Von Bettlern, Spendern und dem wahren Reichtum

Wie geht es Ihnen, wenn sich Ihnen in der Einkaufsmeile oder am Kirchenportal ein Bettler in den Weg stellt? Friedrich Wilhelm Nietzsche sagt: „Wahrlich, man ärgert sich ihnen zu geben und ärgert sich ihnen nicht zu geben.“ (Also sprach Zarathustra, 2.Teil, Von den Mitleidigen). Was fangen wir also mit den vielen bedürftigen Menschen an, denen wir nicht ausweichen können? Sollen wir sie ignorieren und wegschauen, um unser Gewissen nicht zu beunruhigen? Schauen wir skeptisch auf die selbstlosen Helfer, denen die fremden Anderen und deren Schicksal wichtiger scheint als das eigene Wohl oder das der Nahestehenden? Soll vielleicht doch die staatliche und kirchliche Armenunterstützung diesem Ärgernis nachkommen, damit unsere innere Ruhe nicht gestört wird?
Wenn der helfende Samariter schief angeblickt wird, weil er dem Hilfsbedürftigen bedingungslos und unterschiedslos zur Seite steht, wenn moralische Appelle und der Verweis auf christliche Werte oder gar auf Christus selbst nicht mehr helfen, dann wird es Zeit, den Blickpunkt zu ändern. Wer nicht einmal Dankbarkeit bei all seiner selbstlosen Hilfsbereitschaft erwarten kann, der handelt in der Tat erklärungsbedürftig.
Fragen wir nach den Motiven solchen Tuns, denn die selbstlose, ehrenamtliche Kraft des Helfenden scheint am Ende nicht verzehrt oder aufgefressen. Sie speist sich aus einer elementaren Quelle, die sättigt, bereichert und befriedigt.
Für die einen ist diese Quelle der christliche Glaube, die Identifikation mit Jesus. Jesus, der sich im Ärmsten, im Bedürftigsten finden lassen will (Mt 25,31-46), der sich selbst zum Geringsten gemacht hat (Phil 2,7-8) und der sagt, wer unser Nächster sein soll, der nämlich, der in Not ist, unabhängig von Glaube, Frömmigkeit, Herkunft und Hautfarbe (Lk 10,30-37). Die Motive des dringlichen Handelns gibt uns die Hl. Schrift immer wieder an die Hand. All diese Gründe kennen wir und doch fällt es schwer, loszulassen, materielle Güter wie Geld und Gut abzugeben, immaterielle Güter wie Zeit, Rat und Tat ohne die Chance auf Vergeltung zur Verfügung zu stellen.
Was nun ist diese elementare Quelle, die sich nicht verzehrt, sondern sättigt, bereichert und befriedigt? Sie ist das Glück des Schenkens, die spürbaren Augenblicke des Glücks des sich Verschenkens.
Beispiele lassen sich beobachten in der Flüchtlingsarbeit. Bei Sammelaktionen für neu ankommende Flüchtlingsfamilien bringen die Spenderinnen und Spender ihre Gaben (Geschirr, Gläser, Kleider, Fahrräder, Möbel), sie bringen aber mehr noch ein Leuchten in den Augen, das kaum zu beschreiben ist. Es speist sich aus Dankbarkeit, aus dem Wunsch endlich einmal selbst helfen zu können, aus der Freude etwas abgeben zu können, das selbst nicht oder kaum mehr gebraucht wird und nun anderen helfen wird, es ist ein Geben ohne Nehmen. In diesen Augen ist nicht Traurigkeit, Verlust oder Aufopferung zu erkennen, sondern funkelnde Freude. Diebische Freude, die nicht einmal Dankbarkeit erwartet.
Die Beispiele lassen sich mehren. Sie finden sich am Arbeitsplatz, in der Freizeit, bei vielen alltäglichen Dingen. Wer die Chance des sich Verschenkens erkennt, gibt zwar etwas ab, er wird aber auf einer anderen Ebene reich, die eigene Zufriedenheit und das persönliche Wohlergehen wird beflügelt.
Wer gibt und Gutes tut, wird nicht arm, er begegnet Jesus, auch wenn er es nicht oder erst viel später merkt. Und er erhält damit doch etwas: Das Glück des Schenkens.
Je mehr dieses Schenken, diese Selbstentäußerung von sich selber absieht, um so größer ist sie, so lehrt uns Jesus (Mk 12,41-44).

Reinhold Then

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