Ein kleines bisschen…

Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint.
Gib mir in dieser schweren Zeit, irgendwas, das bleibt.
Gib mir einfach nur ein bisschen Halt. Hol mich aus dieser schnellen Zeit.
Nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit.
So singt die Leadsängerin der Gruppe Silbermond – Stephanie Kloß und sie trifft damit den Nagel auf den Kopf des Zeitgeistes:
Nicht nur draußen, sondern auch hier im Blog – fühlt sich die eine oder der andere angesprochen.
Diese schnelle Zeit, die sich weiter dreht, immer weiter, wo die Einzelne mithalten muss… Diese schnelle Welt, wo alles mit einander vernetzt ist und wo, wenn ein Teil sich bewegt, ausfällt, sich ändert, der andere Teil mit betroffen ist… Eine Zeit ohne Beständigkeit, ohne sicheren Halt! Und was gestern noch neu war, ist heute schon alt.
Eine schnelle Zeit, die Menschen – uns – häufig – oft – manchmal – auch überfordert, krank macht, aus dem Gleichgewicht bringt.
Das Herz, die Seele, unser Mund verlangt, dass der Schnelligkeit, der Unsicherheit, der inneren Schräglage Einhalt geboten wird; – hin vielleicht zu einer Entschleunigung des Lebens; einer Wiederentdeckung der Langsamkeit, hin zu mehr Muße.

Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist und alles Gute steht hier still. Und dass das Wort, das du mir heute gibst, morgen noch genauso gilt.
Jetzt könnte manch eineR einwenden: Silbermond schön und gut – aber wenn man das weiterdenkt, wo kommen wir denn dann da hin!!!

Stimmt einerseits auch; aber damit sind wir beim Evangelium!! (Lk 19,11-27)
Da ist jemand, der nicht mitmacht im System des immer mehr an Zinsen, des mehr an Gewinn, des immer schneller in noch kürzerer Zeit. Dies ist dieser dritte Sklave, von dem uns das Lukasevangelium berichtet.
Ich hoffe, ihr habt es trotz Silbermond zwischen und in den Zeilen gefunden!!
Und es ist eine hochpolitische Geschichte, die der Evangelienschreiber LUKAS hier erzählt.
Erwartet wird von den Hörern das Offenbarwerden der gerechten Welt Gottes, aber vorher muss Lukas seinen Hörern noch den Spiegel vorhalten:
Die Welt im römischen Imperium, konkret in der Provinz Judäa, wie sie wirklich im 1. Jahrhundert gewesen ist. Und im Jahr 85 nach Christi lässt Lukas es natürlich Jesus aussprechen: Also der lukanische Jesus erzählt dieses Sklavengleichnis.
Ich wechsle kurz, weil ich vielleicht einen Einwand erahne:
Diejenigen unter uns – egal ob evangelisch, katholisch oder selbst aus humanistischen Kreisen – , die von Klein auf, Religion, Kulturwissen, Christentum, Bibel engagiert aufgenommen haben, – also in diesem Sinne – sozialisiert sind, werden sich jetzt vielleicht meinen: Und ich dachte immer, bei dem Gleichnis ging es doch um die Pfründe oder die Talente, mit denen man (n) und Frau wuchern sollen. JedeR hat ein Anteil, und diesen gilt es zu mehren. Es gilt, damit zu wuchern: Schneller, effektiver, besser, gewinnträchtiger zu sein. Und pass auf, lass deine Pfründe / Talente nicht brach liegen!
Und prompt wären wir wieder bei Silbermond.
Eine solche Sichtweise – wir nennen sie allegorisch – ,die uns den ersten und zweiten Sklaven als „christliches“ Vorbild herausstellt, weil sie im obigen Sinne wuchern – diese Sicht klappt nur, wenn man die Erzählung ein wenig „vergewaltigt“, und beispielsweise dabei negiert,
– dass es sich bei diesem Herrn mit der Königswürde um einen ziemlich tyrannischen und ungerechten Mann handelt;
– der (letzter Vers des Gleichnis) seine Feinde öffentlich in seiner Gegenwart abschlachten lässt;
– und der dann die Regel aufstellt, die seiner Meinung nach für das wirtschaftliche Handeln in seinem ausbeuterischen Königtum gelten soll:
Wer hat, der bekommt noch mehr, und wer nichts hat, dem wird das, was er hat, auch noch weggenommen.
Der Evangelienschreiber Lukas entwirft für seine Leserinnen und Leser ein realistisches Bild: Judäa unter Herrschaft der Vasallenkönige der Herodianer im Römischen Imperium.
Und die Geschichte spiegelt historische Begebenheiten: Herodes, derjenige, der laut Bibel den Kindermord auf dem Gewissen hat, war schon schlimm: Ein Tyrann und Despot sondergleichen. Als er stirbt, sollte sein Sohn Archelaus König von Judäa werden. Und Archelaus entpuppte sich noch grausamer und schlimmer als der Vater. Als er aufbrach nach Rom, um sich die Königswürde vom römischen Kaiser bestätigen zu lassen, schickte man eine jüdische Gesandtschaft hinter ihm her nach Rom zum Kaiser:
Wir wollen keinen König mehr wie Herodes!!!
Wie die Geschichte ausgeht, haben wir gehört.

Im Gleichnis erwirtschaften die Sklaven mit wenig Geld hohe Gewinne: zwischen dem Zehnfachen und dem fünffachen der Ausgangssumme. Damit haben sie im Sinne des neuen Königs bewiesen, dass sie das Rückgrat seiner Herrschaft bilden können. Sie erhalten die Verwaltung von Städten je nach ihrem Potential: der eine zehn Städte, der andere fünf… usw. Nun können die Sklaven im großen Stil wiederholen, was sie im Kleinen erfolgreich getan haben: Leute und Land auspressen, um den Reichtum ihres Herrn zu vermehren: Schneller, effektiver, besser, gewinnträchtiger sein! Der dritte Sklave, der nicht mitgemacht im schrecklichen Spiel des immer Mehr, der höheren Gewinne und und, hat die ihm anvertrauten Mine nur sicher aufbewahrt, sie aber nicht vermehrt. Eine solche – unproduktive – Haltung findet keine Gnade vor dem frisch zum König eingesetzten. Er lässt das Geld des dritten Sklaven wegnehmen und dem geben, der schon viel erpresst hat.

Ein Mensch, der auch ausgestiegen ist, aus dem Kreislauf des immer schneller, des immer Mehr, des auf Kosten anderer sein Leben zu erhalten, dem alles genommen wurde, war Jesus von Nazareth.
Jesus – dies erzählt Lukas direkt in den folgenden Kapiteln –: derjenige, der gelitten hat, der gefoltert wurde, dem man die Kleidung raubte, dem weggenommen wurde, was er noch hatte, der gestorben ist – schändlich am Kreuz.
Und jetzt zu Ostern haben wir – gefährlich! – daran erinnert, dass in diesem Jesus Gott selbst Mensch geworden ist und er trägt sein Kreuz bis zum Tod.
Und damit wird Gott solidarisch – man könnte auch sagen –ist Gott identisch geworden – gerade auch mit dem dritten Sklaven und all denen, die rausfallen, rausgekickt werden oder ganz einfach nicht mithalten können in dieser schnellen Zeit – mit ihrer auch so irren Geschwindigkeit.

Ein kleines Gebet zum Schluss unter zur Hilfenahme von Silbermond: Lieber Gott, nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit. Gib mir was, irgendwas das bleibt.

Dr. Ulrich Kmiecik, Berlin

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