Der dürstende Gott

Als Mensch, der das Wort liebt, mit Worten lebt und arbeitet, horche ich nicht mehr so leicht auf. Zu vieles habe ich schon gelesen, gehört, auch selbst geschrieben. Und dann passiert es doch wieder, wie an diesem Sonntag nach meiner Rückkehr aus Jerusalem. Lange Wochen war ich weg gewesen, hatte die Nachrichten über die Flüchtlinge an den Grenzen und in den Bahnhöfen Europas aus der Ferne verfolgt, und nun war ich wieder mittendrin und konnte sehen, was geschah, da ich an so einer Grenze lebe. Und ich fragte mich, was das zu bedeuten habe, für uns und für mich. Und dann hörte ich dieses Wort. Genauer gesagt hörte ich zum Sonntagsfrühstück ein Podcast des Bayerischen Rundfunks. Es war ein feature des inzwischen verstorbenen niederbayerischen Schriftstellers und Journalisten Reinhard Raffalt. Er hatte sich 1964 mit den Ursprüngen des modernen Europas beschäftigt und diese in den Kulturleistungen der maurischen Spanier gesucht. Sie waren Muslime. Aber, nein, der Islam gehört nicht zu Europa, höre ich allenthalben. Damals gehörte er zu Europa, jedenfalls in Spanien, und Raffalt bezeichnet das Ende des Emirats von Granada im Jahr 1492 als eine intellektuelle Tragödie, die nicht nur im Islam, sondern auch in der Geschichte des christlichen Europas ihre Spuren hinterlassen habe.
Und was ist die Tragödie? Vielleicht dies, daß das Abendland verlernt hat (oder nicht mehr die Gelegenheit bekam zu lernen), daß man dem Leben seinen Lauf lassen muß, nicht immer eingreifen darf. (Im Gegenzug konnte der Orient vielleicht nicht mehr lernen, daß man zuweilen durchaus eingreifen muß, planvoll und vorausschauend.) Das mag ein wenig vereinfacht dargestellt sein, und Raffalt sagt es auch nicht so. Aber er zitiert eine spanische Weisheit und zieht seine Schlüsse daraus: “Ein spanisches Volkslied sagt: Wenn du ohne Sorgen sein willst, dann laß den Ball des Lebens nur rollen. Was immer Gott beschließt, wird von selbst in deine Hände fallen. Dies ist ein Rat, der genau die Mitte hält zwischen Gottvertrauen und Fatalismus. Die Kismet-Vorstellung des Islam und die christliche Hingabe an den Willen des Allmächtigen haben sich in diesem Wort auf eine sehr spanische Weise vereinigt.“
Und dann kommt es, das Wort, das mich elektrisiert hat: „Der spanische Mensch nimmt sein Leben wie einen Krug Wein, der er mitbekommen hat bei seiner Geburt. Und nun gießt er diesen Krug langsam aus, ohne zu wissen, wieviel er schon verschwendet hat, und ohne sich darum zu kümmern. Denn es ist ein Dürstender da, den er tränkt. Und dieser Dürstende ist Gott.”
Damit hatte ich nicht gerechnet. Gott dürstet. „Mich dürstet“, sagt der sterbende Jesus im Johannesevangelium am Kreuz (Joh 19,28), und darin klingt Psalm 22,6 an: „Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.“ Aber das ist etwas anderes. Der „spanischen Weise“, dem maurischen Erbe zufolge dürstet Gott nach uns, seiner Schöpfung. Und der „spanische Mensch“, Erbe zweier Kulturen, tränkt ihn mit seinem Leben, „ohne zu wissen, wieviel er schon verschwendet hat“. Was für ein Reichtum! Nein, ich sage jetzt nicht, wir müssen ihn teilen. Wir müßten ihn erst einmal entdecken. Dann fragen wir vielleicht gar nicht mehr, wieviel davon wir verschwenden können.

(Dieses und andere „Streiflichter“ sind auch auf dem Blog dem Autorin zu finden.)
Andrea Pichlmeier

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