Der Riss in der Welt

Der jüdische Tempel, der sich in der Antike stolz über Jerusalem erhob, ist nicht mehr. Er wurde im Jahr 70 von der römischen Armee unter Titus zerstört. Es ist eine lange und komplizierte Geschichte.
Ebensolang ist die Geschichte, die seither ins Land gegangen ist. Der grundstürzende Verlust ist nie aus dem Gedächtnis geglitten, war doch der Tempel jener Ort, an dem man dem Ewigen begegnete. Er stand im Zentrum aller jüdischen Feste und tut es in gewisser Weise immer noch.
„Warum liegt ein Ei auf dem Sederteller“, will der Teilnehmer einer Fortbildung von mir wissen. Das stehe doch nicht in der Bibel. Nein, das Ei wurde erst nach dem Fall des Tempels auf den Teller gelegt. Es soll die Festtagsopfer symbolisieren, die bei den drei großen jüdischen Wallfahrtsfesten Pessach, Schawuot und Sukkot im Jerusalemer Heiligtum dargebracht wurden. Andere sagen, das Ei sei Zeichen der Zerbrechlichkeit menschlichen Geschicks und Ausdruck der Trauer um den zerstörten Gottesort.
Im Ei wächst Leben heran, doch dieses Leben hat nur einen dünnen und äußerst zerbrechlichen Schutz.
In den ersten Tagen des Jahres besuchte ich eine Ausstellung zur Kabbala im Wiener Jüdischen Museum und trat ein in eine Welt voller Bedeutungen: jede kleinste Fläche des Daseins bedeckt mit Buchstaben, beschriftet mit Sinn. Gleich am Eingang wurde der Besucher mit einem Zitat des jüdischen Dichters und Sängers Leonard Cohen empfangen: „Da ist ein Riss, ein Riss in allem. Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt.“
In der mystischen Tradition der Kabbala hat sich die Suche von Menschen nach der Erfahrung einer unmittelbaren Beziehung zu Gott niedergeschlagen. Die göttliche Wirklichkeit, so die Überzeugung, durchdringe die menschliche Welt, die menschliche Welt bilde die göttliche ab. Um das zu erkennen bedurfte es bestimmter Fähigkeiten, die erlernt und erfahren werden mußten. Wer diesen Weg ging, dem mochte sich die  Weisheit des Seinsgrundes bis in Wort und Buchstabe und bis in die Fingerspitzen des eigenen Leibes hinein offenbaren.
Die Kabbala hat ihre Spuren nicht nur in Mystik und Magie und in der klassischen Kunst und Literatur hinterlassen, sondern auf bisweilen überraschende Weise auch in der Gegenwartskultur. Madonna oder Britney Spears bedienten sich ihrer ebenso wie die Herausgeberinnen des Jewish Women’s Magazine „Lilith“, einer Zeitschrift jüdischer Feministinnen.
Alles beginnt zu sprechen auf der Suche nach der verborgenen Welt hinter, oder besser: in den Dingen. Überall kann sich diese Welt – und es wird sich dabei doch um nichts anderes als um den Himmel handeln – überraschend öffnen, wenn auch nur einen Spalt breit, oder einen Riss lang.
Als Jesus im Markusevangelium nach seiner Taufe aus dem Wasser steigt, sieht er, wie der Himmel einen Riss bekommt „und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam“ (Mk 1,11). Dann aber schließt dieser Riss sich sogleich wieder, und Jesus bekommt es in der Wüste mit dem Satan zu tun. Erst am Ende, als er am Kreuz stirbt, bekommt der Himmel, nun in Gestalt des Tempelvorhangs, wieder einen Riss (vgl. Mk 15,38), und Jesus tritt ein. In den Himmel.
Tempel und Vorhang sind verschwunden, und auch der Riss scheint sich wieder geschlossen zu haben, jedenfalls ist er bloßem Auge meist nicht zu erkennen.

* * *

Szenenwechsel. Ich gehe durch die Stadt. Eine vom Efeu bedrängte und mit Graffiti bedeckte Mauer begleitet mich ein Stück auf dem Heimweg. Sie bröckelt. Das hat Charme, denke ich. Und dann sehe ich ihn – den Riss. Den Spalt, durch den das Leben einbricht.

Nachtrag: Ein Gedicht von Reiner Kunze

ZUFLUCHT NOCH HINTER DER ZUFLUCHT
(für Peter Huchel)

Hier tritt ungebeten nur der wind durchs tor
Hier
ruft nur gott an
Unzählige leitungen läßt er legen
vom himmel zur erde
Vom dach des leeren kuhstalls
aufs dach des leeren schafstalls
schrillt aus hölzerner rinne
der regenstrahl
Was machst du, fragt gott
Herr, sag ich, es
regnet, was
soll man tun
Und seine antwort wächst
grün durch alle fenster

Kunze ist meines Wissens kein Kabbalist. Aber ein Dichter.

Dr. Andrea Pichlmeier, Bibelpastoral Passau