Ijobs Frau und die Bibelauslegung

Zu meinen schönsten Aufgaben im Katholischen Bibelwerk gehört das Korrekturlesen von „Bibel und Kirche“. Zum einen ist es natürlich ein gutes Gefühl, als einer der ersten eine neue Ausgabe zu Gesicht zu bekommen. Zum anderen ist es immer auch eine Art kostenlose Fortbildung in Sachen Stand der Bibelwissenschaft.

Die kommende Ausgabe (3/2020) wendet sich dem Buch Ijob zu. Aus verschiedenen Perspektiven werden unterschiedliche Zugänge zu diesem Buch geboten, Zugänge, die sich in ihren Ergebnissen durchaus auch widersprechen können. Aber so ist das nun mal bei der Bibellektüre.

Ijobs Frau

Was mich dieses Mal besonders beeindruckt hat, war ein Beitrag von Susanne Krahe: Diese evangelische Alttestamentlerin wendet sich der Frau Ijobs zu, zugegebenermaßen bisher meist eine Randfigur in der Exegese und zudem schlecht beleumundet. Susanne Krahe weist darauf hin, dass Ijobs Frau in einer Reihe steht mit anderen Frauen, die skeptisch auf das oft naive Handeln von Männern schauen und beherzt eingreifen: Sara, Rebekka, Tamar, Michal, … Und dann schreibt sie: „Frauen wie sie … repräsentieren Gottes Willen und Wahrheit, als sei den Herren nicht zuzumuten, sich selbst dabei Hände und Lippen schmutzig zu machen.“

Ein solcher Satz wäre vor 40 Jahren, als ich beim Katholischen Bibelwerk meine Stelle antrat, schlicht undenkbar gewesen. Es gab zwar schon Frauen, die Theologie studierten, erste Promotionen und dann bald auch erste Professuren für Frauen. Aber die Exegese war ganz klar männerdominiert und das seit Jahrhunderten. Es gab keinen von einer Frau verfassten biblischen Kommentar und die feministische Exegese war noch in den Kinderschuhen.

 Mit Frauen Bibel lesen

Für mich gehört es zu den schönsten und beglückendsten Erfahrungen, dass ich zusammen mit Frauen Bibel lesen und auslegen durfte. Mir als Mann gingen da immer wieder Kronleuchter auf wie einseitig doch der Männerblick ist. Und ich lernte, dass die Hälfte der biblischen Botschaft bisher schlicht nicht in den Blick kommen konnte, nur weil Männer bestimmt hatten, dass es dazu keine Frauen braucht.

Heute ist das – Gott sei Dank – anders und für manche vielleicht selbstverständlich. Das ist es aber noch immer nicht. Und so lange nicht alle Mäner in unseren Kirchen einsehen, dass sie sich selbst etwas abschneiden, wenn sie nicht auch auf die Frauen hören, gibt es noch viel zu tun.

Dieter Bauer, Kath. Bibelwerk, Stuttgart

FundBruchstücke – oder: die Präsenz im Dazwischen

Fürchtet euch nicht! (Mt 28,10)

Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen (Apg 6,2)

Ist nicht das Leben mehr als Nahrung (Mt 6,25)

Sei mir ein schützender Fels (Ps 31,3b)

Weise deine Mitbürger zurecht (Lev 19,17)

Entziehe dich nicht deiner Verwandtschaft (Jes 58,7)

Ein Sturm erfüllte das ganze Haus (Apg 2,2)

Friede sei mit euch! (Joh 20,19)

Harre auf Gott (Ps 42,6)

Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken (Mt 9,9)

Gegen alle Hoffnung hat Abraham voll Hoffnung geglaubt (Röm 4,18)

Wir müssen als die Starken die Schwäche derer tragen, die schwach sind, und dürfen nicht für uns selbst leben (Röm 15,1)

Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt (Mt 10,30)

Er wird den Nationen Frieden verkünden (Sach 9,10)

Wir wissen nicht (Joh 20,2)

Siehe, er schlummert nicht ein und schläft nicht, der Hüter Israels (Ps 121,4)

Es fällt mir schwerer denn je, Gedanken zu Papier zu bringen. Ich deute es als eine Folge, dass das Gegenwärtige das Leben bestimmt und mich im Dazwischen hält. Weil dieses Gegenwärtige so vielfältig ist, komme ich gut damit zurecht, selbst mit diesen „Wortfindungsstörungen“. Sie haben dazu geführt, diese Auswahl aus biblischen Worten, die sozusagen präsent waren, aufzuschreiben.

Barbara Janz-Spaeth, Diözesanleiterin Kath. Bibelwerk e.V., Rottenburg-Stuttgart

Corona als Zeit der Gnade?

Ist Corona eine besondere Zeit der Gnade? So war in den letzten Wochen immer wieder zu lesen oder zu hören.

Eine Zeit, in der Tausende sterben und Hunderttausende erkranken oder um ihr Leben kämpfen; eine Zeit, in der ältere Mitmenschen isoliert sind und unter Einsamkeit leiden; eine Zeit, in der Kinder über Wochen hinweg weder Schule noch Sport- oder Spielplatz besuchen durften und Eltern im Homeoffice verzweifeln; eine Zeit, in der Geflüchtete weitgehend unbemerkt an den Grenzen Europas umkommen oder in ihrer Menschenwürde verletzt werden …  Kann man eine solche Zeit tatsächlich als „Zeit der Gnade“ bezeichnen – oder ist das nur zynisch?

Bei der Antwort auf diese Frage mag sich ein Blick in die Bibel lohnen. Was meint dort „Gnade“? Insbesondere bei Paulus finden sich einige interessante Gedanken dazu.

„Gnade und Friede sei mit euch!“

Gnade euch und Friede!“ So lautet wörtlich die Zusage, mit der Paulus am Anfang seiner Briefe seine Gemeinden begrüßt (u.a. Römer 1,7; 1 Korinther 1,3; 2 Korinther 1,2). Gott hat uns jetzt und ohne irgendwelche Vorbedingung oder Vorleistung seine Gnade und seinen Frieden geschenkt – so die unmissverständliche Botschaft.

Nun ist das mit Geschenken so eine Sache. Es gibt mindestens zwei Kategorien davon: Die erste Kategorie sind solche, die unmittelbar wirken, ohne erklärt werden zu müssen, wie ein Blumenstrauß oder ein Kuss. Zur zweiten Kategorie von Geschenken gehören solche, die ihre Wirkung erst entfalten, wenn sich die Beschenkten darauf einlassen, wie das Sportgerät oder der Kinogutschein. In welche Kategorien gehören also Gnade und Friede?

Friede? Überfließende Fülle

Beim Frieden liegt die Einordnung in die zweite Kategorie nahe: Friede fällt nicht vom Himmel, sondern muss aktiv geschaffen werden. Friede ist ein Geschenk, das erst Realität wird, wenn wir uns mit ihm beschäftigen, ihn suchen, erhalten, fördern. Der Friede, von dem Paulus schreibt, ist geprägt vom hebräischen shalom, der schon im Alten Testament eine zentrale Rolle spielt. Shalom ist dabei mehr als politischer Frieden, mehr als nur Abwesenheit von Krieg, mehr als bloße innere Seelenruhe. Shalom zielt auf das Ganze, meint das vollständige, nicht mehr steigerbare Heil-Sein von Menschen und Welt, den Zustand eines Lebens in überfließender Fülle, wie es z.B. das Bild vom übervollen Becher in Psalm 23,5 zeichnet.

Wie aber steht es mit der Gnade? Auf den ersten Blick gehört sie zur ersten Kategorie: Als Geschenk wirkt Gnade aus sich selbst heraus: Ich muss nichts damit anfangen, ich habe sie. Deshalb wundert es nicht, dass das griechische Wort charis nicht nur „Gnade“, sondern auch „Dank“ heißen kann: Gnade führt zu Dankbarkeit.

Der Begriff der Eu-charis-tie vereint diese zwei Ebenen: Eucharistie bedeutet von Herzen Dank sagen für das Geschenk jener Gnade, die Gott uns in Jesus Christus gegeben hat. Deshalb ist Gottes Gnade die Basis unseres christlichen Lebens und für Paulus – wie der Friede auch – nur ein anderes Wort für Gottes Liebe (vgl. Römer 5,5-8).

Gnade? Aktiv werden für Andere

Die Gnade gehört jedoch auch in die zweite Kategorie. Denn be-gnadet zu sein hat Folgen für mein Leben. Es betrifft nicht nur mich, sondern alle Menschen ebenso wie die Welt, in der ich lebe. Für diese aktivierende Wirkung der Gnade ist Paulus selbst das beste Beispiel. Paulus hat von Gott nicht nur persönliche Gnade, sondern auch einen handfesten Auftrag erhalten: Apostel zu sein, das Evangelium den Menschen und der Welt zu verkünden und es zu leben (Römer 1,5). Die Gnade ist der Motor für alles, was er tut. Wenn Paulus also seine Gemeinden an ihre eigene Be-gnadigung erinnert, erinnert er die Christinnen und Christen zugleich an den damit verbundenen Auftrag, persönlich entsprechend „gnädig“ zu handeln.

Wie sieht dieses Handeln konkret aus? Hier kommen die so genannten „Gnadengaben“ (griechisch Charismen, vgl. Römer 12 und 1 Korinther 12) bzw. Geistesgaben ins Spiel. Gottes Gnade motiviert die Menschen, entsprechend zu handeln – in der Frage, wie ich mein Leben persönlich gestalte, wie ich mit meinen Mitmenschen umgehe, wie ich Verantwortung für andere übernehme.  Sie tut dies auf vielfältige und manchmal auch überraschende Weise. „Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade“ (Römer 12,6). Anders gesagt: In dieser Zeit der Gnade sind die Gnadengaben vielfältig gestreut – aber nicht hierarchisch sortiert. Es gibt Unterschiede, aber kein Gegeneinander-Ausspielen von Verantwortlichkeiten, kein „wichtig und weniger wichtig“ bei Aufgaben oder Ämtern. Entscheidend ist die gemeinsame Ausrichtung auf Christus; Status, Geschlecht, Herkunft oder anderes spielen dagegen keine Rolle mehr: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Galater 3,28).

Motor des Lebens

Gnade und Friede sei mit euch!“ Diese Zusage ist geschenkt – aber nicht umsonst. Gnade und Friede sind unverdiente Gaben, und sie haben Folgen. Wenn die Gnade (griechisch charis) Motor unseres Handelns wird, setzen wir uns für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung ein und lassen so die Freude (griechisch chara) des Reiches Gottes real werden: „… das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude (chara) im Heiligen Geist (Römer 14,17).

Und deshalb ist es auch kein Zufall, dass der letzte Satz der christlichen Bibel eben diese geschenkte Zusage enthält: „Die Gnade des Herrn Jesus mit allen!“ (Offenbarung  22,21)

Geschenk mit Folgen

Kehren wir nochmals zur Ausgangsfrage zurück: Ist Corona eine besondere Zeit der Gnade?

Die Antwort ist ein doppeltes Nein: Nein – es verbietet sich, eine Zeit mit derartigen Herausforderungen, Benachteiligungen und Leiden für viele Menschen als „Geschenk“ eines Gottes zu deuten, der für alle Menschen ein „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) will.

Und nochmals Nein – als Christen leben wir seit unserer Taufe in einer Zeit der Gnade (und des Friedens). Diese Zusage ist nur dann mehr als bloße Verheißung oder Vertröstung auf eine irgendwann mal noch kommende, bessere Zeit, wenn wir sie als „Geschenk mit Folgen“ sehen: Sie erinnert uns an unsere eigene – von Gott zugetraute, weil geschenkte – Fähigkeit und Verantwortung, eine bessere, gerechtere und friedvollere Welt zu schaffen.

Corona ist keine besondere Zeit der Gnade – es liegt an uns, sie genau dazu werden zu lassen!

 

Dieser Beitrag entstand als Erläuterung des Jahresmottos 2020 des Erzbistums Bamberg „Gnade und Friede sei mit euch“ . Eine gekürzte Version erschien am 17.5.2020 im Heinrichsblatt, der Kirchenzeitung des Erzbistums Bamberg.

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Genug Krise?

Nun ist es genug!“ höre ich seit einigen Wochen auf allen Kanälen. Die Diskussion über eine Lockerung der Maßnahmen gegen das Coronavirus ist in vollem Gange. Wirtschafts-, Sport- und auch Kirchenvertreter verweisen gleichermaßen auf die erbrachten Opfer und fordern, das Verhältnis von Gesundheit und Freiheit neu zu überdenken. Sonst drohten unabsehbare wirtschaftliche, soziale und humane Schäden. „Nun ist es genug!“ scheinen mir aber auch die Menschen entgegenzurufen, die neuerdings wieder die Plätze und Parks bevölkern, die Schlangen vor den Eisdielen. Als großes Glück empfinde diese Unbeschwertheit auch ich und vergesse bei Sonne und Freiluftbier manchmal tagelang die Lage der Welt. „Nun ist es genug!“ bin ich dann versucht zu denken, wenn ich die Zahlen lese, die seit Ausbruch der Pandemie zum kleinen Einmaleins gehören: Reproduktionszahl unter 1, täglich weniger Neuinfektionen und tausende freie Intensivbetten. Auftrag also offensichtlich erfüllt! Das Gesundheitssystem liegt jedenfalls nicht am Boden und apokalyptische Bilder wie in Italien sind ausgeblieben.

„Nun ist es genug, Herr!“ stöhnt auch Elija (1 Kön 19,4). Der Prophet sitzt in der judäischen Wüste unter einem Strauch und wünscht sich den Tod. Was ist passiert, das dem Gottesmann dermaßen zusetzt? Elija trat kühn seinem König entgegen, Ahab, der eine Nichtisraelitin geheiratet und fremde Kulte in Israel eingeführt hatte, der es übler trieb als alle Könige Israels zuvor. JHWH sei der einzig wahre Gott, er allein lasse es regnen und nicht der heidnische Wetter- und Vegetationsgott Baal! Elija musste daraufhin lange Zeit auf der Flucht vor Ahab leben, auf wundersame Weise ernährt und am Leben gehalten von der Vorsehung Gottes. Schließlich aber kam es auf dem Karmel zu einer Art Opferwettstreit zwischen Elija und den Baalspropheten des Königs, bei dem Elija seine Gegner vernichtend schlug. Buchstäblich: Gemetzel wie diese machen es uns manchmal schwer, unsere Gottesvorstellung mit der des Alten Testaments zu verbinden. Der Siegestaumel war vollkommen, als – wie von Elija angekündigt – Regen die schwere Dürre beendete.

Doch in Wahrheit hat er damit nichts erreicht, wie er wenig später feststellen musste. Er konnte das Volk nicht zur dauerhaften Abkehr von den fremden Göttern bewegen. Stattdessen wird er nun von Isebel, der Frau Ahabs, verfolgt und mit dem Tod bedroht. „Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben!“ Genug unnützer Eifer, sinnlose Entbehrungen und offensichtlich niemals enden wollende Verfolgung!

Man dürfe Erreichtes nicht leichtfertig aufs Spiel setzen! Wir befinden uns erst am Beginn der Krise und der Weg in die Normalität erfordere noch viel Disziplin und Ausdauer! Angesichts der Härten und belastenden Umstände, die seit Beginn der Krise jede und jeden gleichermaßen und doch auf verschiedene Weise treffen, sind mahnende Worte wie diese leichter gesagt als getan. Doch dürfte inzwischen den allerletzten klar geworden sein, dass jede weitere Aufhebung irgendeiner Schließung nur noch mehr Umsicht und Selbstbeherrschung von uns verlangen wird. Wir werden nicht umhinkommen, zu lernen, wie ein verantwortungsbewusstes Leben mit dem Coronavirus aussehen kann, ein Leben, in dem der Wegfall von Beschränkungen nicht bloß als Einladung zu Sorglosigkeit und Schlendrian verstanden wird – gleichviel, wie genug es schon ist und uns die Sonne ins Parkvergnügen treibt.

„Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich.“ (1 Kön 19,7) Auch Elija muss weiter, darf nicht vorzeitig aus dem Rennen ausscheiden. Wie bereits bei seiner ersten Flucht durch einen Boten Gottes mit Brot und Wasser gestärkt (vgl. 1 Kön 17) macht er sich auf zum Gottesberg Horeb. Hier ereignet sich, was für Elija scheinbar alles verändert, auch wenn sich von außen betrachtet rein gar nichts verändert hat: In „einem sanften, leisen Säuseln“ (1 Kön 19,12) – und ausdrücklich nicht in den gewaltigen Naturphänomenen, die sonst in der Bibel für Gotteserscheinungen typisch sind – erfährt er die Anwesenheit und Nähe Gottes. Die Stille und Intimität dieser Begegnung befreien Elija aus Schwermut und Resignation. Er ist wieder bereit, seinen Weg als Prophet weiterzugehen.

Wenn die letzte Mundschutz-Challenge zu Ende genäht ist, die Homefitness-Welle abebbt und Langeweile den anfänglichen Aktionismus ersetzt, werden wir dann in der Lage sein, Sinn, Glück und Schönheit auch in der uns aufgezwungenen Ruhe zu finden? Werden wir zu einer neuen Wertschätzung dessen gelangen, was wir viel zu lange übersehen und überhört haben? Wird die Corona-Krise tatsächlich eine Chance zum Beschreiten neuer Wege sein? Ganz mag ich diese Hoffnung nicht aufgeben. Durch das Beispiel Elijas dürfen wir jedenfalls darauf vertrauen, dass uns der biblische Gott zu jeder Zeit genau das gibt, was wir nötig haben, allem voran… sich selbst! „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ (Mt 4,4)

Suchen wir also zuallererst dieses Wort, lassen wir uns vom Wort berühren und vertrauen wir auf das Wort! Und gerade der kirchlichen Gemeinschaft steht ein möglichst schnelles Zurück zur alten Normalität oder ein Rückfall in alte (kirchenpolitische) Reflexe am wenigsten an: Die eigentliche Krise ist durch Corona nur pausiert!

Tobias Maierhofer, Projekt „Lectio Divina-Bibel“ im Katholischen Bibelwerk e.V.

Für den Anfang: Der Ahab-Isebel-Elija-Zyklus 1 Kön 16,29-22,40

Um Mitternacht

Während die einen ruhig schlafen, erleben andere ihre Sorgen und Ängste während der Nacht besonders bedrohlich. Die Bibel bietet Letzteren viele Beispiele für Gottes rettendes Eingreifen zur Nachtzeit. In manchen Texten finden Menschen Lösungen und Antworten für ihre Fragen im nächtlichen Traum. Betende erhalten in der Nacht göttlichen Rat und mit dem Tau fällt über Nacht das Manna, Israels Nahrung in der Wüste. Vor allem aber gilt für Israel zu jeder Zeit: An Pessach „hat der HERR, dein Gott, dich nachts aus Ägypten geführt“ (Dtn 16,1).

Neben der zentralen Erzählung der Nacht des Auszugs aus Ägypten im Buch Exodus reflektieren auch andere biblische Bücher die Grunderfahrung der Rettung aus der Knechtschaft in Ägypten und erzählen die Geschichte oft erstaunlich neu. In Weish 18,14-15 heißt es:

„Als tiefes Schweigen das All umfing / und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab / als harter Krieger mitten in das Land des Verderbens.“

Weder der Name des Landes noch seine Bewohnerinnen und Bewohner werden explizit genannt. Im Zusammenhang aber wird klar: Ägypten ist das Beispiel schlechthin für solches Verderben. Das Buch der Weisheit wird nicht müde zu betonen, wie sehr dieses Volk selbst für sein hier beschriebenes Unheil verantwortlich ist. Das Leid, welches das biblische Volk an allen Fronten immer wieder erfahren musste, fällt hier auf seine Aggressoren selbst zurück.

Das himmlische Wort (der Logos) kommt vom königlichen Thron und verweist damit auf Gott als eigentlichen König. Von ihm können die Erniedrigten Solidarität und Gerechtigkeit erwarten. Der Pharao mit seinem Fremdenhass (vgl. Ex 1,9-10) und vergleichbare Despoten haben dagegen keinen Bestand.

Das durch Unterdrückung und Krieg verursachte Leiden ist aber oft so groß, dass manche Texte von kriegerischen Fähigkeiten Gottes sprechen und damit Mut schenken möchten. Aus diesem Grund wird der HERR in Ex 15,3 selbst als Kriegsmann besungen und in Weish 18,15 sein Wort als ein solcher verheißen. Schon innerhalb der Bibel finden sich aber in jüngeren Texten interessante Änderungen dieser Aussage. So schreibt die griechische Übersetzung des Alten Testaments in Ex 15,3: „Der Herr beendet Kriege.“ In Ps 46,10 kommt dieser veränderte Satz sowohl im hebräischen als auch im griechischen Text vor. Die in aktueller Bedrohung verstehbare Sehnsucht nach himmlischer Hilfe im Kriegsfall hebt die vielen anderen Aussagen vom liebenden und zugewandten Gott keinesfalls auf.

Gottes Wort ist in Weish 18,15 allmächtig, wörtlich dynamisch. Das zeigt der Text eindrucksvoll, indem das Wort vom Himmel mitten ins Verderben bringende Land springt. Das Verb „springen“ kommt dabei im ursprünglichen griechischen Text poetisch höchst eindrucksvoll zwischen den Wörtern Land und Verderben zum Stehen.

Der Einsatz des Wortes wird eingeleitet durch allumfassendes Schweigen. Dieses das ganze All betreffende tiefe Schweigen wirkt wie eine Unterbrechung, ein Stillstand vor dem kraftvollen/dynamischen Eingreifen des Wortes als Werkzeug Gottes. Die Nacht geht auf ihren Höhepunkt zu und hält inne, bevor dieser erreicht wird. Die dadurch aufgebaute Spannung verleiht dem Agieren des Wortes umso größeres Gewicht. Um Mitternacht, just zu der Zeit, da sich die Nacht Richtung Tag wendet, setzt die göttliche Wirkkraft ein. Die Rettung, bildlich gesprochen die Wende zum Licht, ist nicht mehr aufzuhalten.

Die Gottlosen, wörtlich Gesetzlosen oder Menschen ohne Gesetz, liegen da „als Gefangene der Finsternis und Gefesselte einer langen Nacht“ (Weish 17,2). Das Wort „Gefesselte“ steht, im Urtext wiederum poetisch kunstvoll gestaltet, wie eingekerkert zwischen den Wörtern „lang“ und „Nacht“. Diejenigen, die Israel verderben wollten, leiden unter der Finsternis, die sie selbst durch ihr vernunftloses und schreckliches Verhalten verursacht haben. Die Finsternis, welche die Ägypter in Ex 10,21-23 als neunte Plage zum Einlenken bringen will, wird hier zum Zeichen für die Umkehrung der Verhältnisse. Während Ägypten von anhaltender, unentrinnbarer Nacht umgeben ist, erstrahlt die ganze Welt in strahlendem Licht (vgl. Weish 17,19).

Die Nacht steht in Weish 17-19 einerseits für die konkrete Erzählung göttlichen Eingreifens für sein Volk in der Pessachnacht, andererseits aber auch für den Zustand, in den sich Menschen durch unrechtes Handeln verstricken können. Der Text ermutigt, um Mitternacht den Blick in Richtung Sonnenaufgang zu wenden und mit Gottes Kraft dort hin zu eilen, wo Hilfe nötig ist.

Dr. Christine Abart

Gottesluft

Sie besiedelten die Luft und lösten Epidemien aus. Über den Atem drangen sie in die Menschen ein, die sie mit Fieber und unheilbaren Krankheiten schlugen. Manche griffen vorzugsweise in der Nacht an, andere bedienten sich des Windes. Oft traten sie in Gruppen zu mehreren auf, gern zu siebt, aber das konnten nur die Experten wissen, denn für gewöhnliche Menschen waren sie unsichtbar. Die Rede ist nicht von Viren, sondern von Dämonen, denn das Unsichtbare und Unbekannte vermochte die Menschen zu allen Zeiten in Angst und Panik zu versetzen und verleitete sie nicht selten zu irrationalen Handlungen. Die einschlägigen Experten waren nicht Virologen, sondern Exorzisten.

Das Böse

In der Antike bedrohten zahlreiche Dämonen das Leben der Menschen. Sie waren allgegenwärtig. Die Dämonen der Antike waren Grenzgänger zwischen Himmel und Erde und Mittler zwischen den Menschen und ihren Göttern. Im Alten Testament waren sie noch mit den Engeln verwandt. In der griechischen Kultur vermochten die Dämonen Böses abzuwehren, als Totengeister setzten sie sich gegen das Unrecht ein und bestraften Übeltäter. Für Homer waren sie weder gut noch böse, sie waren lediglich unbekannt, Mächte von begrenztem Einfluss und den Göttern unterstellt. Judentum und Christentum legten Wert auf Eindeutigkeit und verbannten die vielen Götter der Heiden zu Gunsten des einen, wahren und guten Gottes, der fortan nur noch von Engeln vertreten werden durfte. Den Dämonen blieb nichts Anderes übrig, als sich auf die Seite des Satans zu schlagen, der immer mächtiger wurde, je mehr die Frommen das Unerklärliche und Böse von ihrem Gott fernzuhalten versuchten. Der Monotheismus hat seinen Preis, jedenfalls dann, wenn man Gott und dem Leben nicht zugesteht, unbegreiflich, unerklärlich und unberechenbar zu sein, erhebend und abgründig zugleich.

Und seine Abwehr

Während Gott an seinen Heiligtümern anzutreffen war, siedelten sich die Dämonen vorzugsweise an Übergängen und Grenzen an, geographischen und solchen des Lebens, wenn sie sich nicht gleich in die Totenwelt zurückzogen. Oft wurden sie als Mischwesen zwischen Mensch und Tier dargestellt, denn natürlich konnte man sie sichtbar machen, nicht unter dem Mikroskop, aber in der Mythologie. Man trug ihre Bilder auf Amuletten mit sich herum, um sich vor ihren Angriffen zu schützen. Auch Abwehrrituale und Fluchformeln konnten helfen, sie sich vom Leib zu halten. Sie verliehen dem Namenlosen einen Namen und dem Unsichtbaren ein Gesicht.

Besessen

Im Markusevangelium (5,9) fragt Jesus den Dämon eines Besessenen nach seinem Namen und erhält die kryptische Auskunft, “Legion heiße ich, denn wir sind viele”. Manche Exegeten sehen in dieser Antwort eine Anspielung auf die römische Besatzungsmacht zur Zeit des Neuen Testaments, was gut möglich ist, denn deren dämonische Auswirkungen hatten sich lähmend auf den Alltag der Menschen gelegt. In der Erzählung selbst bittet dieser Dämon mit seinen tausend Gesichtern lediglich darum, einen Ort zugewiesen zu bekommen. Die “unreinen Geister”, wie der griechische Text sie nennt, fahren in eine Herde Schweine, und die für das Judentum unreinen Tiere stürzen sich in den See und ertrinken. In der Logik der Geschichte funktioniert das, in der Realität können Schweine, wie alle Säugetiere, schwimmen. Darauf aber kommt es nicht an. Um den Gefahren zu begegnen, mit denen das Leben uns umstellt, brauchen wir Erzählungen und brauchen die Erzählungen Protagonisten. Die Dämonen gehören ebenso dazu wie ihre Opfer und jene, die sie in Schranken zu weisen wissen.
In diesem März 2020 wird um das sogenannte Coronavirus herum eine neue Großerzählung gesponnen. Es besiedelt die Atemluft, Türklinken und Handybildschirme, dringt von dort aus in die Menschen ein und schlägt sie mit Fieber, raubt manchen die Luft zum Atmen. Das Tückische daran: Es ist nicht nur unsichtbar, sondern vor allem auch weitgehend unbekannt. Täglich geben die Experten ihre neue Erkenntnisse bekannt, und die Verunsicherten hängen gläubig an ihren Lippen, während sie sich von ihren Nächsten distanzieren, die ja infiziert, biblisch gesprochen: “unrein” sein könnten. Wer hustet, erntet vernichtende Blicke.

Und befreit

Noch ist nicht entschieden, ob die größere Gefahr vom Virus ausgehen wird oder von den Reaktionen jener, die darüber in Panik und Hysterie verfallen. Dem Risikoforscher Gerd Gigerenzer zufolge liegt die größere Gefahr in der menschlichen Angst vor der Gefahr und nicht in der Gefahr selbst, auf die wir wie hypnotisiert starren.
Die Autorin dieser Zeilen hatte sich in einem Moment des Zorns über den medialen Corona-Overkill entschieden, für den Rest der Fastenzeit auf jegliche Corona-Berichterstattung zu verzichten, um sich wenigstens mental nicht infizieren zu lassen. Es ist ihr nicht gelungen. Der “neuartige” und dabei bis zum Überdruss vertraute Dämon “Corona” hat nicht nur die Atemluft, Türklinken und Handybildschirme besiedelt, sondern bereits das Denken eines ganzen Landes. Manchen raubt es die Vernunft wie dem Besessenen von Gerasa. Der hatte freilich Glück. Ihm ist Jesus begegnet, ein Mensch, der bemerkenswert angstfrei gewesen sein muss, obwohl er sich fast täglich mit Dämonen konfrontiert sah. Um ihn herum, so sagte es einmal der Theologe Gottfried Bachl, muss so etwas wie “Gottesluft” gewesen sein. Wirksamer als jedes Desinfektionsmittel reinigte sie die Atmosphäre, vor allem die zwischen Menschen. Sie bezwang die Dämonen und befreite die Besessenen. Nein, das ist natürlich kein Heilmittel gegen ein Coronavirus, das getrost den darauf spezialisierten Experten überlassen bleiben mag. Jene “Gottesluft” aber, die Besessene aufatmen ließ und vor der sich die Dämonen fürchteten, ist notwendiger denn je in einer Zeit, die Tote zählt, Kontakte einfriert und sogar Kirchen schließt. Letzteres dürfte für den biblischen Jesus allerdings nicht unbedingt ein Problem sein.

Dr. Andrea Pichlmeier, Bibelpastoral Passau

Zum Jahr der Bibel 2020

Papst Franziskus hat das neue (Kirchen-)Jahr, welches am 1. Advent 2019 begonnen hat, zum Jahr des Wortes Gottes ernannt. Jahr des Wortes Gottes – nicht etwa Jahr der Bibel, sondern Jahr des Wortes Gottes. Die Bibel, das ist uns allen klar und präsent, ist unser wichtigstes Buch, auch oft die Ur-Kunde unseres Glaubens genannt. Aber, zugleich verbinden wir mit dem Begriff der Bibel oft auch einfach den Begriff: wichtiges Buch, das jeder sicher in einer oder mehreren Ausführungen im Schrank stehen hat, oder im besten Fall auf dem Schreibtisch. Manche Bibeln haben einen edlen Goldschnitt, sind Erbstücke aus der Familie, werden gut behütet und regelmäßig abgestaubt; andere sind Handwerkszeug, abgegriffen, voll geschrieben und optisch nicht mehr der Hit. Aber letztlich für viele im Alltag „nur“ ein Buch.

Papst Franziskus möchte uns aber darauf aufmerksam machen, dass es eben nicht einfach „nur“ ein Buch ist, diese unsere Bibel; dass es nicht darauf ankommt, wie sie aussieht, ja, nicht einmal wichtig ist – Ausnahme ist der Gottesdienst – in welcher Übersetzung sie vorliegt; wichtig ist nur eins: dass, wann immer ich die Bibel aufschlage Gott mir in seinem Wort sehr konkret begegnet. Sozusagen von Angesicht zu Angesicht. Und er begegnet mir dabei in einer Form, die deutlich macht, dass es nicht um eine vergangene Geschichte, nicht um fromme, legendenhafte Erzählungen geht, sondern, dass es um eine Beziehung geht, die zu allererst ihn und mich betrifft. Es geht um mein Leben. Es geht um mich und ihn. Ich bin persönlich zutiefst davon überzeugt, dass es keinen Text der Heiligen Schrift, der Bibel gibt, der nicht immer auch etwas mit mir, meinem Leben, meinen Fragen zu tun hat. Gott spricht MICH an. Manchmal mag ich das beim Lesen des Gotteswortes vielleicht nicht sofort merken, manchmal mag es schwierig sein, mich selbst oder mein Leben in diesen Texten zu finden. Aber manchmal brauche ich nur ganz kurz darauf schauen, und spüre zutiefst wie ich von diesem Wort getroffen und betroffen bin. Der berühmte Satz von Hanns-Dieter Hüsch fasst das für mich wunderbar zusammen: auch du stehst mit drin. Können die Erzählungen und Texte noch so von unbekannten Orten, Namen und Zeiten sprechen – immer geht es um die Beziehung Gottes mit den Menschen, immer geht es auch konkret um die Beziehung Gottes zu mir.

Wir glauben an die Menschwerdung Gottes in Jesus und damit wird uns bewusst: wir sind nicht irgendeine Buchreligion, die sich mit einem leblosen, stummen Buch beschäftigt, sondern mit dem lebendigen Wort, das Mensch werden will. Gott, so werden wir es wieder hören, spricht sich in seinem Sohn selbst aus, um ganz bei uns zu sein. Als das Konzil vor über 50 Jahren tagte hat es diese Erkenntnis wieder deutlich gemacht: alles was wir tun und sagen, muss auf dem Hintergrund des Gottes Wortes geschehen. Oder anders formuliert: Die Heilige Schrift soll und muss die Seele der Pastoral, der Seelsorge, all unseres Arbeitens und Mühens sein. Nicht unsere Ideen, sondern immer erst die Heilige Schrift.

In unserer Schwesterkirche gibt es seit 500 Jahren das Diktum: Sola scriptura. Luther hat gesagt: allein die Schrift soll das Handeln leiten, soll den Glauben bestimmen. In unserer Kirche ist dieses Wort in einer Erweiterung ebenfalls gültig: scriptura et traditio. Schrift und Tradition (in dieser Reihenfolge) sind ausschlaggebend für unser geistliches Handeln, für unseren Glauben. Das ist durchaus eine wichtige und gute Erweiterung. Allerdings kann man im Alltag auch leicht in Versuchung kommen den Satz umzudrehen: Traditio et scriptura – Tradition und Schrift. Die Schrift hat dann der Tradition zu folgen und sich unterzuordnen. Etwas, was leider immer wieder auch so geschehen ist. Nicht zum Guten. Hätte man darauf geachtet, die Tradition vom Wort Gottes her zu lesen und zu gestalten, dann wäre manches nicht passiert und wir müssten viele Punkte im Rahmen des synodalen Weges nicht besprechen, da sie sich quasi erledigt hätten. Es kommt vielleicht nicht von ungefähr, wenn der Beginn des Synodalen Weges zeitgleich mit dem Jahr des Wortes Gottes beginnt. Gott selbst lädt uns ein, wieder mehr und neu auf sein Wort zu schauen und uns, unser Leben und Handeln im Licht dieses Wortes zu reflektieren und auf dieses auszurichten. Kirche mehr und immer wieder aus dem Wort Gottes heraus zu gestalten. Auf Zukunft hin.

Das Jahr des Wortes Gottes wird am 30. September, dem 1.600ten Todestag des Heiligen Hieronymus zu Ende gehen. Von ihm stammt der berühmte Ausspruch: „Die Schrift nicht kennen, heißt Christus nicht kennen.“ Gerne kann man das erweitern auf: „Die Schrift nicht kennen, heißt Gott nicht kennen.“ Hieronymus war es wichtig, dass möglichst viele Menschen einen verständlichen Zugang zum geschriebenen Gotteswort bekommen und er hat deshalb seine berühmte Vulgata-Übersetzung geschaffen. Eine Übersetzung der Heiligen Schrift aus dem Hebräischen und Griechischen in die Umgangssprache seiner Zeit, das Lateinische. Diese, seine Vulgata-Übersetzung ist bis heute die verbindliche, lateinische Grundlage in unserer Kirche. Ausgehend von ihr und vielen, fast unzählbaren Textschnipseln antiker Schriften bemühen sich bis heute Menschen darum, immer im Geiste des Hieronymus, das Wort Gottes in eine Sprache zu bringen, die die Menschen ihrer Zeit und Sprachgruppe verstehen können, damit sie so in eine immer konkretere Beziehung zu Gott und Christus treten können, damit sie, damit WIR immer besser verstehen, was er uns, was er MIR mit seinem Wort sagen will. Die Schrift nicht kennen, heißt Gott nicht kennen. Ohne das Zeugnis der Schrift würden wir Gefahr laufen uns einen Glauben und einen Gott zu basteln, der uns gefällt – aber nichts mit GOTT zu tun hat.

Im Lesen der Schrift dürfen wir erfahren, dass Gott uns anspricht – so lernen wir ihn und seine Botschaft kennen. Daraus sollen wir unser Leben, unser geistliches, pastorales, aber auch gesellschaftliches Leben gestalten. Auf dieses Wort hin sollen unsere Traditionen, Regeln und Gesetze gelesen und auch wo nötig korrigiert werden – so, dass immer mehr das Gottes Wort, in uns, in seiner Schrift, in seiner Kirche wachsen und groß werden kann.

Diakon Daniel Pomm, Diözesanleiter  Bistum Erfurt des Kath. Bibelwerkes e.V.

(Erstfassung des Textes: Statio zum Einkehrtag des Ordinariates 2019)

Damaskus

„Ich glaube nicht, dass der sich noch mal ändern wird.“ Ich muss zugeben, es gibt Menschen, bei denen ich das schon mal denke.

„Ich glaube nicht, dass der sich so geändert hat.“ Misstrauen und Angst, sind damals sicher auch dem Apostel Paulus in Damaskus entgegengeschlagen. Bestimmt nicht blindes Vertrauen in eine wundersame Umkehr.

Ausgerechnet er, der unbarmherzige Christenverfolger, soll eine Wende um 180°  vollzogen haben und will nun Christ werden? Unmöglich!

Und doch: am 25. Januar feiert die katholischen Kirche das Fest der Bekehrung des heiligen Apostels Paulus.

Die Kirche feiert, dass Paulus tatsächlich eine Wende um 180° gemacht hat. Aus dem erbitterten Feind der ersten christlichen Gemeinden wurde ein Mensch, der mit Feuereifer für den Glauben an Jesus Christus eintrat.

Wie es dazu kam? Man weiß es nicht. Paulus selbst schweigt darüber. An keiner Stelle in seinen Briefen, die uns in der Bibel überliefert sind, sagt er dazu etwas Genaues.

Dass wir von seiner Bekehrung erfahren, verdanken wir dem Evangelisten Lukas. Nicht in seinem Evangelium, aber in der Apostelgeschichte schreibt er davon. Gleich dreimal (Apg 9,1-9; 22,6-11; 26,12-18). Paulus – er nennt sich zu diesem Zeitpunkt noch Saulus – ist auf dem Weg nach Damaskus. Dort will er die Christen aufspüren und ihre Gemeinde zerstören.

Auf dem Weg stürzt Paulus zu Boden. – Übrigens fällt er nicht von einem Pferd, wie auf vielen Bildern zu sehen ist. Nach der Apostelgeschichte ist er zu Fuß unterwegs.- Seine Begleiter sehen Paulus zu Boden stürzen. Was weiter geschieht, lässt sich nicht genau beschreiben. Paulus begegnet Christus. In einer Vision. Später wird Paulus erklären: Jesus hat ihn bei dieser Begegnung dazu bestimmt, den christlichen Glauben zu lernen und in die Welt hinaus zu tragen. Von nun an wird er sich auch nicht mehr Saulus, sondern Paulus nennen. Das historische Damaskuserlebnis – vom Saulus zum Paulus – das ist sprichwörtlich geworden. Ohne Paulus und seine Bekehrung gäbe es heute wohl kein christliches Abendland.

Das Fest Bekehrung des Paulus – es ist ein großer Tag für den christlichen Glauben.

Es ist aber, meine ich, auch ein großer Tag für jeden Menschen. Mir sagt dieses Fest: Bei Gott ist niemand festgelegt. Menschen können sich ändern. Auch solche, denen ich es nicht zutraue.

Another Day in Paradise

Wie steht es bei Ihnen, bei dir und natürlich auch beim Schreiber des Briefes – bei mir –  mit dem Nachdenken?

Phil Collins * 1951 – einer der erfolgreichsten Musiker der letzten Jahrzehnte –  gibt in seinem Song „Another Day in Paradise“ eine sehr interessante Antwort: „Think Twice – denk zweimal nach!“
Und Phil Collins verbindet das doppelte Denken mit einem interes-santen Gewinn: Es ist ein weiterer Tag für dich und mich im Paradies.

Manch eine Theologin / ein Theologe findet hier ein Konstrukt wieder, das man Tun-Ergehen-Zusammenhang nennt:
Gutes Tun hat positive Folgen.
Falsches Handeln, unterlassenes Tun haben negative Auswirkungen. Und Phil Collins sieht hier, dass sich dann keine weiteren Tage im Paradies auftun.

Der Song von Phil Collins erzählt von einer krassen Begebenheit, die man umschreiben kann mit >unterlassene Hilfeleistung<.
Ein Mann ignoriert den Hilferuf einer verletzten Frau, ist selbst verlegen, will nicht hören und sehen. Er geht einfach weiter…

Manch eineR wird an Situationen erinnert, in denen wir Menschen am Rande treffen: Bettelnd um einen Euro, frierend, einen Platz zum Schlafen suchend, hungrig …..

Und immer wieder wird die Handlung des Songs unterbrochen:

Think twice – denk zweimal nach, denn es gibt einen weiteren Tag für dich und mich im Paradies.

Auch die sogenannte Weihnachtserzählung vom Evangelisten Matthäus, die wir in diesen Tagen hören, zeigt uns, wie wichtig es ist, zweimal zu denken.

Wenn das bloße Nachdenken in eine negative Richtung führt, ist es der Engel des Herrn im Traum, der mit dem Impuls Think Twice die Handlung von Josef positiv korrigiert:

„Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie (Maria) nicht bloß stellen wollte, beschloss sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte:“ Josef….
„Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und er nahm seine Frau zu sich“ Mt 1,20.24.

Auch die Sterndeuter, die ursprünglich dachten, zu Herodes zurückkehren zu müssen und ihm vom Kind >Immanuel< zu berichten, bekommen im Traum die Weisung neu zu denken:
„Da ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land“ Mt 2,7-12.

Denk zweimal nach – ist auch die Botschaft an diesem Weihnachts­fest für uns.

Es gibt, wenn wir nachdenken, ganz viele Bereiche, wo wir falsches Handeln mit negativen Folgen zurücklassen können, wenn wir nur wollen.

Zwei Bereiche will ich erwähnen:

Die Klimakatastrophe mit Co2-Austoß, Erderwärmung, Bränden, Abholzung, Trockenheit, Wirbelstürmen, Überflutungen und und….
Was könnte die Folge sein, wenn wir nachdenken und handeln?
Another day in Paradise?

Die katholische Kirche ist in einer fundamentalen Krise und es gibt einen Versuch der Erneuerung: Der synodale Weg – mit vier Foren:

  • Macht, Partizipation, Gewaltenteilung
  • Sexualmoral
  • Priesterliche Existenz
  • Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche

Es gilt, die Probleme wahrzunehmen und sich ihnen zu stellen. In Bereichen, wo wir ehren- und hauptamtlich tätig sind, sind wir gefordert Konsequenzen zu ziehen, zu handeln und Verantwortung zu übernehmen.

Und nicht wie der Mann im Song von Phil Collins den Schrei der Frau zu überhören und nichts tun.

Und wenn wir nicht mehr vorankommen, können wir doch mit
Phil Collins beten:

Oh Lord, is there nothing more anybody can do?
Oh Herr, gibt es nichts mehr, was irgendjemand tun kann?

Oh Lord, there must be something you can say.
Oh Herr, es muss doch etwas geben, was du sagen kannst.

Denken wir zweimal nach und handeln wir entsprechend;
es sind noch weitere Tage, „für dich und mich im Paradies“,
auf dieser Erde, in unserem Leben;
mit Menschen, mit denen wir gemeinsam etwas verändern
und Neues auf den Weg bringen – auch in unserer Kirche.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen / euch

FROHE WEIHNACHTEN.
Ihr/euer

Ulrich Kmiecik

Dr. Ulricch Kmiecik, Bibelpastoral/-Bildung/Kath.Bibelwerk, Erzbistum Berlin

„Erhebt eure Häupter!“ (Lk 21,28)

„Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Befreiung ist nahe!“

Wäre nicht dieser letzte Satz, wir müssten über dem heutigen Text des Lukas (Lk 21,20-28), der „Evangelium“ zu sein beansprucht, schier verzweifeln. Was haben Krieg und Verwüstung mit der Frohbotschaft Jesu zu tun? Was haben Angst und Schrecken vor dem Weltende, dem kosmischen Super-GAU im Evangelium zu suchen?
Gewiss sind das alles keine Worte des historischen Jesus, sondern eine Komposition des Lukas, der vielleicht 20 Jahre nach der Katastrophe der Zerstörung Jerusalems durch die Römer seine markinische Vorlage neu schreibt. Nur hilft uns diese Einsicht nicht aus der Klemme. Der Text steht in der Heiligen Schrift und wird in der Liturgie als Wort Gottes verlesen. Was ist seine Botschaft hier und heute?
Das Kirchenjahr geht dem Ende zu, der Advent steht vor der Tür. So legt es sich nahe zu bedenken, was es mit dem Kommen des Menschensohns auf sich hat, der anderen Seite der kosmischen Erschütterung. Was bedeutet es für die Jüngerinnen und Jünger Jesu, um Jesu Kommen zu wissen und mit ihm rechnen zu dürfen? Bevor wir darauf zu antworten suchen, hören wir zunächst noch ein wenig vertieft in unseren Text hinein. Denn eines ist merkwürdig an ihm und bedarf unserer Aufmerksamkeit:

Warum schließt sich die Prophetie vom endzeitlichen Kommen des Menschensohns unmittelbar an die Ankündigung der Zerstörung Jerusalems an? Wie hängt beides zusammen? Liegt die Katastrophe von 70 n. Chr. für Lukas nicht schon mindestens zwei Jahrzehnte zurück? Und ist andererseits die Parusie für Lukas – im Unterschied etwa zu Paulus – nicht in zeitliche Ferne gerückt? Richtet sein Blick sich nicht in die Weite der Zukunft, in der es gilt, aller Welt das Evangelium zu verkündigen? Warum der traumatisierte Blick zurück auf die Zerstörung Jerusalems?
Fremd ist auch die Weise, wie Lukas von der Verwüstung Jerusalems durch die römischen Heere spricht. Kurz zuvor, in Kap. 19 heißt es:

„Als Jesus näherkam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: […] Es werden Tage über dich kommen, in denen deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen […]; sie werden dich und deine Kinder zerschmettern und keinen Stein in dir auf dem andern lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast“ (Lk 19,41-44).

Jesus weint über die Stadt, weil sie ihren Kairos verpasst und einem schrecklichen Schicksal entgegensieht.
Solche Rede ist nicht neu, wir kennen sie aus dem Alten Testament. Juda hat nicht auf seine Propheten gehört. Gott antwortet mit der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier. Für Lukas ist die Verwüstung der Stadt die kollektive „Vergeltung“ dafür, dass sie ihren Messias abgelehnt hat. Was für ein schwer verdauliches Gottesbild?! Aber achten wir auf das Ende des ersten Teils unseres Evangeliums, wo es heißt: „Mit scharfen Schwert wird man sie erschlagen, als Gefangene wird man sie zu allen Völkern schleppen und Jerusalem wird von den Völkern zertreten werden, bis die Zeiten der Völker sich erfüllen“. Was bedeutet die zeitliche Grenze: „bis die Zeiten der Völker sich erfüllen“? Haben Gefangenschaft und Deportation aus der Heimat einmal ein Ende? Gibt es Hoffnung für das Volk Gottes auf ein Ende allen Leidens?

Dieser Satz, der die Zukunft nur verhüllend andeutet, verrät das Geschichtsbild des Lukas: Zuerst muss das Evangelium unter den Völkern verkündet werden, dann kommt auch für Israel eine Zeit des Aufatmens. Wann und wie das geschehen wird, bleibt den Menschen verborgen. „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“, sagt Jesus seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt, als sie ihn fragen: „Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“ Gott ist der Herr der Geschichte, er bestimmt, wann „die Zeiten der Völker erfüllt“ sind, Jerusalem und Israel aufatmen können und der „Menschsohn“ kommt. Jetzt wird begreiflich, warum auf die Rede von der Gefangenschaft und Deportation der Juden in alle Welt unmittelbar die Prophetie vom Kommen des Menschensohns folgt. Lukas kann sich die Vollendung der Geschichte nicht ohne Israel vorstellen.
Gewiss ist das eine grandiose Vision, verwandt übrigens mit der des Paulus in Röm 9-11 – mit einer starken Prophetie am Ende. Aber die Geschichte der zurückliegenden zweitausend Jahre ist über diese Vision hinweggegangen. Dies zu erkennen, reicht aus unserer Perspektive ein Blick auf das letzte Jahrhundert mit Shoa und Gründung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina, des ersten seit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. Sind deshalb „die Zeiten der Völker erfüllt“ und kann Israel aufatmen? Offenbar nicht.
Auch das Ende der Welt, das Lukas in apokalyptischer Tradition erwartet, hat keine Motivationskraft mehr. Nicht, dass auch wir uns um die Zukunft unseres Globus sorgen, von tobenden Meeren wissen, die im Tsunami ganze Landstriche ins Verderben reißen, Katastrophen befürchten, weil menschliche Unvernunft das Klima unserer Erde verändert. Aber all das Schreckliche, was Menschen in Zukunft erleben dürften – Katastrophen und Kriege um die Ressourcen dieser Erde –, darf nicht mit dem von Lukas Gemeinten verwechselt werden. Er spricht nicht von dem, was Menschen verschulden, sondern von einem kosmischen Ende, das Gott in seiner Freiheit setzt. Er folgt frühjüdischen Vorstellungen vom baldigen Ende der Zeit, die heute kaum mehr vermittelbar sind. Die moderne Astrophysik ermöglicht uns Einblicke in „Zeit-Räume“ des Weltalls, in dem unser Sonnensystem nur ein Tropfen in einem unfassbaren Ganzen ist. Derartige Einsichten, die sich wissenschaftlich ständig weiterentwickeln, können nicht durch mythische Erwartungen eines baldigen Kommens des Herrn auf den Wolken außer Kraft gesetzt werden. Nicht zufällig sind diese in Sekten ausgewandert, wo sie zuweilen skurrile Formen annehmen, wenn man meint, das nahe Ende der Welt berechnen zu können.
Baruch Spinoza, der große jüdische Schriftgelehrte und Philosoph des 17. Jahrhunderts, erklärt in seinem Theologisch-politischen Traktat: Gott offenbart sich entsprechend dem Vorstellungsvermögen der Propheten, er offenbart sich gemäß ihren Anschauungen, er offenbart sich in ihrer Zeit, zu ihrer Stunde. Überholt die Geschichte ihre Prophetien, so bleibt doch deren Kern.
Wenden wir diesen einfachen wie überzeugenden Grundsatz auf unseren Text an, dann entbirgt er seine Frohbotschaft, die zwei Pole hat: Gott gibt niemanden auf – und: Er ist den Seinen nahe. Beides gehört innerlich zusammen.
Gott gibt niemanden auf, erst recht nicht sein Volk. Wir Christen haben allzu lange gedacht, mit der Ablehnung Jesu durch die Autoritäten Jerusalems und der Zerstörung ihrer Stadt sei die Geschichte des Gottesvolks zu Ende und die Kirche sei an seine Stelle getreten. Die Töne, die Lukas im heutigen Evangelium wie insgesamt in seinem Geschichtswerk vernehmen lässt, hatten keine Chance gehört zu werden. Christlicher Erhabenheitsdünkel ließ es nicht zu.
Wir Menschen neigen dazu, Anderslebenden und Andersdenkenden nicht den Respekt entgegen zu bringen, den sie verdienen, sie abzuschreiben, ihnen aus dem Weg zu gehen.

Dabei könnte Begegnung gerade Neues eröffnen. Ich frage mich, ob nicht gerade dies eine Weise ist, wie Gott uns in überraschender Weise immer wieder nahekommen will. Er kommt auf sehr unterschiedliche Weise.
Woran erkennen wir seine Nähe? Wie erfahren wir, dass Jesus zu uns kommt? Das heutige Evangelium gibt Antwort: Sein Kommen befreit die Seinen von ihrer Daseins-Angst: „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Befreiung ist nahe!“ Über die Völker aber heißt es: „Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen“.
Angst stellt sich ein, wenn der Mensch sich überfordert sieht und nicht mehr Herr der Lage ist, wenn die Wellen über ihm zusammenschlagen und die Zukunft unheimlich wird. Unheimlichkeit ist der Nährboden von Angst. Angst lähmt, kann aber auch wachrütteln und Kräfte freisetzen.
„Richtet euch auf und erhebt eure Häupter!“ Sich aufrichten, den Kopf nicht hängen lassen, erhobenen Hauptes und mit klaren Gedanken den Gefährdungen entgegentreten – das ist das Gegenteil von Depression und Angst, die den Menschen in sich zusammensinken lassen. „Erhebt eure Häupter!“ gilt für Lukas selbst angesichts des Todes. Zwar geht er mit dem Hauptstrom frühchristlichen Denkens von der Erwartung einer nicht allzu fernen Wiederkunft des Herrn aus. Aber er lässt Jesus am Kreuz auch dem bußfertigen Verbrecher erklären: „Noch heute wirst Du mit mir im Paradies sein“ (Lk°23,43). Wer glaubt, der kann trotz aller Bangigkeit und Angst sogar dem Sterben getrost entgegensehen. Für ihn bedeutet der Tod Begegnung mit seinem kommenden Herrn.
Das ist der Nerv unseres Textes: Glauben heißt Angst überwinden. Glauben setzt Kräfte frei – beim Einzelnen wie in der Gemeinschaft. In diesen Tagen ist viel von Ängsten in unserer Gesellschaft die Rede. Es gibt sie, sie werden aber auch mit politischer Absicht geschürt. Angst geht auch in unserer Kirche um, denn wir ahnen: ihre gegenwärtige Gestalt hält nicht mehr lange, und ihre neue kennen wir noch nicht. Abschied vom Alten ist immer ein Stück Sterben. Aus der Sicht des Glaubens freilich auch ein Schritt zur vertieften Begegnung mit dem Herrn. Er kommt uns entgegen und wir ihm. Sein Kommen ist unvorhersehbar, es geschieht in beglückenden Momenten, in Erfahrungen von Liebe, Freundschaft und Hilfe in Not, aber er ist uns auch nahe im Zweifel und der Suche nach Wahrheit. Ich erwarte meinen Herrn nicht auf den Wolken, sondern heute und morgen. Das macht neugierig, versetzt in eine Erwartungshaltung dem Anderen gegenüber und motiviert zum Aufbruch.
Kurz nach unserem Evangelientext heißt es in der eschatologischen Rede Jesu:

„Nehmt euch in acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht wie eine Falle; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen. Wachet und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt“ (Lk 21,34-36).

Glauben heißt nüchtern und wachsam sein. Nüchternheit wehrt geschürten Ängsten, Wachsamkeit immunisiert gegenüber Beschwichtigungen. Ein solcher nüchterner, wachsamer Glaube atmet und lebt durch das Gebet, im gemeinschaftlichen wie im persönlichen. Lasst uns also in der kommenden Adventszeit Wachsamkeit im Gebet einüben, um jederzeit vor den Herrn treten zu können, wenn er kommt: heute oder morgen, aber auch in der Stunde unseres Todes.
AMEN

 (c) Predigt von Prof. Dr. Michael Theobald am 28. November 2019 im Wilhelmsstift Tübingen