Verflucht und zugenäht!

Jetzt, jetzt, jetzt! Schnell, schnell, schnell! Ein solcher Ausruf würde gut in die gegenwärtige Zeit passen, ist in diesem Fall aber nicht Ausdruck der Leistungs- und Genussgesellschaft des 21. Jahrhunderts, sondern antike Ungeduld, die sich in sogenannten „defixiones“ oder Fluchtäfelchen Luft machte. Zugegeben, auch mir war dieser Bereich biblischer Umwelt unbekannt, bis mich die bibelwissenschaftliche Neugier zu einem verheißungsvoll angekündigten Kolloquium der Universität Mainz trieb.

„Mit Fluchtafeln (defixionum tabellae) und Gebeten um Gerechtigkeit“, so der Ausschreibungstext, „versuchten Menschen der Antike, erlittenes Unrecht auszugleichen, Wettkampfsituationen zu moderieren oder die Wechselfälle des Lebens günstig zu beeinflussen.“ Fluchtafeln stellten eine in der Antike verbreitete Form des Schadenszaubers dar. In der Regel verwendete man dazu dünne Bleistücke, auf die man schrieb oder schreiben ließ, was „auf natürlichem Weg“ nicht zu bewältigen war.
Mit ihrer Hilfe dieser Fluchtäfelchen (in der Regel waren es nur handtellergroße Exemplare) sollten Personen oder andere Lebewesen magisch-rituell bzw. mit der Hilfe einer Gottheit beeinflusst oder „gebunden“ (defigere) werden, um ihnen geistig oder körperlich Schaden zuzufügen. Das betreffende Anliegen wurde dann entweder bestimmten Gottheiten der Unterwelt anvertraut, die den Fluch vollziehen sollten, oder die Sache wurde durch die Erstellung der Tafel selbst als erledigt angesehen, auf jeden Fall sollte es „schnell, schnell, schnell“ gehen, und am besten sofort.

Darf die Bibel fluchen?

Das Fluchen bringt man in der Regel nicht mit den Texten des Alten oder Neuen Testaments in Verbindung, die im Bewusstsein von Gläubigen als „Heilige Schrift“ ethisch einwandfrei zu sein haben. Umso überraschender ist es, wenn man feststellt, dass nicht wenige Formulierungen im Neuen Testament dem Wortlaut der defixiones verdächtig ähnlich sind. So schreibt etwa Paulus in 1 Kor 16,22, wer „den Herrn nicht liebt, sei verflucht“, oder in Gal 3,10, diejenigen, die „aus den Werken des Gesetzes leben, stehen unter einem Fluch.“ In Mt 25,41 ruft der Weltenrichter, Jesus selbst, denen zu seiner Linken zu: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!“
Um nicht missverstanden zu werden: Ich will hier keiner biblischen Drohkulisse das Wort reden, im Gegenteil. Eine Referentin der Tagung betonte ausdrücklich, dass die biblische Sprachethik das Fluchen generell verpönt habe. Und dennoch stehen die verstörenden Worte und Bilder in der Bibel. Wer täte sich nicht schwer mit einem Wort wie dem in 1 Kor 5,5, wo Paulus in einem Fall von Inzest es für geboten hält, „diesen Menschen dem Satan (zu) übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird.“ Auch wenn es sich dabei um eine ausschließlich verbale „Aktion“ gehandelt haben dürfte, kann spätestens hier niemand mehr sagen, das Neue Testament sei (im Unterschied zum Alten) zugänglich und leicht verständlich. Wer tiefer eintaucht in die Kultur, auf deren Boden das Neue Testament entstand, wird manchem begegnen, was fremd ist, unverständlich, verstörend. Die frühen Christen waren ebenso Kinder ihrer Zeit, wie wir es heute sind. Ihr Denken prägt die biblischen Texte, die wir so gern „überzeitlich“ hätten, in jeder Zeile.

Götter, Geister und Dämonen

Die antike Welt war voller Götter, unsichtbarer Geister, Dämonen. Im Markusevangelium begleiten die Dämonen Jesus auf Schritt und Tritt. Die Menschen lebten mit ihnen ebenso, wie sie heute mit Viren und mit Handystrahlen leben. Das Lukasevangelium erzählt ganz selbstverständlich von einer Frau, einer „Tochter Abrahams, die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt“ (Lk 13,16), und die Jesus, an einem Sabbat, von ihrem Leiden befreit. Die Apostelgeschichte wiederum kennt einen Mann namens Simon, der sein Geld mit Zauberei verdient (Apg 8,9ff) und dabei auch noch recht erfolgreich ist. Möglicherweise ist er Jude, denn er trägt einen jüdischen Namen. An anderer Stelle (Apg 19,13) ist explizit von jüdischen (nicht heidnischen) „Beschwörern“ die Rede, die umherziehen und versuchen, den Namen Jesu über den bösen Geistern von Besessenen anzurufen. Diese sieben Söhne eines Hohenpriesters namens Skeuas tun nichts Anderes als das, was man als berufsmäßiger Exorzist in der Antike eben tut. Freilich, die Apostelgeschichte macht auch deutlich, daß es so nicht geht. Der Name Jesu ist keine „Methode“, und die Kraft über das Böse erwächst nur aus dem Glauben. Das bekommen die sieben Priestersöhne denn auch schmerzhaft zu spüren.
Und schließlich bedient sich das letzte Buch des Neuen Testaments, die „Offenbarung des Johannes“, einer Terminologie, wie man sie auch in den defixiones findet, wenn der Verfasser davon spricht, wie der Engel mit einer schweren Kette vom Himmel herabsteigt und den Teufel für tausend Jahre fesselt (Offb 20,1ff). Es ist eine faszinierende Welt, in der die menschlichen Abgründe bevölkert sind von unsichtbaren Wesen, denen man nur rituell und mit Hilfe der Götter beikommen kann.

Lieber doch segnen

Gefragt, ob die Verwünschungen der defixiones denn irgendeine nachweisbare Wirkung gehabt hätten, antwortete der betreffende Referent: Wohl nicht, denn dann wären vermutlich nicht viele Menschen übrig geblieben…
Das Denken und die Bilderwelt der Antike haben nicht Halt gemacht vor den biblischen Texten, denn die Botschaft von Jesus dem Auferstandenen richtete sich ja gerade an eine Welt, deren dunkle Seiten man nicht minder fürchtete als heute. Die biblischen Verfasser und ihre Adressaten und Adressatinnen kannten nur diese Welt, der sie freilich mit Röm 12,14 zurufen konnten: „Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht!“ Sie hatten erkannt, daß das Segnen aus der Fülle Gottes heraus größere Kraft besitzt als rachegetriebene Verwünschungen. Und das dürfte heute nicht viel anders sein als zur Zeit des Neuen Testament, denn – verflucht und zugenäht! – zum Verwünschen braucht es keine handtellergroßen Bleitäfelchen, sondern im Zweifelsfall nur schlechte Laune. Zum Segnen aber steht uns die ganze Schöpfung zur Verfügung, gerade jetzt, jetzt, jetzt, in einem vor Leben strotzenden Frühling.

Dr. Andrea Pichlmeier, Referat Bibelpastoral Passau

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Aufhören oder mitmachen?

Zwischen diesen beiden Polen schwanken gerade all die Fastenzeitbegleiter, Kalender und Impulse, die es allenthalben auf dem Markt gibt. Sieben Wochen ohne, sieben Wochen mit … wofür entscheide ich mich? Was passt gerade zu mir?
Genau da fängt für mich die Frage an: Worum geht es in diesen 40 Tagen? Um mich? Darum, dass es mir besser geht, dass ich mehr die bin, die ich sein möchte, dass ich perfekter, kompatibler, kompromissloser oder kompromissbereiter werde?
Der Schriftlesung am Aschermittwoch aus dem Buch Joel (Joel 2,12-17) mahnt mit eindeutigen Worten:

Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider!

Das heißt doch: Bleibt nicht beim Äußeren stehen, sondern wagt euch ins Innerste vor! Was denkt ihr wirklich? Was berührt Euch? Wem wendet sich Euer Herz zu? Gott, Euch selbst oder den Nächsten? Wo muss ein Schnitt gemacht werden?
Und noch etwas! Joel beschreibt im nächsten Vers Gott: gnädig und barmherzig, langmütig, reich an Güte, voller Erbarmen und Reue über seine eigene Strenge, mit der er uns auf den rechten Weg bringen möchte. Ja, auch Gott selbst ist bereit, umzukehren und uns mit Segen zu begegnen. Mit so einem Gott kann ich es wagen, mein Herz anzuschauen. Mit so einem Gott kann ich umkehren, um wieder mehr in seiner Spur zu gehen.
Schließlich fordert Joel auf, das Volk, die Alten, Kinder, Säuglinge, ja selbst Bräutigam und Braut zu versammeln und die Gemeinde zu heiligen, damit alle sehen und hören können, dass Gott mitten unter ihnen und mit ihnen ist.

Ich meine,  dass es darum in den kommenden 40 Tagen gehen könnte: wo hat Gott Platz in unseren Herzen und auf den öffentlichen Plätzen? Die Menschen heiligen – wie kann das geschehen?
Einer meiner Vorschläge wäre, aufzuhören. Aufzuhören mit den markigen, lautstarken Sprüchen, in denen all die Anderen schlecht und herunter gemacht werden bis zur Anstandslosigkeit. Aufhören mit dem Zuhören und zum Aufhören auffordern, wenn so geredet wird.
Der andere Vorschlag lautet, mitzumachen, wenn Gutes geredet wird. Hinzuhören, wenn von Herz zu Herz gesprochen wird. Vom Segen und Gesegnet sein zu erzählen. Von einem Gott, der voller Mitgefühl ist, und der mit jedem und jeder von uns umkehrt.

Barbara Janz-Spaeth, Diözese Rottenburg-Stuttgart

Der Bibel auf den Geschmack kommen

„Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein: Je mehr du es reibst, umso stärker duftet es.“ Diesem Satz Martin Luthers stimme ich zu. In Jahrzehnten mit der Bibel ist sie mir nie langweilig
geworden. Ob und wie die Bibel zum Lebens-Mittel wird, das hängt von verschiedenen Gegebenheiten ab.

1. Hunger ist der beste Koch!
Einer, der keinen Hunger hat, wird nicht essen wollen. Wer keine Frage, keine Sehnsucht hat, wird sich auch nicht auf den Weg machen. Ein erster Zugang zur Bibel ist also immer eine Sehnsucht, die einen im Leben gerade umtreibt: die Frage nach Gott, Liebe, Glück, dem Leid oder gar Tod, ein Familienthema … Das kann die treibende Kraft sein und dazu motivieren, mit der Bibel ins Gespräch zu kommen. Das geschieht am besten, indem man Bibeltexten Fragen stellt, zustimmt, widerspricht, darüber nachdenkt, weiterschreibt … Das Thema „Liebe zwischen Mann und Frau“ behandelt z.B. das Hohelied, Familienthemen kommen in Gen 12-50 vor, Deutungen von Leid im Buch Ijob. Zu den Stichwörtern, die einen interessieren, kann man die passenden Bibelstellen finden im Stichwortverzeichnis im Anhang der Bibel oder durch Recherche in den Online-Bibeln (z.B. http://www.bibelwerk.de; http://www.bibleserver.com).

2. Gegessen wird, was gekocht ist!
Die Bibel ist in einem Zeitraum von 800-900 Jahren vor 2000 Jahren entstanden. Da braucht es historisches Wissen und entsprechende Aufbereitung, damit das darin Überlieferte für uns verständlich und vor allem lebendig wird. Ob die Bibel „schmeckt“, entscheidet an erster Stelle die Übersetzung, die man wählt. Menschen, die bisher wenig Zugang hatten, brauchen oft eine Übersetzung, die schwer Verständliches gut in heutiger Sprache ausdrückt. Das tut z.B. die Basisbibel oder die Gute-Nachricht-Bibel. Mancher, dem der Appetit vergangen ist aufgrund der immer gleichen Übersetzung, in der er liest, mag das Eine oder Andere am Text ganz neu entdecken in einer anderen Übersetzung. So lohnt es sich, Psalmen in der Einheitsübersetzung 2016 zu lesen. Insgesamt ist sie näher am Urtext als die frühere Version, dadurch aber auch anspruchsvoller zu lesen.

3. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen!
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was Gottes Mund spricht!“ (Dtn 8,3; Lk 4,4), so zitiert Jesus. Es ist staunenswert, dass Menschen oft viel für die Fitness des Körpers und für die geistige Fortbildung aufwenden, aber sehr wenig für die Reifung der Seele, die geistliche Nahrung. In der Bibel ist reichlich davon da. Auch hier braucht es Entscheidung und Regelmäßigkeit, damit die Seele genügend genährt wird. Das kann z. B. die tägliche Schriftlesung sein in Abschnitten entlang einem biblischen Buch. Leib und Seele zusammen hält auch, wenn auf verschiedenen Ebenen Zugang zur Schrift gesucht wird: mit verstandesmäßiger Erkenntnis, mit emotionalen Zugängen wie über die Identifikation mit biblischen Gestalten, mit dem Erspüren des Herzens, über die betende Betrachtung.

4. Das Auge isst mit!
Beim Essen ist nachgewiesen wichtig, wie ein Gericht angerichtet ist und wie wir darauf schauen, ob wir es schmackhaft finden. Bei der Bibel lohnt es sich, hinschauen zu lernen, um Geschmack an ihr zu finden:
Wie bei Gerichten gibt es bei Bibeltexten Basiszutaten: Das sind Leitwörter, Kontraste, Schreibstil, Dramatik, der Zusammenhang, in dem ein Text steht. Sie können in jedem Text entdeckt werden. Darüber hinaus lassen sich Feinheiten aufspüren, die man bisher nicht entdeckt hat, indem man im Geist immer mal wieder eine andere Brille aufsetzt: mal die Perspektive des Verfassers, mal die wechselnden Erzählperspektiven der biblischen Personen, die uns der Text anbietet, mal die Dramatik, die sich entfaltet…

5. Genügend kauen, nicht hinunterhauen!
Wir sind oft gewohnt, schnell zu essen und schnell Texte aufzunehmen. In Ez 2,8-3,11 wird dem Propheten Ezechiel empfohlen, Gottes Wort in Form eines Buches gut zu kauen, bis es süß wird wie Honig. Von Brot weiß man, dass es, wenn es ca. 30 mal gekaut wird, süß wird, dass also durch das längere Kauen viel mehr Geschmack aufgeschlossen wird und sich entfaltet. Ein Wort, einen Satz aus einem gelesenen Bibeltext immer wieder meditativ vor sich hin zu sprechen, einfach zu verkosten, erschließt oft ganz Neues. Es kommt dann manchmal in Lebenssituationen zu Hilfe als Orientierung oder Trost.

6. Der Appetit kommt mit dem Essen!
Für Ungeübte schmecken am Anfang meist erzählende Bücher wie das Markusevangelium, das älteste Jesusbuch, das Lukasevangelium, das Buch Genesis, Buch Exodus oder kleine Bücher wie das Buch Rut. Ist man geübter, schmecken auch Bücher der Bibel, die mehr Aufwand brauchen, sie zu erschließen, wie z. B. prophetische Bücher. Deshalb braucht es bei mancher biblischen Kost auch Geduld und ein Einhören und Einüben, bis man auf den Geschmack kommt!

7. Das liegt schwer im Magen!
Und was ist mit schwer verdaulicher Kost? Die gibt es in der Bibel wie im Leben. Wichtig ist, sich vor Augen zu halten: Die Bibel will Menschen ins Heil bringen. Es ist manchmal mühsam, in gewalttätigen Texten die Gottesspur zu finden, aber sie ist fast immer da, wenn man spürsam hinschaut: durch das Unheil hindurch zum Licht.

8. Satt heißt nicht, dass keine Schokolade mehr hineinpasst!
Und wenn man genug hat von schweren Bibeltexten? Etwas geht immer noch wie beim Essen: ein Schmankerl. So manchen humorvollen Spruch, der einen zum Nachdenken bringt, findet man z.B. im Buch der Sprüche und in Jesus Sirach: „Besser ein trockenes Stück Brot und Ruhe dabei als ein Haus voll Braten und Streiterei.“ (Spr 17,1). Womit wir wieder beim Essen wären!

Der Beitrag erschien zuerst in „Dein Wort – Mein Weg“ 1/2018.

© Anneliese Hecht, Katholisches Bibelwerk Stuttgart

Der Weg ist nicht das Ziel

Eine irritierende Beobachtung zu den Wallfahrtspsalmen am Jahresbeginn

Gerade am Beginn des Jahres, das eine neue Wegstrecke von 365 Tagen bereit hält, könnte man meinen, das Gegenteil der Überschrift sei richtig: Der Weg ist das Ziel. Immerhin, hinter dieser Formulierung steht eine lange Tradition: Sie wird gemeinhin dem chinesischen Philosophen Konfuzius (551 – 479 v. Chr.) zugeschrieben. Das ist zwar räumlich gesehen weit weg vom Herkunftsraum der Bibel, doch zeitlich sind wir damit genau in einer wichtigen Phase der biblischen Geschichte. 539 v. Chr. haben die Perser die Babylonier als Herrscher des Orients abgelöst und für das Volk Israel beginnt die Phase der Rückkehr aus Babylonien nach Jerusalem sowie die Neuorganisation des eigenen Lebens rund um den 515 v. Chr. eingeweihten Tempel von Jerusalem.

War das nicht auch die Erfahrung Israels: Der Weg ist das Ziel? Die eben beschriebene Geschichtsphase wird umrahmt vom Weg in die Gefangenschaft und vom Weg zurück in die verlorene Heimat. Doch jeder weiß: Was nach Ziel aussah, war nur von sehr vorläufiger Natur. Denn spätestens 70 n. Chr. endet mit der Zerstörung Jerusalems durch Rom, was man für ein erreichtes Ziel hätte halten können. Es beginnt endgültig die Zeit des Unterwegsseins in der Welt für das Judentum.

Und ist es nicht so, als hätte Israel Konfuzius vorweggenommen, indem es in seiner Heiligen Schrift auch schon lange vor dem chinesischen Denker im Wesentlichen Weggeschichten erzählt? Die Abrahamerzählung, die Hin- und Herbewegung der Joseferzählung, der vierzigjährige Zug durch die Wüste unter der Führung des Mose, der innerhalb der Fünf Bücher Mose noch nicht einmal zum Ziel kommt – lassen sie nicht alle den Weg wichtiger als das Ziel erscheinen.?

Und das Neue Testament scheint sich hier nahtlos anzuschließen. Rastlosigkeit ist ein durchgängiges Motiv, egal ob wir vom umherziehenden Jesus oder dem missionarisch getriebenen Paulus lesen. Und dann heißt es ja auch noch von diesem Jesus, wie in einem Brennglas die eigene Sendung zusammenfassend: „Ich bin der Weg …“ (Joh 14,6).

Wir kommen nicht daran vorbei: Der Weg ist eine ganz zentrale Metapher in der Heiligen Schrift. Aber lautet ihre Auflösung ins weniger Bildhafte wirklich, dass alle Texte und Erzählungen, die sie verwenden, den Weg bereits als das Ziel propagieren wollen?

Eine überraschende Beobachtung wird machen, wer sich mit dieser Frage im Gepäck an die Lektüre der Psalmen 120 – 134 macht.  Man könnte diese Zusammenstellung von insgesamt 15 Psalmen als eine Art Pilgergebetbuch betrachten. Tatsächlich werden sie alle zusammengehalten durch ein Überschriftwort, das sehr oft – so auch in der revidierten Einheitsübersetzung – mit „Wallfahrtslied“ übersetzt wird. Auch wenn diese Übersetzung nicht als absolut sicher gelten kann, da hebräisch ma’alot zunächst einmal „Aufstiege“ oder „Stufen“ bedeutet, passt sie doch sehr gut zum Gesamtgefüge dieser geistlichen Lieder, das unabhängig von allen Konkretionen eine Bewegung von einem wo auch immer liegenden Herkunftsort (Ps 120,5 verweist mit Meschach und Kedar eher im Sinne von Platzhaltern auf nördliche und südliche Randbezirke) zum Tempel von Jerusalem erkennen lässt. In ihm empfangen die Betenden schließlich in einem nächtlichen Gottesdienst noch einmal den Segen (vgl. Ps 134), um danach vermutlich in den Alltag ihrer Herkunftsorte zurückzukehren.

Zumindest aus heutiger Betrachtung, die nicht zuletzt durch den „Boom“ des Pilgerns auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela geprägt ist, würde man in einem solchen Pilgergebetbuch die Entfaltung einer „Theologie des Weges“ erwarten und vermuten. Tatsächlich zeigt die Lektüre der Psalmen aber etwas völlig anderes: Der eigentliche Pilgerweg  wird in genau zwei Versen gleichsam „kondensiert“:

„Ich freute mich, als man mir sagte:
Zum Haus des Herrn wollen wir gehen.
Schon stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem“ (Ps 122,1-2).

Alles vorher ist betende Reflexion über die Aufbruchssituation (Ps 120 – 121), alles was folgt, nimmt das offensichtlich bereits erreichte Jerusalem in den Blick (Ps 122.125-127.132-134)oder ergeht sich in grundsätzliche Betrachtungen des Handelns Gottes (Ps 124.130) bzw. des Ergehens der Menschen (Ps 123.128.129.131).

Dem Pilgergebetbuch geht es offensichtlich nicht um den Weg, geschweige dass er das Ziel wäre. Es geht vielmehr – und davon sprechen immerhin sieben der Wallfahrtspsalmen – um Jerusalem. Aber auch dieses ist nur Zwischenstation. Der offene Schluss der Gesamtkomposition in Ps 134, der mit der Segensbitte in den Alltag entlässt, wie Gott mit dem Schöpfungssegen sein Werk in den Alltag des Seins und Lebens entlässt (vgl. Gen 2,3), macht dies deutlich. Der Wallfahrtspsalter spricht so viel von Jerusalem, dem Zion, dem Tempel als Wohnung Gottes und seinem Heiligtum, weil dieser Ort auf den verweist, dem selbst zu begegnen, den wirklich zu sehen das eigentliche Ziel ist. Genau das ist dem irdischen Menschen nicht möglich. Die räumlich (im Tempel) erfahrbare, und doch nie aus der Verborgenheit von Unsichtbarkeit, Ritus, Gebet und der sinnlichen Erfahrung von Sakralität heraustretende Gegenwart Gottes stärkt zwar für all die Wege, die so vielfältig wie die Menschen selber sind, damit diese ihr Ziel erreichen. Aber sie bleibt bei aller denkbaren Intensität vorläufig. Das durch keinen Weg ersetzbare Ziel ist Gott selbst, und zwar in unverhüllter Direktheit – von Angesicht zu Angesicht. Das Ziel ist die von allen „Zwischenmedien“ befreite Begegnung mit dem Schöpfer, der geduldig auf ein jedes seiner Geschöpfe wartet (vgl. das Bild vom himmlischen Jerusalem ohne Tempel, Leuchte und Stadttore in Offb 21,22- 22,5). Deren Weg ist nicht ein vorbestimmter, aber auch kein zufälliger. Es ist der von Gott ermöglichte und durch den Ruf ins Dasein initiierte, der nun aber vom Menschen selbst zu gestalten ist. Von diesen Gestaltungsmöglichkeiten und den dazu notwendigen Hilfen sprechen die Psalmen. Denn natürlich besteht auch immer die Gefahr, auf „krumme Wege“ (das Ps 130,3 verwendete Wort ‚awōn für „Sünde“ hat mit „krumm sein“ zu tun) zu geraten. Im Weg das Ziel zu sehen, überfordert das Leben und übersieht, dass wir zu viel Größerem berufen sind als zum ständigen Gehen, das oft genug ein mühseliges Stolpern, manchmal aber auch ein zu forsches, die „Kollateralschäden“ übersehendes Voranschreiten ist.

Wiederum mit einer Metapher gesprochen: Das Ziel ist nicht der Weg, sondern die „Ruhe“ (vgl. Hebr 4,3  unter Rückgriff auf Ps 95 und Gen 2,2), die nicht mit Langeweile zu verwechseln ist, sondern beglückende Erfüllung von Sehnsucht und das Ende aller Ängste, Getriebenheiten, Zwänge, Nöte, Depressionen oder auch die Selbsttäuschung über die Bedeutsamkeit von Erreichtem meint. Auf dem Weg dorthin braucht es „Tankstationen“, Vorerfahrungen dieser Ruhe. Im Wallfahrtspsalter wird das Erleben der Gegenwart Gottes im Tempel als eine solche „Tankstation“ erkennbar und benannt. Die Verse 8 und 14 in Ps 132 pendeln bedeutungsmäßig wohl zwischen dem realen Tempel als Ruheort und dem Tempel als Symbol für  den auf Erden nie zu habenden, aber als Ziel erwarteten Ruheort. Bedenkt man, dass zwar am Ende nicht der Tempel Bestand hatte, wohl aber das Pilgergebetbuch weiter exisitiert und gebetet wird, zeigt sich, dass es darum geht, im Beten seine vorläufigen, aber stärkenden geistlichen Ruhestationen zu finden, die einen nicht vergessen lassen, dass nicht der Weg, sondern Gott selbst als Weginitiator, Wegbegleiter (vgl. hierzu neutestamentlich die Emmausgeschichte in Lk 24,13-35 oder die Zusage aus Mk 16,7, dass der Auferweckte im Alltag von Galilä – also auch unserem Alltag – anzutreffen sei) und am Ende auf uns Wartender das Ziel ist.

In diesem Sinne wünsche ich ein immer wieder zu „Wassern der Ruhe“ (Ps 23,2) führendes Jahr 2018.

Gunther Fleischer, Köln

„Das habe ich nicht erwartet!!“

„I wasn’t expecting that“Jamie Lawson

Wie steht es bei Ihnen, bei dir und natürlich auch bei mir, dem Schreiber dieses Blogs, mit dem Unvorhergesehenen, den Überraschungen im Leben, mögen sie positiv oder auch mal nicht so positiv sein?

Oh, das habe ich überhaupt nicht gedacht, erwartet, vorausgesehen!

Der englische Sänger Jamie Lawson erzählt in seinem Song „Wasn‘t expecting that“ von den unerwarteten Dingen, von der Lebens- und Liebesgeschichte eines Paares, angefangen von einem ersten Lächeln, von den Momenten, die das Leben verändern bis am Ende einer allein ist, da die andere stirbt.

„It was only a smile but my heart it went wild
„Es war eigentlich nur ein Lächeln, aber mein Herz spielte verrückt
and I wasn’t expecting that
Das hat mich selbst etwas überrascht
just a delicate kiss, anyone could’ve missed
Dann ein Kuss …. so flüchtig, dass ich ihn kaum mitbekommen habe
I wasn’t expecting that
Ich habe es nicht erwartet

Isn’t it strange how a life can be changed
Oh, und ist es nicht merkwürdig, wie ein ganzes Leben sich verändern kann
in the flicker of the sweetest smile
In dieser einen Sekunde, die das süßeste aller Lächeln dauert?
We were married in spring
Und im Frühling waren wir bereits verheiratet
You know I wouldn’t change a thing
Du weißt, ich würde alles genau so wieder machen
Without an innocent kiss, what a life I’d have missed“
Was hätte ich alles verpasst, ohne diesen Kuss, diesen ganz unschuldigen Kuss“

Das habe ich nicht erwartet – Wasn’t expecting that…

In den Tagen um Weihnachten werden manche von uns, einige oder auch viele die Erzählungen in der Bibel rund um die Geburt Jesu hören oder auch lesen.

Dass diese Geschichten rund 2000 Jahre später zu einer einzigen Weihnachts­story und einem idyllischen Bild in stimmungsvollen Weihnachtsfeiern zusam­men­geschmolzen sind, haben die ursprünglichen Autoren sicher nicht geahnt. Matthäus und Lukas, so nennen wir die anonymen Schriftsteller, schreiben für die dritte, vielleicht auch vierte Generation christlicher Communities, die mit dem Ausbleiben der Wiederkunft des Messias und dem Eintreten der ersten reichsweiten Christenverfolgung im Herrschaftsbereichs Roms unter Kaiser Domitian in eine innere und äußere Krise geraten sind.

It wasn’t expecting that – Ist das messianische Projekt gescheitert?

Die Evangelienschreiber wollten keine Idylle liefern, auch wenn wir heute ihre Texte als sehr schön empfinden.
Sie wollten Krisen literarisch bewältigen!
Und sie zeigen auf, dass von Anfang an Jesus als der von Gott gesandte und von Gott gewollte Messias in diese Welt gekommen ist.

It wasn’t expecting that – So haben wir das nicht erwartet!

Wie am Ende ihrer Erzählungen wird auch am Anfang der Messias nicht in seiner Vollmacht, sondern in seiner Ohnmacht vorgestellt.

Als Kind. Sein Auftrag wird sein, nicht die eigene Herrschaft aufzurichten, sondern die Herrschaft GOTTES.

Mit einem Kind – klein, ohnmächtig, ohne Herberge, verfolgt, auf der Flucht, aber mit dem Namen „Immanuel – Gott ist mit uns“, soll es anfangen.

Das ist die Botschaft, aus der die Gemeinden des Matthäus und des Lukas neu Hoffnung schöpften, angesichts ihrer Situation.

Das messianische Projekt ist anders und doch nicht gescheitert.

 It wasn’t expecting that!  – Das hat mich dann doch überrascht!

Was erwartest du, was erwarten Sie in diesen Tagen vor Weihnachten und dann? Und was haben wir nicht erwartet?

Die Zeit, die schon gekommen ist und die noch kommt, wird eine Antwort haben. Mag es Überraschungen, positiv oder auch nicht so positiv, geben.

Vielleicht führt uns der Gedanke, dass gerade auch im Kleinen, im Ohnmächtigen, abseits vom Glanz, Wichtiges geschieht, – wie damals in den Erzählungen der „Weihnachts-Schriftsteller“ -, dahin, Weihnachten heute mit anderen Augen neu zu sehen.

 It wasn’t expecting that! – Das wäre doch eine Überraschung!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen / euch / dir vom Blog Unkraut und Weizen

FROHE WEIHNACHTEN

Dr. Ulrich Kmiecik, Berlin

 

 

Alles auf Anfang

Alles auf Anfang! Ganz neu beginnen mit etwas, das misslungen, oder furchtbar schiefgegangen ist. Alles auf Anfang. Beim Film gibt es das. Eine Szene wurde gedreht, der Regisseur oder Produzent ist nicht zufrieden. Also dreht man alles noch einmal von vorne. Das geht zwar ganz schön ins Geld, aber es geht. Alles auf Anfang, bis die Szene im Kasten ist.

Alles auf Anfang. Manchmal würde ich das auch gerne. Ganz neu anfangen. Aber anders als im Film. Ich hätte manchmal gerne die Chance, meine Fehler nicht noch mal zu machen. Das gehört wohl zu jedem Menschenleben: das gelegentliche Verlangen, mit etwas noch einmal ganz neu anzufangen. Aber das Leben ist eben kein Film.

Es gibt im Leben Situationen, in denen ein Neuanfang verdammt schwerfällt. Vielleicht sogar ganz unmöglich ist. Gerade da, wo man sich einen Neuanfang verzweifelt herbeisehnt, geht oft gar nichts mehr.

Manchmal ist eine Beziehung zwischen Menschen so zerstört, dass man sie nicht mehr heilen kann. Manchmal sind da so viele Altlasten, dass man nicht mehr in der Lage ist, die Beziehung zu kitten. Manchmal ist ein Leben so zerstört, so in die falsche Richtung gelaufen, dass nichts mehr zu verbessern ist, nichts mehr saniert werden kann. Und jeder weiß, ich kann nicht noch einmal von vorne beginnen zu leben. Ich kann nicht noch einmal geboren werden und alles ganz anders machen.

Wenn da jemand einen ganz neuen Anfang schenken würde – das wäre die Lösung. Das wäre die Erlösung.

Von diesem geschenkten Neuanfang spricht der Evangelist Lukas in seinem Evangelium:

Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Siehe, auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar gilt, ist sie schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Da sagte Maria: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel. (Lk 1,26-38)

Der Engel verkündet den Neuanfang, den Gott mit den Menschen vorhat: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höch­sten wird dich überschatten.“

Der Heilige Geist, das ist die Kraft Gottes, mit der er Neues schafft. Der Geist, den der Engel verkündet, ist der Geist, mit dem Gott die ganze Welt geschaffen hat.

„Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höch­sten wird dich überschatten.“ Mit der Kraft dieses Geistes beginnt Gott wirklich etwas ganz Neues.

Gott selbst will in Jesus Mensch werden und das Wunder eines gelungenen Lebens, einer gelungenen Schöpfung zeigen. In Jesus Christus schenkt Gott Erlösung, wo Menschen keine Lösung mehr finden können. Die Altlasten, unsere Schuld, unser Versagen, unsere Schwäche wird er auf sich nehmen und tragen bis ans Kreuz.

Gott schenkt uns einen ganz neuen Anfang. Völlig unbelastet.

„Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höch­sten wird dich überschatten.“

Diese Botschaft des Engels gilt auch uns. Ein gesegneter Gruß für den kommenden Advent.

Endlich verständlich?!

Das Wunder der Horizonterweiterung ereignete sich vor beinahe zwei Jahrtausenden in Jerusalem: Menschen aus aller Welt hören am Pfingsttag die Jünger in ihrer jeweiligen, eigenen Sprache predigen: „Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören?“ (Apg 2,8). Ausnahmslos alle können verstehen. Welch‘ großartige Vision …

Heute dagegen ist für viele Menschen die Sprache (in) der Kirche fremd und unverständlich geworden – nicht nur für Kirchenferne oder Menschen mit Verständnisschwierigkeiten. Mehr denn je bedarf kirchliches Leben deshalb einer leicht(er) verständlichen Sprache, sei es im Gottesdienst oder in der Gemeindearbeit, im Kirchenanzeiger oder im Religionsunterricht, bei Haupt- wie Ehrenamtlichen.

Das Potential einer leicht verständlichen Sprache

Die ursprünglich im Kontext der Behindertenarbeit entwickelte so genannte „Leichte Sprache“ kann dafür wertvolle Denkanstöße liefern. Leichte Sprache ist eine barrierefreie Art des Redens und Schreibens, die bestimmten Grundsätzen folgt. Ihr oberstes Ziel ist Verständlichkeit. Deshalb verzichtet sie auf Fremdwörter oder schwierige Begriffe. Sie macht kurze Sätze und verwendet auch mal die Umgangssprache. Und sie wird durch Bilder oder Illustrationen ergänzt (für weitere Informationen siehe www.leichtesprache.org und Heft 4/2017 der Zeitschrift Katechetische Blätter).

Die Impulse und Einsatzmöglichkeiten einer solchen leichter verständlichen Sprache im kirchlichen Raum sind vielfältig. Vermeldungen, Pfarrbriefe und Einladungen werden besser verständlich, Predigten einfacher und klarer, Gottesdienste für alle geeignet. Die Beschäftigung mit den Prinzipien der Leichten Sprache weitet den Horizont: Denn sie nimmt konsequent und wertschätzend auch diejenigen in den Blick, die oft am Rande stehen, weil sie nicht mehr oder noch nicht alles verstehen: Menschen mit Behinderungen, Kinder, Senioren, kirchlich oder religiös „Unmusikalische“, Migranten, Geflüchtete …

Biblische Horizonterweiterung

Mit am deutlichsten wird diese mögliche Horizonterweiterung bei Texten der Bibel. Hier geht das Projekt „Evangelium in Leichter Sprache“ der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus Nürnberg, des Katholischen Bibelwerks Stuttgart e. V. und der Thuiner Franziskanerinnen neue Wege. Seit 2013 werden von einem über ganz Deutschland verstreuten Team die Sonntagsevangelien in Leichte Sprache übertragen und kostenlos im Internet (www.evangelium-in-leichter-sprache.de) und in Buchform (Reihe „Bibel in Leichter Sprache“ im Verlag kbw) angeboten – leicht verständlich, knapp kommentiert und anschaulich illustriert. Zunächst für Menschen mit Lernschwierigkeiten gedacht, bilden diese ganz eigenen Bibeltexte eine unverzichtbare Ergänzung zu den klassischen Bibelausgaben und können auch für andere Zielgruppen hilfreich sein und neue Perspektiven eröffnen.

Bauliche Barrierefreiheit ist längst Standard in Kirche wie Gesellschaft – sprachliche Barrierefreiheit sollte es ebenso werden. Eine leicht verständliche Sprache – mündlich wie schriftlich – gehört deshalb zum Handwerkszeug der Arbeit von Ehren- wie Hauptamtlichen. Wer den Auftrag Jesu, ausnahmslos allen Menschen Gottes frohe Botschaft vom Leben in Fülle und Vielfalt zu verkünden (vgl. Mt 28,16-20; Joh 10,10), ernst meint, kommt an der Leichten Sprache nicht vorbei.

Ausnahmslos alle sollen verstehen

Noch einmal zurück nach Jerusalem: Das Pfingstwunder besteht interessanterweise nicht darin, dass der Geist eine neue Einheitssprache schafft – Babel wird gerade nicht rückgängig gemacht. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Gottes Wort beginnt, ausnahmslos alle Sprachen zu sprechen.

Mit anderen Worten: Nicht die Vielfalt wird vereinheitlicht, sondern die Einheit entfaltet – ein grundlegender Perspektivenwechsel. Ausnahmslos alle sollen verstehen!

 

Claudio Ettl, Nürnberg

(Überarbeitete Fassung eines Beitrags aus Heft 5/2017 der Zeitschrift Gemeinde creativ; der Autor ist Mit-Initiator und Verantwortlicher des Projekts Evangelium in Leichter Sprache)

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