Wo bist du?

In den vergangenen Tagen hat mich diese Frage mitten aus meiner pastoralen Arbeit heraus ganz persönlich provoziert.  Anlass war die Vorbereitung und Durchführung zunächst des ökumenischen Studentenkreuzweges und dann des ökumenischen Jugendkreuzweges. Wo bist du, Mensch? Wo bist du, Gott? So fragt der Jugendkreuzweg in diesem Jahr. Diese Doppel-Frage wird in und mit verschiedenen Fotografien von der Via Dolorosa in Jerusalem immer wieder gestellt. Jerusalem – der Kreuz-Weg Jesu – zwischen Gottsuche und multireligiösem Alltag. Sich bei der Gott-Suche nicht in fromme Parallelwelten zu flüchten, sondern die Spannungen und Fragen der Gegenwart  zuzulassen – das hat meinen Weg hin zu den Kar- und Ostertagen dieses Jahr bereichert.

Erst im Nachgang des Studentenkreuzweges wurde mir so richtig bewusst: Wo bist du? – Das ist doch – biblisch gesehen – die älteste Frage der Menschheit. Ja sogar die erste Frage Gottes an den Menschen. Sei es wortwörtlich an Adam oder im übertragenen Sinn an Kain: wo bist du, Mensch? Gott ruft den Menschen in eine Beziehung zu Ihm. Und daraus resultierend in seine Verantwortung für den Nächsten, für sich selbst. Und der Mensch? Er verbirgt sich und verweigert sich. Und doch kommt die Frage ja nicht aus dem Nichts, sondern erwächst aus der übertragenen Zuständigkeit des Menschen für die ganze Schöpfung. Die Antwort damals unterscheidet sich dabei in Nichts von der Antwort, die wir heute oft geben: verstecken und von uns weisen.

Auch die andere Seite der Frage: „Wo bist du, Gott?“ ist keine Neue. Sei es der Ruf der gequälten Hebräer in Ägypten, des unglücklichen Psalmbeters oder, nicht zuletzt, des sterbenden Christus am Kreuz. Die Frage nach Gott im Leid ist heute wie damals hoch aktuell und brisant zugleich. Angesichts von Shoa, Kriegen, Katastrophen und Verfolgungen ist diese Frage heute genauso laut, wie zur Zeit des großen Exils. Die Antwort Gottes ist eine andere, als der Mensch sie gibt – Gott leidet mit. Er versteckt sich nicht.

„Wo bist du, Mensch? – Wo bist du, Gott?“ Fragen, die zunächst in verschiedene Richtungen zu gehen scheinen und doch untrennbar miteinander verbunden sind.

In den Kartagen wird diese Doppelfrage besonders eindrücklich gestellt – und beantwortet werden: wenn Christus sie vom Kreuz herab schreit, wenn er sie wortlos dem Petrus, dem Judas, den Soldaten und Gaffern stellt. Und nicht zuletzt, wenn ich selbst angesprochen werde im Geschehen der Passion.

 

Wo bist du?

Wo bin ich?

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