Der Stern am Boden

In zwei Kirchen habe ich im vergangen Jahr Sterne im Muster des Fußbodens entdeckt.
Eine wahrhaft ungewohnte Perspektive: Sterne am Boden?
Inzwischen denke ich: Ja! Sterne am Boden braucht es genauso wie Sterne am Himmel.
Sie sind nötig für die Menschen, die grade mehr nach unten schauen als nach oben, warum auch immer. Für sie leuchten sie auf. Vielleicht trägt sie ihr Glanz, wenn der Gang beschwerlich geworden ist und macht ihn etwas leichter. Vielleicht kommen sie ins Staunen, wenn sie so unvermutet einen Stern unter ihren Füßen sehen, dort, wo man ihn doch am wenigsten erwartet. Vielleicht wagen sie ganz vorsichtig wieder den Blick zum Himmel, ob dort nicht doch ein Stern zu finden ist, der sie ihrer Wege führen kann.

 „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen …“ heißt es im Evangelium.

Warum wollen Magier aus dem Osten einem neugeborenen König der Juden huldigen? Warum machen sie sich auf die Reise und folgen einem Stern am Himmel? Sie gehören einer anderen Religion und einem anderen Volk an; sie leben in einem fremden Land und sind offensichtlich wohlhabend. Es gab schon damals unzählige Gründe, zuhause zu bleiben und vielleicht weiter die Sterne am Himmel zu beobachten, ohne den Boden zu verlassen. Die Gefahren, die unterwegs oder im fremden Land lauern oder die Frage, wie sie das Kind finden wollen? Die Magier sind trotzdem aufgebrochen und in die Ferne los gezogen. Sie haben sich auf das Himmelszeichen verlassen und darüber hinaus auf das, was sie daraus lesen und deuten konnten. Sie sind dem Himmelslicht treu geblieben und haben auf ihrem Weg viele Grenzen überwunden.
Mich lädt dieser Vers zum Nachdenken ein: schau ich zum Himmel hoch oder ist mein Blick vor allem auf die Erde gerichtet? Ausgerichtet auf den Alltag, begrenzt von Vernunft, Gewohnheit und Sicherheit? Offenbar entgrenzt das Kind in der Krippe unsere Enge. Es führt in die Ferne, in das Fremde und Unbekannte, heraus aus dem, was uns bequem werden ließ. Was bringt uns wirklich in Bewegung? Wann überlegen wir nicht nur, sondern fangen an zu handeln? Welche Zeichen der Zeit deuten wir im Licht des Evangeliums? Wir bauen heute eher Grenzen auf, anstatt sie zu überwinden. Wir wehren fremde Menschen ab statt auf sie zuzugehen. Wir merken nicht, dass wir vor allem auf den Boden schauen und der grenzenlose Himmel bedeutungslos geworden ist. Vielleicht sind die Magier gerade deshalb aufgebrochen, weil sie die Enge, den auf den Boden gerichteten Blick nicht mehr aushielten. Und vielleicht erzählt uns der Evangelist genau deshalb diese Geschichte, damit wir wieder den Himmel im Blick haben und den leuchtenden Stern sehen, der uns Grenzen überwinden lässt.
„Als sie den Stern sahen, wurden sie von großer Freude erfüllt.“
Warum? – Kennen Sie das Gefühl, wenn man bemerkt, dass das eigentliche Ziel verloren ging? Dass man am falschen Ort gelandet ist, wo nichts zusammen passt? Und wie gut es ist, wenn man dann merkt, dass man wieder auf den ursprünglichen Weg zurück gefunden hat? Die Magier haben sich noch einmal finden lassen vom Stern auf ihrer Suche nach dem, zu dem sie wollten.
Mich lädt dieser Vers zum Nachdenken ein, wonach ich suche. Breche ich nach einem Misserfolg noch einmal auf und suche weiter? Die Magier werden doppelt beschenkt: sie suchten einen König und finden Gott in der Gestalt eines Kindes und an einem Ort, der ganz und gar nicht den Vorstellungen entspricht. Aber dorthin hat sie der Stern geführt, das Himmelslicht zum Licht der Welt, dem Stern, der auf der Erde leuchtet.

Barbara Janz-Spaeth, Diözese Rottenburg-Stuttgart

(tlw entnommen einem Predigtvorschlag der Autorin zu Epiphanie 2017)

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Endlich da: Die neue Einheitsübersetzung!

Am 20. September 2016 stellte die Deutsche Bischofskonferenz nach zehnjähriger Arbeit die überarbeitete Einheitsübersetzung der Öffentlichkeit vor. Mit großer Deutlichkeit benannte der Vorsitzende des Leitungsgremiums Bischof em. Dr. Joachim Wanke dabei das grundlegende Problem jeder Revision: „Viel Vertrautes bleibt, und einiges wird uns ungewohnt vorkommen – eine wunderbare Chance, dass wir wieder genauer hinhören und Gottes Wort neu an uns heranlassen.“

Zu Geschichte und Stil der Einheitsübersetzung

Die Einheitsübersetzung ist die katholische Übersetzung für alle Bereiche kirchlichen Lebens (Liturgie, Katechese, Verkündigung, private Lektüre etc.) im gesamten deutschsprachigen Raum. Herausgeber sind deshalb die Bischofskonferenzen von Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie die Erzbischöfe von Luxemburg, Vaduz, Straßburg, Bozen-Brixen und Lüttich. Von daher hat sie den Namen „Einheits“-übersetzung erhalten.

Den Anfangsimpuls zu diesem Projekt gab 1960 das Katholische Bibelwerk e.V. mit einer sogenannten „Denkschrift“, die mit Blick auf die Bibellektüre der Gläubigen an die Bischöfe den Wunsch nach einer einheitlichen deutschen Übersetzung richtete. Dieses Anliegen stieß auf offene Ohren, noch bevor das II. Vatikanische Konzil den Weg zu einer biblischen und muttersprachlichen Erneuerung von Seelsorge und Liturgie öffnete und in der Offenbarungskonstitution Dei Verbum auch die Übersetzung aus den Urtexten zum Prinzip machte.

Die Einheitsübersetzung ist in großem Maß ein „Kind“ der innerkirchlichen Erneuerungen vor dem und rund um das Konzil. Das wird an verschiedenen Aspekten deutlich: Die Einheitsübersetzung bietet eine Übersetzung aus den Urtexten in ein gehobenes Gegenwartsdeutsch, weder zu feierlich, noch zu alltagssprachlich. Neben Bibelwissenschaftler/innen hatten auch Sprachwissenschaftler/innen und Schriftsteller/innen an den Texten gearbeitet. Von diesem hohen Niveau sollten auch bei der Revision keine Abstriche gemacht werden.

Nach über 20 Jahren mehrten sich aber die Stimmen, die v.a. eine neue Annäherung an die aktuelle Gegenwartssprache sowie die Korrektur von Übersetzungen forderten, deren Textgrundlage oder theologische Interpretation sich verändert hatte. Nach intensiver Vorklärung startete das Gremium der Revisor/innen 2006 mit dem klaren Auftrag seine Arbeit, keine neue Übersetzung, sondern eine moderate Revision zu erstellen. Die Intensität der Veränderungen ist je nach Buch verschieden stark ausgeprägt.

Einige Akzente der Übersetzung

Ein Novum ist in der neuen Einheitsübersetzung die deutlichere Nähe zum biblischen Text. Dies wird z.B. bei biblischen Wendungen wie „siehe“, „es geschah“, „er erhob die Augen und sah“ sichtbar und hörbar, die in der Fassung von 1980 als nicht sinngebend gestrichen worden waren. Heute versteht man genau diese „Floskeln“ als Signale für Leser/innen und Hörer/innen, sich dem Wort der Schrift zu öffnen.

Ebenso ist der biblische Sprachgebrauch bei Metaphern und Vergleichen oft wörtlicher beibehalten: Die „Hand“ bleibt eine „Hand“ und wird bei metaphorischer Redeweise nicht mehr aufgelöst zu „Macht“, „Gewalt“ oder „Herrschaft“, und der „Bund“ wird „aufgerichtet“ und nicht mehr „geschlossen“.

Nach 20 Jahren wurde jetzt der Text auch an den aktuellen Sprachgebrauch angepasst, so dass z.B. das Modewort „betroffen“ sein, nun dem biblischen „Staunen“ oder „Erschrecken“ Raum gibt, „Leute“ wieder zum „Volk“ werden und Maria und Elisabet „schwanger werden“ anstatt zu „empfangen“. Auch sprachliche Hinzufügungen wurden zurückgenommen, nun beginnt 1 Kor 15,36 knapp mit: „Du Tor! ..:“ und nicht mehr als ganzer (aber hinzugefügter Satz): „Was für eine törichte Frage!…“

Offensichtliche Fehler in der Übersetzung wurden ebenfalls korrigiert, so dass der Blindgeborene in Joh 9 nun nicht „wieder“ sieht, sondern eben erstmals „sehen kann“ und David „rötlich“ und nicht etwa „blond“ ist.

Analog zu anderen deutschsprachigen Übersetzungen wie z.B. der Lutherbibel umschreibt die neue Einheitsübersetzung den nicht auszusprechenden Gottesnamen mit „HERR“ (in Kapitälchen) und macht ihn so eindeutig erkennbar. Das geschah v.a. aus Respekt gegenüber der jüdischen Praxis, den Gottesnamen JHWH nicht auszusprechen. Gesprochen wird ein Ersatzwort wie „adonaj/mein Herr (in einer Form, die aber nur Gott allein vorbehalten ist) oder „ha-Schem/der Name“ u.a.

Im Hebräischen Text stehen nur die Konsonanten des Gottesnamen JHWH, die dazugeschriebenen Vokale stammen vom jeweiligen Ersatzwort. Es ist ein unersetzbarer Teil religiöser Erziehung, das zu wissen.

Bisher gab es in der Einheitsübersetzung an etwa 150 Belegstellen die Variante „Jahwe“ oder einfach die Anrede „Herr“, die aber den Namen im Grunde unsichtbar machte. Die jetzt sichtbare Erkennbarkeit des Eigennamens ist ein echter Gewinn. Gleichzeitig ist „Herr“ egal in welcher Schreibweise, zwar eine gebräuchliche und durch Luther, Zürcher Bibel, u.a. deutschsprachige Übersetzungen eingeführte, zudem mit dem neutestamentlichen „kyrios/Herr“ gut identifizierbare Umschreibung, sie zementiert aber dennoch eine patriarchale Redeweise von Gott. Und das gerade an den Orten, an denen der Eigenname Gottes eine Beziehungsbeschreibung sein könnte und keine „Herrschaftsaussage“. In jedem Halleluja verwenden wir ja auch die Kurzform des JHWH-Namens: Hallelu-JA. Vielleicht wäre das auch eine spannende Idee gewesen: „JA (JHWH), hat mich zu euch gesandt.“ (Ex 3,14). Oder eine Form wie im Hebräischen zu entwickeln: Geschrieben: JHWH, gesprochen GOTT und gedruckt als JHWHGOTT. Beim Hören des Textes z.B. in der Liturgie sind Kapitälchen ebenso nicht wahrnehmbar.

Eine Überraschung wird für viele die Einführung von inklusiver Sprache sein, wenn eine Gruppe aus Männern und Frauen besteht, wie z.B. in der Anrede an die Gemeinde als „Brüder und Schwestern“ in den Paulusbriefen oder die Bezeichnung „Kinder“ statt „Söhne“. Diese Entscheidung bedeutet aber nicht, dass aus „Mann“ immer „Mensch“ wird und so lautet Ps 1,1 weiterhin: Selig, der Mann …“ („Selig“ allerdings ersetzt das sprachlich schwache „wohl“.)

Vollständig überarbeitet wurden auch die Einleitungen zu den biblischen Büchern, die Überschriften über Sinnzusammenhänge, der Anmerkungsapparat, sowie die Anhänge insgesamt.

Schließlich muss erwähnt werden, dass einige „Antisemitismen“ getilgt wurden, die nicht als historische Zeugnisse des antiken Konfliktes zwischen der sich entwickelnden christlichen Gemeinschaft im Gegenüber zum bleibenden Judentum im Neuen Testament stehen, sondern als „Eintragungen“ in den Text zu werten sind.

Dazu gehören manche Überschriften (vgl. Joh 12,37 ) oder die Streichung der Hinzufügung in Röm 11,28, die jüdische Menschen als „Feinde Gottes“ bezeichnete, sowie das äußerst sensiblere Verb „übergeben“ statt „verraten“ für die Handlung des Judas.

Besondere pastorale Chancen

Die Überarbeitung der Psalmen wird vermutlich die größten Emotionen auslösen, weil man mit diesen Texten oft persönlich sehr intensiv in langer Gebetspraxis verbunden ist. Es braucht vielleicht etwas Anstrengung, um sich z.B. an die Neufassung von Psalm 23 zu gewöhnen. Gleichzeitig steckt genau darin die Chance jeder neuen Übersetzung: Es werden Akzente sichtbar, die vorher verdeckt waren, man hört nochmal genauer hin, man wird sich seiner eigenen Bilder und manchmal auch Vorlieben bewusst.

Psalm 23

1Ein Psalm Davids./Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.2Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. 3Meine Lebenskraft bringt er zurück./ Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit,/ getreu seinem Namen. 4Auch wenn ich gehe im finsteren Tal,/ ich fürchte kein Unheil;/ denn du bist bei mir,/ dein Stock und dein Stab, sie trösten mich. 5Du deckst mir den Tisch/ vor den Augen meiner Feinde./ Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt,/ übervoll ist mein Becher. 6Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang/ und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Im katholischen Gotteslob bleiben die Psalmen in der Fassung von 1980 zunächst erhalten, so dass hier im liturgischen Gebrauch Zeit zur langsamen Annäherung geschenkt ist. Überhaupt hat man v.a. auch die Tagzeitengebete des Magnifikat, Benediktus und Nunc Dimittis nicht verändert. Die liturgischen Bücher werden Schritt für Schritt veröffentlicht.

Eine von heute aus gesehen eigenartige „Hebraisierung“ des Titels „Christus“ zu „Messias“ wurde zugunsten des griechischen Begriffs gestrichen. Hier wird es sicher Klärungsbedarf geben, spätestens wenn die ersten Texte ohne „Messias“ liturgische Verwendung finden.

Die „Brüder und Schwestern“ in den Paulusbriefen werden viele freuen, aber vielleicht auch Gegner finden. Ebenso wird es wohl der textkritischen Richtigstellung der von Paulus gegrüßten Apostelin namens Junia (Röm 16,7) ergehen.

Persönlich habe ich bisher am intensivsten von ersten Leser/innen Rückmeldungen zur Umschreibung des Gottesnamens in Ex 3,14 erhalten. Hier wurde aus dem „Ich-bin-da“ das sprachlich sicher korrektere „Ich-bin“. „Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin, der ich bin. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt.“ 

Für viele wird gerade diese Veränderung als ein schmerzlicher Verlust des vertrauten „Ich-bin-da“ sein. Das wird in der Katechese neu zu füllen sein und bestimmt jeder Bibelgruppe Anlass zu einem anregenden Gespräch geben.

Dr. Katrin Brockmöller, geschäftsführende Direktorin Katholisches Bibelwerk e.V.