Der Weg ist nicht das Ziel (Lk 9,51-62)

Auch wenn die Weisheit vom Weg als Ziel auf keinen Geringeren als Konfuzius zurückgehen soll –  biblisch ist sie unhaltbar!

Für diesen Monat  sei nur ein Zeuge ins Feld geführt: der Evangelist Lukas. Er steht besonders als“ Pate“ für das von Papst Franziskus ausgerufene „Jahr der Barmherzigkeit“ (vgl. Lk 6,36 „Werdet barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist“). Zugleich bestimmt sein Evangelium das Lesejahr im Sonntagsgottesdienst der katholischen Kirche.

Des Lukas Besonderheit: Er nimmt das Thema „Weg“ in den Blick wie kein anderer. Von Kapitel 8 – 19 nimmt er sich Zeit, Jesus auf dem Weg, der in Galiläa am See Genesaret seinen Ausgangspunkt nimmt, zu „begleiten“.  Das Ziel wird dabei deutlich markiert: Jerusalem (9,51). Dies gilt übrigens nicht nur für Jesus, sondern auch für die Jünger. Weglaufen gilt nicht, wie die Emmausgeschichte zeigt (Lk 24,13.33).Auch hier ist weder der Weg das Ziel noch die Zwischenstation Emmaus.

Das eigentliche Ziel des Weges nennt Lukas an anderer Stelle: Es ist letztlich das ewige Leben, nach dem ein Gesetzeslehrer bei Jesus anfragt, um seine Antwort mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter zu erhalten Lk 8,25.30-35). Ganz konsequent wird „Anführer zum Leben“ auch ein Titel für Jesus, den nur Lukas bietet. Apg 3,15.

Zu diesem Weg macht Lukas, genauer: Jesus im Lukasevangelium,  allerdings sehr unbequeme Anmerkungen, die in einer Art Vier-Strophen-Text in Lk 9,51-62 nachzulesen sind.

Die erste Strophe (VV 51-56) enthält einen Weg-Befehl Jesu für die Jünger: „Ad Samaritanos!“ „Auf zu den Samaritern!“  Die Verbreitung der Botschaft soll dort beginnen, wo es am schwierigsten ist und wo man sich eher fremd fühlt. Aus meinem Studium habe ich u. a. in Erinnerung behalten, dass es einmal um den französischen Psychiater und Freud-Interpreten Jacques Lacan ging, der als. Eigenart des Menschen die ständige Suche nach der „mêmeté“ herausstellt,  was man mit „Selbigkeit“ übersetzen könnte. Tendenziell ist der Mensch am liebsten unter seinesgleichen; bei denen, die genau so oder ähnlich ticken wie er selbst. Dort ist das Leben am wenigsten anstrengend. Genau diesen Weg aber zeichnet Jesus nicht auf unsere Lebensweg-Wanderkarte. Verkündigung dort, wo man eher auf ganz anders Gesinnte trifft, lautet die Maxime. Und wie meint Papst Franziskus zu unserem Verkündigungsauftrag: „Zur Not kann die Verkündigung auch mit Worten geschehen.“

Die zweite Strophe (VV 57-58), die von der fehlenden Möglichkeit spricht, das Haupt zu betten (der auf dem bereits sehr unbequemen Fluchtweg sich befindende Jakob aus Gen 28,11 winkt von Ferne!) und damit jemanden erschreckt, der sich gerade mit Jesus auf den Weg machen will, sagt deutlich: Der Weg von Christinnen und Christen ist nichts für Nesthocker und Höhlen-Rückzügler.

Dann will einer vor der Wegaufnahme mit Jesus erst noch seinen Vater beerdigen VV 59-60). Wer könnte ihn nicht verstehen! Viel unverständlicher ist der Rat Jesu, die Toten doch ihre Toten begraben zu lassen. Man könnte geradezu meinen: eine Unverschämtheit. Ich empfehle dazu die Lektüre von Dostojewskis Erzählung „Der Spieler“:  Eine  im Spiel reich gewordene Dame will mit dem tagsüber in Baden-Baden gewonnenen Geld zur Rettung der Familie zurück nach Moskau reisen. Doch: Eine anständige Frau fährt nicht nachts alleine im Zug!  So will sie die Nacht abwarten. Da überkommt sie erneut der Spieltrieb. Sie geht ins Hotel und verliert alles. Ja, die vielen Tränen bei der Beerdigung des Vaters könnten den Fragesteller abhalten, nach der Beerdigung zu Jesus zurückzukehren. Trauer kann die Aufbruchseuphorie narkotisieren. So rät Jesus zum Tabubruch. Auch der kann also zum Weg gehören. Der Weg des Christseins  ist nichts für die immer nur „Konventionellen“, für die nur erlaubt ist, „was man so tut“.

Die letzte Strophe (VV 61-62) mit dem berühmten Wort, dass man mit der Hand am Pflug nicht zurück, sondern nach vorne blicken sollte, macht deutlich: Christsein ist auch nichts für „Retro-Visualisten“. Der ständig Zurückblickende ruht sich entweder auf seinen Lorbeeren aus oder gerät ins Schwärmen über die „goldenen Zeiten“ von früher, die mit der Klage über  die Schlechtigkeit oder gar Aussichtslosigkeit der Gegenwart einhergeht. Beides lähmt und kann am Aufnehmen des Weges hindern – und damit auch am Erreichen des Ziels.

Der Weg ist nicht das Ziel! Bei Lukas lautet die Botschaft vielmehr: Der Weg kann sehr anstrengend sein, aber das Ziel lohnt: Ewiges Leben nennt er es. Und bis dahin gibt es durchaus auch Angenehmes, wenn man die Widrigkeiten aushält. Die Samariter, zu denen Jesus die Jünger gesandt hatte, lehnten den Besuch deutlich ab. Die Jünger hätten gerne eine Vernichtungsstrafe Gottes über diese so anders tickenden Samariter herabgerufen. Jesus fährt sie an, wie er sonst Satan anfährt. Aushalten der Fremde und Fremdartigkeit ist das Gebot. Dann kann etwas wachsen. Und siehe da: Einige Kapitel später kommt als einziger von 10 Geheilten ausgerechnet ein Samariter zur Dankesbekundung zu Jesus zurück. Fast wäre er zum Opfer des fromm klingenden Strafgerichts-Wunsches der Jünger geworden. Den Weg gehen heißt eben auch, den anderen nicht den Weg abschneiden. Das Ziel gilt allen!

Gunther Fleischer, Köln

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Ich bin Muslim

„Herr Khorchide, das, was Sie uns über den Islam erzählen, klingt sehr sympathisch! So haben wir den Islam bisher noch nicht wahrgenommen. Ist das denn ihre eigene Interpretation, oder gibt es auch andere Muslime, die den Islam so sehen wie Sie?“

Mouhanad Khorchide, islamischer Religionspädagoge an der Uni Münster, erzählt in seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“, dass ihm solche Fragen laufend gestellt werden nach öffentlichen Vorträgen.

Mich wundert das nicht. Kenne ich doch solche Fragen als katholischer Theologe und Bibelwissenschaftler auch. Immer wieder wurden sie auch mir gestellt. Mit dem leisen Unterton, ob das wohl auch alles (römisch-)katholisch sei, was ich da erzähle.

Was mich dann aber doch verwundert hat an dem Buch von Khorchide, ist, dass er aus der Sicht eines Muslims dieselbe Geschichte mit seiner Religion erzählt, die auch ich mit meiner Kirche erzählen könnte: die Widersprüche zwischen Traditionalisten und Liberalen, das Beharren auf Dogmen gegen jede Vernunft, die Gottesfrage zwischen richtendem und barmherzigen Gott, die schwarze Pädagogik, die droht und straft u.s.w. u.s.w.

Er entwickelt in seinem Buch die Grundzüge einer modernen Religion aus dem Koran und seiner eigenen Tradition, indem er differenziert zwischen Regelungen mit ethischem Charakter, die für alle Zeiten gelten und solchen, die dem gesellschaftlichen Wandel unterliegen. Wer – wie die Salafisten – meint, dass eine arabische Stammesgesellschaft des 7. Jahrhunderts weltweites Vorbild für alle Zeiten sein müsse, hat etwas Grundlegendes nicht verstanden. Solch falsch verstandener Traditionalismus ist aber auch in unseren Kirchen bekannt. Auch den Widerstand gegen ein Bibelverständnis, das historisch-kritisch manches relativiert, das eben zeitbedingt war, kennen wir nur allzu gut.

Worum geht es dann aber in der Religion? Khorchide sagt, dass Religion mehr ist als nur Ethik. Weil Ethik sich sehr wohl auch aus Vernunft begründen lässt, eine religiöse Begründung also nicht braucht. Religion will dem Menschen eine Chance geben zu wachsen. Der Koran nennt das: ein „gesundes Herz“ haben. Das Matthäusevangelium nennt es „Vollkommenheit“ (Mt 5,48).

Wie aber soll das gehen: die Gesundung des Herzens bzw. das Wachsen in der Vollkommenheit? Da kommt nun Gott ins Spiel: Gott ist (nicht nur) nach dem Koran derjenige, der sich dem Menschen bedingungslos in Liebe zuwendet, damit er immer mehr zu dem werden kann, als der er von Gott her gedacht ist. Vorbilder für solche Menschwerdung waren nach dem Koran Propheten wie Abraham, Isaak, Ismael, Mose, David oder Jesus, der Sohn Marias.

Glauben heißt in solchem Zusammenhang, sich ganz auf Gott zu verlassen. Ein „Muslim“ im Wortsinne ist jemand, der sich in dieser Weise ganz Gott „hingibt“. Und der erste Muslim war – nach Aussage des Koran: Abraham. Er lebte eine Ur-Religion, auf welche die Propheten nach ihm wie Mose und Jesus und zuletzt Muhammad immer wieder zurückkamen. Insofern kann auch ich von mir sagen: Ich bin Muslim.

Würde Religion von allen Menschen guten Willens so verstanden, wären Glaubensstreitigkeiten überflüssig. Religionen könnten gesehen werden als (historisch bedingt) verschiedene Wege zu dem einen Gott, auf denen man durchaus konkurrieren kann. Aber nicht muss. Man kann sich auch gegenseitig helfen.

Dieter Bauer, Stuttgart