Gott wohnt in einem Lichte – Teil V

lectio divina auf dem Jakobsweg

5. Nun darfst du in ihm leben und bist nie mehr allein, darfst in ihm atmen, weben und immer bei ihm sein. Den keiner je gesehen noch künftig sehen kann, will dir zur Seite gehen und führt dich himmelan.

Kurz vor Palmsonntag bin ich in Santiago angekommen. Ich bin dort drei Tage geblieben um meine Erfahrungen zu reflektieren. So viele starke Begegnungen, so tiefe Gespräche! Fünf Menschen haben mit mir über die Frage nach dem Sinn des Todes gesprochen. Nur einer davon war Christ. Unser Umfeld ist voll von fragenden und suchenden Menschen. Den Weg in die Kirchen unserer Städte finden sie vielleicht nicht mehr. Sollten dann nicht wir die Zeugen, die Bindeglieder sein, die den Menschen Christi Liebe vermitteln können?

Matthias habe ich auf dem Weg übrigens nochmal in einer Herberge getroffen. Dort haben wir zusammen mit einigen Weggefährten gekocht und gegessen. Mahlgemeinschaft.

Ja. Und was ist nun aus meiner Frage geworden? Wo finde ich die Camino-Wegweiser Gottes in meinem Leben? Was weist hin auf diesen „Ich bin der ich bin“?

Ich habe eine wunderbare Natur erlebt. Die Schöpfung ist großartig. Ich habe herrliche Römerbrücken, uralte Kathedralen und Städte gesehen.

Aber dem lebendigen Gott, dem bin ich in den Menschen, in den intensiven Gesprächen begegnet. Da war Gott mit mir. Da hat er mir sein Antlitz gezeigt. Das fröhliche Gesicht von Matthias verwies auf Gott.

Hat Gott auf diesem Jakobsweg auch durch mich zu anderen gesprochen?

Epilog

Ostermontag, 22.04.2019 17:10

Von: Matthias H.

Betreff: Ostergrüße

Lieber Torsten,

schön von Dir zu hören, ich wünsche dir auch noch frohe Ostern.

Deine Nachricht hat mich sehr berührt, vielen Dank für Deine Wertschätzung. Ich habe auch noch ein sehr intensives Erlebnis gehabt. Auf der letzten Etappe habe ich am Morgen den Wunsch verspürt, nicht allein in Santiago anzukommen.

 Als ich dann fast den gesamten Weg für mich allein war, spürte ich plötzlich meine gesamte Familie um mich herum – und alle waren mit mir auf dem Weg.

Da wusste ich, dass ich diesen Weg auch für meine Familie mache.

 Ich würde mich freuen, wenn wir weiter in Kontakt bleiben.

Liebe Grüße aus der Lausitz

Am Ziel angekommen: Blogbeitrag und Pilgerreise.

Torsten Bühring, Magdeburg

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Gott wohnt in einem Lichte – Teil IV

Lectio divina auf dem Jakobsweg

4. Er macht die Völker bangen vor Welt- und Endgericht und trägt nach dir Verlangen, lässt auch den Ärmsten nicht. Aus seinem Glanz und Lichte tritt er in deine Nacht: Und alles wird zunichte, was dir so bange macht.

Dienstag, 2. April 2019 13:33

An: Hans-Konrad H.

Betreff: Grüße vom Camino

Lieber Konrad,

Ich bin kurz vor der portugiesisch-spanischen Grenze.

Der Pilgerweg ist unglaublich stark für mich. Ich bin bis gestern zwei Tage mit einem Buddhisten zusammen gepilgert. Wir haben stundenlang unsere Spiritualität verglichen. Es ging immer: Buddha sagt… Und meine Antwort war: Genau das meint auch die Bibel an der und der Stelle…

Ich sage Dir, Gott ist VIEL GRÖSSER, als wir denken.

Er offenbart sich auch in diesem pilgernden Buddhisten! Ich komme nicht raus aus dem Wundern.

Herzliches Bon Camino

Torsten

Dienstag, 2. April 2019 17:03

Lieber Torsten,

das ist ja wunderbar, dass Du solche be-weg-enden Erfahrungen machen darfst! Das geht wirklich nur auf dem Weg, der von DEM begleitet wird, der selber DER WEG schlechthin ist.

Ja, und GOTT ist immer noch viel größer und je anders als wir denken. ER ist für jede Überraschung gut. Einfach aufmerksam und offen bleiben.

Danke und weiterhin be-leben-de Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen.

Viele Grüße

H.-Konrad

(Fortsetzung folgt…)

Torsten Bühring, Magdeburg

Gott wohnt in einem Lichte – Teil III

Lectio divina auf dem Jakobsweg

3. Auch deines Hauptes Haare sind wohl von ihm gezählt. Er bleibt der Wunderbare, dem kein Geringstes fehlt. Den keine Meere fassen und keiner Berge Grat, hat selbst sein Reich verlassen, ist dir als Mensch genaht.

Am nächsten Morgen gibt es keine Frage. Wir gehen zusammen weiter. Mein erstes Frühstück zu zweit auf diesem Camino. Warum muss man bis nach Portugal reisen, um Menschen zu treffen, die zu einem passen? Warum geschieht das nicht in meiner Heimatstadt Magdeburg?

Heute geht es über den höchsten Pass des Camino Portugues. Aber da komme ich erst nachmittags an und dann auch wieder allein.

Wir laufen und tauschen uns immer weiter über die Suche nach Gott oder dem Göttlichen aus, über das Leben in einer religionslosen Gesellschaft. Wir sind im Schritt und in den Gedanken im Gleichklang. Ich erzähle ihm von diesem rätselhaften Namen des Höchsten. Ich bin der ich bin. Matthias findet wichtig, dass dieser Name in der Gegenwartsform formuliert ist. Er meint, ich solle Gott in der Gegenwart suchen, im Hier und Jetzt.

Da fragt Matthias, ob wir nicht ein Lied singen wollen? Ich: Hm, kann man mal versuchen. Stimme mal was an.

Und Matthias singt auf eine ganz einfache Melodie:

„Mein lieber Freund, mein lieber Freund.
Lass mir die sagen, wie wertvoll du mir bist.
Alles was wir teilen ist schön.
Ich mag dich sehr.“

Ich bin gerührt. Ich lasse mich ein Stück zurückfallen. Jetzt schlucke ich. Und dann wandern wir und singen gemeinsam dieses Lied.

Irgendwann vorm Pass will Matthias das Tempo erhöhen. Er hat noch Reserven. Da trennen wir uns. Ich fühle mich gut dabei. Wie schön, diesem Menschen begegnet zu sein. Darüber will ich nachdenken.

(Fortsetzung folgt…!)

Torsten Bühring, Magdeburg

Gott wohnt in einem Lichte – Teil II

Lectio divina auf dem Jakobsweg

2. Und doch bleibt er nicht ferne, ist jedem von uns nah. Ob er gleich Mond und Sterne und Sonnen werden sah, mag er dich doch nicht missen in der Geschöpfe Schar, will stündlich von dir wissen und zählt dir Tag und Jahr.

Zwei Tage später. Ankunft in der Herberge von Portela de Tamel. Es ist fast  Abend. Ich sitze mit zwei kanadischen Frauen in der Nähe der Anmeldung. Sie fragen mich aus, wie es war, hinter dem Eisernen Vorhang aufzuwachsen. Sie erzählen mir, wie sie sich 1989 in Kanada mit den Menschen in Ostdeutschland mitgefreut haben.

Da beobachte ich einen ankommenden Pilger. Er wird an der Anmeldung nach seinem Beruf gefragt. Er ist ein Koch. Ein Koch auf dem Camino? Wieso mag der auf dem Jakobsweg sein? Dieser Mensch interessiert mich. Vielleicht komme ich mit ihm noch ins Gespräch.

In der Nacht sitzen wir alle im Garten der Herberge zusammen. Wir essen   gemeinsam Pizza. Es sind alles junge Menschen, der Koch hat einen Platz in meiner Nähe. Ich höre den Gesprächen zu. Warum gehen die anderen diesen Weg, frage ich mich. Bewegt sie auch so etwas wie mein Ich-bin-der-ich-bin-Gott? Nein. Da höre ich recht oberflächliche Gespräche. Nur dieser Koch, der hat ein Motiv. Das spüre ich.

Plötzlich wird es ganz kurz richtig Hell. Eine Sternschnuppe. Alle rätseln, was das wohl war. Eine Leuchtrakete? Ein Blitz? Und ich denke mir: Wir sind auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Compostela bedeutet Sternenfeld. Ein Stern weist uns heute den Weg zum Ziel. Schon einmal hat ein Stern drei suchenden Menschen den Weg gewiesen. Auch sie waren Pilger.

Am nächsten Tag geht es nach Ponte de Lima. Ein langer Weg. Der Koch ist nach ein paar Yogaübungen im Garten bereits aufgebrochen. Es ist Sonntag. In einem Dorf besuche ich einen Gottesdienst. Blasen an den Füßen, die Wärme. Aber trotzdem ist der Weg schön, wenn auch einsam. Dann komme ich in Ponte de Lima an. Es ist spät. Hoffentlich ist noch ein Bett in der Herberge frei. Sonst habe ich ein Problem.

Und dann verliere ich mich. So viele Menschen. Es ist Jahrmarkt. Überall Verkaufsstände, Familien in portugiesischen Sonntagsgewändern. Ich lasse mich treiben, vergesse die Zeit. Dort! Ein paar Musiker singen ein Volkslied. Ich höre zu. Es nimmt kein Ende. Ich drehe mich um – und da steht der Koch vor mir. Und er sagt zu mir: Wollen wir essen gehen? Ich habe schon ein Lokal ausgesucht.

Was wird mit meiner Herberge? Egal. Wir gehen Essen. Und noch bevor die Getränke auf dem Tisch stehen, frage ich ihn nach seinen Motiven für diese Pilgerschaft. Er heißt Matthias. Wie ich ist er im Osten ohne Religion aufgewachsen. Genau wie mich hat ihn die Frage nie losgelassen, ob das alles ist. Er sucht auf dem Weg des Buddhismus. Ich suche als Christ Antworten in der Bibel. Wir sind uns von Anfang an vertraut. Wir respektieren unseren unterschiedlichen Weg. Eigentlich nähern wir uns doch beide dem gleichen Geheimnis von verschiedenen Seiten an, stellen wir fest.

Da sagt Matthias: Ich habe die letzten Tage in den Herbergen kaum geschlafen. Deshalb habe ich mir heute in der Jugendherberge ein Doppelzimmer genommen. Es ist noch ein Bett frei, wenn du willst. Ich bin verblüfft. Ich habe zu Essen, ich habe ein Bett, ich habe einen Freund zum Austausch. Braucht man eigentlich mehr?

Wir liegen auf den Betten und reden noch lange. Dann frage ich in die Dunkelheit hinein: Wie fühlst du dich eigentlich, so fern von deiner Frau, deinen Kindern? Ich höre Stille. Ich höre Schlucken. Wir sollten schlafen.

(Fortsetzung folgt … !)

Torsten Bühring, Magdeburg