Der Bibel auf den Geschmack kommen

„Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein: Je mehr du es reibst, umso stärker duftet es.“ Diesem Satz Martin Luthers stimme ich zu. In Jahrzehnten mit der Bibel ist sie mir nie langweilig
geworden. Ob und wie die Bibel zum Lebens-Mittel wird, das hängt von verschiedenen Gegebenheiten ab.

1. Hunger ist der beste Koch!
Einer, der keinen Hunger hat, wird nicht essen wollen. Wer keine Frage, keine Sehnsucht hat, wird sich auch nicht auf den Weg machen. Ein erster Zugang zur Bibel ist also immer eine Sehnsucht, die einen im Leben gerade umtreibt: die Frage nach Gott, Liebe, Glück, dem Leid oder gar Tod, ein Familienthema … Das kann die treibende Kraft sein und dazu motivieren, mit der Bibel ins Gespräch zu kommen. Das geschieht am besten, indem man Bibeltexten Fragen stellt, zustimmt, widerspricht, darüber nachdenkt, weiterschreibt … Das Thema „Liebe zwischen Mann und Frau“ behandelt z.B. das Hohelied, Familienthemen kommen in Gen 12-50 vor, Deutungen von Leid im Buch Ijob. Zu den Stichwörtern, die einen interessieren, kann man die passenden Bibelstellen finden im Stichwortverzeichnis im Anhang der Bibel oder durch Recherche in den Online-Bibeln (z.B. http://www.bibelwerk.de; http://www.bibleserver.com).

2. Gegessen wird, was gekocht ist!
Die Bibel ist in einem Zeitraum von 800-900 Jahren vor 2000 Jahren entstanden. Da braucht es historisches Wissen und entsprechende Aufbereitung, damit das darin Überlieferte für uns verständlich und vor allem lebendig wird. Ob die Bibel „schmeckt“, entscheidet an erster Stelle die Übersetzung, die man wählt. Menschen, die bisher wenig Zugang hatten, brauchen oft eine Übersetzung, die schwer Verständliches gut in heutiger Sprache ausdrückt. Das tut z.B. die Basisbibel oder die Gute-Nachricht-Bibel. Mancher, dem der Appetit vergangen ist aufgrund der immer gleichen Übersetzung, in der er liest, mag das Eine oder Andere am Text ganz neu entdecken in einer anderen Übersetzung. So lohnt es sich, Psalmen in der Einheitsübersetzung 2016 zu lesen. Insgesamt ist sie näher am Urtext als die frühere Version, dadurch aber auch anspruchsvoller zu lesen.

3. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen!
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was Gottes Mund spricht!“ (Dtn 8,3; Lk 4,4), so zitiert Jesus. Es ist staunenswert, dass Menschen oft viel für die Fitness des Körpers und für die geistige Fortbildung aufwenden, aber sehr wenig für die Reifung der Seele, die geistliche Nahrung. In der Bibel ist reichlich davon da. Auch hier braucht es Entscheidung und Regelmäßigkeit, damit die Seele genügend genährt wird. Das kann z. B. die tägliche Schriftlesung sein in Abschnitten entlang einem biblischen Buch. Leib und Seele zusammen hält auch, wenn auf verschiedenen Ebenen Zugang zur Schrift gesucht wird: mit verstandesmäßiger Erkenntnis, mit emotionalen Zugängen wie über die Identifikation mit biblischen Gestalten, mit dem Erspüren des Herzens, über die betende Betrachtung.

4. Das Auge isst mit!
Beim Essen ist nachgewiesen wichtig, wie ein Gericht angerichtet ist und wie wir darauf schauen, ob wir es schmackhaft finden. Bei der Bibel lohnt es sich, hinschauen zu lernen, um Geschmack an ihr zu finden:
Wie bei Gerichten gibt es bei Bibeltexten Basiszutaten: Das sind Leitwörter, Kontraste, Schreibstil, Dramatik, der Zusammenhang, in dem ein Text steht. Sie können in jedem Text entdeckt werden. Darüber hinaus lassen sich Feinheiten aufspüren, die man bisher nicht entdeckt hat, indem man im Geist immer mal wieder eine andere Brille aufsetzt: mal die Perspektive des Verfassers, mal die wechselnden Erzählperspektiven der biblischen Personen, die uns der Text anbietet, mal die Dramatik, die sich entfaltet…

5. Genügend kauen, nicht hinunterhauen!
Wir sind oft gewohnt, schnell zu essen und schnell Texte aufzunehmen. In Ez 2,8-3,11 wird dem Propheten Ezechiel empfohlen, Gottes Wort in Form eines Buches gut zu kauen, bis es süß wird wie Honig. Von Brot weiß man, dass es, wenn es ca. 30 mal gekaut wird, süß wird, dass also durch das längere Kauen viel mehr Geschmack aufgeschlossen wird und sich entfaltet. Ein Wort, einen Satz aus einem gelesenen Bibeltext immer wieder meditativ vor sich hin zu sprechen, einfach zu verkosten, erschließt oft ganz Neues. Es kommt dann manchmal in Lebenssituationen zu Hilfe als Orientierung oder Trost.

6. Der Appetit kommt mit dem Essen!
Für Ungeübte schmecken am Anfang meist erzählende Bücher wie das Markusevangelium, das älteste Jesusbuch, das Lukasevangelium, das Buch Genesis, Buch Exodus oder kleine Bücher wie das Buch Rut. Ist man geübter, schmecken auch Bücher der Bibel, die mehr Aufwand brauchen, sie zu erschließen, wie z. B. prophetische Bücher. Deshalb braucht es bei mancher biblischen Kost auch Geduld und ein Einhören und Einüben, bis man auf den Geschmack kommt!

7. Das liegt schwer im Magen!
Und was ist mit schwer verdaulicher Kost? Die gibt es in der Bibel wie im Leben. Wichtig ist, sich vor Augen zu halten: Die Bibel will Menschen ins Heil bringen. Es ist manchmal mühsam, in gewalttätigen Texten die Gottesspur zu finden, aber sie ist fast immer da, wenn man spürsam hinschaut: durch das Unheil hindurch zum Licht.

8. Satt heißt nicht, dass keine Schokolade mehr hineinpasst!
Und wenn man genug hat von schweren Bibeltexten? Etwas geht immer noch wie beim Essen: ein Schmankerl. So manchen humorvollen Spruch, der einen zum Nachdenken bringt, findet man z.B. im Buch der Sprüche und in Jesus Sirach: „Besser ein trockenes Stück Brot und Ruhe dabei als ein Haus voll Braten und Streiterei.“ (Spr 17,1). Womit wir wieder beim Essen wären!

Der Beitrag erschien zuerst in „Dein Wort – Mein Weg“ 1/2018.

© Anneliese Hecht, Katholisches Bibelwerk Stuttgart

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Der Weg ist nicht das Ziel

Eine irritierende Beobachtung zu den Wallfahrtspsalmen am Jahresbeginn

Gerade am Beginn des Jahres, das eine neue Wegstrecke von 365 Tagen bereit hält, könnte man meinen, das Gegenteil der Überschrift sei richtig: Der Weg ist das Ziel. Immerhin, hinter dieser Formulierung steht eine lange Tradition: Sie wird gemeinhin dem chinesischen Philosophen Konfuzius (551 – 479 v. Chr.) zugeschrieben. Das ist zwar räumlich gesehen weit weg vom Herkunftsraum der Bibel, doch zeitlich sind wir damit genau in einer wichtigen Phase der biblischen Geschichte. 539 v. Chr. haben die Perser die Babylonier als Herrscher des Orients abgelöst und für das Volk Israel beginnt die Phase der Rückkehr aus Babylonien nach Jerusalem sowie die Neuorganisation des eigenen Lebens rund um den 515 v. Chr. eingeweihten Tempel von Jerusalem.

War das nicht auch die Erfahrung Israels: Der Weg ist das Ziel? Die eben beschriebene Geschichtsphase wird umrahmt vom Weg in die Gefangenschaft und vom Weg zurück in die verlorene Heimat. Doch jeder weiß: Was nach Ziel aussah, war nur von sehr vorläufiger Natur. Denn spätestens 70 n. Chr. endet mit der Zerstörung Jerusalems durch Rom, was man für ein erreichtes Ziel hätte halten können. Es beginnt endgültig die Zeit des Unterwegsseins in der Welt für das Judentum.

Und ist es nicht so, als hätte Israel Konfuzius vorweggenommen, indem es in seiner Heiligen Schrift auch schon lange vor dem chinesischen Denker im Wesentlichen Weggeschichten erzählt? Die Abrahamerzählung, die Hin- und Herbewegung der Joseferzählung, der vierzigjährige Zug durch die Wüste unter der Führung des Mose, der innerhalb der Fünf Bücher Mose noch nicht einmal zum Ziel kommt – lassen sie nicht alle den Weg wichtiger als das Ziel erscheinen.?

Und das Neue Testament scheint sich hier nahtlos anzuschließen. Rastlosigkeit ist ein durchgängiges Motiv, egal ob wir vom umherziehenden Jesus oder dem missionarisch getriebenen Paulus lesen. Und dann heißt es ja auch noch von diesem Jesus, wie in einem Brennglas die eigene Sendung zusammenfassend: „Ich bin der Weg …“ (Joh 14,6).

Wir kommen nicht daran vorbei: Der Weg ist eine ganz zentrale Metapher in der Heiligen Schrift. Aber lautet ihre Auflösung ins weniger Bildhafte wirklich, dass alle Texte und Erzählungen, die sie verwenden, den Weg bereits als das Ziel propagieren wollen?

Eine überraschende Beobachtung wird machen, wer sich mit dieser Frage im Gepäck an die Lektüre der Psalmen 120 – 134 macht.  Man könnte diese Zusammenstellung von insgesamt 15 Psalmen als eine Art Pilgergebetbuch betrachten. Tatsächlich werden sie alle zusammengehalten durch ein Überschriftwort, das sehr oft – so auch in der revidierten Einheitsübersetzung – mit „Wallfahrtslied“ übersetzt wird. Auch wenn diese Übersetzung nicht als absolut sicher gelten kann, da hebräisch ma’alot zunächst einmal „Aufstiege“ oder „Stufen“ bedeutet, passt sie doch sehr gut zum Gesamtgefüge dieser geistlichen Lieder, das unabhängig von allen Konkretionen eine Bewegung von einem wo auch immer liegenden Herkunftsort (Ps 120,5 verweist mit Meschach und Kedar eher im Sinne von Platzhaltern auf nördliche und südliche Randbezirke) zum Tempel von Jerusalem erkennen lässt. In ihm empfangen die Betenden schließlich in einem nächtlichen Gottesdienst noch einmal den Segen (vgl. Ps 134), um danach vermutlich in den Alltag ihrer Herkunftsorte zurückzukehren.

Zumindest aus heutiger Betrachtung, die nicht zuletzt durch den „Boom“ des Pilgerns auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela geprägt ist, würde man in einem solchen Pilgergebetbuch die Entfaltung einer „Theologie des Weges“ erwarten und vermuten. Tatsächlich zeigt die Lektüre der Psalmen aber etwas völlig anderes: Der eigentliche Pilgerweg  wird in genau zwei Versen gleichsam „kondensiert“:

„Ich freute mich, als man mir sagte:
Zum Haus des Herrn wollen wir gehen.
Schon stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem“ (Ps 122,1-2).

Alles vorher ist betende Reflexion über die Aufbruchssituation (Ps 120 – 121), alles was folgt, nimmt das offensichtlich bereits erreichte Jerusalem in den Blick (Ps 122.125-127.132-134)oder ergeht sich in grundsätzliche Betrachtungen des Handelns Gottes (Ps 124.130) bzw. des Ergehens der Menschen (Ps 123.128.129.131).

Dem Pilgergebetbuch geht es offensichtlich nicht um den Weg, geschweige dass er das Ziel wäre. Es geht vielmehr – und davon sprechen immerhin sieben der Wallfahrtspsalmen – um Jerusalem. Aber auch dieses ist nur Zwischenstation. Der offene Schluss der Gesamtkomposition in Ps 134, der mit der Segensbitte in den Alltag entlässt, wie Gott mit dem Schöpfungssegen sein Werk in den Alltag des Seins und Lebens entlässt (vgl. Gen 2,3), macht dies deutlich. Der Wallfahrtspsalter spricht so viel von Jerusalem, dem Zion, dem Tempel als Wohnung Gottes und seinem Heiligtum, weil dieser Ort auf den verweist, dem selbst zu begegnen, den wirklich zu sehen das eigentliche Ziel ist. Genau das ist dem irdischen Menschen nicht möglich. Die räumlich (im Tempel) erfahrbare, und doch nie aus der Verborgenheit von Unsichtbarkeit, Ritus, Gebet und der sinnlichen Erfahrung von Sakralität heraustretende Gegenwart Gottes stärkt zwar für all die Wege, die so vielfältig wie die Menschen selber sind, damit diese ihr Ziel erreichen. Aber sie bleibt bei aller denkbaren Intensität vorläufig. Das durch keinen Weg ersetzbare Ziel ist Gott selbst, und zwar in unverhüllter Direktheit – von Angesicht zu Angesicht. Das Ziel ist die von allen „Zwischenmedien“ befreite Begegnung mit dem Schöpfer, der geduldig auf ein jedes seiner Geschöpfe wartet (vgl. das Bild vom himmlischen Jerusalem ohne Tempel, Leuchte und Stadttore in Offb 21,22- 22,5). Deren Weg ist nicht ein vorbestimmter, aber auch kein zufälliger. Es ist der von Gott ermöglichte und durch den Ruf ins Dasein initiierte, der nun aber vom Menschen selbst zu gestalten ist. Von diesen Gestaltungsmöglichkeiten und den dazu notwendigen Hilfen sprechen die Psalmen. Denn natürlich besteht auch immer die Gefahr, auf „krumme Wege“ (das Ps 130,3 verwendete Wort ‚awōn für „Sünde“ hat mit „krumm sein“ zu tun) zu geraten. Im Weg das Ziel zu sehen, überfordert das Leben und übersieht, dass wir zu viel Größerem berufen sind als zum ständigen Gehen, das oft genug ein mühseliges Stolpern, manchmal aber auch ein zu forsches, die „Kollateralschäden“ übersehendes Voranschreiten ist.

Wiederum mit einer Metapher gesprochen: Das Ziel ist nicht der Weg, sondern die „Ruhe“ (vgl. Hebr 4,3  unter Rückgriff auf Ps 95 und Gen 2,2), die nicht mit Langeweile zu verwechseln ist, sondern beglückende Erfüllung von Sehnsucht und das Ende aller Ängste, Getriebenheiten, Zwänge, Nöte, Depressionen oder auch die Selbsttäuschung über die Bedeutsamkeit von Erreichtem meint. Auf dem Weg dorthin braucht es „Tankstationen“, Vorerfahrungen dieser Ruhe. Im Wallfahrtspsalter wird das Erleben der Gegenwart Gottes im Tempel als eine solche „Tankstation“ erkennbar und benannt. Die Verse 8 und 14 in Ps 132 pendeln bedeutungsmäßig wohl zwischen dem realen Tempel als Ruheort und dem Tempel als Symbol für  den auf Erden nie zu habenden, aber als Ziel erwarteten Ruheort. Bedenkt man, dass zwar am Ende nicht der Tempel Bestand hatte, wohl aber das Pilgergebetbuch weiter exisitiert und gebetet wird, zeigt sich, dass es darum geht, im Beten seine vorläufigen, aber stärkenden geistlichen Ruhestationen zu finden, die einen nicht vergessen lassen, dass nicht der Weg, sondern Gott selbst als Weginitiator, Wegbegleiter (vgl. hierzu neutestamentlich die Emmausgeschichte in Lk 24,13-35 oder die Zusage aus Mk 16,7, dass der Auferweckte im Alltag von Galilä – also auch unserem Alltag – anzutreffen sei) und am Ende auf uns Wartender das Ziel ist.

In diesem Sinne wünsche ich ein immer wieder zu „Wassern der Ruhe“ (Ps 23,2) führendes Jahr 2018.

Gunther Fleischer, Köln

„Das habe ich nicht erwartet!!“

„I wasn’t expecting that“Jamie Lawson

Wie steht es bei Ihnen, bei dir und natürlich auch bei mir, dem Schreiber dieses Blogs, mit dem Unvorhergesehenen, den Überraschungen im Leben, mögen sie positiv oder auch mal nicht so positiv sein?

Oh, das habe ich überhaupt nicht gedacht, erwartet, vorausgesehen!

Der englische Sänger Jamie Lawson erzählt in seinem Song „Wasn‘t expecting that“ von den unerwarteten Dingen, von der Lebens- und Liebesgeschichte eines Paares, angefangen von einem ersten Lächeln, von den Momenten, die das Leben verändern bis am Ende einer allein ist, da die andere stirbt.

„It was only a smile but my heart it went wild
„Es war eigentlich nur ein Lächeln, aber mein Herz spielte verrückt
and I wasn’t expecting that
Das hat mich selbst etwas überrascht
just a delicate kiss, anyone could’ve missed
Dann ein Kuss …. so flüchtig, dass ich ihn kaum mitbekommen habe
I wasn’t expecting that
Ich habe es nicht erwartet

Isn’t it strange how a life can be changed
Oh, und ist es nicht merkwürdig, wie ein ganzes Leben sich verändern kann
in the flicker of the sweetest smile
In dieser einen Sekunde, die das süßeste aller Lächeln dauert?
We were married in spring
Und im Frühling waren wir bereits verheiratet
You know I wouldn’t change a thing
Du weißt, ich würde alles genau so wieder machen
Without an innocent kiss, what a life I’d have missed“
Was hätte ich alles verpasst, ohne diesen Kuss, diesen ganz unschuldigen Kuss“

Das habe ich nicht erwartet – Wasn’t expecting that…

In den Tagen um Weihnachten werden manche von uns, einige oder auch viele die Erzählungen in der Bibel rund um die Geburt Jesu hören oder auch lesen.

Dass diese Geschichten rund 2000 Jahre später zu einer einzigen Weihnachts­story und einem idyllischen Bild in stimmungsvollen Weihnachtsfeiern zusam­men­geschmolzen sind, haben die ursprünglichen Autoren sicher nicht geahnt. Matthäus und Lukas, so nennen wir die anonymen Schriftsteller, schreiben für die dritte, vielleicht auch vierte Generation christlicher Communities, die mit dem Ausbleiben der Wiederkunft des Messias und dem Eintreten der ersten reichsweiten Christenverfolgung im Herrschaftsbereichs Roms unter Kaiser Domitian in eine innere und äußere Krise geraten sind.

It wasn’t expecting that – Ist das messianische Projekt gescheitert?

Die Evangelienschreiber wollten keine Idylle liefern, auch wenn wir heute ihre Texte als sehr schön empfinden.
Sie wollten Krisen literarisch bewältigen!
Und sie zeigen auf, dass von Anfang an Jesus als der von Gott gesandte und von Gott gewollte Messias in diese Welt gekommen ist.

It wasn’t expecting that – So haben wir das nicht erwartet!

Wie am Ende ihrer Erzählungen wird auch am Anfang der Messias nicht in seiner Vollmacht, sondern in seiner Ohnmacht vorgestellt.

Als Kind. Sein Auftrag wird sein, nicht die eigene Herrschaft aufzurichten, sondern die Herrschaft GOTTES.

Mit einem Kind – klein, ohnmächtig, ohne Herberge, verfolgt, auf der Flucht, aber mit dem Namen „Immanuel – Gott ist mit uns“, soll es anfangen.

Das ist die Botschaft, aus der die Gemeinden des Matthäus und des Lukas neu Hoffnung schöpften, angesichts ihrer Situation.

Das messianische Projekt ist anders und doch nicht gescheitert.

 It wasn’t expecting that!  – Das hat mich dann doch überrascht!

Was erwartest du, was erwarten Sie in diesen Tagen vor Weihnachten und dann? Und was haben wir nicht erwartet?

Die Zeit, die schon gekommen ist und die noch kommt, wird eine Antwort haben. Mag es Überraschungen, positiv oder auch nicht so positiv, geben.

Vielleicht führt uns der Gedanke, dass gerade auch im Kleinen, im Ohnmächtigen, abseits vom Glanz, Wichtiges geschieht, – wie damals in den Erzählungen der „Weihnachts-Schriftsteller“ -, dahin, Weihnachten heute mit anderen Augen neu zu sehen.

 It wasn’t expecting that! – Das wäre doch eine Überraschung!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen / euch / dir vom Blog Unkraut und Weizen

FROHE WEIHNACHTEN

Dr. Ulrich Kmiecik, Berlin

 

 

Hören und lesen

Eine Story hören, die mit der eigenen Geschichte zu tun hat, ist ergreifend. Dramatisch schildert dies Nehemia (3. Jh. v. Chr.), der Esra bei einer Lesung der Weisung des Herrn die Menschen zum Weinen bringt (Neh 8,1-12). Dieses Vorlesen und damit Hören der Schrift ist das Urbild unseres Wortgottesdienstes.

Seit jener Zeit hat sich bis zum heutigen Tag in der Vermittlung des Textes im Gottesdienst kaum etwas verändert. Wir hören den mündlichen Vortrag der Schriftleserinnen und Schriftleser. Die Kunst des Hörens ist angesagt.

Zur Zeit des Esra waren eingeladen „Männer und Frauen und überhaupt alle, die schon mit Verstand zuhören konnten.“ Für unsere Tage schier unglaublich ist die Erwähnung, „vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra vor“. Die Vorlesekompetenz des Vortragenden wurde damit umschrieben, dass Esra als Priester und Schriftgelehrter (sofer) vorgestellt wurde. „Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigenes dafür errichtet hatte“, wohl damit man ihm besser zuhören konnte. Nicht unbedeutend ist auch die Bemerkung: „die Leviten, erklärten dem Volk die Weisung… sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten.“

Das Gehörte an diesem „heiligen Tag zur Ehre des Herrn“ wurde gefestigt mit der kulinarischen Aufforderung: „Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein!“ Bei solch singulär festlichen Aufwand dürfte tatsächlich etwas hängen geblieben sein.

Bekenntnis und Zeugnis der Vortragenden kann selbst bei mittelmäßiger Lesung auch heute noch Hörerin und Hörer in Bewegung, wenn auch nicht gleich zum Weinen bringen. Mnemotechnische Mittel wie z.B. Satzbau, Wortwiederholungen und Rhythmus, die bereits im Text vorgegeben sind, mögen das Merken erleichtern. Doch was bleibt haften, wenn wir Woche für Woche, 52mal im Jahr die Botschaft nur hören?

Menschen, die nur hören und nicht lesen können, haben ein ausgeprägtes Gedächtnis und eine besondere Aufmerksamkeit.

Seit der allgemeinen Schulpflicht (18./19.Jhd.) und der damit verbundenen Alphabetisierung können viele Menschen im deutschsprachigen Raum lesen. Mit dem Lesevermögen haben sie in zunehmender Weise aber auch Gedächtnis und die Aufmerksamkeit zum Zuhören verlernt.

Deshalb hören in der Folge die Menschen beim Wortgottesdienst heute schlechter zu, ihre Gedanken gehen während des Vortrags gerne spazieren. Weitere Gründe für den Hörverlust in der Moderne kommen hinzu. Beim Verlassen der Kirche haben Gottesdienstbesucher schon vergessen, was sie kaum gehört haben.

Wir können auch lesen

Eine Maßnahme gegen das Vergessen könnte ein Leseblatt der Schriftlesungen sein, wie es in vielen Ländern üblich ist. Gottesdienstbesucher nehmen die Schriftlesungen des Sonntags verschriftet mit nach Hause und können im Nachgang die Inhalte nochmals zurückholen, vergegenwärtigen, meditieren, betrachten, studieren und in der Folge anwenden.

Der Akt der Vermittlung des Wortes Gottes, zu dem der gelesene Text werden möchte, war und ist durchaus kompliziert. Vormals mündliche Inhalte (Erzähltexte) werden gehört, später verschriftet und dann als Hl. Schrift wieder vorgetragen und in neuem Kontext erneut gehört. Es sind inzwischen Hörtexte, die schwer verständlich werden. Nicht zuletzt weil sich der Lebenszusammenhang und das Hörvermögen der Menschen gewandelt hat. Selbst bei bestem Willen reicht das Hören nicht mehr aus, die Inhalte zu verstehen. Es braucht mehr Redundanz, um die Inhalte zurückzuholen, zu vergegenwärtigen und sie hin und her zu bewegen (Ruminatio).

Ein Weg der Redundanz kann das wieder und wieder Hören in der Sonntagsliturgie sein, deren Texte sich bekanntlich spätestens im vierten Jahre wiederholen. Über Jahrzehnte hin gehört mag dann am Ende doch etwas hängen bleiben.

Ein anderer Weg der Redundanz ist das Lesen. Leseblätter der Schriftlesungen für die ganze Sonntagsgemeinde oder am Ende gar eine Bibel könnten eindeutig Abhilfe schaffen.

Hörvermögen und Leseverstehen ergänzen und überlagern sich. Am Ende bleibt die Botschaft, die einen Weg zum „hörenden Herzen“ finden möchte.

Reinhold Then, Regensburg

(Der Autor versucht gerade Leseblätter zu den Schriftlesungen der Sonntage in der neuen Einheitsübersetzung im deutschsprachigen Raum einzuführen. Sie sind derzeit abrufbar unter dem virtuellen Lehrhaus der Bibelpastoralen Arbeitsstelle:  http://www.bpa-regensburg.de)

Faktisch – Postfaktisch – Kontrafaktisch

Die Wise Guys mit ihrem Song >Jetzt ist Sommer< und die Erzählung von Petrus im Gefängnis in der Apostelgeschichte

Der Ausdruck >Postfaktisch< wurde im letzten Herbst zum Wort des Jahres 2016 gekürt. Der Begriff zielt auf unsere gefühlte Wahrheit, die für unser Leben von Bedeutung ist. Unsere Wirklichkeit, die immer vielschichtig und mehrdimensional ist, beinhaltet verschiedene Wahr­heiten, denn aus menschlicher Sicht existiert >die eine Wahrheit< nicht.

>Kontrafaktisch< zur Wirklichkeit singen die >Wise Guys> in ihrem Song von 2011 ihre eigene gewünschte Realität:

„Wenn nix draus wird wegen sieben Grad…“, dann schaffen wir uns trotzdem einen schönen Sommer. „Ich drücke einfach auf den kleinen grünen Knopf und die Sonne geht an in meinem Kopf: Sommer ist, was in deinem Kopf passiert, es ist Sommer, ab ins Gummiboot, der Winter hat ab sofort Hausverbot“.

Der Traum hier bei den >Wise Guys< von einer Kompetenz in uns selbst, die – auch wenn es >faktisch< alles andere als Sommer ist, bei uns diesen Sommer schafft!! Natürlich meint der Begriff >Sommer< in der Verwendung bei den Wise Guys auch ein viel weiteres Spektrum:

Ein Leben in Balance, mit sich selbst, mit den Menschen, die wichtig sind, die einen lieben, die man selbst liebt, der gute Kontakt zur Natur, zur Schöpfung bis hin zum Draht nach „oben“, zur Transzendenz, zu Gott.

Sommer ist, was im Kopf passiert

Aber auch das Gegenteil gibt es – die andere Realität. Dann ist >postfaktisch< kein Sommer, selbst wenn draußen 30 Grad angezeigt werden. Menschen finden keine Hoffnung, vielmehr herrscht Verzweiflung, Depression, Mutlosigkeit und für das Leben fehlt die Perspektive.
Was wäre das für ein Traum, wenn das möglich wäre:

„Ich drücke einfach auf den kleinen grünen Knopf und es ist Sommer“.

Im realen Leben wissen wir, dass wir hierfür mehr tun müssen. Gerade bei psychischen Krisen brauchen wir Geduld, denn so einfach legt sich der Schalter nicht um. Gespräche sind nötig, Therapien, Medizin. Und bei gesellschaftlichen Problemlagen braucht es das Bewusstsein, dass es in der politischen Diskussion nicht allein um Emotionen, sondern auch um Fakten geht. Auf jeden Fall aber ist zu wünschen, dass „der kleine grüne Knopf“ sich nicht zurückgeschaltet.

Werfen wir ein Blick auf die Erzählung von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis in der Apostelgeschichte, Kapitel 12,6-11 und suchen nach dem >Faktischen<, >Kontrafaktischen< und >Postfaktischen<.

In Jerusalem hatte König Herodes Petrus verhaften lassen und in einer Gefängniszelle eingesperrt. In der Übersetzung der >Volxbibel< heißt es dann:

6 Eine Nacht vor der Verhandlung schlief Petrus seelenruhig in seiner Knastzelle. Zwei Soldaten, an die er mit Ketten gefesselt war, lagen neben ihn, ein dritter hielt vor der Tür Wache. 7 Plötzlich kam ein Engel mitten in die Zelle!

Es war so derbe viel Licht da, als hätte jemand einen 1000 Watt – Halogen­strahler angemacht. Der Engel weckte Petrus auf und sagte zu ihm:  „Hey Petrus, schnell, steh auf!“In derselben Sekunde wurden die Handschellen aufgesprengt.

8 „Zieh deine Klamotten an, nimm deine Jacke, und dann mir nach“, sagte der Engel zu ihm.9 Petrus ging hinter ihm langsam aus der Zelle raus, aber es kam ihm die ganze Zeit so vor, als würde er träumen. 10 Sie gingen, ohne dass jemand was mitbekam, einfach durch die Wachleute durch, einer nach dem anderen, bis sie schließlich an ein schweres Eisentor kamen. Das öffnete sich von alleine, sie gingen durch und waren auf einer engen Straße. Und zack, war der Engel auch schon wieder verschwunden. 11 Jetzt schnallte Petrus erst, was da gerade abgegangen war. „Ich habe nicht geträumt! Gott hat tatsächlich einen Engel vorbeigeschickt, um mich hier rauszuholen! Herodes kann noch lange warten, bis ich hingerichtet werde!“

Diese Geschichte wurde von einem unbekannten Schriftsteller und Evan­gelienschreiber verfasst, nachträglich von den Kirchenvätern wird er LUKAS genannt, gut 60 Jahre nachdem Petrus in Jerusalem gewirkt hat, und 30 Jahre nach dem Märtyrertod des Petrus.

Und so müssen wir >postfaktisch< gesehen sagen: die Erzählung ist zu allererst im Kopf des Geschichtenschreibers Lukas passiert. Schriftsteller arbeiten so.

Aber Lukas fasst in dieser Geschichte Erfahrungen von Gefangenschaft und Befreiung in Worte und spricht sie dem Petrus zu. Und wer von den Hörern und auch von uns kann nicht erzählen, was es heißt – real und auch innerlich – eingesperrt und gefesselt zu sein oder sich wie in einem Gefängnis zu fühlen. Wer kennt nicht das Erleben von Freiheit, von Befreiung, vom Aufsprengen der Fesseln?

Die Nacht, die Ketten, das Gefängnis sind reale Bilder für Verlorenheit und Unfreiheit. Das Licht, der Engel, die Überwindung von Hindernissen, die offene Tür sind Zeichen einer göttlicher Rettung.

Und der Verfasser des Textes stellt mit seiner Erzählung anschaulich dar, dass Gottes Macht größer ist als >faktische< staatliche Gewalt.

Dahinter steht die Erfahrung der jungen Christinnen und Christen: GOTT steht auf der Seite der Jesus–Leute. Die Befreiung erscheint für Petrus wie ein Traum. Mit traumwandlerischer Sicherheit wird sie zur Wirklichkeit.

Die Wise Guys könnten singen: „Befreiung ist, was im Kopf passiert“.

Bei Petrus ist der Schalter umgelegt, die Freiheit „geht an in seinen Kopf“.

Was sich in der Erzählung in Bilder verdichtet, kann in jeder Befreiung erlebt und erfahren werden. Lukas legt es dem Petrus so in den Mund: „Was da gerade abgegangen ist, habe ich nicht geträumt! Gott hat tatsächlich einen Engel vorbeigeschickt, um mich hier rauszuholen! Herodes kann noch lange, lange warten“.

>Postfaktisches< Erleben, >kontrafaktisch< zur Wirklichkeit als Motivation zur Überwindung realer Hindernisse.

Das zeigt die Erzählung aus der Apostelgeschichte. Und sie wünscht uns einen Engel auf unserer Seite und es passiert in unseren Köpfen: Menschen werden aus ihren inneren und äußeren Gefängnissen befreit, Fesseln werden gesprengt und Menschen können in einem Gleichgewicht wieder gut leben.

Kontrafaktisch – Postfaktisch – Faktisch

Dies ist Botschaft des Textes.

Dr. Ulrich Kmiecik, Berlin

Endlich da: Die neue Einheitsübersetzung!

Am 20. September 2016 stellte die Deutsche Bischofskonferenz nach zehnjähriger Arbeit die überarbeitete Einheitsübersetzung der Öffentlichkeit vor. Mit großer Deutlichkeit benannte der Vorsitzende des Leitungsgremiums Bischof em. Dr. Joachim Wanke dabei das grundlegende Problem jeder Revision: „Viel Vertrautes bleibt, und einiges wird uns ungewohnt vorkommen – eine wunderbare Chance, dass wir wieder genauer hinhören und Gottes Wort neu an uns heranlassen.“

Zu Geschichte und Stil der Einheitsübersetzung

Die Einheitsübersetzung ist die katholische Übersetzung für alle Bereiche kirchlichen Lebens (Liturgie, Katechese, Verkündigung, private Lektüre etc.) im gesamten deutschsprachigen Raum. Herausgeber sind deshalb die Bischofskonferenzen von Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie die Erzbischöfe von Luxemburg, Vaduz, Straßburg, Bozen-Brixen und Lüttich. Von daher hat sie den Namen „Einheits“-übersetzung erhalten.

Den Anfangsimpuls zu diesem Projekt gab 1960 das Katholische Bibelwerk e.V. mit einer sogenannten „Denkschrift“, die mit Blick auf die Bibellektüre der Gläubigen an die Bischöfe den Wunsch nach einer einheitlichen deutschen Übersetzung richtete. Dieses Anliegen stieß auf offene Ohren, noch bevor das II. Vatikanische Konzil den Weg zu einer biblischen und muttersprachlichen Erneuerung von Seelsorge und Liturgie öffnete und in der Offenbarungskonstitution Dei Verbum auch die Übersetzung aus den Urtexten zum Prinzip machte.

Die Einheitsübersetzung ist in großem Maß ein „Kind“ der innerkirchlichen Erneuerungen vor dem und rund um das Konzil. Das wird an verschiedenen Aspekten deutlich: Die Einheitsübersetzung bietet eine Übersetzung aus den Urtexten in ein gehobenes Gegenwartsdeutsch, weder zu feierlich, noch zu alltagssprachlich. Neben Bibelwissenschaftler/innen hatten auch Sprachwissenschaftler/innen und Schriftsteller/innen an den Texten gearbeitet. Von diesem hohen Niveau sollten auch bei der Revision keine Abstriche gemacht werden.

Nach über 20 Jahren mehrten sich aber die Stimmen, die v.a. eine neue Annäherung an die aktuelle Gegenwartssprache sowie die Korrektur von Übersetzungen forderten, deren Textgrundlage oder theologische Interpretation sich verändert hatte. Nach intensiver Vorklärung startete das Gremium der Revisor/innen 2006 mit dem klaren Auftrag seine Arbeit, keine neue Übersetzung, sondern eine moderate Revision zu erstellen. Die Intensität der Veränderungen ist je nach Buch verschieden stark ausgeprägt.

Einige Akzente der Übersetzung

Ein Novum ist in der neuen Einheitsübersetzung die deutlichere Nähe zum biblischen Text. Dies wird z.B. bei biblischen Wendungen wie „siehe“, „es geschah“, „er erhob die Augen und sah“ sichtbar und hörbar, die in der Fassung von 1980 als nicht sinngebend gestrichen worden waren. Heute versteht man genau diese „Floskeln“ als Signale für Leser/innen und Hörer/innen, sich dem Wort der Schrift zu öffnen.

Ebenso ist der biblische Sprachgebrauch bei Metaphern und Vergleichen oft wörtlicher beibehalten: Die „Hand“ bleibt eine „Hand“ und wird bei metaphorischer Redeweise nicht mehr aufgelöst zu „Macht“, „Gewalt“ oder „Herrschaft“, und der „Bund“ wird „aufgerichtet“ und nicht mehr „geschlossen“.

Nach 20 Jahren wurde jetzt der Text auch an den aktuellen Sprachgebrauch angepasst, so dass z.B. das Modewort „betroffen“ sein, nun dem biblischen „Staunen“ oder „Erschrecken“ Raum gibt, „Leute“ wieder zum „Volk“ werden und Maria und Elisabet „schwanger werden“ anstatt zu „empfangen“. Auch sprachliche Hinzufügungen wurden zurückgenommen, nun beginnt 1 Kor 15,36 knapp mit: „Du Tor! ..:“ und nicht mehr als ganzer (aber hinzugefügter Satz): „Was für eine törichte Frage!…“

Offensichtliche Fehler in der Übersetzung wurden ebenfalls korrigiert, so dass der Blindgeborene in Joh 9 nun nicht „wieder“ sieht, sondern eben erstmals „sehen kann“ und David „rötlich“ und nicht etwa „blond“ ist.

Analog zu anderen deutschsprachigen Übersetzungen wie z.B. der Lutherbibel umschreibt die neue Einheitsübersetzung den nicht auszusprechenden Gottesnamen mit „HERR“ (in Kapitälchen) und macht ihn so eindeutig erkennbar. Das geschah v.a. aus Respekt gegenüber der jüdischen Praxis, den Gottesnamen JHWH nicht auszusprechen. Gesprochen wird ein Ersatzwort wie „adonaj/mein Herr (in einer Form, die aber nur Gott allein vorbehalten ist) oder „ha-Schem/der Name“ u.a.

Im Hebräischen Text stehen nur die Konsonanten des Gottesnamen JHWH, die dazugeschriebenen Vokale stammen vom jeweiligen Ersatzwort. Es ist ein unersetzbarer Teil religiöser Erziehung, das zu wissen.

Bisher gab es in der Einheitsübersetzung an etwa 150 Belegstellen die Variante „Jahwe“ oder einfach die Anrede „Herr“, die aber den Namen im Grunde unsichtbar machte. Die jetzt sichtbare Erkennbarkeit des Eigennamens ist ein echter Gewinn. Gleichzeitig ist „Herr“ egal in welcher Schreibweise, zwar eine gebräuchliche und durch Luther, Zürcher Bibel, u.a. deutschsprachige Übersetzungen eingeführte, zudem mit dem neutestamentlichen „kyrios/Herr“ gut identifizierbare Umschreibung, sie zementiert aber dennoch eine patriarchale Redeweise von Gott. Und das gerade an den Orten, an denen der Eigenname Gottes eine Beziehungsbeschreibung sein könnte und keine „Herrschaftsaussage“. In jedem Halleluja verwenden wir ja auch die Kurzform des JHWH-Namens: Hallelu-JA. Vielleicht wäre das auch eine spannende Idee gewesen: „JA (JHWH), hat mich zu euch gesandt.“ (Ex 3,14). Oder eine Form wie im Hebräischen zu entwickeln: Geschrieben: JHWH, gesprochen GOTT und gedruckt als JHWHGOTT. Beim Hören des Textes z.B. in der Liturgie sind Kapitälchen ebenso nicht wahrnehmbar.

Eine Überraschung wird für viele die Einführung von inklusiver Sprache sein, wenn eine Gruppe aus Männern und Frauen besteht, wie z.B. in der Anrede an die Gemeinde als „Brüder und Schwestern“ in den Paulusbriefen oder die Bezeichnung „Kinder“ statt „Söhne“. Diese Entscheidung bedeutet aber nicht, dass aus „Mann“ immer „Mensch“ wird und so lautet Ps 1,1 weiterhin: Selig, der Mann …“ („Selig“ allerdings ersetzt das sprachlich schwache „wohl“.)

Vollständig überarbeitet wurden auch die Einleitungen zu den biblischen Büchern, die Überschriften über Sinnzusammenhänge, der Anmerkungsapparat, sowie die Anhänge insgesamt.

Schließlich muss erwähnt werden, dass einige „Antisemitismen“ getilgt wurden, die nicht als historische Zeugnisse des antiken Konfliktes zwischen der sich entwickelnden christlichen Gemeinschaft im Gegenüber zum bleibenden Judentum im Neuen Testament stehen, sondern als „Eintragungen“ in den Text zu werten sind.

Dazu gehören manche Überschriften (vgl. Joh 12,37 ) oder die Streichung der Hinzufügung in Röm 11,28, die jüdische Menschen als „Feinde Gottes“ bezeichnete, sowie das äußerst sensiblere Verb „übergeben“ statt „verraten“ für die Handlung des Judas.

Besondere pastorale Chancen

Die Überarbeitung der Psalmen wird vermutlich die größten Emotionen auslösen, weil man mit diesen Texten oft persönlich sehr intensiv in langer Gebetspraxis verbunden ist. Es braucht vielleicht etwas Anstrengung, um sich z.B. an die Neufassung von Psalm 23 zu gewöhnen. Gleichzeitig steckt genau darin die Chance jeder neuen Übersetzung: Es werden Akzente sichtbar, die vorher verdeckt waren, man hört nochmal genauer hin, man wird sich seiner eigenen Bilder und manchmal auch Vorlieben bewusst.

Psalm 23

1Ein Psalm Davids./Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.2Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. 3Meine Lebenskraft bringt er zurück./ Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit,/ getreu seinem Namen. 4Auch wenn ich gehe im finsteren Tal,/ ich fürchte kein Unheil;/ denn du bist bei mir,/ dein Stock und dein Stab, sie trösten mich. 5Du deckst mir den Tisch/ vor den Augen meiner Feinde./ Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt,/ übervoll ist mein Becher. 6Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang/ und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Im katholischen Gotteslob bleiben die Psalmen in der Fassung von 1980 zunächst erhalten, so dass hier im liturgischen Gebrauch Zeit zur langsamen Annäherung geschenkt ist. Überhaupt hat man v.a. auch die Tagzeitengebete des Magnifikat, Benediktus und Nunc Dimittis nicht verändert. Die liturgischen Bücher werden Schritt für Schritt veröffentlicht.

Eine von heute aus gesehen eigenartige „Hebraisierung“ des Titels „Christus“ zu „Messias“ wurde zugunsten des griechischen Begriffs gestrichen. Hier wird es sicher Klärungsbedarf geben, spätestens wenn die ersten Texte ohne „Messias“ liturgische Verwendung finden.

Die „Brüder und Schwestern“ in den Paulusbriefen werden viele freuen, aber vielleicht auch Gegner finden. Ebenso wird es wohl der textkritischen Richtigstellung der von Paulus gegrüßten Apostelin namens Junia (Röm 16,7) ergehen.

Persönlich habe ich bisher am intensivsten von ersten Leser/innen Rückmeldungen zur Umschreibung des Gottesnamens in Ex 3,14 erhalten. Hier wurde aus dem „Ich-bin-da“ das sprachlich sicher korrektere „Ich-bin“. „Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin, der ich bin. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt.“ 

Für viele wird gerade diese Veränderung als ein schmerzlicher Verlust des vertrauten „Ich-bin-da“ sein. Das wird in der Katechese neu zu füllen sein und bestimmt jeder Bibelgruppe Anlass zu einem anregenden Gespräch geben.

Dr. Katrin Brockmöller, geschäftsführende Direktorin Katholisches Bibelwerk e.V.

Der Nächste bitte!

Diesen Satz kennen wir nur allzu gut aus der Arztpraxis. Man ärgert sich, wenn der Nächste ein anderer ist, und wartet darauf, selbst der Nächste und damit endlich an der Reihe zu sein. Der Nächste bin ich am liebsten selbst.

Der Nächste bitte! – Unter dieser Überschrift fand sich vor einiger Zeit ein Zeitungsbericht zu einer Episode des Personenkarussells, das sich immer wieder  in Wirtschaft und Politik dreht. Hier ist der Nächste – je nach Sichtweise – der Hoffnungsträger oder eine Bedrohung für seinen Vorgänger, den er ablöst. Oder er ist der, auf den man voll Neid schaut, weil man selbst so gerne die Stelle bekommen hätte, die jener jetzt einnimmt.

In solches Denken platzt die so oft zitierte Nächstenliebe als Zentrum eines biblisch-christlichen Ethos ziemlich störend hinein. Keineswegs aber erst heute! Das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 25-37), in dem Jesus angesichts eines Raubopfers zwei tatenlos Vorbeigehende einem hilfreichen Mann aus der damals feindlich beäugten jüdischen Gruppe der Samariter gegenüberstellt, steht ja nicht im luftleeren Raum. Es antwortet auf die von Jesus erinnerte Forderung der Tora nach Nächstenliebe und die damit provozierte Frage: „Wer ist denn mein Nächster?“ Ein cleverer Schachzug, diese Frage eines Mannes, der von Jesus die Einlassbedingungen für’s ewige Leben wissen will. Wenn schon eine solch schwierige Forderung wie die der Nächstenliebe, dann bitte eine konkrete Liste! Sie böte zwei Vorteile: Man könnte sie abhaken wie die einzelnen Therapieeinheiten in einer Kur zum Nachweis bei der Krankenkasse. Und wer auf der Liste nicht erscheint – den brauche ich auch nicht zu lieben.

Leider tut Jesus den Gefallen nicht. Besser: Gott sei Dank tut er es nicht. Stattdessen erzählt er ein Gleichnis, das komplexer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Klar: Die Räuber haben den Niedergeschlagenen nicht geliebt. Und doch könnte man schon hier fragen: Was war ihr Motiv? Von menschenverachtender Geldgier bis zur existentiellen Not, der bislang niemand abhelfen wollte oder konnte, ist alles denkbar – ebenso wie berechtigte oder unberechtigte Rache. Von daher könnte man schon an dieser Stelle ein erstes Mal fragen: Was hindert Täter an der Nächstenliebe? Was hindert daran, in irgendeiner Weise einmal nicht zuzuschlagen? Und wird das Opfer fortan ein in der Liebe „Behinderter“ sein? Misstrauen und Menschenangst  lassen ihn vielleicht überall nur noch „Räuber“ vermuten.

Zwei Männer, fertig mit ihrem Dienst am Tempel, gehen mit abgewandtem Gesicht am Daliegenden vorbei. „Bei aller Liebe!“ – nach dem Wochendienst heißt es jetzt auf schnellstem Weg heim zu den Lieben. Kein Risiko! Keine Verunreinigung durch Blutkontakt, die aufwändige Reinigungsriten nach sich ziehen würde. Außerdem sieht „der da“ nicht so aus, als sei noch etwas zu machen. Toragebot der Nächstenliebe hin, Toragebot der Nächstenliebe her – hier gilt das Gebot der Stunde: heimwärts! Die Nächstenliebe hat – frei nach Kohelet 3 – „ihre Zeit und Stunde“, also: Jetzt nicht!

Der besagte Samariter sieht das offensichtlich anders. Er sieht – und hilft. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Das äußere Bild der Not dringt in sein Inneres – biblisch ist der Ort der Barmherzigkeit der Leben schenkende Mutterschoß (hebräisch) oder die Eingeweide (griechisch). Mitgebrachtes Öl und Wein – wohl eher für Zuhause gedacht – wird zu Desinfektionszwecken eingesetzt, das Reittier als Transportmittel zur Verfügung gestellt und eine wohl kaum vorgesehene Nachtwache im Wirtshaus eingeschoben. Mehr ist nicht drin an Eigenleistung. So wechselt auch noch Geld den Besitzer zur weiteren Versorgung durch den Gastwirt mit versprochener Nachzahlung, wenn die Summe nicht ausreichen sollte. Wird der Wirt wirklich helfen, oder – im Sinne eines reinen Materialisten – das Geld ohne Leistung einstreichen?

Viele Möglichkeiten, sich im Gleichnis fragend zu verorten; es wie einen Raum zu betreten mit vielen „Andockstationen“, um möglicherweise diesen Raum am Ende anders zu verlassen, als man ihn betrat.

Die Überraschung kommt zum Schluss. Man könnte ja mittlerweile vor lauter Erzählen vergessen haben, dass Jesus eigentlich auf eine Frage antworten wollte: „Wer ist mein Nächster?“ Das wollte der Fragesteller wissen. Jetzt antwortet Jesus mit einer Gegenfrage: „Wer ist dem Opfer zum Nächsten geworden?“ Auf das Gleichnis bezogen ist die Antwort simpel: Natürlich der Samariter! Aber es geht gar nicht um den Samariter, sondern immer um mich – die bzw. jeweils Lesende(n). Damit bin ich wieder am Anfang der Ausführungen. Ich bin nicht nur am liebsten immer der Nächste. Der Nächste zu sein wäre auch tatsächlich im Sinne dessen, was Jesus und die Heilige Schrift einfordern.

Der Nächste bin tatsächlich immer ich selbst, aber nicht als vom Arzt hereingebetener Patient, sondern als barmherziger Helfer, der im anderen keine Bedrohung, keinen Störer, Auszunutzenden oder Lästigen, sondern einen Menschen sieht, der meine Zuwendung braucht.

Der Nächste bitte! Der Satz lautete besser: „Sei du der Nächste! Bitte!“

Dr. Gunther Fleischer, Köln