Eure Gerechtigkeit

Darum sage ich euch:
Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist
 als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer,
werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
(Mt 5,20)

„Du hast keinen Krankenwagen gerufen?“, fragt Rana. Zusammen mit ihrem Mann Emad versucht sie verzweifelt, den erbarmungswürdigen alten Mann wiederzubeleben, der offensichtlich einen Herzanfall erlitten hat. Er erholt sich wieder, ehe er im Beisein seiner herbeigerufenen Familie einen zweiten Anfall erleidet, dessen Ausgang man als Zuschauer nur erahnen kann.

Scham und Ehre

Der iranische Film The Salesman oder Forushande, wie er auf Persisch heißt, berührt, eingebettet in ein zurückhaltend abgründiges Beziehungsdrama, die Frage nach Recht und Erbarmen in einer erbarmungslosen Welt, in der sich das Recht archaischen Vorstellungen von Scham und Ehre beugen muß, auch im Milieu eines „großstädtischen Bildungskleinbürgertums“, das „hilflos zwischen Anpassung und Selbstbewußtsein schwankt“, wie in einer Filmkritik der FAZ zu lesen war.
Rana und Emad müssen Hals über Kopf aus ihrer Wohnung flüchten, weil das Haus, ausgelöst durch Bauarbeiten auf dem Nachbargrundstück, einzustürzen droht. Ein Freund aus der Theatergruppe, in der sie beide spielen, bietet ihnen eine gerade erst frei gewordene Wohnung an. Um die Vormieterin gibt es Gerüchte. Sie habe Männerbesuche gehabt, heißt es. Einer dieser Besuche, so wird sich später herausstellen, hat vom Umzug der Frau nichts mitbekommen und läutet an der Tür. Rana, die Emad erwartet, drückt den Türöffner, läßt die Wohnungstür einen Spalt weit offen stehen und begibt sich unter die Dusche.
Als Emad nach Hause kommt, sieht er eine Blutlache im Bad und erfährt, daß Rana im Krankenhaus liegt. Sie wird an einer Kopfwunde genäht. Nie wird man erfahren, was genau sich in dem Moment ereignet hat, als der unbekannte Besucher die Frau entdeckt, die er nicht erwartet hat und Ranas Schrei die Nachbarn auf den Plan ruft. Rana kann sich ihrerseits nicht an den Moment erinnern, der sich wie eine große Unbekannte zwischen sie und Emad drängen und ihre Beziehung verändern wird.

Schuld und Sühne

Da Rana nicht zur Polizei gehen will, macht Emad sich selbst auf die Suche nach dem Täter. Es gelingt ihm, den Mann ausfindig zu machen, der sich als biederer, herzkranker Familienvater in fortgeschrittenem Alter erweist und von den Seinen auf anrührende Weise geliebt wird. Von seinen Besuchen bei Ranas und Emads Vormieterin ahnen sie nichts.
Der liberale, joviale Gymnasiallehrer Emad ist inzwischen zum Rächer geworden, an dem das geradezu kindische Flehen des alten Mannes abprallt. Er hat eine Strafe ersonnen, die das Leben nicht nur des alten Mannes, sondern auch seiner Angehörigen zerstören wird. Der Mann soll sich seiner Familie offenbaren. Rana hingegen sieht die Strafe mit der Angst des Mannes und seiner abgründigen Verzweiflung abgegolten und will ihn ziehen lassen. Während sie über die Schande hinauswächst, die ihr angetan wurde, versinkt Emad im Kampf um seine Ehre.

Gerechtigkeit und Erbarmen

Dabei bleiben Schuld und Sühne, die beiden Momente am Anfang und am Endes des Films, verhüllt. Niemand, der Besucher und die Besucherin des Films ebensowenig wie die Protagonistin selbst, erfährt, was geschah, ehe die Nachbarn Rana ohnmächtig auf dem Badezimmerboden finden. Und ob der Täter, der keine Gewalt im Sinn hatte, seine Lebenslüge mit ins Grab nehmen wird, bleibt gleichermaßen offen. Beide Momente plädieren mit ihrer Unzugänglichkeit für Gnade. Denn niemand, weder die Protagonisten noch der „allwissende“ Erzähler und erst recht nicht die unbeteiligten Zuschauer des Films, kennt die Wahrheit. Solange aber der Rest eines Zweifels besteht, gilt der bereits im römischen Recht verankerte Grundsatz In dubio pro reo, „im Zweifel für den Angeklagten“. Das ist ein Minimum menschlicher Gerechtigkeit. Wenn aber eure Gerechtigkeit nicht weiter reicht, so verstehe ich Jesu Wort in der Bergpredigt heute, habt ihr Gott noch nicht kennengelernt (vgl. Mt 5,20). Wie weit darf Gerechtigkeit gehen? Zweifellos braucht es ein Gericht, um die Opfer von Gewalt und Vergewaltigung zu rehabilitieren, doch wie kann das geschehen?
In der „Katholischen Welt“ des Radiosenders Bayern2 ist heute von der Barmherzigkeit als einer einer „universellen Tugend“ die Rede. Die Barmherzigkeit, heißt es da, sei über die Grenzen der Kirche hinaus bedeutsam und verbinde die Christen mit dem Judentum, wo sie eine der wichtigsten Eigenschaften Gottes darstelle, während im Islam einer der wichtigsten Namen Gottes der „Allbarmherzige“ sei. Auch Muslime glauben, „daß niemand dieser Barmherzigkeit Grenzen setzen könne und ihre Tore immer offen stehen.“ Rana und Imad sind Muslime. Sie ringen, nicht anders als die meisten Christen, um Menschlichkeit in einer Welt voller Abgründe. Bei Gott hat diese Menschlichkeit einen Namen: Erbarmen. Vermutlich wäre darin die „größere Gerechtigkeit“ zu suchen.

Die Autorin betreibt auch drei eigene Blogs: Bibelpastoral Passau, Fernkurs Passau und zeit.geschichten

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