Fürchte dich nicht!

Es ist wieder diese Zeit, in der die doch eher bekannteren Jesaja-Texte gelesen werden: Der junge Trieb, der aus einem scheinbar toten Baumstumpf hervorsprießt (Jes 11,1-10), der Jubel über geschenktes, überraschendes und neues Leben sowie über die Befreiung aus widrigen Situationen (Jes 35,1-6b.10), vor allem auch die Lichtmetapher, die im Advent und in der Weihnachtszeit eine so wichtige Rolle spielt (Jes 9,1-6).

Und doch wollen mir diese Texte in diesem Jahr nicht so richtig ’schmecken‘: Liegt es daran, dass sie mir über die Jahre schon so vertraut geworden sind und mir das in ihnen liegende überraschend radikale Potenzial, das sprichwörtlich Not-Wendende nicht mehr so deutlich hervortritt? Oder dass mir die Lichtmetapher mit ihrer reichhaltigen Verwendung und ihren Traditionen gerade in der Adventszeit- und Weihnachtszeit oft zu ‚billig‘ geworden ist, zu unbedacht dahingesagt oder -gesungen? Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass mir der Zugang dazu in diesem Jahr besonders schwer fällt, weil um mich herum so wenig Lichtvolles zu sein scheint: Klimakrise und Kriege, Existenzängste und Polarisierungen, Nachwirkungen der Pandemie und Einsamkeit …

Umso mehr stößt bei mir in diesem Jahr ein anderer weihnachtlicher Text auf Resonanz, den Lukas erzählt:

8 In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.
9 Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr.
10 Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll:
11 Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.
(Lk 2,8-11)

Es ist dieses erste Wort an die Hirten: Fürchtet euch nicht! Und ich könnte in der Bibel weiter blättern, immer wieder, wenn Gott dem Menschen auf verschiedene Weise in Erscheinung tritt, heißt es zunächst: Fürchte dich nicht! Sicher, der Franziskaner und Buchautor Richard Rohr weist in einer seiner Schriften darauf hin, diese Aufforderung gilt zunächst dem Ereignis der Begegnung Gottes selbst mit dem Menschen: Obwohl, wie es Lukas erzählt, „die Herrlichkeit des Herrn“ die Hirten umstrahlt, so scheinen sie erst einmal nicht ganz sicher zu sein, was jetzt passieren wird. Wenn Gott kommt, bedeutet das im tiefsitzenden Denken der Menschheits- und Religionsgeschichte erst einmal nichts Gutes, sondern es wird eher unbequem. Dagegen der Engel: Fürchtet euch nicht! Wenn man diesen Ausspruch in der Bibel zählt, wird man feststellen, dass es die häufigste Anredeformel ist in der Begegnung Gottes mit dem Menschen. Sobald Gott ihm also ‚auf die Pelle rückt‘, heißt es erst einmal: Fürchte dich nicht!1

Könnte es nicht sein, dass dies ein roter Faden durch die gesamte biblische Botschaft ist? Dass es, von Genesis über die Bücher der Geschichte und den Propheten – allen voran Jesaja mit elf Treffern! – bis hin zu den neutestamentlichen Schriften die heimliche Handschrift Gottes ist, die sich durch die gesamte biblische Offenbarung zieht: Fürchte dich nicht! Immer und immer wieder … Und ließe sich hier nicht auch der Umkehrschluss ziehen: Dass nämlich in Situationen der Angst und des scheinbar bevorstehenden Unheils – noch einmal: genau das war ja über Generationen gedanklich mit dem ‚Auftreten‘ Gottes verbunden – Gott in Wirklichkeit am allernächsten ist, so dass sein erster Zuspruch immer wieder aufs Neue sein wird: Fürchte dich nicht?

Ich meine, die gesamte biblische Botschaft ist durchzogen von dieser Grundaussage, ja allein in den Erzählungen über Jesus von Nazareth lassen sich etliche Andeutungen dazu finden.2 Noch mehr als alle Andeutung ist dann das, was mit der Menschwerdung Gottes an Weihnachten letztlich beginnt: Gott ist nicht mehr ’nur‘ nah, er selbst begibt sich hinein in Leid und Tod und durchdringt es damit selbst: es ist und bleibt der tiefste Kern christlichen Glaubens und Hoffens: Fürchte dich nicht!

Es ist mein diesjähriger adventlich-weihnachtlicher Text. Fürchte dich nicht, bei allem, was du gerade erlebst in einer „taumelnden Welt“, wie es der Theologe Paul Zulehner zusammen mit Tomáš Halik und Annette Schavan in einem Aufruf3 neulich treffend formulierte. Sei voller Hoffnung, denn gerade, wenn alles scheinbar unheilvoll wirkt, bin ich zutiefst da: Fürchte dich nicht!

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1 Vgl. Rohr, Richard: Ins Herz geschrieben. Die Weisheit der Bibel als spiritueller Weg, Freiburg 2010, 21-22
2 Vgl. Mt 6,25-34; 8,23-27; 28,20b; Lk 17,21
3 https://www.zulehner.org/site/projekte/religionenhoffnungfuerein

Ansgar Hoffmann, Diözesanleiter für das Katholische Bibelwerk im Bistum Dresden-Meißen

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Warum so abwertend, lieber Papst Franziskus?

Am Sonntag hat Papst Franziskus in seiner Predigt dazu aufgerufen, sich von populistischen Äußerungen nicht in die Irre führen zu lassen. Ich bin sehr einverstanden, wenn er dabei an Rechtsradikalismus, Antisemitismus, Verschwörungstheorien und anderes denkt.

Aber: Er sprach wörtlich „von den Sirenen des Populismus, die verführen bzw. verzaubern“. Sirenen (zur Erinnerung!) sind diese weiblichen Mischwesen aus der griechischen Mythologie, die Seeleute in den Tod locken und denen der Held Odysseus gerade so mit einer List entkommen konnte. Wieso benutzt der Papst hier ohne Not eine Metapher, die eine negative Assoziation im Blick auf Frauen automatisch mitschwingen lässt? Der Held ist derjenige, der den verführerischen und todbringenden Frauenstimmen widersteht? Wieso spricht er nicht zum Beispiel von den lauten Stimmen, den Trompeten, den vereinfachenden Erzählungen des Populismus? 

Mir fiel das auf, weil ich nur einige Tage zuvor entsetzt folgenden Satz von ihm gelesen habe: „Ihr seid Männer, verhaltet euch wie Männer, seid keine geschwätzigen alten Frauen, bitte.“

So sprach Papst Franziskus zu Leitern von Seminaren zur Priesterausbildung. Auch hier verwendet er ohne Not eine frauenverachtende Sprache. Es würde vollkommen ausreichen, den Priestern zu sagen, dass Klatsch und Tratsch andere Menschen zerstören können. Denn immer ist es besser, eine direkte Kommunikation zu pflegen, als Gerüchte und Stimmungsmache zu betreiben.

Aber wozu bitte dient in einer Redesituation mit Männern der Vergleich mit „alten Frauen“? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Was ist schlimmer: Dass tratschenden Männer einander Schaden zufügen oder dass sie dadurch eine wie auch immer vorgestellte „Männlichkeit“ verlieren?

Was macht denn einen Mann zum Mann? Es geht doch bei „Klatsch und Tratsch“ nicht um körperliche, genetische, irgendwie geschlechtsspezifische Eigenschaften, sondern um Charakterbildung. Denn gerade die angemahnte Ehrlichkeit und ein respektvoller Umgang miteinander sind Tugenden, die alle Menschen entwickeln sollten. Beides ist weder vom Geschlecht noch vom Alter abhängig. Hier das Klischee des „alten Klatschweibs“ als Negativfolie zu verwenden ist misogyn. Sollte es witzig gemeint sein, dann ist der Witz leider von der Sorte, die über Abwertung und Diskriminierung funktioniert und deshalb auch nicht lustig. Dieser Vergleich ist patriarchal und des Papstamtes unwürdig. Diese Aussage hat nicht nur bei mir Irritationen hinterlassen (vgl. den Standpunkt von Herrn Brüwer: https://www.katholisch.de/artikel/42012-geschwaetzige-alte-frauen-der-papst-hat-ein-frauenproblem).

Ein Blick in die Bibel könnte die Perspektive weiten und vor sexistischen Klischees und Abwertungen bewahren: Am Anfang war alles gut: Die Menschen arbeiteten partnerschaftlich an der Bewahrung der Schöpfung (vgl. Gen 1,27ff.). Um die täglich erlebte Hierarchie der Geschlechter und die Abwertungen zu erklären, erzählen die biblischen Texte vom sogenannten Sündenfall und dessen Folgen. Das ist die alltägliche Realität, aber nicht die biblische Vision! Und spätestens mit Paulus ist klar ausgesprochen, dass jede Art von Abwertung, Statusdenken und Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes nicht christlich ist. Denn in Christus gibt es nicht mehr „Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich“ (vgl. Gal 3,28). Dieser Realität in Christus innerhalb der Kirche mehr Raum zu verschaffen ist notwendig, um als Kirche dem Evangelium treu zu bleiben. Dafür arbeitet der Synodale Weg und vielleicht gelingt es unseren Bischöfen, das aktuell in Rom zu verdeutlichen.

Dr. Katrin Brockmöller, Direktorin Katholisches Bibelwerk e.V., Beraterin im Forum IV des Synodalen Weges

Schwelle, Schweigen, Stimme

Biblisch inspirierte Gedanken im Kontext eines interdisziplinären Forschungsprojektes mit Koma-Patient:innen

Die vergangenen fünf Jahre konnte ich ehrenamtlich an einem interdisziplinären, klinischen Forschungsprojekt mitarbeiten, in dessen Mittelpunkt Koma-Patient:innen standen, die sich (aus unterschiedlichen Gründen) in den tiefsten Stufen der Sedierung befanden (RASS -4 und RASS -5), in denen sie keine Reaktionen auf Ansprache oder körperliche Reize mehr zeigten. Im Rahmen des Projekts absolvierten interdisziplinäre Tandems unter festgelegten Bedingungen und Fragestellungen mehrere Besuche bei Koma-Patient:innnen. Dabei ging es u.a. um die Frage, ob und wie „Kommunikation“ mit solchen Patient:innen möglich ist, die sich in einem Zustand befinden, in dem sie nur noch durch die Apparate der Intensivmedizin am Leben erhalten werden. Wie und unter welchen Voraussetzungen ist ein Kontakt möglich? Lassen sich Rahmenbedingungen, Anforderungen, allgemeine Muster etc. dafür finden? Die Veröffentlichung der Ergebnisse dieser Studie ist in Vorbereitung; an dieser Stelle seien lediglich einige persönliche Eindrücke und Erfahrungen ins Wort gebracht.

1. Die Schwelle als Ort des Übergangs und der Begegnung

Jede Begegnung mit Koma-Patient:innen auf der Intensivstation war eine Begegnung verschiedener „Welten“, genauer: zweier Welten (Patient:in und ich) im Kontext einer dritten Welt (Intensivstation).Für mich war jeder Besuch durch mehrere Stufen des Übergangs bzw. durch mehrere Schwellen geprägt: Von der äußeren Welt der Großstadt und meines Alltags in die Welt der Klinik – von der Welt der Klinik in den Kosmos der Intensivstation – v.a. aber vom Flur der Intensivstation in das Zimmer der/des Koma-Patient:in.

Schwellen können dabei Orte der Unsicherheit, des Übergangs, des Bewusstwerdens von Veränderung, des Ungewissen sein – und zugleich Orte des Neuen, der Offenheit, der Begegnung, der Neugier, der Erwartung (vgl. Goethes Satz von der Schwelle als „Ort der Erwartung“). So spielte die bewusste Wahrnehmung und Gestaltung der Schwelle bzw. Schwellensituationen für mich sehr bald eine wichtige Rolle.

Jeder meiner Besuche war – am Anfang mehr als später– mit Gefühlen der Unsicherheit und der Ungewissheit verbunden: Was erwartet mich? Was soll ich an einem Ort „tun“, an dem es für mich (als Laie ohne medizinische oder seelsorgerliche Funktion) eigentlich nichts zu tun gibt – außer da zu sein? Wie reagieren evtl. anwesende Dritte (Pflegekräfte, Angehörige, Teampartner:innen)?

2. Die Schwelle als Ort gesteigerter Sensibilität und Offenheit

Hinzu kamen Scham- und Unsicherheitsgefühle über die Verletzung der Privatsphäre anderer Menschen, der „Grenzüberschreitung“ in die Welt anderer, mir bis dahin fremder Personen. Auch wenn jeder Besuch nur mit Zustimmung der Angehörigen stattfand, blieb bis zuletzt ein Gefühl der Unsicherheit und des Respekts. Umso wichtiger wurde für mich, im Laufe der Besuche das Überschreiten der Schwelle bewusst zu vollziehen, mit „innerer“ Vorlauf- und Vorbereitungszeit und durch bewusstes Wahrnehmen der beiden „Räume“ bzw. „Orte“ diesseits und jenseits der Schwelle. Die bauliche Schleuse des Vorzimmers auf der Intensivstation erwies sich dabei als ein auch innerlich hilfreiches Konstrukt.

Zugleich erlebte ich solche Schwellensituationen als bereichernd und horizonterweiternd: Die Begegnung mit einem unbekannten Menschen wurde nicht nur durch die besonderen Umstände (Koma, Abhängigkeit, Ungefragtheit des Besuchs etc.), sondern ebenso durch meine eigene Neugier und Offenheit gegenüber diesem Menschen und dem, was sich ereignen sollte, bestimmt.

3. Begegnungen, nicht nur Besuche

Bei den Besuchsterminen wurde mir klar, dass es nicht nur Besuche, sondern Begegnungen waren. Es fand nicht nur Kontakt, sondern „Kommunikation“ statt. Auch wenn sich diese Kommunikation nicht vereinheitlichen oder bestimmte Muster, Regelmäßigkeiten oder nachvollziehbare Abläufe dafür finden ließen – es wurde sehr bald deutlich, dass sich dabei „Welten begegneten“ – unterschiedlich intensiv, unterschiedlich in ihrer Art der Begegnung, aber doch erfahrbar.

Mein Zugang war dementsprechend geprägt von einer erwartungsfreien, sensiblen Offenheit: Erwartungsfrei, weil das Kommunikationsgeschehen nicht erzwingbar, nicht aktiv steuerbar (sondern nur reaktiv erfahrbar) und unerwartet geschah. Sensibel, weil diese Offenheit offene Sinne voraussetzte und zugleich meine Sinne jedes Mal (neu) schärfte. Und Offenheit, weil Da-Sein und Anwesend-Sein bereits „alles“ war – ein vorbereitendes, achtsames, offenes, aber zugleich zweckfreies und erwartungsloses Da-Sein.

Aus dieser Haltung der erwartungsfreien, sensiblen Offenheit ergaben sich immer wieder überraschende Erfahrungen.

4. Schweigen als Brücke zwischen den Welten

Ein entscheidendes Element wurde dabei das Schweigen. Kein leeres, abwartendes, nervös oder unruhig machendes Schweigen, sondern ein „hörendes“, sensibles Schweigen, das im Idealfall Begegnung der beiden Welten ermöglichte und so weiterführende Erfahrungen und Erkenntnisse zuließ.

Schweigen als doppelter Prozess: Als Weg nach innen, um zur Ruhe zu kommen und in Abstand zum Außen der Welt zu kommen. Zugleich auch als Weg nach außen, um den/die andere/n wahrzunehmen, die Sinne zu schärfen für Begegnung und Wahrnehmung, für Kommunikation und Resonanz.

5. Offenheit für die „Stimme verschwebenden Schweigens“ (Martin Buber)

Im Laufe der Jahre eröffneten sich bei meinen Besuchen immer wieder biblisch assoziierte Zusammenhänge. So wurde zum Beispiel die Erzählung im ersten Buch der Könige über die Begegnung des Propheten Elija mit Gott (1 Könige 19) für mich zu einer perspektivenöffnenden Erfahrung.

Der Erzählung liegt die zentrale religiöse Frage nach Möglichkeit und Bedingung von Gotteserfahrung zugrunde: Kann ich überhaupt (und wenn ja: WIE kann ich) Gott „begegnen“? Solche Begegnungen lassen sich weder planen noch erzwingen, sie verlaufen oft überraschend und anders als gedacht, unerwartbar – manchmal enttäuschend, manchmal erschreckend, jedoch fast immer wirkungs-voll. Als disclosure-Erfahrungen – Erschließungserfahrungen mit „Aha-Effekt“ – können sie jedenfalls neue Perspektiven auf die eigene wie die Um-Welt eröffnen.

6. Biblisch inspirierte Aspekte von Begegnung

Zurück zur Geschichte in 1 Könige. Am Gottesberg Horeb kündigt Gott an, dass er sich dem Propheten Elija zeigen werde – obwohl das nach jüdischem Verständnis eigentlich unmöglich ist: Wer Gott von Angesicht zu Angesicht schaut, muss sterben (vgl. Exodus 33,20; nicht zuletzt deshalb bedeckt Elija sein Haupt mit seinem Mantel).

Der Text (nach der Basisbibel):

1 Könige 19

11Da sprach Gott zu ihm (Elija): »Komm heraus! Stell dich auf den Berg vor den Herrn!«

Und wirklich, der Herr ging vorüber: Zuerst kam ein gewaltiger Sturm, der Berge sprengte und Felsen zerbrach. Der zog vor dem Herrn her, aber der Herr war nicht im Sturm.

Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Aber der Herr war nicht im Erdbeben.

12Nach dem Erdbeben kam ein Feuer. Aber der Herr war nicht im Feuer.

Nach dem Feuer kam ein sanftes, feines Flüstern.

13Als Elija das hörte, bedeckte er das Gesicht mit seinem Mantel. Dann trat er aus der Höhle heraus und stellte sich an ihren Eingang.

Im Kontext dieser Geschichte ergaben sich für mich im Laufe der Mitarbeit an diesem Projekt u.a. vier grundlegende Aspekte von Begegnung:

  • Begegnung/Kommunikation ist ein vorüber-gehendes Geschehen („Und wirklich: Der Herr ging vorüber“), also Prozess, Entwicklung, Dynamik, aktives Geschehen, vorüber-gehend, sich verändernd, nicht festzuhalten. Dies unterstreicht den Aspekt der Offenheit.
  • Begegnung ist unerwartbar anders – und leicht zu übersehen/überhören: Gott zeigt sich nicht in den großen, filmreifen Momenten, in den klassischen Offenbarungsszenarien wie Sturm, Feuer, Erdbeben, Katastrophen. Gott zeigt sich im leisen Säuseln, Flüstern („Nach dem Feuer kam ein sanftes, feines Flüstern. Als Elija das hörte, bedeckte er sein Gesicht mit seinem Mantel. Dann trat er aus der Höhle heraus …“). Schweigen, ruhiges, abwartendes, sensibles, achtsames Schweigen ermöglicht Begegnung und Kommunikation.
  • Begegnung lässt eine schweigende Stimme hörbar werden: Martin Buber hat eine bis heute sprachlich unerreichte Übersetzung des Alten Testaments verfasst. In seiner Übertragung dieser Geschichte folgt auf das Feuer eine „Stimme verschwebenden Schweigens“. Dieses paradoxe Bild einer Stimme, die im Schweigen verschwebt, ist für mich ein Bild für die Art der Begegnung, die ich bei meinen Besuchen bei Koma-Patient:innen erfahren habe: Das Überschreiten der Schwelle in erwartungsfreier, sensibler Offenheit führt äußerlich ins Schweigen (und bleibt dort bis zum Schluss) – denn im Koma ist keine direkte Kommunikation oder Begegnung möglich. Es kann aber im Idealfall (keineswegs immer und automatisch), sozusagen im Vorübergehen, Begegnung ermöglichen und eine „Stimme“ hörbar werden lassen, die sich als „verschwebendes Schweigen“ erfahren lässt.
  • Elija tritt erst aus der Höhle, nachdem er das leise Säuseln vernommen hat. Als er heraustritt, ist Gott bereits vorübergezogen. Das bedeutet: Gott lässt sich nur von hinten, im Rücken sehen (vgl. Exodus 33,23). Begegnung ist immer erst „danach“, im Nachhinein, in der Rückschau als Begegnung erfahrbar. Auch dies unterstreicht meinen Ansatz der Offenheit.

So entwickelte sich für mich persönlich im Laufe der Zeit ein (tastender) Zugang einer erwartungsfreien, sensiblen Offenheit für die Stimme „verschwebenden Schweigens“ im Zusammentreffen mit Menschen, die zwar äußerlich scheinbar kommunikations- und resonanzunfähig waren; in Wirklichkeit ereignete sich jedoch immer wieder Begegnung, entwickelte sich immer wieder ein kommunikatives Geschehen und wurde immer wieder Resonanz erfahrbar.

Claudio Ettl ist Leiter des Katholischen Bibelwerks im Erzbistum Bamberg und stv. Direktor der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus Nürnberg

Nicht Boden, sondern Same

Es gibt Texte der Heiligen Schrift, die sind in ihrer Übersetzung so vertraut, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass das ursprachliche Original bei wörtlicher Wiedergabe etwas anderes sagt. Und je flüssiger die Übersetzung sich liest, desto weniger kommt man auf den Gedanken, Formulierungen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ein Beispiel für den beschriebenen Fall bietet Lk 8,4-15. Die Gleichniserzählung von einem Sämann, der beim Ausstreuen des Saatguts so großzügig wirft, dass manches auf den Weg, anderes auf Felsen, anderes unter die Dornen und wieder anderes auf guten Boden fällt, irritiert vielleicht in Zeiten, in denen die Landwirtschaft mit digitalem Einsatz solche „Fehlstreuung“ auf ein Minimum reduziert, ja sogar z. B. über Drohnen die Ackerflächen in sich in Quadranten mit fruchtbarem und weniger fruchtbarem Boden unterteilt, um danach die zu verteilende Samenmenge zu bemessen. Aber vom reinen Lesefluss her stört hier nichts. Hinzu kommt der seltene Fall, dass Jesus eine eigene Auslegung seines Gleichnisses bietet.

Diese liest sich in der Einheitsübersetzung (von 1980 ebenso wie in der von 2016) so:

„11 Das bedeutet das Gleichnis: Der Samen ist das Wort Gottes. 12 Auf den Weg ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort hören; dann kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und nicht gerettet werden. 13 Auf den Felsen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort freudig aufnehmen, wenn sie es hören; aber sie haben keine Wurzeln: Eine Zeit lang glauben sie, doch in der Zeit der Prüfung werden sie abtrünnig. 14 Unter die Dornen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort hören, dann aber hingehen und in Sorgen, Reichtum und Genüssen des Lebens ersticken und keine Frucht bringen. 15 Auf guten Boden ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören, daran festhalten und Frucht bringen in Geduld.“

Man möchte fast sagen: Darauf hätte man auch selber kommen können: Der Same ist das Wort Gottes und die vier Bodentypen repräsentieren die Menschen je nachdem, in welcher „Nachhaltigkeit“ sie den Samen, also das Wort Gottes in sich aufnehmen und Frucht bringen lassen. Und genau diese Selbst-Verständlichkeit wollte die Übersetzung – und hier steht die Einheitsübersetzung keineswegs allein – wohl auch herbeiführen.

Doch ganz so einfach macht es uns der griechische Text nicht. Bei möglichst genauer Übersetzung heißt es dort:

11 Das aber ist das Gleichnis:                                                                        

 Der Samen ist das Wort Gottes.

12 Die neben dem Weg sind die Hörenden; dann kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und nicht gerettet werden.

13 Die auf dem Felsen sind die, welche, wenn sie hören, das Wort gastlich aufnehmen; und sie haben keine Wurzeln: Für einen Augenblick glauben sie, und im Augenblick der Versuchung fallen sie ab.                      

14 Das unter die Dornen Gefallene sind die, die hören, und unter Sorgen, Reichtum und Vergnügungen des Vermögens gehen sie hin, ersticken und kommen nicht zur Reife.

15 Das auf dem guten Boden sind die, die – mit edlem und gutem Herzen hörend – das Wort festhalten und Frucht bringen in Geduld.

In dieser Fassung ist der Text alles andere als „selbstverständlich“. Denn die klare Trennung zwischen Same als Wort Gottes und den Menschen als Empfängern dieses Samens („bei denen …“) funktioniert nicht mehr. Indem von „Die neben dem Weg …“, „Die auf dem Felsen …“ usw. gesprochen wird in wortwörtlicher Entsprechung zum eigentlichen Gleichnis („Als er säte, fiel etwas neben den Weg  …  6 Und anderes fiel auf den Felsen ,,,“), wird die Trennung aufgehoben. Der Same ist beides: Er ist das „Wort Gottes“ und er steht zugleich für die Menschen selbst, egal mit welchem Bodentypen sie in Verbindung gebracht werden.

Damit aber entzieht das Gleichnis jeder Vorverurteilung den Boden, als könnte man schon vorab zwischen „Samen“ und „Nicht-Samen“ unterscheiden. Dem Wort Gottes wird eine selbstwirksame Kraft zugesprochen. Sie ist unaufhaltsam mit dem verkündigenden Jesus in die Welt gekommen. In dem Augenblick, wo die Rede Jesu, die mit dem Wort Gottes gleichgesetzt wird Ohren erreicht hat, hat sich dieses Wort in den Personenkern aller Hörenden eingesenkt und beginnt zu keimen und zu wachsen, und zwar so,  dass Mensch und Same miteinander identifiziert werden können. Sie werden zum Samen allein durch das „Hören“, das zunächst einmal im allgemeinsten Sinne des akustischen Hörens oder des mit dem Wort Gottes „in Kontakt kommen“ zu verstehen ist.

Von diesem „Hören“ in 8,unterscheidet sich nun das Hören „mit edlem und guten Herzen“ (Vers 15; darauf bereitet bereits Vers 8 vor: „Wer Ohren hat zum Hören, der höre!“). Da biblisch das Herz der Sitz des Denkens, Planens und Wollens ist, ist also die Frage nicht, ob jemand ein Same Gottes ist, sondern es geht um die Frage der Wurzeltiefe und der Offenheit, die Samenhülle so sprengen zu lassen, dass das Denken, Wollen und Planen in einem „edlen und guten“ Sinn erfasst wird.

Lukas stellt Gleichnis und Auslegung vor die große Weggeschichte, die von Galiläa nach Jerusalem führt und bis Lk 19,10 reicht. Dazwischen veranschaulicht der Evangelist vielfältig, wie der „Same Mensch“ aufgeht oder auch weniger aufgeht. Da ist nichts vorprogrammiert, sondern in jedem Menschen ruhen grundsätzlich die Möglichkeiten zu allen Varianten, die das Gleichnis vorstellt. Dies sei kurz am Beispiel des „unter die Dornen Gefallenen“ aufgezeigt. Die erstickenden Dornen werden durch „Sorgen, Reichtum und Vergnügungen des Vermögens (griech. biós)“ konkretisiert. Martha ist das Beispiel für eine Hörerin – sie zählt zum engsten Freundeskreis Jesu -, die ihre Besorgtheit (fünfmal verwendet Lk 10, 38-42 Worte für „Sorge“ und „sorgen“) so stark dominieren lässt, dass der nächste Schritt zum „Hören mit edlem und gutem Herzen“ ihr nicht möglich ist. Auch wenn mit der Auslegung keine Sympathiepunkte zu erreichen sind: Im Sinne des Lukas ist dies die schlechte Variante im Gegenteil zu Marias „gutem Teil“ (Vers 42), aber andererseits nur eine Momentaufnahme. Martha bleibt Same mit Frucht-Potenzial.  

Der zur Nachfolge Jesu bereiten Führungspersönlichkeit – also ein sich seines Same-Seins bewusster Mensch – scheitert, weil ihm der Reichtum (Lk 18,23: „… er war überaus reich“) mehr gilt als sein Same-Sein.

Und die „Vergnügungen des Vermögens (griechisch: biós)“? Dieses Thema reserviert sich der lukanische Jesus für den jüngeren der beiden Söhne, der den ihm zugeteilten biós seines Vaters (Lk 15,12b) im Ausland draufmacht und damit in seinem „Same-Sein“ zu scheitern droht. Doch weit gefehlt! Bei ihm haben die Wurzeln tiefer gefasst als sein finsteres Schweine-Schicksal. Der ältere Bruder, der brav, aber auch ängstlich und verbittert zuhause beim Vater geblieben war und die andere Hälfte des väterlichen biós bekommen hatte (s. wieder V. 12b) – er gelangt nicht zu einem „Hören mit edlem und gutem Herzen“. Das äußere Kennzeichen des wirklichen und fruchtbringenden Aufgehens des eigenen Same-Daseins ist die Freude, die sich nach dem Lukasevangelium vor allem durch die Mitfreude mit anderen auszeichnet.

Das ist eine Gegenbotschaft in Zeiten, in denen diese Mitfreude eher durch Neid, Gewinnsucht und kriegstreibende Machtlust ersetzt zu sein scheint. Da ist viel Same bislang nicht zu seiner Frucht gekommen. Und dennoch bleibt gültig: Die Menschen sind Same, der immer noch die Chance hat, aufzugehen.

Dr. Gunther Fleischer, Köln – Diözesanleiter Kath. Bibelwerk für die Erzdiözese Köln

Wie beten in Leid, Not und Krieg?

Dass Not beten lehrt, stimmt für mich nicht. Im Gegenteil, je größer und existentieller die Fragen, desto schwerer fällt es mir, ins Gebet zu kommen. Intensive Gebetserfahrungen wechseln mit Durststrecken. Auch inhaltlich habe ich meine persönlichen Gebetszeiten phasenweise unterschiedlich gestaltet. Es gab Zeiten, in denen ich mit dem Stundenbuch Laudes und Vesper gebetet habe. Später habe ich mir andere Übersetzungen der Psalmen gesucht und manche in Hebräisch zu beten gelernt. Es gab Zeiten des Sitzens in Stille und Zeiten der Meditation nur weniger Schriftworte. Besonders gerne bete und singe ich in Gemeinschaft.

Nach dem Tod meines Mannes betete ich anfangs nur sporadisch und spürte keine Wirkung. Ich war oft verzweifelt. Morgens war es am schlimmsten, nach schlaflosen Nächten erst recht. Eines Tages fragte mich ein guter Freund, Psychologe, nicht Theologe, ob es mir helfen könnte, den Tag mit einem Gebet zu beginnen. Ich wusste sofort, dass es mir helfen wird. Aber ich brauchte die Erinnerung an diese wichtige Ressource.

Das Morgengebet, das ich mir umgehend suchte, unterscheidet sich wiederum von meiner früheren Gebetspraxis. Mir fielen einzelne Schriftverse ein, viele aus den Psalmen. Diese setzte ich zu einem neuen Gebet zusammen, manchmal kommen immer noch Verse hinzu. So entstand mein ganz persönlicher Psalm, der mir am Morgen Kraft gibt. Die Trauer um meinen Mann bleibt. Mit dem Gebet aber wird Gott für mich als dritte Dimension spürbar. Meine morgendliche Trostlosigkeit wird unterbrochen. Gott ist mir nahe in meinem Schmerz. Das hilft mir, die Liebe zu meinem Mann stärker zu spüren als den Verlust. Auch ein Abendgebet entstand in ähnlicher Weise. Diese Gebete sind in meinem Herzen, ich brauche sie nicht aufzuschreiben. Auswendig (par coeur, by heart) bete ich und fühle mich wieder zukunftsfähig.

Ein Gebet, das mich in der Trauer rasch erreicht hat, steht in Ijob 1,21: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen. Gepriesen sei der Name des Herrn.“ Ich betrachte zunächst die ersten beiden Sätze. Antike Menschen erwarteten das göttliche Eingreifen unmittelbar. Konsequent deuteten sie dabei nicht nur das Gute als göttliche Gabe, sondern nahmen auch ihr Leid als von Gott gegeben an. Wenn ich heute leide, kann ich Gott ebenso wenig seiner Verantwortung entpflichten. Gott verhindert das Elend nicht. Es gibt keine Erklärungen, weder für das geschenkte Glück noch für die schwere Last. Gott deshalb aufzugeben, ist für mich keine Option. Wenn ich auf leidvolle Zeiten in meinem Leben zurückblicke, sehe ich Gott an meiner Seite. Deshalb kann ich die beiden Sätze in folgender Weise verfremden: „Ich habe reich empfangen und Gott hat sich mit mir gefreut. Mir wurde genommen und Gott hat mit mir geweint.“ Der Schlusssatz in Ijob 1,21 fasst die Schicksalsgemeinschaft der Glaubenden mit Gott in wunderbarer Weise zusammen. Was immer den Betenden begegnet, es gilt: Gepriesen ist der Herr. Dieser kurze Satz inkludiert den Dank an alle seine Taten. Als Schöpfer und Erhalter des Lebens, als Hoffnung der Armen, als Naher und Liebender, aber auch als Ferner – immer ist er der Gepriesene. Mit diesem Lobpreis Gottes beginnt die Mehrzahl jüdischer Gebete, bis heute. Die Preisungen tragen die Glaubenden durch ihren Alltag.

Ein anderes Wort aus Ps 118,5 begleitet mich schon seit langer Zeit: „Aus der Enge rief ich zum Herrn, der Herr antwortete mir in der Weite.“ Der Gegensatz von Enge und Weite spricht für sich. Auch sind die beiden Begriffe nicht unbestimmt. Es geht um die Enge, um ganz konkrete Ängste des betenden Ichs. Im Deutschen sind Enge und Angst verbal verwandt. Die hebräische Wortwurzel wird auch für „Bedränger“ verwendet. Damit sind Leute gemeint, die andere einengen und (lebensgefährlich) bedrohen. Die Weite Gottes ist das Gegenbild. In ihr kann der betende Mensch aufatmen. Sein Blick weitet sich. Das hat das betende Ich erfahren. Die beiden Sätze stehen in Vergangenheit, im Urtext in einem abgeschlossenen Modus. Das betende Ich weiß darum. Dieses Erfahrungswissen ist ihm nicht mehr zu nehmen. Die Erinnerung an die geschaute Weite des Herrn hilft in neuerlicher Angst. Was das betende Ich ruft, kennen wir genauso wenig wie die Antwort Gottes. Die Inhalte können nicht allgemein formuliert werden. Sie müssen jeweils neu und individuell erkannt werden. Im Gebet genügt das Wissen, dass Gott antwortet.

Wie beten Menschen im Krieg? „Der Herr ist ein Krieger“ betet das Gottesvolk in Ex 15,3. „Der Herr setzt den Kriegen ein Ende“ lautet das Gebet in der griechischen Übersetzung des Verses wie auch in Jdt 16,2 und in Ps 46,10. Beide Sätze haben ihre Berechtigung. Das große Unrecht, das Menschen im Krieg erleiden, ist wahrlich Grund, Gott als Kriegsherrn anzuflehen. Israel hat bei solchen Gebeten Kraft gefunden, um zu überleben. Dass Gott den Kriegen ein Ende setzt, kann vielleicht erst in der Rückschau gesagt werden. Im Blick auf kommende Kriegssituationen mag diese Erfahrung die Zuversicht wach halten.

Mein Fazit: Es gibt keine Regeln, welche Gebete wann wem guttun. Ritualisiertes Gebet kann in Zeiten der Verunsicherung helfen. Andere Gebete müssen individuell und in konkreten Situationen formuliert werden. Die Bibel bietet dafür viele gute Beispiele.

Dr. Christine Abart, Traunstein – Diözesanleiterin Bibelwerk, Erzdiözese München und Freising

Umwertung aller Werte oder: Dort fängt der Friede an

Ich kann es immer noch schwer ertragen. Die täglichen Nachrichten und Bilder aus der Ukraine, die Gesichter der jungen Mütter mit ihren Kindern in unseren Zügen hier, die Berichte von Menschen, die von dort erzählen, neulich der Bericht des Bischofs von Wroclaw angesichts der dramatischen Flüchtlingssituation dort … Vor allem aber fällt mir schwer, das offensichtliche tägliche Lügen und Verdrehen von Tatsachen auszuhalten: Wie kann ein Mensch, ja kann eine ganze Regierung die Weltöffentlichkeit einfach so belügen? Wie geht das? Wie können die Verantwortlichen jeden Tag ruhig schlafen gehen?

„Er stürzt die Mächtigen vom Thron“ heißt es im Magnificat, das täglich im Stundengebet der Kirche gebetet wird. Die Dimension dieser Sehnsucht wird mir erst in diesen Tagen noch einmal vor Augen geführt, in der ich spüre, aus welch letzten Fasern meiner Selbst diese Zeile mittlerweile kommt: Wo bist du, Gott, möchte ich schreien, wann beendest Du dieses klägliche Schauspiel, wann führst du die tausenden Ermordeten und Vergewaltigten, diejenigen, deren Zukunft von heute auf morgen geraubt wurde, hin zu ihrem Recht?

Ein Wort, das mir im Zusammenhang solcher oder ähnlicher Ohnmachtssituationen immer wieder in den Sinn kommt, ist eine Aussage Jesu, die sich bei Markus oder Matthäus nachlesen lässt. Seine Jünger bitten ihn, sie mögen im Himmelreich links und rechts neben ihm sitzen, „in deiner Herrlichkeit“, heißt es. Ein Stück des so reizvollen Kuchens also, mit ‚oben‘ auf dem Treppchen stehen zu dürfen, ein bisschen etwas abzubekommen von seiner Macht und seinem Glanz, so die Vorstellung und Bitte. Jesus dreht den Spieß um und antwortet: „Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein (…) (Mk 10,42-43).

Diese Perikope, die im Zusammenhang steht mit der Ankündigung des Leidens Jesu, möchte vor allem klarstellen, was Nachfolge Jesu wirklich bedeutet: Nämlich zunächst eine Umwertung aller Werte unserer so vertrauten und gewohnten Alltags-Erfahrungswelt. Die Vorzeichen Gottes lassen die Melodie des Lebens halt ganz anders klingen, als wir uns das oft vorstellen können oder zugegebenermaßen manchmal auch ‚eigen-willig‘ gerne lieber hätten.

Was mir an dieser Stelle gefällt, ist das Subversive, das Alternative, das Ungewohnte des christlichen Glaubens. „Die kürzeste Definition von Religion: Unterbrechung“ sagt der 2019 verstorbene Theologe J. B. Metz. Unterbrechung des Gegebenen, des Vorherrschenden, dessen, was unabänderlich scheint. Unterbrechung des gnadenlosen und lethargischen „Das-ist-halt-so“. Unterbrechung eben auch von: Machthabende missbrauchen durch alle Zeiten hinweg immer wieder ihre Verantwortung, in der Welt, in der Gesellschaft und Wirtschaft, in den Kirchen. Doch es geht nicht nur um „die-da-oben“: „Bei euch aber soll es nicht so sein“ gilt gleichermaßen in Fragen von Gerechtigkeit und Teilhabe in der Gesellschaft, von Macht und Ermöglichung zum selbstverantworteten und -wirksamen Christsein, von Machtstrukturen innerhalb von Familien und Gruppen, von Freiheit und Angst in der Kirche …

Vor allem aber spricht mich die Stelle auch selbst an und stellt mir jeden Tag die Alternative meines Denkens und Handelns vor Augen: Bei dir soll es anders sein, du sollst unter einem anderen Vorzeichen als du es gemeinhin kennst, hörst, gesagt bekommst oder gewohnt bist, deine Entscheidungen durchdenken und dein Handeln ausrichten! Unter diesem Vorzeichen, so das Versprechen, wirst du mir nachfolgen.

Um auf den Beginn dieser Gedanken zurückzukommen: Die Sehnsucht bleibt. Die Sehnsucht nach Einsicht bei den Verantwortlichen angesichts der Situation in der Ukraine und dieses sinnlosen Krieges. Die Sehnsucht nach Frieden, die Sehnsucht nach einem Wirken Gottes ganz konkret in diesen Tagen … Die Erzählung „Vom Dienen und Herrschen“ im Markusevangelium allerdings lenkt den Blick dieser Sehnsucht überraschend auf mich und meine Möglichkeiten, mit Verantwortung und Macht in meinen jeweiligen Kontexten anders umzugehen. Dort fängt der Friede an.

Ansgar Hoffmann, Diözesanleiter für das Katholische Bibelwerk im Bistum Dresden-Meißen

Leben teilen

Ein fast beiläufiger Satz unter einem Foto: Meghan Markle gibt bei ihrem Besuch der invictus games ihren Mantel einer Mitarbeiterin, damit diese ihr Baby darin wärmen kann. Es mag eine kleine Geste sein, selbstverständlich geradezu. Doch sie zeigt, was geschieht, wenn sich der Blick auf mein Gegenüber richtet und eine nicht achtlos vorbeischaut. Den eigenen Mantel ausziehen und der anderen in die Hand geben, weil sie ihn jetzt braucht. Vergessen, dass es ein teures Stück ist, nicht überlegen, wann und ob ich ihn nicht doch selbst brauchen könnte und wie ich ihn wieder zurück bekomme … Es ist nicht wichtig angesichts der Not des anderen. Wichtig ist, mit meinen Möglichkeiten in dem Moment dafür zu sorgen, dass es allen so gut wie möglich geht.

Biblische Erzählungen unter dieser Perspektive bzw. mit dem Blick „Leben teilen“ zu lesen ist zutiefst erfüllend und ermutigend. In wie vielen unpassenden Momenten finden Menschen zueinander und retten einander. In wie vielen Streitsituationen sprechen Menschen das richtige Wort aus und können sich versöhnen. An wie vielen heillosen Orten bricht Lebendigkeit hervor und schenkt Menschen einen Lebenshorizont. In biblischen Erzählungen heißt Leben teilen immer auch, den Glauben zu teilen. Menschen, die einander gut tun, weil sie füreinander da sind. Es geht in den wenigsten Fällen um Reichtum, der geteilt wird. Es geht viel mehr um all das, was das Leben mit sich bringt und wo Glauben eine Lebensperspektive gibt.

Wir erleben diese biblischen Erzählungen in diesen Tagen in der ihnen eigenen Intensität. Leben teilen mit Frauen, Kindern, Männern, die ihre Heimat, ihr bisheriges Leben verlassen mussten, um Leib und Leben zu retten. Was können wir teilen? Ein Dach über dem Kopf, Essen, eine Möglichkeit, sich zu waschen, Ruhe zu finden, vor allem einen Ort, wo sie nicht mehr um ihr Leben fürchten müssen. Gleichzeitig wissen wir, dass es vor allem des liebevollen Blicks bedarf, der über die äußere Versorgung hinausgeht. Ein Blick, der Verlässlichkeit signalisiert, der Verantwortlichkeit zeigt und die Bereitschaft, gemeinsam zu überlegen, was jetzt vonnöten ist. Leben teilen schließt diesen Blick ein. Er ist nicht einseitig, sondern ein Blick, der erwidert wird, der hin und her wandert zwischen den Menschen und die Hierarchie beiseite schiebt. Er setzt den Blick Gottes auf uns in eine konkrete Praxis um, die mehr als den Überfluss teilt. Es geht um Leben. Miteinander leben. Gutes Leben. Solidarisch leben. Achtsam leben. Gemeinsam leben mit all den Höhen und Tiefen, Sorgen und Fragen, Ängsten und Zweifeln, Unsicherheiten und Geduldsproben, mit den vielen kleinen Momenten des Glücks, den Freudentränen, dem zaghaften Lächeln und dem fröhlichen Grinsen, dem Gelächter über Missverständnisse und Missgeschicke. Leben teilen mit allen Sinnen, und vor allem mit dem Herzen.

Ich habe dieses Leben teilen über viele Monate vermisst. Den schnellen, ungeplanten Besuch, bei dem oft ganz Entscheidendes gesprochen wurde. Die langen Abende mit Freudinnen und Freunden mit den Diskussionen, dem Erzählen, dem gemeinsamen Essen. Die Konzerte, die kleinen Wanderungen und Spaziergänge, den Besuch im Café, der Schwatz auf dem Flur in den Büros, die Seitengespräche bei Tagungen und Kursen, die gemeinsamen Zugfahrten, Treffen mit der Großfamilie, Unbekanntes entdecken … Momente, in denen wir Leben miteinander teilen und zur Dankbarkeit finden. Gleichzeitig bin ich achtsamer geworden und versuche, fremden Menschen einen freundlichen Blick zu schenken, manchmal ein überraschendes Wort, der Nachbarin einen Blumenstrauß ohne Anlass. Von mir selbst kann ich sagen, dass ich empfänglicher geworden bin, besser etwas annehmen kann, weil ich um das Wertvolle des Teilens mehr weiß.

Für den Mai habe ich, einer Anregung von Christina Brudereck[1] folgend, mir vorgenommen, Namen für Gott zu teilen – wie es Hagar tat. Heute gebe ich Gott den Namen … „ … die meinen Blick auf andere lenkt“. Ich bin mir sicher, dass diese Namen anderen und mir selbst von meinem Leben erzählen werden. Leben teilen und Glauben teilen gehören zusammen.
Barbara Janz-Spaeth, Stuttgart


[1] Christina Brudereck, Trotzkraft, 3. Auflage Dezember 2021, z.B. Text 24: Heute gebe ich G-tt den Namen „Grösser als meine Angst“ u.a.

Vom Tod zum Leben – Wie Maria Magdalena die Kirche zum Blickwechsel anregt

Die Initialzündung für den Synodalen Weg der Katholischen Kirche in Deutschland war das Gefühl, an einem toten Punkt angelangt zu sein, nachdem die MHG-Studie die Dimensionen des Missbrauchs in unserer Kirche deutlich werden ließ.

Auf dem Weg zur Umkehr und Erneuerung unserer Kirche wird als Zielperspektive von mehr Synodalität in unseren Strukturen und Prozessen gesprochen. Schaut man näher hin, was damit gemeint ist, so begegnen wir Begriffen bzw. Haltungen wie

  • begegnen
  • einander zuhören
  • hören auf das Wort Gottes
  • gemeinsames Fragen nach der Sendung, die uns aufgetragen ist
  • wie mit dem uns anvertrauten Auftrag zur Verkündigung umgehen
  • Erfahrungen des gemeinsamen Unterwegsseins teilen
  • geistliche Unterscheidung
  • gemeinsam beraten, entscheiden und entschieden handeln.

Genau diese Begriffe haben mich ermutigt, in der Bibel diesen Weg der Erneuerung und Umkehr zu finden. Die Stelle im Johannesevangelium, wo der Auferstandene als Erster Maria Magdalena begegnet, zeigt meines Erachtens Schritte auf, die für uns alle gangbar sind. Und so möchte ich Sie heute mitnehmen, sich von den Dialogen, die in dieser Szene geführt werden, berühren zu lassen. Mit den hier gestellten Fragen, lenke ich den Blick stärker auf bzw. in die Kirche hinein.

Hören wir nun in den Text aus dem Johannesevangelium hinein:

1 Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. 2 Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. 11Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein.12 Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. 13 Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben. 14 Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. 15 Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. 16 Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. 17 Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 18 Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.

Johannesevangelium Kapitel 20, 1-2.11-18

Johannes erzählt, dass Maria von Magdala die Erste ist, die ans Grab läuft. Sie wird im Johannesevangelium als Brückenbauerin vom Karfreitag unter dem Kreuz stehend bis hin zu Ostern beschrieben. Im Blick auf unsere derzeitige Situation in der Kirche, die eher dem Karfreitagsgefühl nahekommt, wollen wir uns von Maria Magdalena begleiten lassen, welche Schritte wir daraus hin in eine österliche Kirche gehen können.

Die erste Frage, mit der wir uns beschäftigen wollen, lautet: „Warum weinst du?“

Maria Magdalena schaut ins leere Grab hinein und sieht zwei Engel. Die Engel fragen sie: „Warum weinst du?“

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • worüber weine ich?
  • wo blicke ich in ein dunkles, leeres Grab?
  • wo stehe ich und was ist mein Impuls? Wegrennen, aushalten, weinen, schreien, umdrehen, …?

Wir haben allen Grund, mit Maria zu weinen, wenn wir auf unsere derzeitige innerkirchliche Situation schauen. Wir weinen mit den Betroffenen, über deren erfahrenes Leid im Missbrauch jeglicher Form. Wir weinen darüber, wie viele Berufungen brachliegen, weil die derzeitigen kirchenrechtlichen Strukturen, diesen Ruf nicht annehmen lassen. Wir weinen, weil viele Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Brüchen in ihren Lebensentwürfen, von Sakramenten ausgeschlossen sind und nicht die volle Teilhabe an der communio erhalten. Ja, wir weinen und trauern und schauen in die Dunkelheit und Leere, die dieses ‚Schauen‘ bei uns hinterlässt. Vielleicht trauern wir einer Kirche nach, von der wir schmerzlich enttäuscht worden sind. Zur Trauer gehört auch das Gefühl, allein zurück geblieben zu sein, die Welt nicht mehr zu verstehen, vielleicht auch Ratlosigkeit über das Unbegreifliche. Nur wer die Trauer mit allen Facetten zulässt, kann weitere Schritte bewusst gehen.

Und so lassen wir uns von Jesus fragen: „Wen suchst du?“

Diese Frage sind die ersten Worte Jesu, die er im Johannesevangelium in Kapitel 1,38 an die Johannesjünger richtet, die ihm nachfolgen. Als Auferstandener richtet er seine ersten Worte mit der gleichen Frage nun an Maria.

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • wonach suche ich in meiner Kirche?
  • Bin ich dies schon mal in meiner Kirche / meiner Gemeinde gefragt worden: ‚Wen suchst du‘?

Wir dürfen uns von Gott immer wieder fragen lassen: Wen suchst du? / Wen sucht ihr? Die Haltung auf der Suche zu sein und vor allem auch zu bleiben und damit nie zu Ende zu kommen mit unseren Fragen, ist eine weitere Grundhaltung, die wir Christen uns zumuten lassen dürfen. Es lässt uns unser Gewohntes unterbrechen, aus der Suchbewegung heraus auch mal innehalten, uns in eine hohe innere Präsenz einlassen, wahrnehmen, dass wir nicht alleine sind, aufeinander hören und innerlich so beweglich bleiben, dass wir bereit sind, uns IHM zuzuwenden, ggf. auch umzuwenden, umzukehren. Im Suchprozess schärft sich unser Hören – Lauschen – Nachsinnen – Aufeinander hören – auf Gottes Wort hören.

Bischof Overbeck hat dies bei der 3. Synodalversammlung in der vorgeschalteten Aussprache zum Thema Verantwortungsübernahme so formuliert: „Die derzeitige Situation der Kirche zeigt: Wir leben in einer entscheidenden Existenzkrise. Das, was wir in diesen Tagen tun, ist daher von entscheidender Bedeutung – es ist wie das Eintreten in eine Achsenzeit der Kirche. … Es ist eine Frage an unser Gewissen, wie wir lebendige Kirche in Deutschland sein wollen, in Verbindung mit der Weltkirche und dem Papst, aber zugleich auch so, dass Menschen uns daran erkennen, als die, die Gott suchen, in dem sie die suchen, die zu den Verlorenen, zu den Nicht-Beachteten und zu denen gehören, denen wir heute alle Achtung schulden und das sind Viele.“

Das dritte Wort, das wir betrachten lautet: „Sie haben meinen Herrn weggenommen…“

Maria von Magdala sagt dreimal fast den gleichen Satz: „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ (Joh 20, 2b, 13b, 15b)

Das zeigt, dass Maria von Magdala nach dem Jesus ihrer Erfahrungen und ihrer gemeinsamen Erlebnisse sucht. Sie hat die Vorstellung, dass jemand den Leichnam Jesu weggenommen und woanders hingelegt hat. Diese Vorstellung ist so manifest, dass sie sie dreimal wiederholt, bis ihr klar wird, dass sie auf diese Vorstellung keine Antwort erhalten wird.

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • wo legen mich meine eigenen Erwartungen und Vorstellungen, wie sich Kirche zu verändern hat, fest?
  • kenne ich das Empfinden, dass mir der Blick auf Jesus (durch wen auch immer) verstellt ist?

Wie manifest unsere Vorstellungen sein können, zeigt Maria Magdalena, indem sie dreimal vom ‚Weggenommenen‘ spricht. Auch wir müssen unsere Vorstellungen hinter uns lassen und das ist vermutlich der schwierigste Schritt. Die eigenen Vorstellungen, wie der persönliche Lebensweg auszusehen hat, kann Entwicklung massiv behindern. Auf die Kirche übertragen, können viele Vorstellungen und das Festhalten an Altem und Bekanntem echte Wandlung verhindern. Bischof Bode hat bei der Einführung in den Grundtext des Frauenforums genau darauf hingewiesen und die Synodalen aufgefordert, ihre Vorstellungen mal hinter sich zu lassen und mutig Neues zu denken. Welche Gestalt und Form von Kirche will Jesus, der Auferstandene uns hier und jetzt zeigen? Sind wir offen und bereit für die Art und Weise, wie sich Jesus hier und heute offenbaren will? Würden wir IHN erkennen oder wären unsere Vorstellungen so hartnäckig, dass ER nicht zu uns durchdringen kann? Das ist schon ein herausfordernder Schritt – alle Vorstellungen loslassen.

Das vierte Wort lautet schlicht: „Maria!“ – Da wandte sie sich um

Maria von Magdala wandte sich nach dem Gespräch mit den Engeln um und sieht durch ihre tränenverschleierten Augen nur die Umrisse eines Menschen und denkt es sei der Gärtner und erkennt Jesus in ihrer Trauer zunächst auch nicht an seiner Stimme. Ihre Wahrnehmung ist nach innen gekehrt, in der Trauer festgehalten.

Erst als der auferstandene Jesus sie beim Namen ruft, erkennt sie ihn, wendet sich noch mehr ihm zu und sagt „Rabbuni, Meister“. Ihre Suche nach Jesus erfüllt sich, aber in ganz anderer Weise. Die Wiedererkennung geschieht im Angesprochenwerden durch Jesus mit dem eigenen Namen. Angesprochen von Jesus, vollzieht Maria nach der äußeren Kehrtwende nun eine innere Kehrtwendung.

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • was brauche ich, um mich aus meiner Trauer über das Bild der Kirche herauszulösen?
  • Wo fühle ich mich in meiner Kirche / meiner Gemeinde angesprochen?
  • Welche Bewegung (in der Kirche) täte mir gut, um mich dem Ruf Jesu ins Leben zu öffnen?

Wie Maria, können wir mit tränenverschleierten Augen oft nur die Umrisse eines Menschen erkennen. Durch das ‚mit Namen angesprochen werden‘ und den liebenden Blick, geschieht echte Hinwendung und Wandlung zu IHM. Er zieht uns an sich. In diesem tiefen Berührtsein wächst Verantwortung für das Leben im näheren und weiteren Umfeld. Maria braucht ein zweites Umwenden, um zu erkennen, was wahrhaftig real jetzt geschieht. Es geschieht Be-RUF-ung. Und dies geschieht ganz unabhängig vom Geschlecht. Vor allem durch die Beiträge von uns Ordensleuten auf der Synodalversammlung, wurde der Blick auf die vielen verlorenen Berufungen gelenkt, weil die Kirche diese Berufungen nicht annimmt. Wir beten oft um geistliche Berufungen. Könnte es sein, dass Gott unsere Bitten erhört hat, aber diese Berufungen, weil sie an Frauen ergangen sind, nicht gelebt werden dürfen? Für viele Bischöfe war dies nicht vorstellbar. Erst auf das Buch ‚Weil Gott es so will‘, von Sr. Philippa Rath OSB, haben einige Bischöfe berufene Frauen zu Gesprächen eingeladen – doch es ist noch ein weiter Weg, bis „die Geweihten“, die Weihe von Frauen ermöglichen werden.

Das 5. Wort, das wir bedenken, sagt Jesus zu Maria: „Halte mich nicht fest!“

Jesus zeigt Maria deutlich auf, dass sie nicht über ihn verfügen kann, er ist unverfügbar. Er geht zu Gott, seiner und unserer Quelle des Lebens. Alles „Wie“ und „Wo“ und „Warum“ tritt dahinter zurück und ist so unbegreiflich und unverfügbar wie Gott selbst. Wir können nicht(s) „festhalten“.

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • wo höre ich Jesus diesen Satz „Halte mich nicht fest“ zu uns als Kirche sprechen?
  • wo legen wir ihn fest, dass er uns dieses „Stopp-Schild“ zeigt?
  • was löst die Unverfügbarkeit über Gott und sein Wirken in der Kirche in mir aus?

Das ist schwer auszuhalten! Was heißt dieser Satz „Halte mich nicht fest“? Was ist von uns verlangt als Kirche? Es ist der echte Blickwechsel, der von uns verlangt wird. Der Blick, der nicht mich und uns zum Mittelpunkt hat, sondern Gott. Mein Ordensgründer Vinzenz von Paul hat sich oft gefragt, „Was würde hier und jetzt Jesus an meiner Stelle tun“, bevor er auf eine Not, die er sah, reagierte. Das Bild, das wir uns von Gott und seinem Wirken machen, hindert uns, ihm wirklich zu begegnen. Wir müssen ganz radikal unseren Blickwinkel loslassen, uns umwenden, uns so zu Gott hinwenden, dass wir erkennen können, welche Botschaft er für uns hat. Hier werden wir auch um die Gabe der Unterscheidung bitten müssen, damit wir erkennen, was ist unser Wille und was ist Gottes Wille. Sowohl in den Foren, als auch in der Synodalversammlung kommen wir oft an diesen Punkt, wo wir darum ringen, was jetzt der Wille Gottes ist. Aber es tut auch gut zu spüren, dass wir von Mal zu Mal wirklich gemeinsam auf dem Weg sind.  

Das letzte und entscheidende Wort Jesu in diesem Abschnitt lautet: „Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen…“ „Ich habe den Herrn gesehen!“

Jesus sagt: Halte mich nicht fest!, denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Sie kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: „Ich habe den Herrn gesehen.“ (Joh 20,17f)

Jesus sendet Maria zu ihren Brüdern und Schwestern, er gibt ihr einen Sendungsauftrag, einen Verkündigungsauftrag. Sie wird die erste Botin der Osterbotschaft. Sie kommt dadurch in Bewegung, weil sie weitersagen soll, was sie gehört und gesehen hat.

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • gibt es Orte, an denen wir uns über unsere Erfahrungen im Glauben austauschen und aufeinander hören können, aus welcher Hoffnung wir leben, die uns trägt?
  • sind wir hoffnungsvolle Auferstehungs-Christen?
  • haben wir unsere Blickrichtung wirklich gewendet, ganz auf Gott hin oder dreht sich weiterhin vieles um uns selbst? Welche Sendung nehmen wir von Gott her wahr und was lässt uns ins Handeln kommen?

Nur wer gelernt hat, den Blick ganz von sich weg, auf Jesus hinzuwenden, sich auf seine Sichtweise einzulassen, kann die Sendung wahrnehmen, zu der ER ruft. Wohin sendet Jesus uns HEUTE? Was gibt ER uns heute auf den Weg?

Im Beisammenbleiben, gemeinsamen Beten und Austauschen ihrer Auferstehungserfahrungen, machen die Jüngerinnen und Jünger die Erfahrung, dass Jesus durch verschlossene Türen zu ihnen hindurchdringen kann. Auch wir stehen in der Gefahr, dass wir aus Mutlosigkeit, aus Traurigkeit, aus Hoffnungslosigkeit und Angst, unsere inneren und äußeren Türen verrammeln und die Sendung, die uns für diese Welt aufgetragen ist, nicht wahrnehmen. Im gemeinsamen Teilen ihrer jeweiligen Auferstehungs-Erfahrungen, werden die Jüngerinnen und Jünger zu glaubwürdigen Zeuginnen und Zeugen, die langsam ihre Angst verlieren, als ihnen der Heilige Geist zur Stärkung gesandt wird. Lassen wir uns von ihrem Beispiel ermutigen und uns zu neuen Formen von communio anregen, die getragen sind vom gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes, gemeinsames Beten und Mahl halten, einander zuhören, uns wahrhaft begegnen und miteinander unterwegs sein, gemeinsam zu beraten, zu entscheiden und auch entschieden zu handeln.  Wir alle, die wir in der Taufe und Firmung zu Berufenen und Gesandten geworden sind, sollen von der Hoffnung verkünden, die uns trägt, hält und mutig neue Schritte gehen lässt.

Sr. Nicola Maria Schmitt, Vinzentinerin, Stuttgart

Guter Rat muss nicht immer teuer sein: „Fahr hinaus und wirf die Netze aus!“

Es gibt Gebiete, auf denen macht mir niemand so schnell etwas vor. Da bin ich „Profi“. Etwa beim Thema Volleyball. Da kenne ich mich ganz gut aus, bin spielregel-sicher und technikerfahren. Jeder Mensch hat derartige Felder. Was ist das bei Ihnen? Vielleicht das, was Sie beruflich machen? Oder ein Hobby, eine Sportart? Vielleicht engagieren Sie sich auch leidenschaftlich für den Umwelt- oder Tierschutz?

Ratschlag – abgewehrt

Vertieftes (Hintergrund-)Wissen, (Praxis-)Erfahrung – das schafft für mich eine solide und gute Ausgangsbasis, auch für professionelles Handeln. Aber: Je mehr ich mich als Profi in einem Bereich verstehe, desto schwieriger tue ich mich mit vermeintlich gutgemeinten Ratschlägen. Vor allem dann, wenn mein Gegenüber wesentlich weniger Ahnung von der Materie hat als ich selbst. Da lasse ich mir doch nichts sagen, da lasse ich mir nicht reinreden – der/die hat doch überhaupt keine Ahnung!

Kennen Sie das? Ich könnte da regelmäßig aus der Haut fahren – ein offenes Ohr für diese Ratschläge habe ich auf jeden Fall nicht.

Der weiß doch gar nicht, wovon er redet – oder?

Doch eine Erzählung aus dem Lukasevangelium hat mich bleibend nachdenklich gemacht. Es ist heller Tag. Jesus sitzt im Boot von Simon Petrus und predigt zu den Menschen am Ufer. Als er fertig ist, sagt er zu Petrus: „Fahrt hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!“ (Lk 5,4) Wer wenig Ahnung vom Fischen hat, wird sich dabei nicht viel denken. Wer jedoch Fischfangprofi ist, der wird sich an den Kopf schlagen – schließlich ist die ideale Fischfangzeit nachts. Tagsüber werfen nur Unkundige ihre Netze aus. Der Misserfolg ist quasi vorprogrammiert.

Simon Petrus ist ein erfahrener Fischer, Jesus ein umherreisender, predigender Zimmermann. Simon Petrus antwortet: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen.“ (Lk 5,5)

Wie hören Sie diese Antwort des Profis? Mit einem leicht ironischen Unterton – nach dem Motto: „Du wirst schon sehen, was wir davon haben“? Oder schimmert hier vielleicht Glaube durch, Vertrauen?

Gesagt, getan und – Überraschung!

Auf jeden Fall diskutiert Simon Petrus nicht mit Jesus. Er macht einfach das, was Jesus ihm aufträgt. Also etwas, das für einen Fischfangprofi völlig verrückt wirken muss. Ja geradezu absurd, zumindest sinn-frei. Er macht es trotzdem – und das vielleicht Überraschende, Erstaunliche: Er hat Erfolg. Die Menge der gefangenen Fische ist so groß, dass die Netze zu reißen drohen (Lk 5,6). Simon Petrus braucht Unterstützung durch ein zweites Boot (Lk 5,7). Das ist verrückt.

Mitnahme-Effekte

Für meinen Alltag nehme ich Zweierlei aus dieser Erzählung mit: Zum einen lehne ich Ratschläge – und klingen sie in meinen „Profi-Ohren“ auch noch so absurd – nicht mehr von vorneherein als nur gutgemeint ab. Wer weiß, welcher überraschende Fang auf mich wartet, wenn ich mich darauf einlasse.

Zum anderen kann sich ein Vertrauensvorschuss auszahlen. Das gilt nicht für jedermann. Aber für Jesus allemal, so die Botschaft der Evangelien.

Also: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! 

Titelbild: Bild von Willfried Wende auf Pixabay

Erdbeben, Tsunamis und andere Katastrophen: Anmerkungen zur Erschütterungsrhetorik im Kontext des kirchlichen Missbrauchsskandals

Oder: „Deine Sprache verrät dich!“ (Mt 26,73)

Das Entsetzen und die Erschütterung von Verantwortungsträgern und Verantwortlichen über die Dimension des Missbrauchs in der Kirche, über gezieltes Übersehen und Ausgrenzen von Betroffenen, über Weiterreichen und Nicht-Eingestehen von Verantwortung und Schuld, über Vertuschung, Re-Traumatisierung und anderes mehr, ist nach den Ereignissen der vergangenen Wochen groß, nicht zum ersten Mal.

Erneut werden in entsprechenden Verlautbarungen, Interviews, Predigten etc. deutliche Worte gefunden und zum Teil drastische Analogien und Vergleiche bemüht. „Wir haben verstanden“ – so lautet die Botschaft, die damit – auch das nicht zum ersten Mal – transportiert werden soll.

Dass dieses Entsetzen und diese Erschütterung ernst gemeint und ehrlich sind, sei hier ausdrücklich nicht bestritten. Doch ist ein kritischer Blick auf manche sprachlichen Äußerungen angebracht, soll das Entsetzen auch tatsächlich zu einem verändernden Handeln führen, wie es in denselben Verlautbarungen meist ebenfalls betont wird.

Schaut man hinter die sprachlichen Fassaden dieser Betroffenheitsrhetorik, so lugen doch immer wieder das alte System und lange eingeübte Reflexe wie Relativieren, Wegschieben und „Nebelkerzen-Werfen“ hervor. Drei Beispiele der vergangenen Tage:

  • Da sieht ein Dekan „im Gesamtbild eine systemische Korrumpiertheit unserer Kirche“. Bemerkt er nicht, dass eine solche Formulierung die Verantwortung von den Schultern der Verantwortlichen nimmt und sie stattdessen auf die ganze Kirche, also alle ihre Mitglieder verteilt?
  • Da beklagt ein früherer Generalvikar ein hierarchisches System, das er klar durchschaut, schonungslos analysiert und als „alter Ego“ seines Bischofs jahrelang an entscheidenden Stellen genutzt und gestützt hat – dem gegenüber er sich aber trotzdem hilflos gefühlt habe und das er trotz ernsthaften Bemühens nicht habe verändern können.
  • Da wird der Missbrauchsskandal mit einem Erdbeben oder einem Tsunami für die Kirche (nicht für die Betroffenen) verglichen – als ob es sich um eine unvorhersehbare, von außen kommende Naturkatastrophe und nicht um einen von (z.T. hochrangigen) Mitgliedern der Kirche selbst verursachten und zu verantwortenden Super-GAU handelt, der das Leben Unschuldiger zerstört hat. (Wenn, dann könnte allenfalls noch Tschernobyl als Analogie herhalten, aber auch dieser Vergleich hinkt …).

Auch die öffentlichen Bilder der vergangenen Woche passen da im wörtlichen Sinn „ins Bild“. Bei den Pressestatements und Interviews dominieren Kleriker mit entsprechendem Outfit. Mit einer Ausnahme: Zum vielfach geteilten Beispielbild für die Übergabe des Münchner Gutachtens wurde eine Aufnahme, bei der kein Priester, sondern eine Frau im Zentrum steht. Es zeigt die mit dem Gewicht des überreichten Gutachtens auch physisch kämpfende Amtschefin des Münchner Ordinariats, in deren Hände das rote Konvolut gelegt wird – während der Generalvikar in sicherer Corona-Distanz (und mit leeren Händen) daneben steht.

„Deine Sprache verrät dich!“ So heißt es in der Passionsgeschichte des Matthäusevangeliums (Matthäus 26,73), als Petrus im Hof des Statthalters zunächst unerkannt und aus scheinbar sicherer Distanz das weitere Schicksal seines kurz zuvor verhafteten Freundes und Lehrers verfolgt. Mit seinem Versuch, einerseits nicht ganz wegzulaufen, andererseits aber auch nicht selbst involviert zu werden, scheitert Petrus krachend. Es ist – Ironie des Schicksals – eine Frau, die ihn als Anhänger des verhafteten Nazareners identifiziert und zur erneuten Verleugnung (bzw. Vertuschung) als verzweifeltes Mittel der Tarnung greifen lässt.

„Deine Sprache verrät dich.“ Sprache ist verräterisch, Sprache entlarvt. Denn Sprache ist Spiegel innerer Haltungen und Werte. Und: Sprache schafft Realität (Ähnliches kann für Bilder gelten).

Zu den dringend notwendigen Konsequenzen aus den Ereignissen der vergangenen Woche gehört deshalb auch eine geschärfte Sensibilität für Rhetorik und (Bilder-)Sprache. Wenn die Erschütterung über die geschehenen Verbrechen ernst gemeint ist, wenn die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme und der Wille zu nachhaltigem, die Würde der Betroffenen in den Mittelpunkt stellendem Handeln ernsthaft besteht, muss sich all dies auch in Sprache und Reden der Verantwortungsträger widerspiegeln.

Andernfalls bliebe es bei dem, was die Journalistin Christiane Florin treffend als bloße „Erschütterungserschütterungserschütterung“ bezeichnet hat.

Claudio Ettl ist Diözesanleiter des Katholischen Bibelwerks im Erzbistum Bamberg.

(Foto: Claudio Ettl – Pfarrhaus in Ruanda)