Wie beten in Leid, Not und Krieg?

Dass Not beten lehrt, stimmt für mich nicht. Im Gegenteil, je größer und existentieller die Fragen, desto schwerer fällt es mir, ins Gebet zu kommen. Intensive Gebetserfahrungen wechseln mit Durststrecken. Auch inhaltlich habe ich meine persönlichen Gebetszeiten phasenweise unterschiedlich gestaltet. Es gab Zeiten, in denen ich mit dem Stundenbuch Laudes und Vesper gebetet habe. Später habe ich mir andere Übersetzungen der Psalmen gesucht und manche in Hebräisch zu beten gelernt. Es gab Zeiten des Sitzens in Stille und Zeiten der Meditation nur weniger Schriftworte. Besonders gerne bete und singe ich in Gemeinschaft.

Nach dem Tod meines Mannes betete ich anfangs nur sporadisch und spürte keine Wirkung. Ich war oft verzweifelt. Morgens war es am schlimmsten, nach schlaflosen Nächten erst recht. Eines Tages fragte mich ein guter Freund, Psychologe, nicht Theologe, ob es mir helfen könnte, den Tag mit einem Gebet zu beginnen. Ich wusste sofort, dass es mir helfen wird. Aber ich brauchte die Erinnerung an diese wichtige Ressource.

Das Morgengebet, das ich mir umgehend suchte, unterscheidet sich wiederum von meiner früheren Gebetspraxis. Mir fielen einzelne Schriftverse ein, viele aus den Psalmen. Diese setzte ich zu einem neuen Gebet zusammen, manchmal kommen immer noch Verse hinzu. So entstand mein ganz persönlicher Psalm, der mir am Morgen Kraft gibt. Die Trauer um meinen Mann bleibt. Mit dem Gebet aber wird Gott für mich als dritte Dimension spürbar. Meine morgendliche Trostlosigkeit wird unterbrochen. Gott ist mir nahe in meinem Schmerz. Das hilft mir, die Liebe zu meinem Mann stärker zu spüren als den Verlust. Auch ein Abendgebet entstand in ähnlicher Weise. Diese Gebete sind in meinem Herzen, ich brauche sie nicht aufzuschreiben. Auswendig (par coeur, by heart) bete ich und fühle mich wieder zukunftsfähig.

Ein Gebet, das mich in der Trauer rasch erreicht hat, steht in Ijob 1,21: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen. Gepriesen sei der Name des Herrn.“ Ich betrachte zunächst die ersten beiden Sätze. Antike Menschen erwarteten das göttliche Eingreifen unmittelbar. Konsequent deuteten sie dabei nicht nur das Gute als göttliche Gabe, sondern nahmen auch ihr Leid als von Gott gegeben an. Wenn ich heute leide, kann ich Gott ebenso wenig seiner Verantwortung entpflichten. Gott verhindert das Elend nicht. Es gibt keine Erklärungen, weder für das geschenkte Glück noch für die schwere Last. Gott deshalb aufzugeben, ist für mich keine Option. Wenn ich auf leidvolle Zeiten in meinem Leben zurückblicke, sehe ich Gott an meiner Seite. Deshalb kann ich die beiden Sätze in folgender Weise verfremden: „Ich habe reich empfangen und Gott hat sich mit mir gefreut. Mir wurde genommen und Gott hat mit mir geweint.“ Der Schlusssatz in Ijob 1,21 fasst die Schicksalsgemeinschaft der Glaubenden mit Gott in wunderbarer Weise zusammen. Was immer den Betenden begegnet, es gilt: Gepriesen ist der Herr. Dieser kurze Satz inkludiert den Dank an alle seine Taten. Als Schöpfer und Erhalter des Lebens, als Hoffnung der Armen, als Naher und Liebender, aber auch als Ferner – immer ist er der Gepriesene. Mit diesem Lobpreis Gottes beginnt die Mehrzahl jüdischer Gebete, bis heute. Die Preisungen tragen die Glaubenden durch ihren Alltag.

Ein anderes Wort aus Ps 118,5 begleitet mich schon seit langer Zeit: „Aus der Enge rief ich zum Herrn, der Herr antwortete mir in der Weite.“ Der Gegensatz von Enge und Weite spricht für sich. Auch sind die beiden Begriffe nicht unbestimmt. Es geht um die Enge, um ganz konkrete Ängste des betenden Ichs. Im Deutschen sind Enge und Angst verbal verwandt. Die hebräische Wortwurzel wird auch für „Bedränger“ verwendet. Damit sind Leute gemeint, die andere einengen und (lebensgefährlich) bedrohen. Die Weite Gottes ist das Gegenbild. In ihr kann der betende Mensch aufatmen. Sein Blick weitet sich. Das hat das betende Ich erfahren. Die beiden Sätze stehen in Vergangenheit, im Urtext in einem abgeschlossenen Modus. Das betende Ich weiß darum. Dieses Erfahrungswissen ist ihm nicht mehr zu nehmen. Die Erinnerung an die geschaute Weite des Herrn hilft in neuerlicher Angst. Was das betende Ich ruft, kennen wir genauso wenig wie die Antwort Gottes. Die Inhalte können nicht allgemein formuliert werden. Sie müssen jeweils neu und individuell erkannt werden. Im Gebet genügt das Wissen, dass Gott antwortet.

Wie beten Menschen im Krieg? „Der Herr ist ein Krieger“ betet das Gottesvolk in Ex 15,3. „Der Herr setzt den Kriegen ein Ende“ lautet das Gebet in der griechischen Übersetzung des Verses wie auch in Jdt 16,2 und in Ps 46,10. Beide Sätze haben ihre Berechtigung. Das große Unrecht, das Menschen im Krieg erleiden, ist wahrlich Grund, Gott als Kriegsherrn anzuflehen. Israel hat bei solchen Gebeten Kraft gefunden, um zu überleben. Dass Gott den Kriegen ein Ende setzt, kann vielleicht erst in der Rückschau gesagt werden. Im Blick auf kommende Kriegssituationen mag diese Erfahrung die Zuversicht wach halten.

Mein Fazit: Es gibt keine Regeln, welche Gebete wann wem guttun. Ritualisiertes Gebet kann in Zeiten der Verunsicherung helfen. Andere Gebete müssen individuell und in konkreten Situationen formuliert werden. Die Bibel bietet dafür viele gute Beispiele.

Dr. Christine Abart, Traunstein – Diözesanleiterin Bibelwerk, Erzdiözese München und Freising

Umwertung aller Werte oder: Dort fängt der Friede an

Ich kann es immer noch schwer ertragen. Die täglichen Nachrichten und Bilder aus der Ukraine, die Gesichter der jungen Mütter mit ihren Kindern in unseren Zügen hier, die Berichte von Menschen, die von dort erzählen, neulich der Bericht des Bischofs von Wroclaw angesichts der dramatischen Flüchtlingssituation dort … Vor allem aber fällt mir schwer, das offensichtliche tägliche Lügen und Verdrehen von Tatsachen auszuhalten: Wie kann ein Mensch, ja kann eine ganze Regierung die Weltöffentlichkeit einfach so belügen? Wie geht das? Wie können die Verantwortlichen jeden Tag ruhig schlafen gehen?

„Er stürzt die Mächtigen vom Thron“ heißt es im Magnificat, das täglich im Stundengebet der Kirche gebetet wird. Die Dimension dieser Sehnsucht wird mir erst in diesen Tagen noch einmal vor Augen geführt, in der ich spüre, aus welch letzten Fasern meiner Selbst diese Zeile mittlerweile kommt: Wo bist du, Gott, möchte ich schreien, wann beendest Du dieses klägliche Schauspiel, wann führst du die tausenden Ermordeten und Vergewaltigten, diejenigen, deren Zukunft von heute auf morgen geraubt wurde, hin zu ihrem Recht?

Ein Wort, das mir im Zusammenhang solcher oder ähnlicher Ohnmachtssituationen immer wieder in den Sinn kommt, ist eine Aussage Jesu, die sich bei Markus oder Matthäus nachlesen lässt. Seine Jünger bitten ihn, sie mögen im Himmelreich links und rechts neben ihm sitzen, „in deiner Herrlichkeit“, heißt es. Ein Stück des so reizvollen Kuchens also, mit ‚oben‘ auf dem Treppchen stehen zu dürfen, ein bisschen etwas abzubekommen von seiner Macht und seinem Glanz, so die Vorstellung und Bitte. Jesus dreht den Spieß um und antwortet: „Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein (…) (Mk 10,42-43).

Diese Perikope, die im Zusammenhang steht mit der Ankündigung des Leidens Jesu, möchte vor allem klarstellen, was Nachfolge Jesu wirklich bedeutet: Nämlich zunächst eine Umwertung aller Werte unserer so vertrauten und gewohnten Alltags-Erfahrungswelt. Die Vorzeichen Gottes lassen die Melodie des Lebens halt ganz anders klingen, als wir uns das oft vorstellen können oder zugegebenermaßen manchmal auch ‚eigen-willig‘ gerne lieber hätten.

Was mir an dieser Stelle gefällt, ist das Subversive, das Alternative, das Ungewohnte des christlichen Glaubens. „Die kürzeste Definition von Religion: Unterbrechung“ sagt der 2019 verstorbene Theologe J. B. Metz. Unterbrechung des Gegebenen, des Vorherrschenden, dessen, was unabänderlich scheint. Unterbrechung des gnadenlosen und lethargischen „Das-ist-halt-so“. Unterbrechung eben auch von: Machthabende missbrauchen durch alle Zeiten hinweg immer wieder ihre Verantwortung, in der Welt, in der Gesellschaft und Wirtschaft, in den Kirchen. Doch es geht nicht nur um „die-da-oben“: „Bei euch aber soll es nicht so sein“ gilt gleichermaßen in Fragen von Gerechtigkeit und Teilhabe in der Gesellschaft, von Macht und Ermöglichung zum selbstverantworteten und -wirksamen Christsein, von Machtstrukturen innerhalb von Familien und Gruppen, von Freiheit und Angst in der Kirche …

Vor allem aber spricht mich die Stelle auch selbst an und stellt mir jeden Tag die Alternative meines Denkens und Handelns vor Augen: Bei dir soll es anders sein, du sollst unter einem anderen Vorzeichen als du es gemeinhin kennst, hörst, gesagt bekommst oder gewohnt bist, deine Entscheidungen durchdenken und dein Handeln ausrichten! Unter diesem Vorzeichen, so das Versprechen, wirst du mir nachfolgen.

Um auf den Beginn dieser Gedanken zurückzukommen: Die Sehnsucht bleibt. Die Sehnsucht nach Einsicht bei den Verantwortlichen angesichts der Situation in der Ukraine und dieses sinnlosen Krieges. Die Sehnsucht nach Frieden, die Sehnsucht nach einem Wirken Gottes ganz konkret in diesen Tagen … Die Erzählung „Vom Dienen und Herrschen“ im Markusevangelium allerdings lenkt den Blick dieser Sehnsucht überraschend auf mich und meine Möglichkeiten, mit Verantwortung und Macht in meinen jeweiligen Kontexten anders umzugehen. Dort fängt der Friede an.

Ansgar Hoffmann, Diözesanleiter für das Katholische Bibelwerk im Bistum Dresden-Meißen

Leben teilen

Ein fast beiläufiger Satz unter einem Foto: Meghan Markle gibt bei ihrem Besuch der invictus games ihren Mantel einer Mitarbeiterin, damit diese ihr Baby darin wärmen kann. Es mag eine kleine Geste sein, selbstverständlich geradezu. Doch sie zeigt, was geschieht, wenn sich der Blick auf mein Gegenüber richtet und eine nicht achtlos vorbeischaut. Den eigenen Mantel ausziehen und der anderen in die Hand geben, weil sie ihn jetzt braucht. Vergessen, dass es ein teures Stück ist, nicht überlegen, wann und ob ich ihn nicht doch selbst brauchen könnte und wie ich ihn wieder zurück bekomme … Es ist nicht wichtig angesichts der Not des anderen. Wichtig ist, mit meinen Möglichkeiten in dem Moment dafür zu sorgen, dass es allen so gut wie möglich geht.

Biblische Erzählungen unter dieser Perspektive bzw. mit dem Blick „Leben teilen“ zu lesen ist zutiefst erfüllend und ermutigend. In wie vielen unpassenden Momenten finden Menschen zueinander und retten einander. In wie vielen Streitsituationen sprechen Menschen das richtige Wort aus und können sich versöhnen. An wie vielen heillosen Orten bricht Lebendigkeit hervor und schenkt Menschen einen Lebenshorizont. In biblischen Erzählungen heißt Leben teilen immer auch, den Glauben zu teilen. Menschen, die einander gut tun, weil sie füreinander da sind. Es geht in den wenigsten Fällen um Reichtum, der geteilt wird. Es geht viel mehr um all das, was das Leben mit sich bringt und wo Glauben eine Lebensperspektive gibt.

Wir erleben diese biblischen Erzählungen in diesen Tagen in der ihnen eigenen Intensität. Leben teilen mit Frauen, Kindern, Männern, die ihre Heimat, ihr bisheriges Leben verlassen mussten, um Leib und Leben zu retten. Was können wir teilen? Ein Dach über dem Kopf, Essen, eine Möglichkeit, sich zu waschen, Ruhe zu finden, vor allem einen Ort, wo sie nicht mehr um ihr Leben fürchten müssen. Gleichzeitig wissen wir, dass es vor allem des liebevollen Blicks bedarf, der über die äußere Versorgung hinausgeht. Ein Blick, der Verlässlichkeit signalisiert, der Verantwortlichkeit zeigt und die Bereitschaft, gemeinsam zu überlegen, was jetzt vonnöten ist. Leben teilen schließt diesen Blick ein. Er ist nicht einseitig, sondern ein Blick, der erwidert wird, der hin und her wandert zwischen den Menschen und die Hierarchie beiseite schiebt. Er setzt den Blick Gottes auf uns in eine konkrete Praxis um, die mehr als den Überfluss teilt. Es geht um Leben. Miteinander leben. Gutes Leben. Solidarisch leben. Achtsam leben. Gemeinsam leben mit all den Höhen und Tiefen, Sorgen und Fragen, Ängsten und Zweifeln, Unsicherheiten und Geduldsproben, mit den vielen kleinen Momenten des Glücks, den Freudentränen, dem zaghaften Lächeln und dem fröhlichen Grinsen, dem Gelächter über Missverständnisse und Missgeschicke. Leben teilen mit allen Sinnen, und vor allem mit dem Herzen.

Ich habe dieses Leben teilen über viele Monate vermisst. Den schnellen, ungeplanten Besuch, bei dem oft ganz Entscheidendes gesprochen wurde. Die langen Abende mit Freudinnen und Freunden mit den Diskussionen, dem Erzählen, dem gemeinsamen Essen. Die Konzerte, die kleinen Wanderungen und Spaziergänge, den Besuch im Café, der Schwatz auf dem Flur in den Büros, die Seitengespräche bei Tagungen und Kursen, die gemeinsamen Zugfahrten, Treffen mit der Großfamilie, Unbekanntes entdecken … Momente, in denen wir Leben miteinander teilen und zur Dankbarkeit finden. Gleichzeitig bin ich achtsamer geworden und versuche, fremden Menschen einen freundlichen Blick zu schenken, manchmal ein überraschendes Wort, der Nachbarin einen Blumenstrauß ohne Anlass. Von mir selbst kann ich sagen, dass ich empfänglicher geworden bin, besser etwas annehmen kann, weil ich um das Wertvolle des Teilens mehr weiß.

Für den Mai habe ich, einer Anregung von Christina Brudereck[1] folgend, mir vorgenommen, Namen für Gott zu teilen – wie es Hagar tat. Heute gebe ich Gott den Namen … „ … die meinen Blick auf andere lenkt“. Ich bin mir sicher, dass diese Namen anderen und mir selbst von meinem Leben erzählen werden. Leben teilen und Glauben teilen gehören zusammen.
Barbara Janz-Spaeth, Stuttgart


[1] Christina Brudereck, Trotzkraft, 3. Auflage Dezember 2021, z.B. Text 24: Heute gebe ich G-tt den Namen „Grösser als meine Angst“ u.a.

Vom Tod zum Leben – Wie Maria Magdalena die Kirche zum Blickwechsel anregt

Die Initialzündung für den Synodalen Weg der Katholischen Kirche in Deutschland war das Gefühl, an einem toten Punkt angelangt zu sein, nachdem die MHG-Studie die Dimensionen des Missbrauchs in unserer Kirche deutlich werden ließ.

Auf dem Weg zur Umkehr und Erneuerung unserer Kirche wird als Zielperspektive von mehr Synodalität in unseren Strukturen und Prozessen gesprochen. Schaut man näher hin, was damit gemeint ist, so begegnen wir Begriffen bzw. Haltungen wie

  • begegnen
  • einander zuhören
  • hören auf das Wort Gottes
  • gemeinsames Fragen nach der Sendung, die uns aufgetragen ist
  • wie mit dem uns anvertrauten Auftrag zur Verkündigung umgehen
  • Erfahrungen des gemeinsamen Unterwegsseins teilen
  • geistliche Unterscheidung
  • gemeinsam beraten, entscheiden und entschieden handeln.

Genau diese Begriffe haben mich ermutigt, in der Bibel diesen Weg der Erneuerung und Umkehr zu finden. Die Stelle im Johannesevangelium, wo der Auferstandene als Erster Maria Magdalena begegnet, zeigt meines Erachtens Schritte auf, die für uns alle gangbar sind. Und so möchte ich Sie heute mitnehmen, sich von den Dialogen, die in dieser Szene geführt werden, berühren zu lassen. Mit den hier gestellten Fragen, lenke ich den Blick stärker auf bzw. in die Kirche hinein.

Hören wir nun in den Text aus dem Johannesevangelium hinein:

1 Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. 2 Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. 11Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein.12 Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. 13 Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben. 14 Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. 15 Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. 16 Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. 17 Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 18 Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.

Johannesevangelium Kapitel 20, 1-2.11-18

Johannes erzählt, dass Maria von Magdala die Erste ist, die ans Grab läuft. Sie wird im Johannesevangelium als Brückenbauerin vom Karfreitag unter dem Kreuz stehend bis hin zu Ostern beschrieben. Im Blick auf unsere derzeitige Situation in der Kirche, die eher dem Karfreitagsgefühl nahekommt, wollen wir uns von Maria Magdalena begleiten lassen, welche Schritte wir daraus hin in eine österliche Kirche gehen können.

Die erste Frage, mit der wir uns beschäftigen wollen, lautet: „Warum weinst du?“

Maria Magdalena schaut ins leere Grab hinein und sieht zwei Engel. Die Engel fragen sie: „Warum weinst du?“

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • worüber weine ich?
  • wo blicke ich in ein dunkles, leeres Grab?
  • wo stehe ich und was ist mein Impuls? Wegrennen, aushalten, weinen, schreien, umdrehen, …?

Wir haben allen Grund, mit Maria zu weinen, wenn wir auf unsere derzeitige innerkirchliche Situation schauen. Wir weinen mit den Betroffenen, über deren erfahrenes Leid im Missbrauch jeglicher Form. Wir weinen darüber, wie viele Berufungen brachliegen, weil die derzeitigen kirchenrechtlichen Strukturen, diesen Ruf nicht annehmen lassen. Wir weinen, weil viele Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Brüchen in ihren Lebensentwürfen, von Sakramenten ausgeschlossen sind und nicht die volle Teilhabe an der communio erhalten. Ja, wir weinen und trauern und schauen in die Dunkelheit und Leere, die dieses ‚Schauen‘ bei uns hinterlässt. Vielleicht trauern wir einer Kirche nach, von der wir schmerzlich enttäuscht worden sind. Zur Trauer gehört auch das Gefühl, allein zurück geblieben zu sein, die Welt nicht mehr zu verstehen, vielleicht auch Ratlosigkeit über das Unbegreifliche. Nur wer die Trauer mit allen Facetten zulässt, kann weitere Schritte bewusst gehen.

Und so lassen wir uns von Jesus fragen: „Wen suchst du?“

Diese Frage sind die ersten Worte Jesu, die er im Johannesevangelium in Kapitel 1,38 an die Johannesjünger richtet, die ihm nachfolgen. Als Auferstandener richtet er seine ersten Worte mit der gleichen Frage nun an Maria.

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • wonach suche ich in meiner Kirche?
  • Bin ich dies schon mal in meiner Kirche / meiner Gemeinde gefragt worden: ‚Wen suchst du‘?

Wir dürfen uns von Gott immer wieder fragen lassen: Wen suchst du? / Wen sucht ihr? Die Haltung auf der Suche zu sein und vor allem auch zu bleiben und damit nie zu Ende zu kommen mit unseren Fragen, ist eine weitere Grundhaltung, die wir Christen uns zumuten lassen dürfen. Es lässt uns unser Gewohntes unterbrechen, aus der Suchbewegung heraus auch mal innehalten, uns in eine hohe innere Präsenz einlassen, wahrnehmen, dass wir nicht alleine sind, aufeinander hören und innerlich so beweglich bleiben, dass wir bereit sind, uns IHM zuzuwenden, ggf. auch umzuwenden, umzukehren. Im Suchprozess schärft sich unser Hören – Lauschen – Nachsinnen – Aufeinander hören – auf Gottes Wort hören.

Bischof Overbeck hat dies bei der 3. Synodalversammlung in der vorgeschalteten Aussprache zum Thema Verantwortungsübernahme so formuliert: „Die derzeitige Situation der Kirche zeigt: Wir leben in einer entscheidenden Existenzkrise. Das, was wir in diesen Tagen tun, ist daher von entscheidender Bedeutung – es ist wie das Eintreten in eine Achsenzeit der Kirche. … Es ist eine Frage an unser Gewissen, wie wir lebendige Kirche in Deutschland sein wollen, in Verbindung mit der Weltkirche und dem Papst, aber zugleich auch so, dass Menschen uns daran erkennen, als die, die Gott suchen, in dem sie die suchen, die zu den Verlorenen, zu den Nicht-Beachteten und zu denen gehören, denen wir heute alle Achtung schulden und das sind Viele.“

Das dritte Wort, das wir betrachten lautet: „Sie haben meinen Herrn weggenommen…“

Maria von Magdala sagt dreimal fast den gleichen Satz: „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ (Joh 20, 2b, 13b, 15b)

Das zeigt, dass Maria von Magdala nach dem Jesus ihrer Erfahrungen und ihrer gemeinsamen Erlebnisse sucht. Sie hat die Vorstellung, dass jemand den Leichnam Jesu weggenommen und woanders hingelegt hat. Diese Vorstellung ist so manifest, dass sie sie dreimal wiederholt, bis ihr klar wird, dass sie auf diese Vorstellung keine Antwort erhalten wird.

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • wo legen mich meine eigenen Erwartungen und Vorstellungen, wie sich Kirche zu verändern hat, fest?
  • kenne ich das Empfinden, dass mir der Blick auf Jesus (durch wen auch immer) verstellt ist?

Wie manifest unsere Vorstellungen sein können, zeigt Maria Magdalena, indem sie dreimal vom ‚Weggenommenen‘ spricht. Auch wir müssen unsere Vorstellungen hinter uns lassen und das ist vermutlich der schwierigste Schritt. Die eigenen Vorstellungen, wie der persönliche Lebensweg auszusehen hat, kann Entwicklung massiv behindern. Auf die Kirche übertragen, können viele Vorstellungen und das Festhalten an Altem und Bekanntem echte Wandlung verhindern. Bischof Bode hat bei der Einführung in den Grundtext des Frauenforums genau darauf hingewiesen und die Synodalen aufgefordert, ihre Vorstellungen mal hinter sich zu lassen und mutig Neues zu denken. Welche Gestalt und Form von Kirche will Jesus, der Auferstandene uns hier und jetzt zeigen? Sind wir offen und bereit für die Art und Weise, wie sich Jesus hier und heute offenbaren will? Würden wir IHN erkennen oder wären unsere Vorstellungen so hartnäckig, dass ER nicht zu uns durchdringen kann? Das ist schon ein herausfordernder Schritt – alle Vorstellungen loslassen.

Das vierte Wort lautet schlicht: „Maria!“ – Da wandte sie sich um

Maria von Magdala wandte sich nach dem Gespräch mit den Engeln um und sieht durch ihre tränenverschleierten Augen nur die Umrisse eines Menschen und denkt es sei der Gärtner und erkennt Jesus in ihrer Trauer zunächst auch nicht an seiner Stimme. Ihre Wahrnehmung ist nach innen gekehrt, in der Trauer festgehalten.

Erst als der auferstandene Jesus sie beim Namen ruft, erkennt sie ihn, wendet sich noch mehr ihm zu und sagt „Rabbuni, Meister“. Ihre Suche nach Jesus erfüllt sich, aber in ganz anderer Weise. Die Wiedererkennung geschieht im Angesprochenwerden durch Jesus mit dem eigenen Namen. Angesprochen von Jesus, vollzieht Maria nach der äußeren Kehrtwende nun eine innere Kehrtwendung.

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • was brauche ich, um mich aus meiner Trauer über das Bild der Kirche herauszulösen?
  • Wo fühle ich mich in meiner Kirche / meiner Gemeinde angesprochen?
  • Welche Bewegung (in der Kirche) täte mir gut, um mich dem Ruf Jesu ins Leben zu öffnen?

Wie Maria, können wir mit tränenverschleierten Augen oft nur die Umrisse eines Menschen erkennen. Durch das ‚mit Namen angesprochen werden‘ und den liebenden Blick, geschieht echte Hinwendung und Wandlung zu IHM. Er zieht uns an sich. In diesem tiefen Berührtsein wächst Verantwortung für das Leben im näheren und weiteren Umfeld. Maria braucht ein zweites Umwenden, um zu erkennen, was wahrhaftig real jetzt geschieht. Es geschieht Be-RUF-ung. Und dies geschieht ganz unabhängig vom Geschlecht. Vor allem durch die Beiträge von uns Ordensleuten auf der Synodalversammlung, wurde der Blick auf die vielen verlorenen Berufungen gelenkt, weil die Kirche diese Berufungen nicht annimmt. Wir beten oft um geistliche Berufungen. Könnte es sein, dass Gott unsere Bitten erhört hat, aber diese Berufungen, weil sie an Frauen ergangen sind, nicht gelebt werden dürfen? Für viele Bischöfe war dies nicht vorstellbar. Erst auf das Buch ‚Weil Gott es so will‘, von Sr. Philippa Rath OSB, haben einige Bischöfe berufene Frauen zu Gesprächen eingeladen – doch es ist noch ein weiter Weg, bis „die Geweihten“, die Weihe von Frauen ermöglichen werden.

Das 5. Wort, das wir bedenken, sagt Jesus zu Maria: „Halte mich nicht fest!“

Jesus zeigt Maria deutlich auf, dass sie nicht über ihn verfügen kann, er ist unverfügbar. Er geht zu Gott, seiner und unserer Quelle des Lebens. Alles „Wie“ und „Wo“ und „Warum“ tritt dahinter zurück und ist so unbegreiflich und unverfügbar wie Gott selbst. Wir können nicht(s) „festhalten“.

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • wo höre ich Jesus diesen Satz „Halte mich nicht fest“ zu uns als Kirche sprechen?
  • wo legen wir ihn fest, dass er uns dieses „Stopp-Schild“ zeigt?
  • was löst die Unverfügbarkeit über Gott und sein Wirken in der Kirche in mir aus?

Das ist schwer auszuhalten! Was heißt dieser Satz „Halte mich nicht fest“? Was ist von uns verlangt als Kirche? Es ist der echte Blickwechsel, der von uns verlangt wird. Der Blick, der nicht mich und uns zum Mittelpunkt hat, sondern Gott. Mein Ordensgründer Vinzenz von Paul hat sich oft gefragt, „Was würde hier und jetzt Jesus an meiner Stelle tun“, bevor er auf eine Not, die er sah, reagierte. Das Bild, das wir uns von Gott und seinem Wirken machen, hindert uns, ihm wirklich zu begegnen. Wir müssen ganz radikal unseren Blickwinkel loslassen, uns umwenden, uns so zu Gott hinwenden, dass wir erkennen können, welche Botschaft er für uns hat. Hier werden wir auch um die Gabe der Unterscheidung bitten müssen, damit wir erkennen, was ist unser Wille und was ist Gottes Wille. Sowohl in den Foren, als auch in der Synodalversammlung kommen wir oft an diesen Punkt, wo wir darum ringen, was jetzt der Wille Gottes ist. Aber es tut auch gut zu spüren, dass wir von Mal zu Mal wirklich gemeinsam auf dem Weg sind.  

Das letzte und entscheidende Wort Jesu in diesem Abschnitt lautet: „Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen…“ „Ich habe den Herrn gesehen!“

Jesus sagt: Halte mich nicht fest!, denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Sie kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: „Ich habe den Herrn gesehen.“ (Joh 20,17f)

Jesus sendet Maria zu ihren Brüdern und Schwestern, er gibt ihr einen Sendungsauftrag, einen Verkündigungsauftrag. Sie wird die erste Botin der Osterbotschaft. Sie kommt dadurch in Bewegung, weil sie weitersagen soll, was sie gehört und gesehen hat.

Wenn ich auf bzw. in die Kirche als Institution schaue,

  • gibt es Orte, an denen wir uns über unsere Erfahrungen im Glauben austauschen und aufeinander hören können, aus welcher Hoffnung wir leben, die uns trägt?
  • sind wir hoffnungsvolle Auferstehungs-Christen?
  • haben wir unsere Blickrichtung wirklich gewendet, ganz auf Gott hin oder dreht sich weiterhin vieles um uns selbst? Welche Sendung nehmen wir von Gott her wahr und was lässt uns ins Handeln kommen?

Nur wer gelernt hat, den Blick ganz von sich weg, auf Jesus hinzuwenden, sich auf seine Sichtweise einzulassen, kann die Sendung wahrnehmen, zu der ER ruft. Wohin sendet Jesus uns HEUTE? Was gibt ER uns heute auf den Weg?

Im Beisammenbleiben, gemeinsamen Beten und Austauschen ihrer Auferstehungserfahrungen, machen die Jüngerinnen und Jünger die Erfahrung, dass Jesus durch verschlossene Türen zu ihnen hindurchdringen kann. Auch wir stehen in der Gefahr, dass wir aus Mutlosigkeit, aus Traurigkeit, aus Hoffnungslosigkeit und Angst, unsere inneren und äußeren Türen verrammeln und die Sendung, die uns für diese Welt aufgetragen ist, nicht wahrnehmen. Im gemeinsamen Teilen ihrer jeweiligen Auferstehungs-Erfahrungen, werden die Jüngerinnen und Jünger zu glaubwürdigen Zeuginnen und Zeugen, die langsam ihre Angst verlieren, als ihnen der Heilige Geist zur Stärkung gesandt wird. Lassen wir uns von ihrem Beispiel ermutigen und uns zu neuen Formen von communio anregen, die getragen sind vom gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes, gemeinsames Beten und Mahl halten, einander zuhören, uns wahrhaft begegnen und miteinander unterwegs sein, gemeinsam zu beraten, zu entscheiden und auch entschieden zu handeln.  Wir alle, die wir in der Taufe und Firmung zu Berufenen und Gesandten geworden sind, sollen von der Hoffnung verkünden, die uns trägt, hält und mutig neue Schritte gehen lässt.

Sr. Nicola Maria Schmitt, Vinzentinerin, Stuttgart

Guter Rat muss nicht immer teuer sein: „Fahr hinaus und wirf die Netze aus!“

Es gibt Gebiete, auf denen macht mir niemand so schnell etwas vor. Da bin ich „Profi“. Etwa beim Thema Volleyball. Da kenne ich mich ganz gut aus, bin spielregel-sicher und technikerfahren. Jeder Mensch hat derartige Felder. Was ist das bei Ihnen? Vielleicht das, was Sie beruflich machen? Oder ein Hobby, eine Sportart? Vielleicht engagieren Sie sich auch leidenschaftlich für den Umwelt- oder Tierschutz?

Ratschlag – abgewehrt

Vertieftes (Hintergrund-)Wissen, (Praxis-)Erfahrung – das schafft für mich eine solide und gute Ausgangsbasis, auch für professionelles Handeln. Aber: Je mehr ich mich als Profi in einem Bereich verstehe, desto schwieriger tue ich mich mit vermeintlich gutgemeinten Ratschlägen. Vor allem dann, wenn mein Gegenüber wesentlich weniger Ahnung von der Materie hat als ich selbst. Da lasse ich mir doch nichts sagen, da lasse ich mir nicht reinreden – der/die hat doch überhaupt keine Ahnung!

Kennen Sie das? Ich könnte da regelmäßig aus der Haut fahren – ein offenes Ohr für diese Ratschläge habe ich auf jeden Fall nicht.

Der weiß doch gar nicht, wovon er redet – oder?

Doch eine Erzählung aus dem Lukasevangelium hat mich bleibend nachdenklich gemacht. Es ist heller Tag. Jesus sitzt im Boot von Simon Petrus und predigt zu den Menschen am Ufer. Als er fertig ist, sagt er zu Petrus: „Fahrt hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!“ (Lk 5,4) Wer wenig Ahnung vom Fischen hat, wird sich dabei nicht viel denken. Wer jedoch Fischfangprofi ist, der wird sich an den Kopf schlagen – schließlich ist die ideale Fischfangzeit nachts. Tagsüber werfen nur Unkundige ihre Netze aus. Der Misserfolg ist quasi vorprogrammiert.

Simon Petrus ist ein erfahrener Fischer, Jesus ein umherreisender, predigender Zimmermann. Simon Petrus antwortet: „Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen.“ (Lk 5,5)

Wie hören Sie diese Antwort des Profis? Mit einem leicht ironischen Unterton – nach dem Motto: „Du wirst schon sehen, was wir davon haben“? Oder schimmert hier vielleicht Glaube durch, Vertrauen?

Gesagt, getan und – Überraschung!

Auf jeden Fall diskutiert Simon Petrus nicht mit Jesus. Er macht einfach das, was Jesus ihm aufträgt. Also etwas, das für einen Fischfangprofi völlig verrückt wirken muss. Ja geradezu absurd, zumindest sinn-frei. Er macht es trotzdem – und das vielleicht Überraschende, Erstaunliche: Er hat Erfolg. Die Menge der gefangenen Fische ist so groß, dass die Netze zu reißen drohen (Lk 5,6). Simon Petrus braucht Unterstützung durch ein zweites Boot (Lk 5,7). Das ist verrückt.

Mitnahme-Effekte

Für meinen Alltag nehme ich Zweierlei aus dieser Erzählung mit: Zum einen lehne ich Ratschläge – und klingen sie in meinen „Profi-Ohren“ auch noch so absurd – nicht mehr von vorneherein als nur gutgemeint ab. Wer weiß, welcher überraschende Fang auf mich wartet, wenn ich mich darauf einlasse.

Zum anderen kann sich ein Vertrauensvorschuss auszahlen. Das gilt nicht für jedermann. Aber für Jesus allemal, so die Botschaft der Evangelien.

Also: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! 

Titelbild: Bild von Willfried Wende auf Pixabay

Erdbeben, Tsunamis und andere Katastrophen: Anmerkungen zur Erschütterungsrhetorik im Kontext des kirchlichen Missbrauchsskandals

Oder: „Deine Sprache verrät dich!“ (Mt 26,73)

Das Entsetzen und die Erschütterung von Verantwortungsträgern und Verantwortlichen über die Dimension des Missbrauchs in der Kirche, über gezieltes Übersehen und Ausgrenzen von Betroffenen, über Weiterreichen und Nicht-Eingestehen von Verantwortung und Schuld, über Vertuschung, Re-Traumatisierung und anderes mehr, ist nach den Ereignissen der vergangenen Wochen groß, nicht zum ersten Mal.

Erneut werden in entsprechenden Verlautbarungen, Interviews, Predigten etc. deutliche Worte gefunden und zum Teil drastische Analogien und Vergleiche bemüht. „Wir haben verstanden“ – so lautet die Botschaft, die damit – auch das nicht zum ersten Mal – transportiert werden soll.

Dass dieses Entsetzen und diese Erschütterung ernst gemeint und ehrlich sind, sei hier ausdrücklich nicht bestritten. Doch ist ein kritischer Blick auf manche sprachlichen Äußerungen angebracht, soll das Entsetzen auch tatsächlich zu einem verändernden Handeln führen, wie es in denselben Verlautbarungen meist ebenfalls betont wird.

Schaut man hinter die sprachlichen Fassaden dieser Betroffenheitsrhetorik, so lugen doch immer wieder das alte System und lange eingeübte Reflexe wie Relativieren, Wegschieben und „Nebelkerzen-Werfen“ hervor. Drei Beispiele der vergangenen Tage:

  • Da sieht ein Dekan „im Gesamtbild eine systemische Korrumpiertheit unserer Kirche“. Bemerkt er nicht, dass eine solche Formulierung die Verantwortung von den Schultern der Verantwortlichen nimmt und sie stattdessen auf die ganze Kirche, also alle ihre Mitglieder verteilt?
  • Da beklagt ein früherer Generalvikar ein hierarchisches System, das er klar durchschaut, schonungslos analysiert und als „alter Ego“ seines Bischofs jahrelang an entscheidenden Stellen genutzt und gestützt hat – dem gegenüber er sich aber trotzdem hilflos gefühlt habe und das er trotz ernsthaften Bemühens nicht habe verändern können.
  • Da wird der Missbrauchsskandal mit einem Erdbeben oder einem Tsunami für die Kirche (nicht für die Betroffenen) verglichen – als ob es sich um eine unvorhersehbare, von außen kommende Naturkatastrophe und nicht um einen von (z.T. hochrangigen) Mitgliedern der Kirche selbst verursachten und zu verantwortenden Super-GAU handelt, der das Leben Unschuldiger zerstört hat. (Wenn, dann könnte allenfalls noch Tschernobyl als Analogie herhalten, aber auch dieser Vergleich hinkt …).

Auch die öffentlichen Bilder der vergangenen Woche passen da im wörtlichen Sinn „ins Bild“. Bei den Pressestatements und Interviews dominieren Kleriker mit entsprechendem Outfit. Mit einer Ausnahme: Zum vielfach geteilten Beispielbild für die Übergabe des Münchner Gutachtens wurde eine Aufnahme, bei der kein Priester, sondern eine Frau im Zentrum steht. Es zeigt die mit dem Gewicht des überreichten Gutachtens auch physisch kämpfende Amtschefin des Münchner Ordinariats, in deren Hände das rote Konvolut gelegt wird – während der Generalvikar in sicherer Corona-Distanz (und mit leeren Händen) daneben steht.

„Deine Sprache verrät dich!“ So heißt es in der Passionsgeschichte des Matthäusevangeliums (Matthäus 26,73), als Petrus im Hof des Statthalters zunächst unerkannt und aus scheinbar sicherer Distanz das weitere Schicksal seines kurz zuvor verhafteten Freundes und Lehrers verfolgt. Mit seinem Versuch, einerseits nicht ganz wegzulaufen, andererseits aber auch nicht selbst involviert zu werden, scheitert Petrus krachend. Es ist – Ironie des Schicksals – eine Frau, die ihn als Anhänger des verhafteten Nazareners identifiziert und zur erneuten Verleugnung (bzw. Vertuschung) als verzweifeltes Mittel der Tarnung greifen lässt.

„Deine Sprache verrät dich.“ Sprache ist verräterisch, Sprache entlarvt. Denn Sprache ist Spiegel innerer Haltungen und Werte. Und: Sprache schafft Realität (Ähnliches kann für Bilder gelten).

Zu den dringend notwendigen Konsequenzen aus den Ereignissen der vergangenen Woche gehört deshalb auch eine geschärfte Sensibilität für Rhetorik und (Bilder-)Sprache. Wenn die Erschütterung über die geschehenen Verbrechen ernst gemeint ist, wenn die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme und der Wille zu nachhaltigem, die Würde der Betroffenen in den Mittelpunkt stellendem Handeln ernsthaft besteht, muss sich all dies auch in Sprache und Reden der Verantwortungsträger widerspiegeln.

Andernfalls bliebe es bei dem, was die Journalistin Christiane Florin treffend als bloße „Erschütterungserschütterungserschütterung“ bezeichnet hat.

Claudio Ettl ist Diözesanleiter des Katholischen Bibelwerks im Erzbistum Bamberg.

(Foto: Claudio Ettl – Pfarrhaus in Ruanda)

Merkel, Luther, der Papst und eine Bibel, die alle verstehen

Warum die Prinzipien der Leichten Sprache für die Kirche unverzichtbar sind

Was haben Angela Merkel, Martin Luther und der Papst mit der Bibel gemeinsam? Diese Frage konnte sich stellen, wer die Geschenke sah, mit denen die Bundeskanzlerin bei ihrem Abschiedsbesuch im Vatikan im vergangenen Oktober Franziskus überraschte. Unter anderem waren darunter die drei Bände der Evangelien in Leichter Sprache, einer inklusiven Bibelübertragung, die das Nürnberger Caritas-Pirckheimer-Haus, das Stuttgarter Bibelwerk und die Thuiner Franziskanerinnen seit 8 Jahren gemeinsam mit behinderten Menschen erstellen.

All das war kein Zufall. Die evangelische Pfarrerstochter und Kanzlerin überreicht dem Papst eine katholische „Bibel für Alle“ aus Anlass des großen Jubiläums der ersten deutschen „Bibel für Alle“. Denn 2022 jährt es sich zum 500. Mal, dass Martin Luther das Neue Testament in ein für alle verständliches Deutsch übertrug. Die biblischen Texte sollten die Sprache der Menschen ihrer Zeit sprechen – nicht umgekehrt, das war seine Absicht.

Verständlichkeit, Klarheit, Zielgruppenorientierung, nah dran an den Menschen wie am Wort – diese Kriterien gelten für jede Art von Text, der von möglichst allen verstanden werden soll. Sprache wird dabei nicht als starres Kunstwerk oder verstaubtes Museum, sondern als lebendiger, dynamischer Prozess verstanden. Wie seinerzeit Luther beschäftigen auch uns im Projekt „Evangelium in Leichter Sprache“ (www.evangelium-in-leichter-sprache.de) diese Kriterien, wenn wir standardsprachliche Bibeltexte der Einheitsübersetzung in Leichte Sprache übertragen.

Leichte Sprache ist barrierefreie Sprache. Zuallererst für Menschen mit Lernschwierigkeiten bzw. geistiger Behinderung gedacht, ist sie auch für alle anderen Menschen geeignet, deren Sprachkompetenz (noch) nicht ausreicht, um „schwere“ Texte zu verstehen – Kinder, Schüler:innen, Menschen mit Demenz, Geflüchtete und andere.

Schwere Texte leicht gemacht

Leichte Sprache bedient sich klarer Regeln: Kurze Sätze, einfache Wörter, keine Fremdwörter oder mehrdeutigen Bilder, nur eine Aussage pro Satz, keine komplizierten Satzkonstruktionen, klares Schriftbild, große Schrift, dazu Bilder und Illustrationen zur Verdeutlichung u.v.m.… Ihr Ziel: Die Botschaft möglichst einfach klar zu machen.

Dabei helfen besonders zwei Regeln: Zum einen: Kompliziertes und Schweres muss leicht, d.h. einfach gesagt werden. Dies zwingt mich, mir über die eigentliche Botschaft des Textes oder eines Begriffs erst einmal selbst klar zu werden, bevor ich anderen davon erzähle. Wie beschreibe ich z.B. in Leichter Sprache eine Synagoge? „Eine Synagoge ist ein besonderes Haus. In der Synagoge können sich die Menschen treffen. Und beten. Und zusammen über Gott sprechen“. Was ist ein Prophet? „Der Prophet ist ein Mensch, der in seinem Herzen mit Gott redet. Der Prophet sagt den Menschen, was Gott zu ihm im Herzen redet.“

Zum anderen: Beim Übersetzen muss ich die Perspektive derjenigen einnehmen, für die ich den Text übertrage, also der Zielgruppe. Und das in radikalster Form: Das Gütesiegel „Leicht“ dürfen die Texte erst tragen, wenn sie gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten entstanden, am besten von Beginn an. Eine nicht immer einfache, aber ungemein qualitätssichernde Anforderung.

Die Perspektive auf den Kopf stellen

Wer Texte in Leichte Sprache überträgt, gibt die Entscheidung darüber, ob und wann ein Text wirklich verständlich ist, ab, und zwar an die Lesenden bzw. Hörenden. Nicht das, von dem ich glaube, dass es für die anderen verständlich sein könnte oder sollte, zählt. Sondern das, von dem die anderen sagen, dass sie es verstehen!

Leichte Sprache stellt die Perspektive auf den Kopf. Keine andere biblische Geschichte veranschaulicht das besser als die vom blinden Bartimäus (Mk 10,46-52). Als er vor ihm steht, dürfte Jesus schnell geahnt haben, worum ihn der Blinde bitten würde. Doch Jesus macht ihn nicht einfach sehend. Er stellt als erstes eine unerwartete – aber alles entscheidende – Frage: „Was willst DU dass ich DIR tun soll?“ Jesu Blick geht auf Augenhöhe mit Bartimäus: Was er braucht, mag für andere scheinbar klar sein – wirklich wissen können sie es nur, wenn Bartimäus es selbst sagt (es könnte ja auch sein, dass sein Hunger viel größer ist als sein Wunsch zu sehen).

Das Bartimäus-Prinzip

Dieses „Bartimäus-Prinzip“ eines radikalen Wechsels der Perspektive ist Jesu Grundhaltung gegenüber anderen. Es besitzt eine Sprengkraft, die weit über den Bereich von Inklusion und Teilhabe hinausgeht. Wer es ernst nimmt, wird die Sicherheit aufgeben (müssen), schon selbst zu wissen, wie die Botschaft am besten vermittelt werden kann. Stattdessen wird sie bzw. er vom vermeintlich Wissenden zur erstmal Fragenden. Und werden die anderen vom Objekt zum Maßstab allen Sprechens – und nicht nur des Sprechens, sondern auch des Handelns, der Verkündigung, von Kirche-Sein überhaupt. Ob die Botschaft der Bibel – der Basis von Kirche, Glauben und Pastoral – in Zukunft wieder für alle verständlicher werden kann, hängt davon ab, ob es gelingt, diesen Perspektivenwechsel endlich ernst zu nehmen. Vielleicht steckte in Angela Merkels Geschenk ja auch ein wenig von dieser Aufforderung Jesu: Geht von dem aus, was die Menschen sagen, dass sie brauchen – und nicht von dem, was ihr glaubt, dass sie brauchen sollten!

Überarbeitete Fassung eines Beitrags in Heft 4/2021 der Zeitschrift „Sendbote des Heiligen Antonius“ / Foto: Vatican Media

Krippenspiele – auch eine sprachliche Herausforderung

Meine Tochter (3. Klasse) kam mit dem Text des Krippenspiels ihrer konfessionell gebundenen Schule nach Hause. Sie hat einen Vierzeiler zu lernen – sie ist der Verkündigungsengel. Das Kostüm war kein Problem; in ihrer Verkleidungskiste hat sie ausreichend dafür gefunden. Dann aber ging es an den zu lernenden Text.

Und dieser kurze Text hat es in sich. Er ist aus der neuen Lutherübersetzung entnommen. Fleißig hat sie geübt und stolperte dabei doch immer wieder über den einen Satzteil in Lk 2,10d: „…Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ An dieser Stelle kam sie einfach nicht weiter: „Papa, warum soll die Freude wieder fahren? Sie kommt doch erst noch.“ Es führte zu längeren Erklärungsversuchen, was das Verb „widerfahren“ bedeutet und, dass man es auf der dritten und nicht auf der ersten Silbe betonen müsse. Sie hat es akzeptiert, dass hier ein Wort verwendet wird, das sie nicht kennt und weiter geübt.

Für mich wollte ich es dann aber doch nicht dabei belassen. Auch mich irritierte das Wort „widerfahren.“ Ein Blick ins (online) Wörterbuch gab meinem Bauchgefühl auch recht. Widerfahren wird heute eher im negativen Kontext verwendet. Wenn es denn überhaupt verwendet wird! Gehört es doch zu den Wörtern, die im Sprachgebrauch der aller meisten Menschen schon gar nicht mehr vorkommen. Die revidierte Einheitsübersetzung ist da nicht viel besser, wenn sie übersetzt: die dem ganzen Volk zuteilwerden soll. Auch dieses Verb dürften die allerwenigsten von uns noch verwenden. Der einzige Pluspunkt – es erklärt sich eher von selbst. Bleibt der Blick in den griechischen Urtext: „… eine große Freude, welche/die ist für das ganze Volk.“ Sprachlich nicht sehr schön, aber verständlich.

Manchmal wird einem erst in der Arbeit mit Kindern richtig bewusst, welche Herausforderungen unsere biblischen Texte sprachlich an uns stellen. Viele verwendeten Worte gehören gar nicht mehr zum Alltags-Wortschatz und haben zusätzlich noch eine Bedeutungswandlung erfahren – wie zum Beispiel das Verb „widerfahren“, dass heute eher negativ verwendet wird. Nicht ohne Grund erfreuen sich insbesondere auch moderne Übersetzungen, wie die Basisbibel, einer wachsenden Nachfrage. Bemühen sie sich doch Übersetzungen anzubieten, die dem heutigen Sprachgebrauch entsprechen.

Wir können unsere kirchlichen Übersetzungen nicht einfach nach Belieben ändern. Aber wir können – adventsgemäß – wachsam bleiben und Hilfen und Erklärungen anbieten, damit die biblische Texte nicht ins Leere laufen, weil sie auf Grund der Übersetzung nicht mehr verstanden werden.

Meine Tochter hat sich mit der Übersetzung arrangiert und sich der sprachlichen Herausforderung stellen können. Jetzt muss sie nur noch ihren Text schön lernen und in der Aufführung das Lampenfieber vergessen können. Für sie hat es sich damit erledigt.

Die Arbeit in der Vermittlung der Heiligen Schrift bleibt, damit die gute Nachricht auch wirklich allen Menschen „widerfahren kann“.

Daniel Pomm, Diözesanleiter Katholisches Bibelwerk Erfurt

Manchmal ist alles anders

Erfahrungen in Zeiten von Corona

Die Pandemie hat bislang vieles verhindert und zerstört. Manches ist neu gewachsen. Nehmen wir als Beispiel das Heilige Jahr von Santiago de Compostela 2021 und den Jakobsweg.

Rahmenprogramme zur Vorbereitung auf den Jakobsweg sind als Massenveranstaltungen allermeist ausgefallen.  Was nicht ausgefallen ist, ist die Notwendigkeit der Bewegung für jeden Einzelnen.

Kardiologen raten, das Homeoffice schleunigst zu verlassen und sich spazierend auf den Weg zu machen. Denn die (Bibel-)Lektüre auf dem Sofa sei meist nur eine Notlösung, die zur Gewohnheit geworden ist.

Der Christenmensch ist pilgernd unterwegs, alleine oder in der Gruppe, ob er will oder nicht.

Und so hat der Schreiber dieser Zeilen auf Anraten seiner Kardiologin sich täglich 60 Minuten auf den Weg gemacht und im nahen Wald das Waldbaden (wörtliche Übersetzung des japanischen Shinrin-Yoku) entdeckt. Keine Frage, es hat sogar viel mit der Bibel zu tun. Von den Bäumen im Garten Eden angefangen bis zum Baum des Kreuzes, vom Vergleich des Menschen mit einem Baum bis zu modernen Baum-Skulpturen in Yad vaShem. Die Assoziationen sind schier unbegrenzt.

Bekanntlich beginnt die Geschichte Israels mit lech lecha (gehend geh). Vater Abraham macht sich auf den Weg und geht in das Land, das ihm der EWIGE zeigen will. Die Kinder Israels sind unentwegt, häufig murrend, unterwegs. Auch die Kirche bewegt sich seit ihren Anfängen in ihrer Peregrinatio unstet und flüchtig, rastlos und ruhelos. Die Christenmenschen „wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden…“

Was man für sich alleine oder mit PartnerIn unterwegs erschließt, ist grandios. Die Wahrnehmungen von Zeit und Ewigkeit verschieben sich. Wer vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang oder doch zumindest eine Stunde am Tag per pedes unterwegs ist, nimmt die Welt neu war. Je langsamer wir unterwegs sind, desto höher ist die Einzelwahrnehmung. Die Kunst der Langsamkeit und mehr noch die des Müßiggangs haben wir verlernt. Was einen Faulpelz oder Taugenichts auszeichnen, müssen wir neu entdecken.  

Das Spazieren hat schon immer fasziniert. Manche konnten es in Literatur fassen. Ich nenne nur Henry David Thoreau, Über das Wandern; Robert Walser, Der Spaziergang; Friederich Schröder, Zu Fuß von Passau nach Jerusalem; Paulo Coelho, Auf dem Jakobsweg; Andrea Löhndorf, Anleitung zum Pilgern; Reinhard Stiksel, Pilgern mit der Bibel. Die Wander- und Reiseliteratur lässt sich beliebig vermehren. Doch ist deren Lektüre dann wieder nur etwas für Stubenhocker.

Die in solcher Literatur verarbeitete Erfahrung muss selbst gemacht werden, dann wirkt sie bis in die Poren.

In der Pandemie haben wir vielerorts gelernt, loszulassen. Besonders im Wald lernen wir loszulassen, weil es dort besonders dicht und lebendig zugeht. Wer eine 400jährige Eiche betrachtet oder wie es heute zunehmend beliebter wird, sie umarmt und sie fragt, wen sie alles schon gesehen hat, der kommt rasch auf den Boden der Tatsachen und den seines eigenen Lebens zurück. „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ (Ps 8). Uns wird rasch unsere Vergänglichkeit und die Hinfälligkeit unseres eigenen Tuns bewusst. „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz“ (Ps 90, Luther).

Wenn wir nicht durch den Wald rasen und für andere den Eindruck erwecken als würden wir gleich kollabieren, sondern auf die „Vögel des Himmels“ und „die Bäume des Waldes“ lauschen, werden wir vieles entdecken.  

Begegnet uns auf dem Weg eine Kreatur gleicher Spezies, dann öffnet eine freudige Bewillkommnung das Herz, andernfalls müssen wir uns fragen, bestehen wir nur aus Luft, aus reinem Nichts?

ExpertInnen raten gar barfuß zu gehen. Mose wurde einst befohlen seine Sandalen auszuziehen als er vor dem Dornbusch die Stimme Gottes vernahm. Unser Tastsinn ist heute meist verkümmert, besonders an den Füßen.

Wer im Herbst regelmäßig durch den Laubwald geht, sieht nicht nur grüne, goldene, rote, braune Blätter, er nimmt wahr, wie schnell sie absterben und vermodern. Und dabei riecht der Wald gerade in diesem Zustand sehr angenehm. Und da ist noch der Atem. Die ätherischen Öle, welche die zahllosen Blätter in die Welt hinausblasen, wirken befreiend. „Alles was atmet, lobe den HERRN “, „Every breath is your praise” (Norman Fischer). 

Der Erfinder des Waldbadens, der japanische Professor Qing Li, hat mit empirischen Untersuchungen die Wohltat des Waldspaziergangs erforscht und zugleich ergründet, welch negative Auswirkungen das Fehlen desselben bewirkt. (Qing Li, Die wertvolle Medizin des Waldes. Wie die Natur Körper und Geist stärkt).

Fazit: In Zeiten von Corona gilt: Hinaus in die Natur und in einem Loblied den Schöpfer preisen (z.B. Ps 104). Klagelieder verfliegen hingegen rasch wie von alleine. Natürlich geht es nicht ohne Tora. Bereits Psalm 1 weiß darum: Selig der Mann, … der Gefallen hat an der Weisung des Herrn, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt. Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser“. Warum es gerade ein Baum ist, darüber liest man gerne heute in den vielen Büchern von Peter Wohlleben.

Dr.  Reinhold Then ist Diözesanbeauftragter des Kath. Bibelwerks in der Diözese Regensburg

Im Labyrinth des Lebens: Unterwegs-Sein verändert

Vor kurzem bin ich wieder einmal in einem Labyrinth gewesen und habe es abgeschritten. Labyrinthe erfreuen sich großer Beliebtheit, nicht nur die bekannten, wie z.B. das berühmte Labyrinth in der Kathedrale von Chartres in Frankreich. Auch hierzulande gibt es viele, meist begehbare Labyrinthe, größere und kleinere, runde und eckige, gemauerte oder angepflanzte …

Labyrinthe sind faszinierend. Eine Besonderheit ist: In einem Labyrinth kann ich mich nicht verirren. Denn anders als ein Irrgarten – mit dem es oft gleichgesetzt wird –  führt ein Labyrinth immer ans Ziel.

Das Ziel ist in der Mitte. Das Ziel IST die Mitte.

Ja und Nein.

Der Weg durch ein Labyrinth ist weder gerade noch vorhersehbar, sondern hat immer wieder Windungen und Drehungen. Ich muss mich darauf einlassen. Und auf Überraschungen gefasst sein.

Und: Gerade, wenn es scheint, dass ich dem Ziel am nächsten bin, macht der Weg eine plötzliche Windung und ändert seine Richtung. Und führt mich wieder weg von der Mitte.

Aber auch die Mitte ist noch nicht das endgültige Ziel. Denn: Ich muss wieder zurück aus der Mitte. Der Weg des Labyrinths führt vom Eingang zur Mitte und von der Mitte zurück zum Eingang. Das angepeilte Ziel -wenn ich es erreicht habe, erweist es sich nur als Zwischenstation.

In der Bibel ist nirgends die Rede von einem Labyrinth. Trotzdem wurde es im Christentum recht bald u.a. als Symbol für den Lebensweg des Menschen gedeutet und eingesetzt: Wir sind unser Leben lang auf dem Weg. Auf der Suche nach unserer Mitte, nach dem Ort, an dem wir zuhause sind, nach dem wir uns sehnen.

Das Labyrinth lehrt mich: Ich bin auf dem Weg zu diesem Ort, ich werde an diesen Ort gelangen. Aber es lehrt mich auch: Ich bleibe nicht an diesem Ort. Denn der Weg führt weiter. Das Ziel wird zur Etappe, der Weg zur Reise.

Der Weg führt mich weiter. Von der Mitte zurück zum Ausgangspunkt. Zurück an den Ort, an dem ich gestartet bin. Der Beginn wird zum Ende, der Start zum Ziel …

Leben ist Unterwegs-Sein zu dem Ort, an dem wir zuhause sind, so lautet eine der Botschaften des Labyrinths.

Dieses Motiv des „Auf dem Weg-Seins“ ist ein zutiefst biblisches. Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Garten Eden, das Volk Israel durch die Wüste, Mose zum Sinai, Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger durch Galiläa nach Jerusalem, Paulus und seine Mit-Missionierenden durch die halbe Welt, die frühen Christen zum himmlischen Jerusalem und und und … „Nun aber geht …“ (Markus 16,7) – mit diesem „Marschbefehl“ an die Frauen am Grab endet das älteste Evangelium.

Vom Anfang bis zum Ende erzählt die Bibel vom Unterwegs-Sein. Auf fast jeder Seite und in beinahe jedem Abschnitt ist sie Wegbeschreibung, Fahrtenbuch und Landkarte zugleich.

Kehren wir noch einmal zurück zum Labyrinth: Das scheinbar erreichte Ziel in der Mitte ist in Wirklichkeit nur ein Zwischen-Ziel. Der Weg führt weiter, nämlich wieder zurück zum Ausgangspunkt.

Doch wenn wir das Labyrinth durchschritten haben und wieder zurück sind am Ausgangspunkt, dann hat sich etwas verändert.

WIR haben uns verändert.

Der Weg durch das Labyrinth des Lebens, unser Weg mit all seinen Windungen, Überraschungen und Drehungen hat UNS verändert und verändert uns immer wieder und immerfort.

Unterwegs-Sein verändert – beim Gehen durch das Labyrinth ebenso wie beim Lesen der Bibel.

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