Gott wohnt in einem Lichte

Lectio Divina auf dem Jakobsweg

Prolog

Endlich wieder auf einem Pilgerweg. Auf DEM Pilgerweg. Auf dem Camino de Santiago.

Im Herbst wusste ich, dass ich wieder pilgern muss. Systematisch habe ich die Ausrüstung zusammengestellt, trainiert, alles bedacht. Und dann war es doch ganz anders als erwartet…

Ich war ab 24. März für drei Wochen auf dem Camino Portugues unterwegs, von Porto bis Santiago de Compostela. Knapp 300 km bin ich gelaufen, nur mit einem  Rucksack und mit ganz wenig Gepäck. Täglich musste ich Wäsche waschen und die Nächte habe ich in Herbergen zusammen mit bis zu 120 Pilgerbrüdern und -schwestern verbracht. Und ich wollte mit bescheidenen Mitteln auskommen. Pro Tag sollten möglichst 15 Euro für Unterkunft und Verpflegung reichen.

Im Gepäck hatte ich ein Lectio Divina Projekt des Bibelwerks: 12 Texte aus dem Buch Exodus. Meinen Pilgerweg durch Nordportugal und Galicien wollte ich im Spiegel der Wüstenwanderung des Volkes Israel erleben. 12 biblische Texte – Vorrat für 12 Tage Lectio Divina, dachte ich. Wie funktioniert die Verbindung von Lectio und Pilgern? Geht Lectio beim Laufen? Wie gestaltet man die Schritte einer Lectio-Einheit auf einem Pilgerweg?

Mich hat eine Melodie die ganze Zeit begleitet. In den Strophen des Liedes „Gott wohnt in einem Lichte“ von Jochen Klepper (1938) möchte ich drei Tage auf dem Camino reflektieren.

  1. Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann. Von seinem Angesichte trennt uns der Sünde Bann. Unsterblich und gewaltig ist unser Gott allein, will König tausendfaltig, Herr aller Herren sein.

Fünfter Tag in Portugal. Vormittags Lectio auf dem Camino, mitten im Wald. Es ist mein zweiter Text, den ich auf diesem Weg meditieren will: Mose am brennenden Dornbusch.

Es wird mein letzter Text aus meiner Sammlung von 12 Abschnitten des Exodusbuches sein. Mehr werde ich mir nicht ansehen. Mehr brauche ich nicht. Hier beginnt die längste Lectio Devina Einheit meines  Lebens. Ich habe mein Pilgerthema gefunden. Dieser Text wird mich bis Santiago nicht mehr loslassen, gemeinsam mit diesem Lied von Jochen Klepper aus dem Jahr 1938.

Fünf Worte der Bibel treffen in mein Herz. Das habe ich mir nicht ausgesucht, das ist da: „Ich bin der ich bin…“ Damit werde ich nicht an einem Tag fertig. Damit werde ich nicht in drei Wochen fertig.

Mit Moses frage ich in einem Eukalyptuswald vor Sao Pedro de Rates: Wer bist Du, Gott? Und die Antwort: Ich bin der ich bin. Was soll das? Ich werde wütend. Wenn mir ein Kind solch eine Antwort geben würde, ja das wäre eine Unverschämtheit.

Aber hier spricht Gott. Das muss wichtig sein für mich! Ich verkoste die Worte, laut, allein, immer wieder. …Ich bin der ich bin… Wie soll ich das betonen? Wo klingt es in mir an? Ich spreche diesen Satz kilometerlang vor mich hin und lege den Schwerpunkt jeweils auf einen anderen Teil. …Ich bin der ich bin…

Und da, ja, da ist es: Ich bin der ich bin. Das ist für mich bestimmt. Ich kann ihn gar nicht fassen. Nur er kennt sich ganz und gar. Unverfügbar ist er, transzendent, meinen Sinnen unnahbar. Jedes Bild, das ich mir von ihm mache, ist von vorn herein falsch. Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann. Dass kenne ich doch. Wie ging dieses Lied gleich… Das wird mein Pilgerlied.

Und nun? Wo begegne ich diesem unsichtbaren Gott? Geht das überhaupt? Plötzlich sehe ich einen kleinen gelben Pfeil, ein Caminopfeil. An allen Jakobswegen gibt es diese unscheinbaren Wegweiser. Sie sind auf das Pflaster gemalt, an Laternen oder Hauswände. Nur dem Pilger sind sie sichtbar, dem Suchenden. Wer kein Ziel hat übersieht sie einfach. Ich will auf diesem Camino Gottes Wegweiser suchen. Wie und wo weist er auf sich hin? ich bin gespannt…

(Fortsetzung folgt…!)

Torsten Bühring, Magdeburg

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Nicht Gott ist der Skandal, sondern der Mensch.

Gerne frage ich bei Veranstaltungen zur Heiligen Schrift: „Nach welcher Lesung möchten Sie im Gottesdienst eigentlich nicht hören: ‚Wort des lebendigen Gottes‘?“ Fast immer ist Gen 22 dabei, die sogenannte „Opferung des Isaak“.

Das ist genau der Gott, mit dem niemand zu tun haben möchte: Arrogant und menschenverachtend in seinem Verlangen nach einem Menschenopfer und am Ende großzügig-herablassend auf seine Forderung verzichtend. Das hat mit Gott nichts zu tun. Solche Texte gehören aus dem Leserepertoire der Bibel in der Kirche herausgenommen. Zumindest wäre deutlich zu machen: Der Gott des Alten Testaments ist ein völlig anderer als der des Neuen Testaments. Brutalität und Barmherzigkeit stehen einander unversöhnlich gegenüber. Da hat das Christentum doch gegenüber dem Glauben Israels einen Quantensprung gemacht.

Nur zu dumm, dass der, auf den sich die Christen berufen, nämlich Jesus Christus, genau aus diesem Volk Israel stammt und den Gott, von dem das Alte Testament spricht, auch noch seinen Vater nennt. Nur zu dumm, dass in jeder Kirche ein Kreuz zu sehen ist, das bezeugt: Da wurde zwar keiner auf einem Holzstoß als Opfer verbrannt, aber es wurde einer aufs Holz gelegt, festgenagelt und hochgezogen. Und dann wartete man zu, bis er endlich tot war. Der Unterschied zur Isaak-Erzählung: Jetzt ist es Gott selbst, der zum Opfer wird. Aber irgendwie hängt Gott selbst mit drin, hatte doch Jesus gebetet: „Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Aber nicht mein, sondern dein Wille möge geschehen.“ Einige der modernen Christentumskritiker haben scheinbar Recht, wenn sie sagen, dass der Unterschied zwischen Altem und Neuen Testament doch gar nicht so groß sei. Gott bleibt grausam.

Also: Wer sich durch das Beiseiteschieben der Isaak-Erzählung herausmogeln möchte aus den Zumutungen unseres Glaubens, hat deren Ernst noch nicht wirklich wahrgenommen. Was soll man dann aber vernünftigerweise zu ihr sagen?

Schaut man in die Bibel selbst hinein, stellt man fest, dass dort ein wichtiger Lesehinweis gegeben wird. Es heißt dort: „Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe“. Es lohnt sich, „diese Ereignisse“ einmal näher anzuschauen. Denn vielen dürfte von Abraham vor allem die Berufung in Erinnerung sein: Auf Gottes Wort hin und ermutigt durch die Verheißung von Nachkommenschaft verlässt er alles und zieht in ein unbekanntes Land. Doch noch im selben Kapitel wird berichtet, wie er seine Frau Sara – ohne die eine Erfüllung der Verheißung schwerlich möglich war – während einer Hungersnot dem Harem des ägyptischen Pharao zu überlassen bereit ist. Aus Angst davor, wegen seiner schönen Frau umgebracht zu werden, rät er ihr: „Sag, du seiest meine Schwester, damit es mir deinetwegen gut ergeht.“ Dass die Geschichte am Ende gut ausgeht, haben Abraham wie Sara allein Gott und dem Pharao zu verdanken, der die Zeichensprache Gottes versteht. Als Abraham aus Misstrauen gegenüber der göttlichen Verheißung das Rechtsmittel der Nebenfrau ausschöpft und diese Frau namens Hagar schwanger wird, weicht er der Eifersucht seiner bislang unfruchtbaren Ehefrau Sara dadurch aus, dass er Hagar einmal als Schwangere und später sogar mit ihrem neugeborenen Ismael im wörtlichen Sinne „in die Wüste schickt“. Wieder verhindert nur Gottes Eingreifen den drohenden Tod für Mutter und Kind.

Das ist nicht einfach nur eine Erzählung von vor mehreren tausend Jahren. Spekulanten sind bereit, für Börsengewinne ganze Volkswirtschaften zu gefährden. Pharmakonzerne lassen Gutachten fälschen, um lebensgefährliche Produkte auf den Markt zu bringen und nehmen den Tod von Menschen in Kauf. Mobbing heißt das Stichwort der Gegenwart zur Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes. Der spontan durch Alkohol- oder Drogenexzess aufbrechenden Lust an Gewalt wird in U-Bahn-Stationen freier Lauf gelassen. Kinder – und am liebsten gesunde – werden zum mit allen Mitteln zu erzwingenden Recht; da kann man sich um ein paar überzählige Embryonen nicht auch noch kümmern.

Es ist erstaunlich: Die Opferbereitschaft unserer Gesellschaft scheint grenzenlos. In allen geschilderten Situationen von Abraham bis heute könnte das Motto lauten: „Unterm Strich zähl – ich.“

Und nach all diesen Ereignissen sollte Gott zuschauen, der das Leben aller will? Dabei macht die Anfangsnotiz, dass es sich um eine Probe handelt, deutlich: Gott schlägt nicht mit gleichen Mitteln zurück und opfert jetzt seinerseits: sei es Abraham oder Isaak. Nein, die unerträgliche Forderung, den einzigen geliebten Sohn Isaak zu opfern, soll dem Abraham nur spiegeln, was er bis jetzt getan hat. Für einen Augenblick wird er zur Preisgabe eines Menschen gezwungen, wie er sie zuvor dreimal freiwillig und mit Berechnung vorgenommen hat. Wer Gott begegnet, begegnet sich selbst – und keineswegs als schulterklopfendem Tattergreis, sondern in seinem Zurückbleiben hinter dem, wozu Gott sie und ihn erschaffen hat. Nicht um irgendeinen gewalttätigen oder Opfer verlangenden Gott geht es, sondern um einen letztlich gewalttätigen und zu allen möglichen Opfern bereiten Menschen, der von Gott entlarvt wird. Die letzte Entlarvung wird der Kreuzestod Jesu sein: Ein Unschuldiger muss sterben. Die Ankläger fühlen sich durch Jesus gestört, Pilatus sieht seine Freundschaft zum römischen Kaiser in Gefahr. Die Entlarvung solcher Mechanismen in unserem Handeln hat natürlich niemand gern. Aber darin liegt die Chance zu wirklichem Leben. Sich wenigstens versuchsweise auf Umkehr einzulassen, ist der entscheidende Schritt, von Gott her auf Auswege aus verfahrenen Situationen hingewiesen, letztlich aus ihnen erlöst zu werden. Der Widder lauert sozusagen schon im Gebüsch.

Solange wir ihn nicht entdecken, ist nicht Gott der Skandal, sondern der Mensch.

Gunther Fleischer, Köln

„No sacrifice at all“ – Elton John

Die Rock- und Pop Musik ist oft die erste Auslegerin der Frohen Botschaft in der säkularen Welt. Zu diesem Weihnachtsfest habe ich den Song SACRIFICE von Elton John ausgesucht. Der Text ist von Bernie Toupin, der selbstbewusst über >Sacrifice< urteilt: Es sei einer „der besten Songs, die wir geschrieben haben“. Der Song ist eine Ballade und kein typisches Liebeslied.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn das Thema >Sacrifice / Opfer< mit der Botschaft von Weihnachten in Verbindung gebracht wird?
Die Leserin, der Leser des Blogs ist eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen, d.h. den Song zu hören. Einen Ausschnitt aus dem Lied möchte ich schon hier anführen:

It’s a human sign                                        Es ist einfach nur menschlich.
When things go wrong                              wenn die Dinge falsch laufen.
When the scent of her lingers                 Wenn der Duft von ihr verweilt
And temptation’s strong                           und die Versuchung stark ist.

Into the boundary                                       Innerhalb der Grenzen
Of each married man                                 eines jeden verheirateten Mannes
Sweet deceit comes calling                      süßer Betrug ruft
And negativity lands                                   und Negativität kommt auf

And it’s no sacrifice                        Und es ist kein Einsatz
Just a simple word                          nur ein einfaches Wort
It’s two hearts living                        Es sind zwei Herzen
In two separate worlds                  lebend in zwei verschiedenen  Welten

But it’s no sacrifice                          Aber es ist kein Einsatz
No sacrifice                                        Kein Opfer
It’s no sacrifice at all                       es ist überhaupt kein Einsatz

In der Ballade geht es um das Scheitern von zwei Menschen: die Trennung in einer Beziehung, einer Ehe. Die Dinge sind aufgrund eines Betrugs verkehrt gelaufen. Negatives kommt ans Tageslicht. Die Versuchung durch einen anderen Menschen ist einfach zu stark gewesen. Man lebt in verschie­denen Welten und die gemeinsame Ausrichtung ist verloren gegangen.

Elton John kommentiert das Verhalten der Handlungsträger immer wieder:
>No sacrifice< -bzw- >no sacrifice at all<.

Im Englischen kann >sacrifice< übersetzt werden mit: Opfer, Opfergabe, Aufopferung, Opferung, Verzicht, Opferbringung, Opferhandlung, Hingabe, Darbringung….

Im biblischen Kontext gibt es neben dem Brand- und Ganzopfer auch das Speiseopfer. Es geht um die Gaben, die ein Mensch freiwillig der Gottheit opfert, übergibt. Im Gegenzug wird von Gott all das weggenommen, was trennt und eine heilvolle Beziehung zu Gott stört.

Ein Blick auf die Übersetzung von >Elton Johns<: >Sacrifice< zeigt, dass ich das Wort mit Opfer und auch mit Einsatz wiedergebe.

Um einen Weg heraus aus der in eine Schieflage geratenen Beziehung zu finden, wäre ein größeres Engagement der Beteiligten nötig, ein Einsatz oder auch ein Opfer.
Doch Elton singt: da ist überhaupt >no sacrifice at all< kein Einsatz.

In den Tagen um Weihnachten werden viele von uns die Erzählungen in der Bibel rund um die Geburt Jesu hören oder auch lesen.

Schauen wir uns die Handlungsträger in den sogenannten „Weihnachtserzähl­ungen“ der beiden anonymen Evangelienschreiber, wir nennen sie Matthäus und Lukas, an:

Das Matthäusevangelium berichtet, dass sich Joseph von der schwangeren Maria in aller Stille trennen wollte.
Elton John würde kommentieren: >No sacrifice at all!<. Joseph zeigt  über­haupt keinen Einsatz!
Und es bedarf eines Engels, der bei Joseph den richtigen Einsatz einfordert.
Stehe bei deiner Frau!

Das Lukasevangelium scheint auf den ersten Blick gegenüber dem stumm gewordenen Zacharias zwei mutige und engagierte Frauen aufzubieten, die sich, beide schwanger, begegnen: Maria und Elisabeth. Aber auch ihr Auftreten, so stellt es der Evangelist dar, ist promotet, in Gang gesetzt, durch einen Engel namens Gabriel.
Ohne diesen Engel würde Elton John sagen: >No sacrifice at all!<. Da ist überhaupt kein Einsatz!
Mit diesem Engel gibt Lukas einen ersten Hinweis auf das Göttliche.

Damit sind wir in diesen beiden Evangelien auf der richtigen Spur.
Die beiden Evangelienschreiber, Matthäus und Lukas, verfassen ihre Evangelien für die dritte, vielleicht auch vierte Generation christlicher Gemeinden, versprengt in den Weiten des römischen Reichs.
Es ist die Zeit der ersten Christenverfolgungen unter Kaiser Domitian.
Das frühe Christentum hat sich von der jüdischen Community losgelöst.
Es ist eine Zeit der Krise: der Tempel in Jerusalem wurde durch die “Super-macht“ Rom im Krieg von 66-71 n. Chr. zerstört. Das Wiederkommen des Messias ist nicht erfolgt.
Wie lässt sich ein in die Krise geratenes Christentum konsolidieren?
Matthäus und Lukas wählen unabhängig voneinander als literarisches Mittel: ihre Evangelien.
Das Christentum tritt schriftstellerisch in Erscheinung.

Lukas und Matthäus bringen das von ihnen berichtete Geschehen in einen Kontext, in dem hinter all dem vordergründigen Handeln letztendlich Gott und sein Einsatz stehen.

Johannes ist schon im Leib seiner Mutter Elisabeth von Geist erfüllt.
Der Existenzgrund Jesu ist schon in Marias Schwangerschaft der Heilige Geist, das Pneuma, die Ruach, die Geisteskraft Gottes.

Das ist der Einsatz, die Gabe, sacrifice at all!

Aber all das wird in den Texten um Weihnachten nun auch wieder gebrochen. Es ist nicht das große Ereignis, das die Evangelienschreiber mit ihren Texten erfassen. Jesus wird in seiner Ohnmacht dargestellt: geistgewirkt  und doch klein. Ein Kind, ohnmächtig, ohne Herberge, verfolgt auf der Flucht mit seinen Eltern.

Was ist der Einsatz, die Gabe, sacrifice at all ???

Auch das weitere Geschehen Jesu ist geistbegleitet. Es geht Jesus nicht darum, die eigene Herrschaft als Alternative zum Kaiser aufzurichten, sondern die Herrschaft GOTTES.

Das ist die Botschaft, aus der die Gemeinden des Matthäus und des Lukas neu Hoffnung schöpfen angesichts ihrer Situation.

Das messianische Projekt ist anders und doch nicht gescheitert.

Durch den Einsatz Gottes, der so klein ist wie ein Kind, aber geistgefüllt, kann es unter den Menschen weiter gehen. Und es muss dann nicht mehr heißen:  No sacrifice at all!

Vielleicht bringt uns dieser ganz andere Einsatz Gottes dazu, Weihnachten mit anderen Augen neu zu sehen. Abseits von Glanz und Größe kann in Gottes Augen Wichtiges geschehen. Und wir können geführt vom Geist, uns einsetzen, damit  Gottes Herrschaft im Leben und in der Welt weiter Fuß fassen kann.

In diesem Sinne wünsche ich, auch im Namen des Teams der „Bibelpastoral“

FROHE WEIHNACHTEN

Ihr /Euer

Ulrich Kmiecik

Dr. Ulrich Kmiecik, Kath. Bibelwerk Berlin

Verunsicherung oder Heimat?

„Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verwandelt; seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann. Da erschien ihnen Elija und mit ihm Moses und sie redeten mit Jesus. Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.

Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte.

Da kam eine Wolke und überschattete sie und es erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören. Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemanden mehr bei sich außer Jesus.

Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander was das sei: von den Toten auferstehen. “  (Mk 9,2-10)

Der Evangelist Markus schildert diese Szene als einen Höhepunkt (im wahrsten Sinne des Wortes, da auf dem Berg!) seines Evangeliums. Diese Verklärung wirft viele Fragen auf – eine  wesentliche ist: wozu dient Religion? Zur Verunsicherung und Eröffnung neuer Perspektiven oder als Rückzugsort, als Heimat in unübersichtlichen Zeiten? Der Dichter und Theologe Christian Lehnert formuliert: „Religion kann man von zwei Seiten her verstehen, als stabilisierendes oder verunsicherndes Treiben.“ (C. Lehnert, Der Gott in einer Nuß, Berlin 2017, S. 126).

Für Markus ist sie eindeutig letzteres: die wirkliche Begegnung mit Jesus verstört, Petrus weiß nicht, was er sagen soll – er ist ganz benommen. Und auf dem Weg zurück beschäftigt die drei Jünger die Frage, was Auferstehung sein soll.

Religion ist also kein sanftes Ruhekissen, keine behagliche Heimat, keine Hütte. Sie verunsichert, zeigt neue Perspektiven auf und reißt aus gewohnten Gleisen und festgefügten Weltbildern.

Daher ist Religion, die nur bewahren will, nicht im Sinne Jesu, wie ihn Markus schildert.

Glaube und Religion wollen den neuen Blick einüben, Veränderung und damit wahres Leben ermöglichen.

Die Texte der Bibel ermutigen dazu in vielfacher Weise – lassen wir uns anregen!

Pascal Schmitt, Freiburg

Warum ich die Bibel nicht lese

Ermutigt durch den Beitrag von Sebastian Mutke im jüngsten Bibel heute Heft (2 (2018), S. 28f: „Wo das Evangelium zu Hause ist“, möchte ich das Spitzenargument „Männer lesen nicht in der Bibel“ aufgreifen und durch Rückmeldungen aus katholischen Pfarreien ergänzen.

Warum ich die Bibel nicht lese:

Ich lese nicht.
Ich lese nur wenig.
Ich brauche eine Brille.
Ich kenne mich nicht aus in diesem dicken Buch.
Ich verstehe nicht, was ich da lese.
Ich bin sprachlich überfordert.
Ich habe keine Zeit.

Bibellesen hat mir mein Pfarrer noch nie empfohlen.

Bibellesen ist kopflastig.
Bibellesen ist elitär.
Bibellesen ist langweilig.
Bibellesen ist zu trocken.
Bibellesen ist anstrengend.
Bibellesen ist evangelisch.
Bibellesen ist superfromm.
Bibellesen ist lebensfern.
Bibellesen ist nur was für Frauen.
Bibellesen ist nicht wichtig, wichtig ist die Hl. Messe.

Die Bibel ist veraltet.
Die Bibel ist zu fremd.
Die Bibel ist ein zu dickes Buch.

Die Argumente sind nicht erfunden, sondern wurden über Jahre hin von PastoralreferentInnen und GemeindereferentInnen gesammelt. Nehmen wir sie ernst. Wer Augen hat zu lesen, der lese.

Reinhold Then, Diözesanbeauftragter für das kath. Bibelwerk in der Diözese Regensburg

Jesus – Markus – und jetzt?

Seit nun doch schon einigen Jahren beschäftige ich mich mit der Übertragung von Bibeltexten in Leichte Sprache. Ein Spezifikum dieser Leichten Sprache ist, dass sie absolut verständlich sein muss. Mehrdeutige oder gar missverständliche Textaussagen darf es nicht geben. Das liegt an der Zielgruppe für diese Leichten Texte: Menschen mit Lernbehinderung.

Für den „Übersetzer“ heißt das, dass er einen Text sehr gut verstanden haben muss, um ihn in Leichte Sprache übertragen zu können. Was bei einer Gebrauchsanleitung noch relativ einfach ist, wird bei literarisch anspruchsvolleren Texten schon schwieriger. Sie sind „bedeutungsoffen“ und können auf mehrerlei Weise verstanden werden. Da muss sich der Übersetzer in Leichte Sprache leider (!) für eine ganz bestimmte Deutung entscheiden.

Der Witz bei den Gleichnissen

Eine ganz besondere Herausforderung aber stellen Gleichnisgeschichten dar. Sie wollen ja „im übertragenen Sinne“ Klarheit schaffen. Sie schaffen den Zuhörenden einen offenen Raum, in dem diese selber ihre Lösung für das gestellte Problem finden können (sollen). Wenn man ein Gleichnis erklären muss, ist die Geschichte kaputt. Das ist wie bei einem Witz.

In Leichter Sprache komme ich aber um die Erklärung einer Gleichnisgeschichte nicht herum. Das mag man bedauern, aber es ist halt trotzdem so. Weil Gleichnisse in Bildern erzählen, die aufgelöst werden müssen. Was mache ich aber, wenn es zum selben Gleichnis mehrere Erklärungen gibt wie z. B. in Markus 4? Da erzählt Jesus das Gleichnis vom Sämann, in dem er breit ausführt, wie viel beim Säen „daneben geht“, um dann am Schluss zu zeigen, dass der Erfolg des Wenigen, das auf guten Boden fiel, die Verluste bei weitem aufwiegt (Mk 4, 1-9). Kurz darauf folgt dann aber eine Erklärung, die in eine ganz andere Richtung geht, weil sie das Gleichnis allegorisch auslegt (Mk 4,13-20). Da geht es nicht mehr um den Sämann und seine Zuversicht beim Ausbringen der Saat, sondern um den richtigen Boden, der Frucht bringen soll.

Von Jesus zu Markus

Es scheint mir einigermaßen klar zu sein, dass das eigentliche Gleichnis noch viel näher an dem dran ist, was Jesus verkündet hat: Es spricht von seiner Zuversicht, dass die Verkündigung des Reiches Gottes Frucht bringt, auch wenn es vielleicht zunächst einmal gar nicht danach aussieht. Die allegorische Auslegung deutet demgegenüber eine ganz andere Geschichte und stammt (nicht nur) meines Erachtens sicher nicht von Jesus. Sie ist später hinzugewachsen.

… und heute?

Mir geht es jetzt nicht darum, welcher der beiden Texte heiliger ist oder womöglich der „eigentliche“ Bibeltext. Meine Frage ist: Wenn Markus diese beiden Texte vorgefunden und hintereinander gestellt hat, möchte er dann das Gleichnis auf diese ganz bestimmte Form verstanden wissen? Und: Müssen wir als Übertragende diese Deutung übernehmen, also die allegorische Deutung bereits in die Übertragung des Gleichnisses in Leichte Sprache eintragen? Oder sagen wir: Nachdem Jesus dieses Gleichnis erzählt hatte, erzählte er ihnen, wie man die Geschichte auch noch anders verstehen kann …?

Schwierig, schwierig!

Dieter Bauer, Kath. Bibelwerk, Stuttgart

Aufhören oder mitmachen?

Zwischen diesen beiden Polen schwanken gerade all die Fastenzeitbegleiter, Kalender und Impulse, die es allenthalben auf dem Markt gibt. Sieben Wochen ohne, sieben Wochen mit … wofür entscheide ich mich? Was passt gerade zu mir?
Genau da fängt für mich die Frage an: Worum geht es in diesen 40 Tagen? Um mich? Darum, dass es mir besser geht, dass ich mehr die bin, die ich sein möchte, dass ich perfekter, kompatibler, kompromissloser oder kompromissbereiter werde?
Der Schriftlesung am Aschermittwoch aus dem Buch Joel (Joel 2,12-17) mahnt mit eindeutigen Worten:

Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider!

Das heißt doch: Bleibt nicht beim Äußeren stehen, sondern wagt euch ins Innerste vor! Was denkt ihr wirklich? Was berührt Euch? Wem wendet sich Euer Herz zu? Gott, Euch selbst oder den Nächsten? Wo muss ein Schnitt gemacht werden?
Und noch etwas! Joel beschreibt im nächsten Vers Gott: gnädig und barmherzig, langmütig, reich an Güte, voller Erbarmen und Reue über seine eigene Strenge, mit der er uns auf den rechten Weg bringen möchte. Ja, auch Gott selbst ist bereit, umzukehren und uns mit Segen zu begegnen. Mit so einem Gott kann ich es wagen, mein Herz anzuschauen. Mit so einem Gott kann ich umkehren, um wieder mehr in seiner Spur zu gehen.
Schließlich fordert Joel auf, das Volk, die Alten, Kinder, Säuglinge, ja selbst Bräutigam und Braut zu versammeln und die Gemeinde zu heiligen, damit alle sehen und hören können, dass Gott mitten unter ihnen und mit ihnen ist.

Ich meine,  dass es darum in den kommenden 40 Tagen gehen könnte: wo hat Gott Platz in unseren Herzen und auf den öffentlichen Plätzen? Die Menschen heiligen – wie kann das geschehen?
Einer meiner Vorschläge wäre, aufzuhören. Aufzuhören mit den markigen, lautstarken Sprüchen, in denen all die Anderen schlecht und herunter gemacht werden bis zur Anstandslosigkeit. Aufhören mit dem Zuhören und zum Aufhören auffordern, wenn so geredet wird.
Der andere Vorschlag lautet, mitzumachen, wenn Gutes geredet wird. Hinzuhören, wenn von Herz zu Herz gesprochen wird. Vom Segen und Gesegnet sein zu erzählen. Von einem Gott, der voller Mitgefühl ist, und der mit jedem und jeder von uns umkehrt.

Barbara Janz-Spaeth, Diözese Rottenburg-Stuttgart