinbar klar sein – wirklich wissen können sie es nur, wenn Bartimäus es selbst sagt (es könnte ja auch sein, dass sein Hunger viel größer ist als sein Wunsch zu sehen).

Das Bartimäus-Prinzip

Dieses „Bartimäus-Prinzip“ eines radikalen Wechsels der Perspektive ist Jesu Grundhaltung gegenüber anderen. Es besitzt eine Sprengkraft, die weit über den Bereich von Inklusion und Teilhabe hinausgeht. Wer es ernst nimmt, wird die Sicherheit aufgeben (müssen), schon selbst zu wissen, wie die Botschaft am besten vermittelt werden kann. Stattdessen wird sie bzw. er vom vermeintlich Wissenden zur erstmal Fragenden. Und werden die anderen vom Objekt zum Maßstab allen Sprechens – und nicht nur des Sprechens, sondern auch des Handelns, der Verkündigung, von Kirche-Sein überhaupt. Ob die Botschaft der Bibel – der Basis von Kirche, Glauben und Pastoral – in Zukunft wieder für alle verständlicher werden kann, hängt davon ab, ob es gelingt, diesen Perspektivenwechsel endlich ernst zu nehmen. Vielleicht steckte in Angela Merkels Geschenk ja auch ein wenig von dieser Aufforderung Jesu: Geht von dem aus, was die Menschen sagen, dass sie brauchen – und nicht von dem, was ihr glaubt, dass sie brauchen sollten!

Überarbeitete Fassung eines Beitrags in Heft 4/2021 der Zeitschrift „Sendbote des Heiligen Antonius“ / Foto: Vatican Media

Krippenspiele – auch eine sprachliche Herausforderung

Meine Tochter (3. Klasse) kam mit dem Text des Krippenspiels ihrer konfessionell gebundenen Schule nach Hause. Sie hat einen Vierzeiler zu lernen – sie ist der Verkündigungsengel. Das Kostüm war kein Problem; in ihrer Verkleidungskiste hat sie ausreichend dafür gefunden. Dann aber ging es an den zu lernenden Text.

Und dieser kurze Text hat es in sich. Er ist aus der neuen Lutherübersetzung entnommen. Fleißig hat sie geübt und stolperte dabei doch immer wieder über den einen Satzteil in Lk 2,10d: „…Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ An dieser Stelle kam sie einfach nicht weiter: „Papa, warum soll die Freude wieder fahren? Sie kommt doch erst noch.“ Es führte zu längeren Erklärungsversuchen, was das Verb „widerfahren“ bedeutet und, dass man es auf der dritten und nicht auf der ersten Silbe betonen müsse. Sie hat es akzeptiert, dass hier ein Wort verwendet wird, das sie nicht kennt und weiter geübt.

Für mich wollte ich es dann aber doch nicht dabei belassen. Auch mich irritierte das Wort „widerfahren.“ Ein Blick ins (online) Wörterbuch gab meinem Bauchgefühl auch recht. Widerfahren wird heute eher im negativen Kontext verwendet. Wenn es denn überhaupt verwendet wird! Gehört es doch zu den Wörtern, die im Sprachgebrauch der aller meisten Menschen schon gar nicht mehr vorkommen. Die revidierte Einheitsübersetzung ist da nicht viel besser, wenn sie übersetzt: die dem ganzen Volk zuteilwerden soll. Auch dieses Verb dürften die allerwenigsten von uns noch verwenden. Der einzige Pluspunkt – es erklärt sich eher von selbst. Bleibt der Blick in den griechischen Urtext: „… eine große Freude, welche/die ist für das ganze Volk.“ Sprachlich nicht sehr schön, aber verständlich.

Manchmal wird einem erst in der Arbeit mit Kindern richtig bewusst, welche Herausforderungen unsere biblischen Texte sprachlich an uns stellen. Viele verwendeten Worte gehören gar nicht mehr zum Alltags-Wortschatz und haben zusätzlich noch eine Bedeutungswandlung erfahren – wie zum Beispiel das Verb „widerfahren“, dass heute eher negativ verwendet wird. Nicht ohne Grund erfreuen sich insbesondere auch moderne Übersetzungen, wie die Basisbibel, einer wachsenden Nachfrage. Bemühen sie sich doch Übersetzungen anzubieten, die dem heutigen Sprachgebrauch entsprechen.

Wir können unsere kirchlichen Übersetzungen nicht einfach nach Belieben ändern. Aber wir können – adventsgemäß – wachsam bleiben und Hilfen und Erklärungen anbieten, damit die biblische Texte nicht ins Leere laufen, weil sie auf Grund der Übersetzung nicht mehr verstanden werden.

Meine Tochter hat sich mit der Übersetzung arrangiert und sich der sprachlichen Herausforderung stellen können. Jetzt muss sie nur noch ihren Text schön lernen und in der Aufführung das Lampenfieber vergessen können. Für sie hat es sich damit erledigt.

Die Arbeit in der Vermittlung der Heiligen Schrift bleibt, damit die gute Nachricht auch wirklich allen Menschen „widerfahren kann“.

Daniel Pomm, Diözesanleiter Katholisches Bibelwerk Erfurt

Manchmal ist alles anders

Erfahrungen in Zeiten von Corona

Die Pandemie hat bislang vieles verhindert und zerstört. Manches ist neu gewachsen. Nehmen wir als Beispiel das Heilige Jahr von Santiago de Compostela 2021 und den Jakobsweg.

Rahmenprogramme zur Vorbereitung auf den Jakobsweg sind als Massenveranstaltungen allermeist ausgefallen.  Was nicht ausgefallen ist, ist die Notwendigkeit der Bewegung für jeden Einzelnen.

Kardiologen raten, das Homeoffice schleunigst zu verlassen und sich spazierend auf den Weg zu machen. Denn die (Bibel-)Lektüre auf dem Sofa sei meist nur eine Notlösung, die zur Gewohnheit geworden ist.

Der Christenmensch ist pilgernd unterwegs, alleine oder in der Gruppe, ob er will oder nicht.

Und so hat der Schreiber dieser Zeilen auf Anraten seiner Kardiologin sich täglich 60 Minuten auf den Weg gemacht und im nahen Wald das Waldbaden (wörtliche Übersetzung des japanischen Shinrin-Yoku) entdeckt. Keine Frage, es hat sogar viel mit der Bibel zu tun. Von den Bäumen im Garten Eden angefangen bis zum Baum des Kreuzes, vom Vergleich des Menschen mit einem Baum bis zu modernen Baum-Skulpturen in Yad vaShem. Die Assoziationen sind schier unbegrenzt.

Bekanntlich beginnt die Geschichte Israels mit lech lecha (gehend geh). Vater Abraham macht sich auf den Weg und geht in das Land, das ihm der EWIGE zeigen will. Die Kinder Israels sind unentwegt, häufig murrend, unterwegs. Auch die Kirche bewegt sich seit ihren Anfängen in ihrer Peregrinatio unstet und flüchtig, rastlos und ruhelos. Die Christenmenschen „wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden…“

Was man für sich alleine oder mit PartnerIn unterwegs erschließt, ist grandios. Die Wahrnehmungen von Zeit und Ewigkeit verschieben sich. Wer vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang oder doch zumindest eine Stunde am Tag per pedes unterwegs ist, nimmt die Welt neu war. Je langsamer wir unterwegs sind, desto höher ist die Einzelwahrnehmung. Die Kunst der Langsamkeit und mehr noch die des Müßiggangs haben wir verlernt. Was einen Faulpelz oder Taugenichts auszeichnen, müssen wir neu entdecken.  

Das Spazieren hat schon immer fasziniert. Manche konnten es in Literatur fassen. Ich nenne nur Henry David Thoreau, Über das Wandern; Robert Walser, Der Spaziergang; Friederich Schröder, Zu Fuß von Passau nach Jerusalem; Paulo Coelho, Auf dem Jakobsweg; Andrea Löhndorf, Anleitung zum Pilgern; Reinhard Stiksel, Pilgern mit der Bibel. Die Wander- und Reiseliteratur lässt sich beliebig vermehren. Doch ist deren Lektüre dann wieder nur etwas für Stubenhocker.

Die in solcher Literatur verarbeitete Erfahrung muss selbst gemacht werden, dann wirkt sie bis in die Poren.

In der Pandemie haben wir vielerorts gelernt, loszulassen. Besonders im Wald lernen wir loszulassen, weil es dort besonders dicht und lebendig zugeht. Wer eine 400jährige Eiche betrachtet oder wie es heute zunehmend beliebter wird, sie umarmt und sie fragt, wen sie alles schon gesehen hat, der kommt rasch auf den Boden der Tatsachen und den seines eigenen Lebens zurück. „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ (Ps 8). Uns wird rasch unsere Vergänglichkeit und die Hinfälligkeit unseres eigenen Tuns bewusst. „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz“ (Ps 90, Luther).

Wenn wir nicht durch den Wald rasen und für andere den Eindruck erwecken als würden wir gleich kollabieren, sondern auf die „Vögel des Himmels“ und „die Bäume des Waldes“ lauschen, werden wir vieles entdecken.  

Begegnet uns auf dem Weg eine Kreatur gleicher Spezies, dann öffnet eine freudige Bewillkommnung das Herz, andernfalls müssen wir uns fragen, bestehen wir nur aus Luft, aus reinem Nichts?

ExpertInnen raten gar barfuß zu gehen. Mose wurde einst befohlen seine Sandalen auszuziehen als er vor dem Dornbusch die Stimme Gottes vernahm. Unser Tastsinn ist heute meist verkümmert, besonders an den Füßen.

Wer im Herbst regelmäßig durch den Laubwald geht, sieht nicht nur grüne, goldene, rote, braune Blätter, er nimmt wahr, wie schnell sie absterben und vermodern. Und dabei riecht der Wald gerade in diesem Zustand sehr angenehm. Und da ist noch der Atem. Die ätherischen Öle, welche die zahllosen Blätter in die Welt hinausblasen, wirken befreiend. „Alles was atmet, lobe den HERRN “, „Every breath is your praise” (Norman Fischer). 

Der Erfinder des Waldbadens, der japanische Professor Qing Li, hat mit empirischen Untersuchungen die Wohltat des Waldspaziergangs erforscht und zugleich ergründet, welch negative Auswirkungen das Fehlen desselben bewirkt. (Qing Li, Die wertvolle Medizin des Waldes. Wie die Natur Körper und Geist stärkt).

Fazit: In Zeiten von Corona gilt: Hinaus in die Natur und in einem Loblied den Schöpfer preisen (z.B. Ps 104). Klagelieder verfliegen hingegen rasch wie von alleine. Natürlich geht es nicht ohne Tora. Bereits Psalm 1 weiß darum: Selig der Mann, … der Gefallen hat an der Weisung des Herrn, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt. Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser“. Warum es gerade ein Baum ist, darüber liest man gerne heute in den vielen Büchern von Peter Wohlleben.

Dr.  Reinhold Then ist Diözesanbeauftragter des Kath. Bibelwerks in der Diözese Regensburg

Im Labyrinth des Lebens: Unterwegs-Sein verändert

Vor kurzem bin ich wieder einmal in einem Labyrinth gewesen und habe es abgeschritten. Labyrinthe erfreuen sich großer Beliebtheit, nicht nur die bekannten, wie z.B. das berühmte Labyrinth in der Kathedrale von Chartres in Frankreich. Auch hierzulande gibt es viele, meist begehbare Labyrinthe, größere und kleinere, runde und eckige, gemauerte oder angepflanzte …

Labyrinthe sind faszinierend. Eine Besonderheit ist: In einem Labyrinth kann ich mich nicht verirren. Denn anders als ein Irrgarten – mit dem es oft gleichgesetzt wird –  führt ein Labyrinth immer ans Ziel.

Das Ziel ist in der Mitte. Das Ziel IST die Mitte.

Ja und Nein.

Der Weg durch ein Labyrinth ist weder gerade noch vorhersehbar, sondern hat immer wieder Windungen und Drehungen. Ich muss mich darauf einlassen. Und auf Überraschungen gefasst sein.

Und: Gerade, wenn es scheint, dass ich dem Ziel am nächsten bin, macht der Weg eine plötzliche Windung und ändert seine Richtung. Und führt mich wieder weg von der Mitte.

Aber auch die Mitte ist noch nicht das endgültige Ziel. Denn: Ich muss wieder zurück aus der Mitte. Der Weg des Labyrinths führt vom Eingang zur Mitte und von der Mitte zurück zum Eingang. Das angepeilte Ziel -wenn ich es erreicht habe, erweist es sich nur als Zwischenstation.

In der Bibel ist nirgends die Rede von einem Labyrinth. Trotzdem wurde es im Christentum recht bald u.a. als Symbol für den Lebensweg des Menschen gedeutet und eingesetzt: Wir sind unser Leben lang auf dem Weg. Auf der Suche nach unserer Mitte, nach dem Ort, an dem wir zuhause sind, nach dem wir uns sehnen.

Das Labyrinth lehrt mich: Ich bin auf dem Weg zu diesem Ort, ich werde an diesen Ort gelangen. Aber es lehrt mich auch: Ich bleibe nicht an diesem Ort. Denn der Weg führt weiter. Das Ziel wird zur Etappe, der Weg zur Reise.

Der Weg führt mich weiter. Von der Mitte zurück zum Ausgangspunkt. Zurück an den Ort, an dem ich gestartet bin. Der Beginn wird zum Ende, der Start zum Ziel …

Leben ist Unterwegs-Sein zu dem Ort, an dem wir zuhause sind, so lautet eine der Botschaften des Labyrinths.

Dieses Motiv des „Auf dem Weg-Seins“ ist ein zutiefst biblisches. Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Garten Eden, das Volk Israel durch die Wüste, Mose zum Sinai, Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger durch Galiläa nach Jerusalem, Paulus und seine Mit-Missionierenden durch die halbe Welt, die frühen Christen zum himmlischen Jerusalem und und und … „Nun aber geht …“ (Markus 16,7) – mit diesem „Marschbefehl“ an die Frauen am Grab endet das älteste Evangelium.

Vom Anfang bis zum Ende erzählt die Bibel vom Unterwegs-Sein. Auf fast jeder Seite und in beinahe jedem Abschnitt ist sie Wegbeschreibung, Fahrtenbuch und Landkarte zugleich.

Kehren wir noch einmal zurück zum Labyrinth: Das scheinbar erreichte Ziel in der Mitte ist in Wirklichkeit nur ein Zwischen-Ziel. Der Weg führt weiter, nämlich wieder zurück zum Ausgangspunkt.

Doch wenn wir das Labyrinth durchschritten haben und wieder zurück sind am Ausgangspunkt, dann hat sich etwas verändert.

WIR haben uns verändert.

Der Weg durch das Labyrinth des Lebens, unser Weg mit all seinen Windungen, Überraschungen und Drehungen hat UNS verändert und verändert uns immer wieder und immerfort.

Unterwegs-Sein verändert – beim Gehen durch das Labyrinth ebenso wie beim Lesen der Bibel.

Bild: pixabay

Von Heiligen und Tigern

„Sorgt euch nicht“ das ist ein Zitat aus der Bibel. Aus der sogenannten Bergpredigt im Evangelium nach Matthäus. Vollständiger heißt es bei Matthäus: „Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder trinken sollt, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt! … Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? … Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!“ (Matthäus Evangelium 6,25-30)

Es geht in diesem Abschnitt der Bergpredigt darum, dass Menschen sich auf Gott verlassen sollen. Nicht auf sich allein. Das Vertrauen in Gott, der sich um alles sorgt, der uns all das gibt, was wir brauchen, wird hier von Jesus betont. Nicht nur Christen können mit dieser Botschaft etwas anfangen. Es gibt viele Menschen, die sich von diesen Worten angesprochen fühlen: Sorge dich nicht, gib deine Sorgen ab.

Alles in Gottes Hand geben. Die Hände in den Schoß legen. Ob ich davon wirklich satt werde? Mir gelingt es jedenfalls nicht. Ihr Kleingläubigen! Ich Kleingläubige!? Jedenfalls konnte mein Glaube noch keine Berge versetzen. Und auch Menschen, die mit Gott wenig anfangen können, merken oft: So ganz ohne Sorge, so ganz ohne selbst etwas zu tun geht es nicht.

Ich habe eine Geschichte gefunden, die dazu passt. Oder auch nicht? Vielleicht gefällt sie mir deshalb so gut. Sie geht so:

„Ein frommer Mann war im Wald unterwegs, da traf er einen Fuchs, der seine Beine verloren hatte. Er wunderte sich, wie das Tier wohl überleben konnte. Das Rätsel löste sich schnell. Denn er sah einen Tiger mit einem gerissenen Wild. Der Tiger hatte sich satt gefressen und überließ dem Fuchs den Rest.

„Gott, wie groß bist du in deiner Güte!“, schickte der fromme Mann ein Gebet zum Himmel. Am nächsten Tag beobachtete der Mann das Gleiche wieder. Er war erstaunt über Gottes Güte und sagte zu sich: „Auch ich werde mich in einer Ecke ausruhen und dem Herrn voll vertrauen, und er wird mich mit allem Nötigen versorgen.“

Viele Tage brachte er so zu, aber nichts geschah, und der arme Kerl war dem Tode nahe, als er eine Stimme hörte: „Du da, auf dem falschen Wege, öffne die Augen vor der Wahrheit! Folge dem Beispiel des Tigers, und nimm dir nicht länger den behinderten Fuchs zum Vorbild.“

(Marco von Münchhausen, Waltraud Trageser, Die Metaphernkartei, Paderborn 2004, M. 2.)

Vielleicht passt die Geschichte nicht so gut. Oder doch?

„Sorgt euch nicht!“ Ich finde das ist eine Botschaft, die heute vielen Menschen gut tun kann. Ich muss mich nicht unentwegt um alles kümmern und sorgen. Ich darf mich auch beschenken lassen. Und ich darf aufstehen und aktiv werden. Manchmal ist das der Weg zur Veränderung.

Lectio Divina – Bibel neu erleben

Anlässlich des vollständigen Erscheinens der Lectio Divina-Bibel im Herbst gibt Tobias Maierhofer einen Einblick in seine persönliche Praxis mit der Bibelausgabe:

Gebet um den Heiligen Geist, in mich gehen und zur Ruhe kommen. Dann beginne ich zu lesen, Mk 3,7: „Jesus zog sich mit seinen Jüngern an den See zurück…“ Ich lese bis 3,21, das reicht mir für heute. Ich lese langsam und laut und lausche dem Klang der Wörter, dem Rhythmus des Textes. Nach ein, zwei Wiederholungen habe ich seinen Sound im Ohr, karge Sätze, immer gleich zur Sache, darin eine Aufzählung, erdrückend bereits wie die herannahenden Scharen, am anderen Ende, gleichsam als Gegengewicht zur anonymen Masse, Namen und Namen. Doch von vorn! Ich versuche jetzt, dem Wortlaut des Textes möglichst genau zu folgen, Wort für Wort für Wort. Drei Verse, vier Verse bin ich voll bei der Sache, bis meinem Bewusstsein die ersten Formulierungen entwischen, ich bald über ganze Sätze hinweglese. Ich unterbreche, sammle mich kurz und weiter geht’s mit dem Lesen, den letzten Vers sicherheitshalber nochmal. Eine weitere Unterbrechung ist nötig, doch schon die Apostelnamen sind wieder nur mehr leerer Schall. Und weil ich der Meinung bin, dass das viel besser geht, lese ich den Abschnitt erneut, gaanz laaangsaam. Dass ich den Text mittlerweile fast auswendig kann, hilft mir beim Fokussieren nicht gerade sehr, und wieder rauschen Sätze von Ohr zu Ohr, ohne unterwegs einen Halt im Gehirn einzulegen.

Aber dann plötzlich 3,13: „die er selbst wollte“! Der kurze Relativsatz ist mir bisher nie aufgefallen, die vier Durchgänge zuvor und auch sonst nicht. Jetzt drängt er, irritiert er mich, ist er wie ein Rätsel, das mir zur Lösung aufgeben ist: Wenn nun erst diejenigen zu Jesus kommen, die er ausdrücklich um sich haben will, was ist dann mit den vielen, die Heilung und Befreiung bei ihm suchten – und fanden? Sollten sie Jesus weniger nah sein, eine Last gar? Gewiss: der Nebensatz steht in enger Verbindung zur Einsetzung der Zwölf, an ihrer Autorität soll es wohl nichts mehr zu rütteln geben. Doch sind die, die er rief, überhaupt mit den Zwölfen identisch? Und wenn: hätte hier nicht ein „rief zwölf zu sich und setzte sie ein“ gereicht? Stattdessen Jesu Willen Ausrufezeichen. Eine kleine Restunzufriedenheit bleibt, doch komme ich hier erstmal nicht weiter. Ich werfe einen Blick in die Randspalte. Rot gedruckt erstens brauche ich: „Schreiben Sie den Namen Jesus in die Mitte und drumherum die Menschen, von denen außerdem erzählt wird. Welche Beziehung hat er zu diesen Menschen?“

Wieso nicht? Da sind also: die Vielen, die sich am See um Jesus scharen, darunter Schaulustige vermutlich, vor allem aber viele Kranke und Besessene, Jesus heilt die einen und maßregelt die anderen; die Gerufenen natürlich; daraus (?) die Zwölf, der engste Kreis um Jesus, ausgestattet mit Verkündigungsauftrag und zum Dämonenaustreiben bevollmächtigt; die Vielen, die Jesus beim Essen belagern; und schließlich seine Angehörigen, die das Theater, das er aufführt, mit Gewalt beenden wollen. Immer wieder aber „viele“. Bislang unbemerkt blinkt mir das Zahlwort gleich mehrfach entgegen, weckt eine vage Erinnerung. War da bereits? Ich blättere zum Anfang des Evangeliums zurück und überfliege. Und da war, 1,34, 2,2, 2,4… Und wie in meinem Abschnitt sind die „Vielen“ jedes Mal die Kranken, die Besessenen, die Sünder auch, Jesus tut Wunder an ihnen. Oh, that’s it, heureka! Sie sind als Verkünder und Bevollmächtigte denkbar ungeeignet! Sie wollten etwas von Jesus und haben es auch bekommen. Doch das prägt ihr Bild von Jesus, macht ihre Jesusbeziehung aus, und seine volle Bedeutung erfassen sie möglicherweise nicht. Die er rief, tun sich da schon schwer, über 3,19 liegt Judas‘ Schatten bereits, ich denke auch an Petrus in Cäsarea Philippi und beim Hahnenschrei. Wer ist Jesus für mich? Nachfolge! Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden. Will ich IHN, oder einen Mangel stillen? BREAK, beim Text bleiben! Weil ich aber fürs Erste zufrieden bin mit meiner Textausbeute, beschließe ich, zum nächsten Schritt zu gehen. Rot gedruckt zweitens: Einer dieser Menschen sein! „Wie fühlt sich das an?“

Krankheit? Grauenhaft! Von schweren und chronischen Leiden bisher verschont geblieben macht mich bereits der kleinste Anflug einer Erkältung zum Jammerlappen. Ununterbrochen fühle ich, ob die Symptome nicht doch wieder verschwinden, nach dem ersten Enttäuschungsfrust, wann der Höhepunkt erreicht ist und ich endlich mit Besserung rechnen kann. Über allem die Käseglocke, stellvertretend für die, die ich tunlichst meide, ekle ich mich vor mir selbst. Ernsthaft zu erkranken, unheilbar gar, nicht auszudenken! Gibt als Thema für die Jesusbeziehung eines kerngesunden Mitdreißigers aber wenig her, oder? Hmm, Trost und Heil bei Krebs, Unfall, Sucht, das nicht, doch biografische Wunden, Komplexe, Ängste waren in religiösen Dingen eine nie zu unterschätzende Triebfeder, bis in die theologische Auseinandersetzung hinein. Manchmal bete ich eben, weil es mich verlässlich entspannt, wähle ich religiöse Optionen aus Orientierungsbedürfnis, nicht aus Überzeugung. Ein verlässlicher Glaubenszeuge bin ich deshalb wohl eher nicht. Meine Rolle stattdessen? Schleierhaft! Ein Rätsel, das ich jetzt aber nicht lösen muss. Und weil ich bereits überzogen habe, beschließe ich, allmählich ans Ende zu kommen. Wieder gehe ich ein, zwei Minuten in mich. Ich betrachte das Wirrwarr aus Textschnipseln, Ahas und neuen Fragen vor meinem inneren Auge, gebe es schließlich in die Hände Gottes. Ein kurzes Dankgebet, dann gehe ich, das „die er selbst wollte“ im Ohr, wieder an die Arbeit. Ein paar Tage später bin ich 2 Kapitel weiter beim Besessenen von Gerasa angelangt. Seine Dämonen waren „viele“ und „Jesus erlaubte es ihm nicht,“ bei ihm zu sein. Er aber „verkündete in der ganzen Dekapolis, was Jesus für ihn getan hatte“!

Dipl.-Theol. Tobias Maierhofer, Projektreferent „Lectio Divina-Bibel“ im Katholischen Bibelwerk e.V.

Bereits erschienen: Lectio Divina. Neues Testament – Die Einheitsübersetzung, Stuttgart 2019.

Das Alte Testament wird im Herbst dieses Jahres in 2 weiteren Bänden erscheinen.

Zuhören

„Hast du mal Zeit? Ich brauche mal jemanden, der mir zuhört.“ Das habe ich neulich eine Freundin gefragt. Und dann haben wir lange zusammengesessen. Ich brauchte jemanden, der mir einfach mal nur zuhört.

Einfach nur zuhören. Das ist, glaube ich, gar nicht so einfach. Zuhören will gelernt sein. Mir hat es gut getan, dass meine Freundin einfach nur zugehört hat.

Ich ertappe mich immer wieder, wenn ich zuhöre, dabei, dass mir tausend Gedanken durch den Kopf schießen. Ich höre etwas und schon fallen mir alle möglichen Dinge ein, wie das bei mir so ist. Dann passiert es leicht, dass ich mich mehr mit mir beschäftige, als mit dem anderen. Ich kann mich nicht mehr einlassen auf den anderen.

Und dann habe ich natürlich Ideen. Ratschläge entstehen in meinem Kopf sofort. Sätze wie: „Da könntest du doch das tun. Bei mir war es genauso. Oder: Das ist mir auch schon passiert. Und ich habe dann folgendes gemacht.“  – Ich höre dann nicht mehr zu.

Mir geht es ja auch so: Wenn ich jemanden zum Zuhören brauche und bekomme dann Ratschläge oder die Erlebnisse des anderen erzählt, finde ich das nicht so toll.

Es gibt einen wunderschönen Text von Thomas Gordon in seinem Buch „Die neuen Beziehungskonferenz“ (T. Gordon: Die neue Beziehungskonferenz, 2002), in dem es um das Zuhören geht:

„Wenn ich dich bitte, mir zuzuhören und du fängst an, mir Ratschläge zu geben, dann tust du nicht, worum ich dich bitte.

Wenn ich dich bitte, mir zuzuhören, und du fängst an, mir zu erzählen warum ich so und nicht anders fühlen muss, trampelst du auf meinen Gefühlen herum.

Wenn ich dich bitte, mir zuzuhören, und du denkst, du musst etwas tun, um mein Problem zu lösen, hast du nicht verstanden, so merkwürdig das klingen mag.

Hör zu!“

Ich finde wirklich: Es ist gar nicht so leicht! Das mit dem Zuhören. Und doch glaube ich, es lohnt sich, daran zu arbeiten und das Zuhören zu lernen. Ich möchte ja auch, dass mir ein anderer so zuhört. Und manchmal, wenn ich einen Menschen brauche, der mir zuhört, aber keiner da ist, dann erinnere ich mich an den Schluss des Textes von Thomas Gordon. Der Schluss lautet:

„Vielleicht ist das der Grund, warum Gebete manchmal für Menschen wirken…,

weil Gott stumm ist und keine Ratschläge erteilt oder versucht, die Dinge in Ordnung zu bringen.

Er (oder sie) hört einfach zu, und lässt es uns selbst herausfinden.“

Mir hilft das tatsächlich: Manchmal einfach nur Gott meine Geschichte oder meine Sorgen zu erzählen. Er unterbricht mich nicht. Mancher würde vielleicht sagen: weil es ihn nicht gibt. Aber ich glaube: Weil er mir zuhört.

Diskurse statt Wahrheiten

Eine Buchvorstellung und Glosse zugleich

Eine Freundin schenkt mir ein Buch zum Geburtstag: „Der Jude Jesus und die Zukunft des Christentums“, von Norbert Reck. Der Haupttitel klingt eher unspektakulär, der Untertitel lässt ahnen, dass es ans „Eingemachte“ geht, zumindest in der katholischen Kirche: „Zum Riss zwischen Dogma und Bibel“. Und dann steht da noch: „Ein Lösungsvorschlag“. Das ist gewagt, denke ich, wenn jemand den Anspruch erhebt, er hätte eine Lösung.

Reck interessiert sich weniger für das, was derzeit als Krise verhandelt wird zwischen verübtem Missbrauch und verweigerter Frauenpriesterweihe, sondern geht in seinem Essay der Frage nach, „warum der christliche Glaube in Westeuropa sich immer schwerer erzählen lässt und warum immer mehr Menschen dem Christentum den Rücken kehren.“ Er beschreitet keine synodalen Wege, schlägt sich aber genausowenig auf die Seite der (Neu-)Evangelisierung, und schon gar nicht will er missionieren, denn er sucht und findet eine Spur in den Einsichten der frühesten Opfer christlichen Superioritätsdenkens: im Judentum.

Biblische Einsichten

Es sind biblische Einsichten, denn die Bibel wurde ja nicht im Christentum, sondern im Judentum erfunden. Oder besser gesagt: Sie ist Ausdruck jüdischen Denkens und Lebens, denn sie ist vielstimmig und nicht auf einen Nenner zu bringen, vermutlich nicht einmal auf einen christologischen.
Das soll nun kein Einwand gegen den Glauben an Jesus Christus sein, aber dieser Glaube entspringt seinerseits einem ausgesprochen biblischen – und jüdischen Vorgang: dem Diskurs.
Um es gleich zu sagen: das ist die Lösung, die Reck ins Spiel bringt. Diskurse statt Wahrheiten. Denn die Versuche, ewige Wahrheiten festzuhalten“, seien mit dem Einbruch der Moderne endgültig gescheitert. Mit dem Anspruch, letztgültige Wahrheiten zu besitzen, lässt sich bequem Macht und Kontrolle ausüben, doch wenn diese Wahrheiten sich vom gelebten Leben und seinen Deutungen (den jeweiligen Diskursen) ablösen und zu leeren Chiffren verkommen, läuft jede Kontrolle ins Leere und verblasst die Macht. Dieser Zustand ist der Kirche des Westens sattsam vertraut. Daran wird sich aber nichts ändern, solange das eigene Offenbarungsverständnis im Gegensatz zu der Einsicht steht, „dass vergänglichen Menschen der unmittelbare Zugang zur absoluten Wahrheit nicht möglich ist.“

Diesseitigkeit

Diskurse sind der Ausdruck einer zeit- und kulturabhängigen Auseinandersetzung mit den Fragen der jeweiligen Gegenwart. Vermutlich kann man den Begriff auch noch anders definieren, aber so präsentieren sich die biblischen Texte, von denen kein vernünftig arbeitender Exeget mehr behaupten würden, sie seien (dem Wortlaut nach) „Wort Gottes“, sondern sie bezeugen das Wirken Gottes in den geschichtlichen Erfahrungen Israels bzw. des Judentums und, in der Folge, der frühen Kirche. Sie sind das Ergebnis von Diskursen.
Während aber in der jüdischen Tradition der Diskurs bis heute andauert, ist die Entwicklung im Christentum in die entgegengesetzte Richtung gegangen. Die Kirche hat den Weg der Vereinheitlichung eingeschlagen, hin zur Orthodoxie, der „rechten Lehre“ über die „Heilstatsachen“.
Hatte es damit zu tun, dass der Gekreuzigte als Messias den jüdischen Zeitgenossen seiner Jünger im ersten Jahrhundert aufgrund der Tora nicht vermittelbar war? Hinzu kam, dass seine „Wiederkunft“ ausblieb und die Hoffnung der Christen sich zunehmend auf das „Jenseits“ richtete, während das Judentum weitgehend bei jener unabweisbaren „Diesseitigkeit“ der biblischen Texte blieb, die das göttliche Wirken in einem gelingenden Leben in dieser Welt sucht.
Reck führt in diesem Zusammenhang das Exodusnarrativ an, in dem die Befreiung aus dem Sklavenhaus als erstes der „Zehn Worte“ gilt.
Narrative nehmen immer wieder neue Gestalt an, sie lassen sich unter veränderten Bedingungen neu erzählen. Wenn es große Narrative sind wie die biblischen, ist dies sogar über Jahrhunderte hinweg möglich.
Dogmen tun sich da schwerer. Sie müssen quasi „vorgeschrieben“ werden, denn sie dulden keinen Widerspruch und wollen nicht Gegenstand von Diskursen sein. Dogmatiker mögen mich korrigieren, wenn es sich anders verhält.

Was kann ich bezeugen

Für meinen Teil bleibe ich dennoch lieber beim Diskurs. Ich plädiere fürs Erzählen, für Rede und Gegenrede und für die offene Suche nach einer Wahrheit, an die ich glaube, von der ich aber nicht glaube, dass man sie besitzen kann. Ich halte mich dabei an die drei Fragen, die Arnold Stadler 1999 in seiner Büchnerpreisrede formuliert hat:

Was habe ich für einen Platz bekommen?
Was habe ich gesehen?
Was kann ich bezeugen?

Das ist der Weg der Bibel, im Plural natürlich. Sie hat ihren Platz nie anderswo gesucht als „in der Welt“, in einer diesseitigen Welt, wohlgemerkt. Denn dahin hat es offenbar auch Gott unaufhaltsam gezogen, den Gott des Exodus ebenso wie Jesus den Menschensohn. Letzterer hat sich übrigens einen ziemlich begrenzten Platz in der Geschichte ausgesucht. Aber das hat gereicht, um eine grenzenlose Geschichte in die Welt zu setzen.

Dr. Andrea Pichlmeier, Diözesanleiterin Passau

Maske mal ganz anders

„Eintritt nur mit Maske!“ „Bitte setzen Sie Ihre Mund-Nasen-Bedeckung auf!“ „Maskenpflicht!“ So oder ähnlich lauten seit Monaten Erinnerungen oder Aufforderungen in der leidigen Corona Zeit.

Diese sind natürlich richtig und angemessen, denn es gilt, sich und andere vor der gefährlichen Ansteckung zu schützen. Von daher die Maske möglichst in allen Gesichtern.

Ansonsten kennen wir Masken eher nur noch im Theater oder beim Fasching und Karneval, wie etwa beim berühmten Maskenball.

Die Maske könnte uns aber auch mal ganz anders begegnen und uns wichtige Einsichten sagen:

„Ich heiße Maske. Eigentlich kommt mein Name aus dem Arabischen, mashkaret, und bedeutet Possenreißer. Aber das ist schon eine spätere Bedeutung. Ursprünglich gehöre ich zu den Geistern und Dämonen. Fast in jeder alten Religion trete ich auf und offenbare, was man nicht auf den ersten Blick sieht. Durch mich wurde sichtbar, dass es auch noch andere Mächte und Gewalten gibt, die den Menschen durchaus negativ beeinflussen können. Leider wurde ich im Laufe der Zeit verharmlost und nicht mehr ernst genommen. Man drehte meine ursprüngliche Funktion um: nicht mehr offenbaren, sondern verbergen sollte ich. So sagt ihr ja auch manchmal: Der oder die verbirgt das Gesicht hinter einer Maske. Oder wenn jemand ehrlich wird: Jetzt lässt er seine Maske fallen und zeigt sein wahres Gesicht.

Offenbar möchten die Menschen gar nicht so gern, dass man ihnen in die Augen sehen kann. Sie möchten lieber selber alles sehen, aber nicht gesehen werden. Sie spiegeln lieber falsche Tatsachen vor als dass sie sich selber im Spiegel anschauen.

Im Grunde bin ich nicht sehr glücklich, dass die Menschen aus mir ein Mittel zum Versteckspiel gemacht haben. Denn das Angesicht gibt doch dem Menschen Ansehen. Das Gesicht zeigt seine Seele. Ja, „die Liebe bedarf zutiefst des Gesichtes“ wie einer eurer Philosophen sehr schön sagt. (Hans Blumenberg) So ist doch Sehen und Gesehen werden ungeheuer wichtig für euer Leben.

Die Bibel sagt, dass wir erst recht keinen Grund haben, uns zu verstecken. Denn der Mensch hat ein unvergleichliches Ansehen bekommen durch GOTT. Demnach seid ihr sogar Abbilder Gottes. Euer Gesicht offenbart etwas von der Würde und Größe Gottes. Ihr könntet im ursprünglichen Sinn des Wortes meine Aufgabe wieder erfüllen: offenbaren, zeigen, deutlich machen, und zwar die positive Wirklichkeit des Lebens, die gute Macht, die den Menschen trägt und jedem eine unantastbare Würde verleiht.

Ich will euch mit diesen Worten und meinem nötigen Gebrauch in dieser Zeit die Lebensfreude nicht verderben. Ich möchte euch nur aufmerksam machen, in welch bedeutsamer Tradition ihr steht, wenn ihr so etwas wie mich in diesen Tagen tragen müsst. Es wäre sehr erfreulich, wenn das bald nicht mehr nötig ist. Dann könnt ihr mich ruhig wieder beiseitelegen und euer wahres Antlitz zeigen.“

H.-Konrad Harmansa, Leipzig

Die Bibel. Ein Buch randvoll mit Wahrheit  – für uns

Hat sich wirklich alles so abgespielt, wie es in der Bibel steht? Dies Frage wird in Bibelgesprächen oder Bibel-Kursen immer wieder gestellt. Für viele Menschen hängt die Frage nach der „Wahrheit“ der Bibel vor allem an ihrer Zuverlässigkeit als historische Quelle. Deshalb wird auch immer wieder nach den Resten der Arche Noah gesucht. Oder die Erzählung von der Speisung der Fünftausend wird gern so erklärt, alle hätten etwas dabeigehabt, es aber erst einmal für sich behalten wollen. Aber schließlich hätten alle ihre Verpflegung aus den Taschen gekramt und geteilt. Wenn jede/r gibt, was er hat …

Müssen wir als gute Christen wirklich Wort für Wort glauben, was in der Bibel steht? In der Bibelwissenschaft ist es heute keine Frage mehr, dass die biblischen Texte nicht exakt protokollieren, was historisch passiert ist. Die biblischen Texte sind durchweg mehr story als history. Und dass eine Story/eine Erzählung oft eine größere Kraft hat als historische Ereignisse, das hat der Ägyptologe Jan Assmann mit seinen Überlegungen zu Mose und dem Exodus eindrucksvoll gezeigt: Historisch ist der Exodus als Massenauswanderung des Volkes Israel aus Ägypten in den archäologischen Zeugnissen nicht belegt. Aber die Story/ die Erzählung des Exodusbuches ist so stark, dass sie sich in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegraben hat und Christentum und Judentum bis heute nachhaltig prägt.

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist für katholische Gläubige klar, dass die Bibel „Gottes Wort in Menschenwort“ ist. Und wie jedes Menschenwort ist auch die Bibel nicht ohne Interpretation zu verstehen. Schon jede Übersetzung ist eine Interpretation des ursprachlichen Textes. Jedes Lesen oder Vorlesen interpretiert den Text. Das Konzil versteht den biblischen Text darum auch nicht als fest gemeißelte Wahrheit, sondern als dialogisches Kommunikationsgeschehen zwischen Gott und Menschen. Die Wahrheit der Bibel wird als Wahrheit beschrieben, die Gott „um unseres Heiles willen in den Heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“ (DV 11).

Es geht also im katholischen Schriftverständnis darum, die Schrift als heilsamen Begegnungsraum mit Gott zu öffnen. Die Bibel als Schatz von Gottes- und Lebenserfahrungen kann soll für unser Leben heilsam, ein Wegweiser werden. Doch wie geht das? Die Bibel ist doch oft so schwierig?

Vereinfacht gesagt fordern die neueren Bibeldokumente aus Rom dazu auf, beim Lesen eines Bibeltextes sich nicht mit der Frage: Was ist damals passiert? stehen zu bleiben und sich mit den eigenen Antworten zufrieden zu geben, sondern in Übereinstimmung mit bibelwissenschaftlichen Erkenntnissen und im Horizont der Interpretationsgemeinschaft „Kirche“ weiter zu fragen: Was will der Text aussagen? Was sagt der Text als theologischer Text über/von Gott? Wozu will er Menschen bewegen?

Man kann ganz einfach in einem ersten Schritt mit dieser Art von Lektüre anfangen. Wir müssen lernen, Bibelstellen „kontextuell“ zu lesen. Das bedeutet:

  1. Der Zusammenhang einer Schriftstelle im Buch, im Kanon der Schriften, ist unbedingt zu beachten. Also bei einer Bibelstelle immer schauen: Wo steht sie? Was steht davor, was danach? Wie klingt sie in ihrem weiteren Umfeld? Gibt es andere Stellen der Bibel, die mit dieser Stelle zusammenklingen? Oder ihr widersprechen?
  2. Das Wort „kontextuell“ dürfen wir auch noch anders verstehen: Die Schriften sind von der jüdischen und den christlichen Glaubens-Gemeinschaften zu heiligen Schriften erklärt worden. In diesen Glaubensgemeinschaften werden sie gelesen, ausgelegt und gelebt. Darum ist die Lektüre der Bibel in Gemeinschaft, in einem Bibelkreis oder in einer Lectio-Divina-Gruppe so ergiebig. Hier, beim gemeinsamen gründlichen Lesen und Hören auf die Schrift weht der Gottesgeist und einengende Missverständnisse können leichter vermieden werden.

Nach und nach werden wir der Wahrheit der Schrift für uns und unser Leben immer mehr auf die Spur kommen. Und Hunger auf mehr bekommen!

Bettina Eltrop, Kath. Bibelwerk e.V., Stuttgart

Den Artikel finden Sie auch in gedruckter Form im Magazin „Nordlicht“ des Pastoralverbunds Nördliches Siegerland.