Junger Wein in alten Schläuchen

Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche. Sonst würde ja der junge Wein die Schläuche zerreißen; er läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar.
Sondern: Jungen Wein muss man in neue Schläuche füllen.
Und niemand, der alten Wein trinkt, will jungen; denn er sagt: Der alte ist bekömmlich.
Lukas 5,37-39

Alle drei synoptischen Evangelien kennen den Spruch vom jungen Wein, den man in neue Schläuche füllen soll. Eine sehr einsichtige Aufforderung ist das. Wer anders handelt, hat den Schaden sofort: Wein und Schläuche sind kaputt.

1. Der Wein läuft aus und damit der Ertrag der Ernte und der Vorrat für das kommende Jahr.

2. Gleichzeitig mit dem jungen Wein gehen auch noch die alten, leergetrunkenen, aber evtl. für andere Dinge noch gut zu verwendenden Schläuche kaputt.

In den Evangelien steht diese Antwort Jesu jeweils im literarischen Kontext von Diskussionen mit den Nachfolger/innen des Johannes sowie mit Mitgliedern der pharisäischen Gemeinschaft. Beide Gruppen befolgten strenge Fasttage. Jesus kontert ihre Anfrage, wieso seine Jünger nicht fasten, mit dem Verweis auf ein Hochzeitsfest. Solange der Bräutigam da ist, dauert das Fest. Essen und Trinken gehört selbstverständlich dazu. Fasten können seine Jünger dann später. Hier geht es um Grundsatzfragen, nicht um Kleinigkeiten.

Jesus rät in diesem kurzen Evangelium dazu, in Fragen der religiösen Praxis klug zu differenzieren: Was passt wann? Welches Verhalten, welche Entscheidungen sind angemessen für welchen Kontext? Die Botschaft des Gleichnisses lautet also: Die Regeln für religiöse Praxis jeder Art können immer nur aus einer guten Analyse der jeweiligen Gegenwart erschlossen werden. Was steht an? Wessen Nähe gilt es zu feiern? Was geht verloren, wenn wir das falsche Material verwenden? Es muss passen! Organisiert eure religiöse Praxis möglichst so, dass weder Material verschleudert wird noch Ressourcen bzw. Lebensmittel verloren gehen. Der junge Wein gehört in junge Schläuche.

Natürlich ist das jenseits der konkreten Bildwelt auch im übertragenen Sinn eine Einladung: Nehmt neues Material, wenn neue Gaben vorhanden sind. Lasst das mit den alten Schläuchen und Traditionen. Wenn ihr neue Vorräte anlegen wollt, dann müsst ihr auch bereit sein, in neues Material zu investieren. Gebt euer Geld für neue Schläuche aus!

In der aktuellen kirchlichen Situation, die geprägt ist vom Entsetzen über den vielfältigen Missbrauch von Macht und Körpern, vom wachsenden Unmut über die streng am Geschlecht orientierte Aufteilung pastoraler Aufgaben, sowie dem Verlassen der Kirche als institutionelle Gemeinschaft, liegen Deutungen für dieses Gleichnis Jesu sehr offen auf der Hand. Ist der neue Wein heute die neue Wahrnehmung und Wertschätzung der Würde und Gleichrangigkeit von Frauen, von ihren Ideen, ihren Körpern, ihrem Glauben und ihren Charismen? Wollen wir diese Gaben wirklich in alte Schläuche stecken? Haben wir denn „neue Schläuche“ oder sind bereit, welche einzukaufen?

Wie auch immer sich unsere Kirche entwickeln wird. Wenn nichts geschieht oder zu wenig, werden einige noch eine Zeit lang vom Vorrat des „alten Weines in alten Schläuchen“ trinken können. Aber dieser Vorrat wird dann zu Ende gehen.

Neuer Wein wird nicht zu altem Wein reifen, wenn keine neuen Formen erfunden werden.

Alternativ kann man auch einfach den eigenen jungen Wein ernten und in neue Schläuche füllen! Dann heißt es, neugierig abwarten, wie er sich entwickelt.

Dr. Katrin Brockmöller, Direktorin Katholisches Bibelwerk e.V. in Stuttgart, www.bibelwerk.de

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Sende deinen Geist aus und erneuere das Antlitz deiner Kirche. Liturgische Lese- und Arbeitshilfe für den Gebetsruf und das Friedensgebet 2019/2020, Kolping Diözesanverband Münster (www.kolping-ms.de), S. 16-17.

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Gott wohnt in einem Lichte – Teil V

lectio divina auf dem Jakobsweg

5. Nun darfst du in ihm leben und bist nie mehr allein, darfst in ihm atmen, weben und immer bei ihm sein. Den keiner je gesehen noch künftig sehen kann, will dir zur Seite gehen und führt dich himmelan.

Kurz vor Palmsonntag bin ich in Santiago angekommen. Ich bin dort drei Tage geblieben um meine Erfahrungen zu reflektieren. So viele starke Begegnungen, so tiefe Gespräche! Fünf Menschen haben mit mir über die Frage nach dem Sinn des Todes gesprochen. Nur einer davon war Christ. Unser Umfeld ist voll von fragenden und suchenden Menschen. Den Weg in die Kirchen unserer Städte finden sie vielleicht nicht mehr. Sollten dann nicht wir die Zeugen, die Bindeglieder sein, die den Menschen Christi Liebe vermitteln können?

Matthias habe ich auf dem Weg übrigens nochmal in einer Herberge getroffen. Dort haben wir zusammen mit einigen Weggefährten gekocht und gegessen. Mahlgemeinschaft.

Ja. Und was ist nun aus meiner Frage geworden? Wo finde ich die Camino-Wegweiser Gottes in meinem Leben? Was weist hin auf diesen „Ich bin der ich bin“?

Ich habe eine wunderbare Natur erlebt. Die Schöpfung ist großartig. Ich habe herrliche Römerbrücken, uralte Kathedralen und Städte gesehen.

Aber dem lebendigen Gott, dem bin ich in den Menschen, in den intensiven Gesprächen begegnet. Da war Gott mit mir. Da hat er mir sein Antlitz gezeigt. Das fröhliche Gesicht von Matthias verwies auf Gott.

Hat Gott auf diesem Jakobsweg auch durch mich zu anderen gesprochen?

Epilog

Ostermontag, 22.04.2019 17:10

Von: Matthias H.

Betreff: Ostergrüße

Lieber Torsten,

schön von Dir zu hören, ich wünsche dir auch noch frohe Ostern.

Deine Nachricht hat mich sehr berührt, vielen Dank für Deine Wertschätzung. Ich habe auch noch ein sehr intensives Erlebnis gehabt. Auf der letzten Etappe habe ich am Morgen den Wunsch verspürt, nicht allein in Santiago anzukommen.

 Als ich dann fast den gesamten Weg für mich allein war, spürte ich plötzlich meine gesamte Familie um mich herum – und alle waren mit mir auf dem Weg.

Da wusste ich, dass ich diesen Weg auch für meine Familie mache.

 Ich würde mich freuen, wenn wir weiter in Kontakt bleiben.

Liebe Grüße aus der Lausitz

Am Ziel angekommen: Blogbeitrag und Pilgerreise.

Torsten Bühring, Magdeburg

Gott wohnt in einem Lichte – Teil IV

Lectio divina auf dem Jakobsweg

4. Er macht die Völker bangen vor Welt- und Endgericht und trägt nach dir Verlangen, lässt auch den Ärmsten nicht. Aus seinem Glanz und Lichte tritt er in deine Nacht: Und alles wird zunichte, was dir so bange macht.

Dienstag, 2. April 2019 13:33

An: Hans-Konrad H.

Betreff: Grüße vom Camino

Lieber Konrad,

Ich bin kurz vor der portugiesisch-spanischen Grenze.

Der Pilgerweg ist unglaublich stark für mich. Ich bin bis gestern zwei Tage mit einem Buddhisten zusammen gepilgert. Wir haben stundenlang unsere Spiritualität verglichen. Es ging immer: Buddha sagt… Und meine Antwort war: Genau das meint auch die Bibel an der und der Stelle…

Ich sage Dir, Gott ist VIEL GRÖSSER, als wir denken.

Er offenbart sich auch in diesem pilgernden Buddhisten! Ich komme nicht raus aus dem Wundern.

Herzliches Bon Camino

Torsten

Dienstag, 2. April 2019 17:03

Lieber Torsten,

das ist ja wunderbar, dass Du solche be-weg-enden Erfahrungen machen darfst! Das geht wirklich nur auf dem Weg, der von DEM begleitet wird, der selber DER WEG schlechthin ist.

Ja, und GOTT ist immer noch viel größer und je anders als wir denken. ER ist für jede Überraschung gut. Einfach aufmerksam und offen bleiben.

Danke und weiterhin be-leben-de Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen.

Viele Grüße

H.-Konrad

(Fortsetzung folgt…)

Torsten Bühring, Magdeburg

Gott wohnt in einem Lichte – Teil III

Lectio divina auf dem Jakobsweg

3. Auch deines Hauptes Haare sind wohl von ihm gezählt. Er bleibt der Wunderbare, dem kein Geringstes fehlt. Den keine Meere fassen und keiner Berge Grat, hat selbst sein Reich verlassen, ist dir als Mensch genaht.

Am nächsten Morgen gibt es keine Frage. Wir gehen zusammen weiter. Mein erstes Frühstück zu zweit auf diesem Camino. Warum muss man bis nach Portugal reisen, um Menschen zu treffen, die zu einem passen? Warum geschieht das nicht in meiner Heimatstadt Magdeburg?

Heute geht es über den höchsten Pass des Camino Portugues. Aber da komme ich erst nachmittags an und dann auch wieder allein.

Wir laufen und tauschen uns immer weiter über die Suche nach Gott oder dem Göttlichen aus, über das Leben in einer religionslosen Gesellschaft. Wir sind im Schritt und in den Gedanken im Gleichklang. Ich erzähle ihm von diesem rätselhaften Namen des Höchsten. Ich bin der ich bin. Matthias findet wichtig, dass dieser Name in der Gegenwartsform formuliert ist. Er meint, ich solle Gott in der Gegenwart suchen, im Hier und Jetzt.

Da fragt Matthias, ob wir nicht ein Lied singen wollen? Ich: Hm, kann man mal versuchen. Stimme mal was an.

Und Matthias singt auf eine ganz einfache Melodie:

„Mein lieber Freund, mein lieber Freund.
Lass mir die sagen, wie wertvoll du mir bist.
Alles was wir teilen ist schön.
Ich mag dich sehr.“

Ich bin gerührt. Ich lasse mich ein Stück zurückfallen. Jetzt schlucke ich. Und dann wandern wir und singen gemeinsam dieses Lied.

Irgendwann vorm Pass will Matthias das Tempo erhöhen. Er hat noch Reserven. Da trennen wir uns. Ich fühle mich gut dabei. Wie schön, diesem Menschen begegnet zu sein. Darüber will ich nachdenken.

(Fortsetzung folgt…!)

Torsten Bühring, Magdeburg

Gott wohnt in einem Lichte – Teil II

Lectio divina auf dem Jakobsweg

2. Und doch bleibt er nicht ferne, ist jedem von uns nah. Ob er gleich Mond und Sterne und Sonnen werden sah, mag er dich doch nicht missen in der Geschöpfe Schar, will stündlich von dir wissen und zählt dir Tag und Jahr.

Zwei Tage später. Ankunft in der Herberge von Portela de Tamel. Es ist fast  Abend. Ich sitze mit zwei kanadischen Frauen in der Nähe der Anmeldung. Sie fragen mich aus, wie es war, hinter dem Eisernen Vorhang aufzuwachsen. Sie erzählen mir, wie sie sich 1989 in Kanada mit den Menschen in Ostdeutschland mitgefreut haben.

Da beobachte ich einen ankommenden Pilger. Er wird an der Anmeldung nach seinem Beruf gefragt. Er ist ein Koch. Ein Koch auf dem Camino? Wieso mag der auf dem Jakobsweg sein? Dieser Mensch interessiert mich. Vielleicht komme ich mit ihm noch ins Gespräch.

In der Nacht sitzen wir alle im Garten der Herberge zusammen. Wir essen   gemeinsam Pizza. Es sind alles junge Menschen, der Koch hat einen Platz in meiner Nähe. Ich höre den Gesprächen zu. Warum gehen die anderen diesen Weg, frage ich mich. Bewegt sie auch so etwas wie mein Ich-bin-der-ich-bin-Gott? Nein. Da höre ich recht oberflächliche Gespräche. Nur dieser Koch, der hat ein Motiv. Das spüre ich.

Plötzlich wird es ganz kurz richtig Hell. Eine Sternschnuppe. Alle rätseln, was das wohl war. Eine Leuchtrakete? Ein Blitz? Und ich denke mir: Wir sind auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Compostela bedeutet Sternenfeld. Ein Stern weist uns heute den Weg zum Ziel. Schon einmal hat ein Stern drei suchenden Menschen den Weg gewiesen. Auch sie waren Pilger.

Am nächsten Tag geht es nach Ponte de Lima. Ein langer Weg. Der Koch ist nach ein paar Yogaübungen im Garten bereits aufgebrochen. Es ist Sonntag. In einem Dorf besuche ich einen Gottesdienst. Blasen an den Füßen, die Wärme. Aber trotzdem ist der Weg schön, wenn auch einsam. Dann komme ich in Ponte de Lima an. Es ist spät. Hoffentlich ist noch ein Bett in der Herberge frei. Sonst habe ich ein Problem.

Und dann verliere ich mich. So viele Menschen. Es ist Jahrmarkt. Überall Verkaufsstände, Familien in portugiesischen Sonntagsgewändern. Ich lasse mich treiben, vergesse die Zeit. Dort! Ein paar Musiker singen ein Volkslied. Ich höre zu. Es nimmt kein Ende. Ich drehe mich um – und da steht der Koch vor mir. Und er sagt zu mir: Wollen wir essen gehen? Ich habe schon ein Lokal ausgesucht.

Was wird mit meiner Herberge? Egal. Wir gehen Essen. Und noch bevor die Getränke auf dem Tisch stehen, frage ich ihn nach seinen Motiven für diese Pilgerschaft. Er heißt Matthias. Wie ich ist er im Osten ohne Religion aufgewachsen. Genau wie mich hat ihn die Frage nie losgelassen, ob das alles ist. Er sucht auf dem Weg des Buddhismus. Ich suche als Christ Antworten in der Bibel. Wir sind uns von Anfang an vertraut. Wir respektieren unseren unterschiedlichen Weg. Eigentlich nähern wir uns doch beide dem gleichen Geheimnis von verschiedenen Seiten an, stellen wir fest.

Da sagt Matthias: Ich habe die letzten Tage in den Herbergen kaum geschlafen. Deshalb habe ich mir heute in der Jugendherberge ein Doppelzimmer genommen. Es ist noch ein Bett frei, wenn du willst. Ich bin verblüfft. Ich habe zu Essen, ich habe ein Bett, ich habe einen Freund zum Austausch. Braucht man eigentlich mehr?

Wir liegen auf den Betten und reden noch lange. Dann frage ich in die Dunkelheit hinein: Wie fühlst du dich eigentlich, so fern von deiner Frau, deinen Kindern? Ich höre Stille. Ich höre Schlucken. Wir sollten schlafen.

(Fortsetzung folgt … !)

Torsten Bühring, Magdeburg

Gott wohnt in einem Lichte

Lectio Divina auf dem Jakobsweg

Prolog

Endlich wieder auf einem Pilgerweg. Auf DEM Pilgerweg. Auf dem Camino de Santiago.

Im Herbst wusste ich, dass ich wieder pilgern muss. Systematisch habe ich die Ausrüstung zusammengestellt, trainiert, alles bedacht. Und dann war es doch ganz anders als erwartet…

Ich war ab 24. März für drei Wochen auf dem Camino Portugues unterwegs, von Porto bis Santiago de Compostela. Knapp 300 km bin ich gelaufen, nur mit einem  Rucksack und mit ganz wenig Gepäck. Täglich musste ich Wäsche waschen und die Nächte habe ich in Herbergen zusammen mit bis zu 120 Pilgerbrüdern und -schwestern verbracht. Und ich wollte mit bescheidenen Mitteln auskommen. Pro Tag sollten möglichst 15 Euro für Unterkunft und Verpflegung reichen.

Im Gepäck hatte ich ein Lectio Divina Projekt des Bibelwerks: 12 Texte aus dem Buch Exodus. Meinen Pilgerweg durch Nordportugal und Galicien wollte ich im Spiegel der Wüstenwanderung des Volkes Israel erleben. 12 biblische Texte – Vorrat für 12 Tage Lectio Divina, dachte ich. Wie funktioniert die Verbindung von Lectio und Pilgern? Geht Lectio beim Laufen? Wie gestaltet man die Schritte einer Lectio-Einheit auf einem Pilgerweg?

Mich hat eine Melodie die ganze Zeit begleitet. In den Strophen des Liedes „Gott wohnt in einem Lichte“ von Jochen Klepper (1938) möchte ich drei Tage auf dem Camino reflektieren.

  1. Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann. Von seinem Angesichte trennt uns der Sünde Bann. Unsterblich und gewaltig ist unser Gott allein, will König tausendfaltig, Herr aller Herren sein.

Fünfter Tag in Portugal. Vormittags Lectio auf dem Camino, mitten im Wald. Es ist mein zweiter Text, den ich auf diesem Weg meditieren will: Mose am brennenden Dornbusch.

Es wird mein letzter Text aus meiner Sammlung von 12 Abschnitten des Exodusbuches sein. Mehr werde ich mir nicht ansehen. Mehr brauche ich nicht. Hier beginnt die längste Lectio Devina Einheit meines  Lebens. Ich habe mein Pilgerthema gefunden. Dieser Text wird mich bis Santiago nicht mehr loslassen, gemeinsam mit diesem Lied von Jochen Klepper aus dem Jahr 1938.

Fünf Worte der Bibel treffen in mein Herz. Das habe ich mir nicht ausgesucht, das ist da: „Ich bin der ich bin…“ Damit werde ich nicht an einem Tag fertig. Damit werde ich nicht in drei Wochen fertig.

Mit Moses frage ich in einem Eukalyptuswald vor Sao Pedro de Rates: Wer bist Du, Gott? Und die Antwort: Ich bin der ich bin. Was soll das? Ich werde wütend. Wenn mir ein Kind solch eine Antwort geben würde, ja das wäre eine Unverschämtheit.

Aber hier spricht Gott. Das muss wichtig sein für mich! Ich verkoste die Worte, laut, allein, immer wieder. …Ich bin der ich bin… Wie soll ich das betonen? Wo klingt es in mir an? Ich spreche diesen Satz kilometerlang vor mich hin und lege den Schwerpunkt jeweils auf einen anderen Teil. …Ich bin der ich bin…

Und da, ja, da ist es: Ich bin der ich bin. Das ist für mich bestimmt. Ich kann ihn gar nicht fassen. Nur er kennt sich ganz und gar. Unverfügbar ist er, transzendent, meinen Sinnen unnahbar. Jedes Bild, das ich mir von ihm mache, ist von vorn herein falsch. Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann. Dass kenne ich doch. Wie ging dieses Lied gleich… Das wird mein Pilgerlied.

Und nun? Wo begegne ich diesem unsichtbaren Gott? Geht das überhaupt? Plötzlich sehe ich einen kleinen gelben Pfeil, ein Caminopfeil. An allen Jakobswegen gibt es diese unscheinbaren Wegweiser. Sie sind auf das Pflaster gemalt, an Laternen oder Hauswände. Nur dem Pilger sind sie sichtbar, dem Suchenden. Wer kein Ziel hat übersieht sie einfach. Ich will auf diesem Camino Gottes Wegweiser suchen. Wie und wo weist er auf sich hin? ich bin gespannt…

(Fortsetzung folgt…!)

Torsten Bühring, Magdeburg

Nicht Gott ist der Skandal, sondern der Mensch.

Gerne frage ich bei Veranstaltungen zur Heiligen Schrift: „Nach welcher Lesung möchten Sie im Gottesdienst eigentlich nicht hören: ‚Wort des lebendigen Gottes‘?“ Fast immer ist Gen 22 dabei, die sogenannte „Opferung des Isaak“.

Das ist genau der Gott, mit dem niemand zu tun haben möchte: Arrogant und menschenverachtend in seinem Verlangen nach einem Menschenopfer und am Ende großzügig-herablassend auf seine Forderung verzichtend. Das hat mit Gott nichts zu tun. Solche Texte gehören aus dem Leserepertoire der Bibel in der Kirche herausgenommen. Zumindest wäre deutlich zu machen: Der Gott des Alten Testaments ist ein völlig anderer als der des Neuen Testaments. Brutalität und Barmherzigkeit stehen einander unversöhnlich gegenüber. Da hat das Christentum doch gegenüber dem Glauben Israels einen Quantensprung gemacht.

Nur zu dumm, dass der, auf den sich die Christen berufen, nämlich Jesus Christus, genau aus diesem Volk Israel stammt und den Gott, von dem das Alte Testament spricht, auch noch seinen Vater nennt. Nur zu dumm, dass in jeder Kirche ein Kreuz zu sehen ist, das bezeugt: Da wurde zwar keiner auf einem Holzstoß als Opfer verbrannt, aber es wurde einer aufs Holz gelegt, festgenagelt und hochgezogen. Und dann wartete man zu, bis er endlich tot war. Der Unterschied zur Isaak-Erzählung: Jetzt ist es Gott selbst, der zum Opfer wird. Aber irgendwie hängt Gott selbst mit drin, hatte doch Jesus gebetet: „Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Aber nicht mein, sondern dein Wille möge geschehen.“ Einige der modernen Christentumskritiker haben scheinbar Recht, wenn sie sagen, dass der Unterschied zwischen Altem und Neuen Testament doch gar nicht so groß sei. Gott bleibt grausam.

Also: Wer sich durch das Beiseiteschieben der Isaak-Erzählung herausmogeln möchte aus den Zumutungen unseres Glaubens, hat deren Ernst noch nicht wirklich wahrgenommen. Was soll man dann aber vernünftigerweise zu ihr sagen?

Schaut man in die Bibel selbst hinein, stellt man fest, dass dort ein wichtiger Lesehinweis gegeben wird. Es heißt dort: „Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe“. Es lohnt sich, „diese Ereignisse“ einmal näher anzuschauen. Denn vielen dürfte von Abraham vor allem die Berufung in Erinnerung sein: Auf Gottes Wort hin und ermutigt durch die Verheißung von Nachkommenschaft verlässt er alles und zieht in ein unbekanntes Land. Doch noch im selben Kapitel wird berichtet, wie er seine Frau Sara – ohne die eine Erfüllung der Verheißung schwerlich möglich war – während einer Hungersnot dem Harem des ägyptischen Pharao zu überlassen bereit ist. Aus Angst davor, wegen seiner schönen Frau umgebracht zu werden, rät er ihr: „Sag, du seiest meine Schwester, damit es mir deinetwegen gut ergeht.“ Dass die Geschichte am Ende gut ausgeht, haben Abraham wie Sara allein Gott und dem Pharao zu verdanken, der die Zeichensprache Gottes versteht. Als Abraham aus Misstrauen gegenüber der göttlichen Verheißung das Rechtsmittel der Nebenfrau ausschöpft und diese Frau namens Hagar schwanger wird, weicht er der Eifersucht seiner bislang unfruchtbaren Ehefrau Sara dadurch aus, dass er Hagar einmal als Schwangere und später sogar mit ihrem neugeborenen Ismael im wörtlichen Sinne „in die Wüste schickt“. Wieder verhindert nur Gottes Eingreifen den drohenden Tod für Mutter und Kind.

Das ist nicht einfach nur eine Erzählung von vor mehreren tausend Jahren. Spekulanten sind bereit, für Börsengewinne ganze Volkswirtschaften zu gefährden. Pharmakonzerne lassen Gutachten fälschen, um lebensgefährliche Produkte auf den Markt zu bringen und nehmen den Tod von Menschen in Kauf. Mobbing heißt das Stichwort der Gegenwart zur Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes. Der spontan durch Alkohol- oder Drogenexzess aufbrechenden Lust an Gewalt wird in U-Bahn-Stationen freier Lauf gelassen. Kinder – und am liebsten gesunde – werden zum mit allen Mitteln zu erzwingenden Recht; da kann man sich um ein paar überzählige Embryonen nicht auch noch kümmern.

Es ist erstaunlich: Die Opferbereitschaft unserer Gesellschaft scheint grenzenlos. In allen geschilderten Situationen von Abraham bis heute könnte das Motto lauten: „Unterm Strich zähl – ich.“

Und nach all diesen Ereignissen sollte Gott zuschauen, der das Leben aller will? Dabei macht die Anfangsnotiz, dass es sich um eine Probe handelt, deutlich: Gott schlägt nicht mit gleichen Mitteln zurück und opfert jetzt seinerseits: sei es Abraham oder Isaak. Nein, die unerträgliche Forderung, den einzigen geliebten Sohn Isaak zu opfern, soll dem Abraham nur spiegeln, was er bis jetzt getan hat. Für einen Augenblick wird er zur Preisgabe eines Menschen gezwungen, wie er sie zuvor dreimal freiwillig und mit Berechnung vorgenommen hat. Wer Gott begegnet, begegnet sich selbst – und keineswegs als schulterklopfendem Tattergreis, sondern in seinem Zurückbleiben hinter dem, wozu Gott sie und ihn erschaffen hat. Nicht um irgendeinen gewalttätigen oder Opfer verlangenden Gott geht es, sondern um einen letztlich gewalttätigen und zu allen möglichen Opfern bereiten Menschen, der von Gott entlarvt wird. Die letzte Entlarvung wird der Kreuzestod Jesu sein: Ein Unschuldiger muss sterben. Die Ankläger fühlen sich durch Jesus gestört, Pilatus sieht seine Freundschaft zum römischen Kaiser in Gefahr. Die Entlarvung solcher Mechanismen in unserem Handeln hat natürlich niemand gern. Aber darin liegt die Chance zu wirklichem Leben. Sich wenigstens versuchsweise auf Umkehr einzulassen, ist der entscheidende Schritt, von Gott her auf Auswege aus verfahrenen Situationen hingewiesen, letztlich aus ihnen erlöst zu werden. Der Widder lauert sozusagen schon im Gebüsch.

Solange wir ihn nicht entdecken, ist nicht Gott der Skandal, sondern der Mensch.

Gunther Fleischer, Köln