Gott wohnt in einem Lichte

Lectio Divina auf dem Jakobsweg

Prolog

Endlich wieder auf einem Pilgerweg. Auf DEM Pilgerweg. Auf dem Camino de Santiago.

Im Herbst wusste ich, dass ich wieder pilgern muss. Systematisch habe ich die Ausrüstung zusammengestellt, trainiert, alles bedacht. Und dann war es doch ganz anders als erwartet…

Ich war ab 24. März für drei Wochen auf dem Camino Portugues unterwegs, von Porto bis Santiago de Compostela. Knapp 300 km bin ich gelaufen, nur mit einem  Rucksack und mit ganz wenig Gepäck. Täglich musste ich Wäsche waschen und die Nächte habe ich in Herbergen zusammen mit bis zu 120 Pilgerbrüdern und -schwestern verbracht. Und ich wollte mit bescheidenen Mitteln auskommen. Pro Tag sollten möglichst 15 Euro für Unterkunft und Verpflegung reichen.

Im Gepäck hatte ich ein Lectio Divina Projekt des Bibelwerks: 12 Texte aus dem Buch Exodus. Meinen Pilgerweg durch Nordportugal und Galicien wollte ich im Spiegel der Wüstenwanderung des Volkes Israel erleben. 12 biblische Texte – Vorrat für 12 Tage Lectio Divina, dachte ich. Wie funktioniert die Verbindung von Lectio und Pilgern? Geht Lectio beim Laufen? Wie gestaltet man die Schritte einer Lectio-Einheit auf einem Pilgerweg?

Mich hat eine Melodie die ganze Zeit begleitet. In den Strophen des Liedes „Gott wohnt in einem Lichte“ von Jochen Klepper (1938) möchte ich drei Tage auf dem Camino reflektieren.

  1. Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann. Von seinem Angesichte trennt uns der Sünde Bann. Unsterblich und gewaltig ist unser Gott allein, will König tausendfaltig, Herr aller Herren sein.

Fünfter Tag in Portugal. Vormittags Lectio auf dem Camino, mitten im Wald. Es ist mein zweiter Text, den ich auf diesem Weg meditieren will: Mose am brennenden Dornbusch.

Es wird mein letzter Text aus meiner Sammlung von 12 Abschnitten des Exodusbuches sein. Mehr werde ich mir nicht ansehen. Mehr brauche ich nicht. Hier beginnt die längste Lectio Devina Einheit meines  Lebens. Ich habe mein Pilgerthema gefunden. Dieser Text wird mich bis Santiago nicht mehr loslassen, gemeinsam mit diesem Lied von Jochen Klepper aus dem Jahr 1938.

Fünf Worte der Bibel treffen in mein Herz. Das habe ich mir nicht ausgesucht, das ist da: „Ich bin der ich bin…“ Damit werde ich nicht an einem Tag fertig. Damit werde ich nicht in drei Wochen fertig.

Mit Moses frage ich in einem Eukalyptuswald vor Sao Pedro de Rates: Wer bist Du, Gott? Und die Antwort: Ich bin der ich bin. Was soll das? Ich werde wütend. Wenn mir ein Kind solch eine Antwort geben würde, ja das wäre eine Unverschämtheit.

Aber hier spricht Gott. Das muss wichtig sein für mich! Ich verkoste die Worte, laut, allein, immer wieder. …Ich bin der ich bin… Wie soll ich das betonen? Wo klingt es in mir an? Ich spreche diesen Satz kilometerlang vor mich hin und lege den Schwerpunkt jeweils auf einen anderen Teil. …Ich bin der ich bin…

Und da, ja, da ist es: Ich bin der ich bin. Das ist für mich bestimmt. Ich kann ihn gar nicht fassen. Nur er kennt sich ganz und gar. Unverfügbar ist er, transzendent, meinen Sinnen unnahbar. Jedes Bild, das ich mir von ihm mache, ist von vorn herein falsch. Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann. Dass kenne ich doch. Wie ging dieses Lied gleich… Das wird mein Pilgerlied.

Und nun? Wo begegne ich diesem unsichtbaren Gott? Geht das überhaupt? Plötzlich sehe ich einen kleinen gelben Pfeil, ein Caminopfeil. An allen Jakobswegen gibt es diese unscheinbaren Wegweiser. Sie sind auf das Pflaster gemalt, an Laternen oder Hauswände. Nur dem Pilger sind sie sichtbar, dem Suchenden. Wer kein Ziel hat übersieht sie einfach. Ich will auf diesem Camino Gottes Wegweiser suchen. Wie und wo weist er auf sich hin? ich bin gespannt…

(Fortsetzung folgt…!)

Torsten Bühring, Magdeburg