Der 126. Psalm zum „Tag der deutschen Einheit“

„Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. …“

Ich gestehe es gerne, wann immer ich den 126. Psalm bete, höre, lese oder singe – er berührt mich zutiefst. Eigentlich ist es ja ein uralter Text – mehr als 2.500 Jahre alt. Aber beim Lesen wird doch sofort deutlich, wie aktuell die Worte dieses Psalm auch heute noch immer sind. Viele Christen verbinden gerade diesen Text auch mit den Geschehnissen der Wende, die doch Grundlage für den Tag der deutschen Einheit ist. Die Menschen, die sich 1989/1990 in den Kirchen versammelten, waren beinahe sprachlos über das, was da geschehen ist und fanden ihre Gedanken in diesem Jubellied des Volkes Israel wunderbar ausgedrückt – „ja, Großes hat der Herr an uns getan.“ Mit diesen Worten konnten sie beten, ihren Dank, ihre Freude ausdrücken. Auch heute, 27 Jahre später, können wir uns diesem Ruf anschließen. Großes, oder gerne auch Großartiges ist an uns geschehen. Es gibt nicht viele andere Länder, die – entgegen aller populistischer Unkenrufe – so sehr im Wohlstand leben, wie wir. Redefreiheit, Religionsfreiheit, Reisefreiheit und so weiter – all das sind Geschenke, die wir in vollen Zügen genießen, auch wenn wir sie manchmal gar nicht mehr richtig würdigen.

Aber, natürlich, nicht alles ist „Friede, Freude, Eierkuchen“. Natürlich gibt es Probleme und Schwierigkeiten. Ein sächsischer, katholischer Pfarrer hat das – genau diesem Psalm folgend – schon 1997 wie folgt formuliert: „Inzwischen sind wir aus dem Traum erwacht. Es gibt unberechtigte Wünsche nach ägyptischen Fleischtöpfen ebenso wie die Sehnsucht nach immer neuen süßen Trauben, da die versprochenen nicht ganz so süß waren.“ Allzu oft ist aus dem Freudentaumel der ersten Tage auch eine Gier nach immer mehr geworden. Eine Gier, die wir leider auch in unseren Tagen immer wieder erleben müssen. Wo Menschen, die aus den Töpfen des Sozialstaates im reichen Maß schöpfen können, nicht bereit sind zu teilen, sondern sich lieber alte Hassparolen zu eigen machen. Auch darum weiß der Psalm, wenn er spricht „wende doch Herr unser Geschick.“ Der Weg zur vollen Freiheit der Menschen, der Weg zur vollen Einheit ist noch lang und sicher auch nicht einfach. Aber im Vertrauen auf den, der immer hilft – egal, ob wir ihn erkennen oder nicht – im Vertrauen auf IHN ist dieser Weg geh bar. Es ist unsere Aufgabe als Christen, als Politiker, als Seelsorger, als Menschen, denen die Menschen am Herzen liegen mitzuhelfen, dass wahre Einheit, wahre Freiheit gelingen kann; damit Populisten jedweder Coleur keine Chance mehr haben in unserem Land, sondern damit Menschlichkeit es ist, was wirklich zählt.

In Zeiten wie unseren, wo Land auf – Land ab vom drohenden Untergang gesprochen wird, ist es unsere Aufgabe – konfessions- und parteiübergreifend – zu zeigen, wie gut es uns trotz allem, oder sogar vielleicht wegen allem doch geht. Dieser Weg ist sicher der schwierigere, Gott aber wird uns nicht verlassen, sondern uns dabei schenken, was uns noch fehlt; so wie der Psalmbeter es schon vor 2.500 Jahren erkannt hat: „Sie gehen hin unter Tränen und bringen den Samen zur Aussaat, sie kommen wieder mit Jubel und bringen ihre Garben ein.“

Gott segne alle Bemühungen um Einheit, Freiheit und Menschlichkeit.

 

Daniel Pomm, Bistum Erfurt

Aus meiner Predigt im ökumenischen Gottesdienst am 3.10.2016

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