„No sacrifice at all“ – Elton John

Die Rock- und Pop Musik ist oft die erste Auslegerin der Frohen Botschaft in der säkularen Welt. Zu diesem Weihnachtsfest habe ich den Song SACRIFICE von Elton John ausgesucht. Der Text ist von Bernie Toupin, der selbstbewusst über >Sacrifice< urteilt: Es sei einer „der besten Songs, die wir geschrieben haben“. Der Song ist eine Ballade und kein typisches Liebeslied.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn das Thema >Sacrifice / Opfer< mit der Botschaft von Weihnachten in Verbindung gebracht wird?
Die Leserin, der Leser des Blogs ist eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen, d.h. den Song zu hören. Einen Ausschnitt aus dem Lied möchte ich schon hier anführen:

It’s a human sign                                        Es ist einfach nur menschlich.
When things go wrong                              wenn die Dinge falsch laufen.
When the scent of her lingers                 Wenn der Duft von ihr verweilt
And temptation’s strong                           und die Versuchung stark ist.

Into the boundary                                       Innerhalb der Grenzen
Of each married man                                 eines jeden verheirateten Mannes
Sweet deceit comes calling                      süßer Betrug ruft
And negativity lands                                   und Negativität kommt auf

And it’s no sacrifice                        Und es ist kein Einsatz
Just a simple word                          nur ein einfaches Wort
It’s two hearts living                        Es sind zwei Herzen
In two separate worlds                  lebend in zwei verschiedenen  Welten

But it’s no sacrifice                          Aber es ist kein Einsatz
No sacrifice                                        Kein Opfer
It’s no sacrifice at all                       es ist überhaupt kein Einsatz

In der Ballade geht es um das Scheitern von zwei Menschen: die Trennung in einer Beziehung, einer Ehe. Die Dinge sind aufgrund eines Betrugs verkehrt gelaufen. Negatives kommt ans Tageslicht. Die Versuchung durch einen anderen Menschen ist einfach zu stark gewesen. Man lebt in verschie­denen Welten und die gemeinsame Ausrichtung ist verloren gegangen.

Elton John kommentiert das Verhalten der Handlungsträger immer wieder:
>No sacrifice< -bzw- >no sacrifice at all<.

Im Englischen kann >sacrifice< übersetzt werden mit: Opfer, Opfergabe, Aufopferung, Opferung, Verzicht, Opferbringung, Opferhandlung, Hingabe, Darbringung….

Im biblischen Kontext gibt es neben dem Brand- und Ganzopfer auch das Speiseopfer. Es geht um die Gaben, die ein Mensch freiwillig der Gottheit opfert, übergibt. Im Gegenzug wird von Gott all das weggenommen, was trennt und eine heilvolle Beziehung zu Gott stört.

Ein Blick auf die Übersetzung von >Elton Johns<: >Sacrifice< zeigt, dass ich das Wort mit Opfer und auch mit Einsatz wiedergebe.

Um einen Weg heraus aus der in eine Schieflage geratenen Beziehung zu finden, wäre ein größeres Engagement der Beteiligten nötig, ein Einsatz oder auch ein Opfer.
Doch Elton singt: da ist überhaupt >no sacrifice at all< kein Einsatz.

In den Tagen um Weihnachten werden viele von uns die Erzählungen in der Bibel rund um die Geburt Jesu hören oder auch lesen.

Schauen wir uns die Handlungsträger in den sogenannten „Weihnachtserzähl­ungen“ der beiden anonymen Evangelienschreiber, wir nennen sie Matthäus und Lukas, an:

Das Matthäusevangelium berichtet, dass sich Joseph von der schwangeren Maria in aller Stille trennen wollte.
Elton John würde kommentieren: >No sacrifice at all!<. Joseph zeigt  über­haupt keinen Einsatz!
Und es bedarf eines Engels, der bei Joseph den richtigen Einsatz einfordert.
Stehe bei deiner Frau!

Das Lukasevangelium scheint auf den ersten Blick gegenüber dem stumm gewordenen Zacharias zwei mutige und engagierte Frauen aufzubieten, die sich, beide schwanger, begegnen: Maria und Elisabeth. Aber auch ihr Auftreten, so stellt es der Evangelist dar, ist promotet, in Gang gesetzt, durch einen Engel namens Gabriel.
Ohne diesen Engel würde Elton John sagen: >No sacrifice at all!<. Da ist überhaupt kein Einsatz!
Mit diesem Engel gibt Lukas einen ersten Hinweis auf das Göttliche.

Damit sind wir in diesen beiden Evangelien auf der richtigen Spur.
Die beiden Evangelienschreiber, Matthäus und Lukas, verfassen ihre Evangelien für die dritte, vielleicht auch vierte Generation christlicher Gemeinden, versprengt in den Weiten des römischen Reichs.
Es ist die Zeit der ersten Christenverfolgungen unter Kaiser Domitian.
Das frühe Christentum hat sich von der jüdischen Community losgelöst.
Es ist eine Zeit der Krise: der Tempel in Jerusalem wurde durch die “Super-macht“ Rom im Krieg von 66-71 n. Chr. zerstört. Das Wiederkommen des Messias ist nicht erfolgt.
Wie lässt sich ein in die Krise geratenes Christentum konsolidieren?
Matthäus und Lukas wählen unabhängig voneinander als literarisches Mittel: ihre Evangelien.
Das Christentum tritt schriftstellerisch in Erscheinung.

Lukas und Matthäus bringen das von ihnen berichtete Geschehen in einen Kontext, in dem hinter all dem vordergründigen Handeln letztendlich Gott und sein Einsatz stehen.

Johannes ist schon im Leib seiner Mutter Elisabeth von Geist erfüllt.
Der Existenzgrund Jesu ist schon in Marias Schwangerschaft der Heilige Geist, das Pneuma, die Ruach, die Geisteskraft Gottes.

Das ist der Einsatz, die Gabe, sacrifice at all!

Aber all das wird in den Texten um Weihnachten nun auch wieder gebrochen. Es ist nicht das große Ereignis, das die Evangelienschreiber mit ihren Texten erfassen. Jesus wird in seiner Ohnmacht dargestellt: geistgewirkt  und doch klein. Ein Kind, ohnmächtig, ohne Herberge, verfolgt auf der Flucht mit seinen Eltern.

Was ist der Einsatz, die Gabe, sacrifice at all ???

Auch das weitere Geschehen Jesu ist geistbegleitet. Es geht Jesus nicht darum, die eigene Herrschaft als Alternative zum Kaiser aufzurichten, sondern die Herrschaft GOTTES.

Das ist die Botschaft, aus der die Gemeinden des Matthäus und des Lukas neu Hoffnung schöpfen angesichts ihrer Situation.

Das messianische Projekt ist anders und doch nicht gescheitert.

Durch den Einsatz Gottes, der so klein ist wie ein Kind, aber geistgefüllt, kann es unter den Menschen weiter gehen. Und es muss dann nicht mehr heißen:  No sacrifice at all!

Vielleicht bringt uns dieser ganz andere Einsatz Gottes dazu, Weihnachten mit anderen Augen neu zu sehen. Abseits von Glanz und Größe kann in Gottes Augen Wichtiges geschehen. Und wir können geführt vom Geist, uns einsetzen, damit  Gottes Herrschaft im Leben und in der Welt weiter Fuß fassen kann.

In diesem Sinne wünsche ich, auch im Namen des Teams der „Bibelpastoral“

FROHE WEIHNACHTEN

Ihr /Euer

Ulrich Kmiecik

Dr. Ulrich Kmiecik, Kath. Bibelwerk Berlin

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