Warum ich die Bibel nicht lese

Ermutigt durch den Beitrag von Sebastian Mutke im jüngsten Bibel heute Heft (2 (2018), S. 28f: „Wo das Evangelium zu Hause ist“, möchte ich das Spitzenargument „Männer lesen nicht in der Bibel“ aufgreifen und durch Rückmeldungen aus katholischen Pfarreien ergänzen.

Warum ich die Bibel nicht lese:

Ich lese nicht.
Ich lese nur wenig.
Ich brauche eine Brille.
Ich kenne mich nicht aus in diesem dicken Buch.
Ich verstehe nicht, was ich da lese.
Ich bin sprachlich überfordert.
Ich habe keine Zeit.

Bibellesen hat mir mein Pfarrer noch nie empfohlen.

Bibellesen ist kopflastig.
Bibellesen ist elitär.
Bibellesen ist langweilig.
Bibellesen ist zu trocken.
Bibellesen ist anstrengend.
Bibellesen ist evangelisch.
Bibellesen ist superfromm.
Bibellesen ist lebensfern.
Bibellesen ist nur was für Frauen.
Bibellesen ist nicht wichtig, wichtig ist die Hl. Messe.

Die Bibel ist veraltet.
Die Bibel ist zu fremd.
Die Bibel ist ein zu dickes Buch.

Die Argumente sind nicht erfunden, sondern wurden über Jahre hin von PastoralreferentInnen und GemeindereferentInnen gesammelt. Nehmen wir sie ernst. Wer Augen hat zu lesen, der lese.

Reinhold Then, Diözesanbeauftragter für das kath. Bibelwerk in der Diözese Regensburg

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Jesus – Markus – und jetzt?

Seit nun doch schon einigen Jahren beschäftige ich mich mit der Übertragung von Bibeltexten in Leichte Sprache. Ein Spezifikum dieser Leichten Sprache ist, dass sie absolut verständlich sein muss. Mehrdeutige oder gar missverständliche Textaussagen darf es nicht geben. Das liegt an der Zielgruppe für diese Leichten Texte: Menschen mit Lernbehinderung.

Für den „Übersetzer“ heißt das, dass er einen Text sehr gut verstanden haben muss, um ihn in Leichte Sprache übertragen zu können. Was bei einer Gebrauchsanleitung noch relativ einfach ist, wird bei literarisch anspruchsvolleren Texten schon schwieriger. Sie sind „bedeutungsoffen“ und können auf mehrerlei Weise verstanden werden. Da muss sich der Übersetzer in Leichte Sprache leider (!) für eine ganz bestimmte Deutung entscheiden.

Der Witz bei den Gleichnissen

Eine ganz besondere Herausforderung aber stellen Gleichnisgeschichten dar. Sie wollen ja „im übertragenen Sinne“ Klarheit schaffen. Sie schaffen den Zuhörenden einen offenen Raum, in dem diese selber ihre Lösung für das gestellte Problem finden können (sollen). Wenn man ein Gleichnis erklären muss, ist die Geschichte kaputt. Das ist wie bei einem Witz.

In Leichter Sprache komme ich aber um die Erklärung einer Gleichnisgeschichte nicht herum. Das mag man bedauern, aber es ist halt trotzdem so. Weil Gleichnisse in Bildern erzählen, die aufgelöst werden müssen. Was mache ich aber, wenn es zum selben Gleichnis mehrere Erklärungen gibt wie z. B. in Markus 4? Da erzählt Jesus das Gleichnis vom Sämann, in dem er breit ausführt, wie viel beim Säen „daneben geht“, um dann am Schluss zu zeigen, dass der Erfolg des Wenigen, das auf guten Boden fiel, die Verluste bei weitem aufwiegt (Mk 4, 1-9). Kurz darauf folgt dann aber eine Erklärung, die in eine ganz andere Richtung geht, weil sie das Gleichnis allegorisch auslegt (Mk 4,13-20). Da geht es nicht mehr um den Sämann und seine Zuversicht beim Ausbringen der Saat, sondern um den richtigen Boden, der Frucht bringen soll.

Von Jesus zu Markus

Es scheint mir einigermaßen klar zu sein, dass das eigentliche Gleichnis noch viel näher an dem dran ist, was Jesus verkündet hat: Es spricht von seiner Zuversicht, dass die Verkündigung des Reiches Gottes Frucht bringt, auch wenn es vielleicht zunächst einmal gar nicht danach aussieht. Die allegorische Auslegung deutet demgegenüber eine ganz andere Geschichte und stammt (nicht nur) meines Erachtens sicher nicht von Jesus. Sie ist später hinzugewachsen.

… und heute?

Mir geht es jetzt nicht darum, welcher der beiden Texte heiliger ist oder womöglich der „eigentliche“ Bibeltext. Meine Frage ist: Wenn Markus diese beiden Texte vorgefunden und hintereinander gestellt hat, möchte er dann das Gleichnis auf diese ganz bestimmte Form verstanden wissen? Und: Müssen wir als Übertragende diese Deutung übernehmen, also die allegorische Deutung bereits in die Übertragung des Gleichnisses in Leichte Sprache eintragen? Oder sagen wir: Nachdem Jesus dieses Gleichnis erzählt hatte, erzählte er ihnen, wie man die Geschichte auch noch anders verstehen kann …?

Schwierig, schwierig!

Dieter Bauer, Kath. Bibelwerk, Stuttgart

Aufhören oder mitmachen?

Zwischen diesen beiden Polen schwanken gerade all die Fastenzeitbegleiter, Kalender und Impulse, die es allenthalben auf dem Markt gibt. Sieben Wochen ohne, sieben Wochen mit … wofür entscheide ich mich? Was passt gerade zu mir?
Genau da fängt für mich die Frage an: Worum geht es in diesen 40 Tagen? Um mich? Darum, dass es mir besser geht, dass ich mehr die bin, die ich sein möchte, dass ich perfekter, kompatibler, kompromissloser oder kompromissbereiter werde?
Der Schriftlesung am Aschermittwoch aus dem Buch Joel (Joel 2,12-17) mahnt mit eindeutigen Worten:

Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider!

Das heißt doch: Bleibt nicht beim Äußeren stehen, sondern wagt euch ins Innerste vor! Was denkt ihr wirklich? Was berührt Euch? Wem wendet sich Euer Herz zu? Gott, Euch selbst oder den Nächsten? Wo muss ein Schnitt gemacht werden?
Und noch etwas! Joel beschreibt im nächsten Vers Gott: gnädig und barmherzig, langmütig, reich an Güte, voller Erbarmen und Reue über seine eigene Strenge, mit der er uns auf den rechten Weg bringen möchte. Ja, auch Gott selbst ist bereit, umzukehren und uns mit Segen zu begegnen. Mit so einem Gott kann ich es wagen, mein Herz anzuschauen. Mit so einem Gott kann ich umkehren, um wieder mehr in seiner Spur zu gehen.
Schließlich fordert Joel auf, das Volk, die Alten, Kinder, Säuglinge, ja selbst Bräutigam und Braut zu versammeln und die Gemeinde zu heiligen, damit alle sehen und hören können, dass Gott mitten unter ihnen und mit ihnen ist.

Ich meine,  dass es darum in den kommenden 40 Tagen gehen könnte: wo hat Gott Platz in unseren Herzen und auf den öffentlichen Plätzen? Die Menschen heiligen – wie kann das geschehen?
Einer meiner Vorschläge wäre, aufzuhören. Aufzuhören mit den markigen, lautstarken Sprüchen, in denen all die Anderen schlecht und herunter gemacht werden bis zur Anstandslosigkeit. Aufhören mit dem Zuhören und zum Aufhören auffordern, wenn so geredet wird.
Der andere Vorschlag lautet, mitzumachen, wenn Gutes geredet wird. Hinzuhören, wenn von Herz zu Herz gesprochen wird. Vom Segen und Gesegnet sein zu erzählen. Von einem Gott, der voller Mitgefühl ist, und der mit jedem und jeder von uns umkehrt.

Barbara Janz-Spaeth, Diözese Rottenburg-Stuttgart

Der Bibel auf den Geschmack kommen

„Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein: Je mehr du es reibst, umso stärker duftet es.“ Diesem Satz Martin Luthers stimme ich zu. In Jahrzehnten mit der Bibel ist sie mir nie langweilig
geworden. Ob und wie die Bibel zum Lebens-Mittel wird, das hängt von verschiedenen Gegebenheiten ab.

1. Hunger ist der beste Koch!
Einer, der keinen Hunger hat, wird nicht essen wollen. Wer keine Frage, keine Sehnsucht hat, wird sich auch nicht auf den Weg machen. Ein erster Zugang zur Bibel ist also immer eine Sehnsucht, die einen im Leben gerade umtreibt: die Frage nach Gott, Liebe, Glück, dem Leid oder gar Tod, ein Familienthema … Das kann die treibende Kraft sein und dazu motivieren, mit der Bibel ins Gespräch zu kommen. Das geschieht am besten, indem man Bibeltexten Fragen stellt, zustimmt, widerspricht, darüber nachdenkt, weiterschreibt … Das Thema „Liebe zwischen Mann und Frau“ behandelt z.B. das Hohelied, Familienthemen kommen in Gen 12-50 vor, Deutungen von Leid im Buch Ijob. Zu den Stichwörtern, die einen interessieren, kann man die passenden Bibelstellen finden im Stichwortverzeichnis im Anhang der Bibel oder durch Recherche in den Online-Bibeln (z.B. http://www.bibelwerk.de; http://www.bibleserver.com).

2. Gegessen wird, was gekocht ist!
Die Bibel ist in einem Zeitraum von 800-900 Jahren vor 2000 Jahren entstanden. Da braucht es historisches Wissen und entsprechende Aufbereitung, damit das darin Überlieferte für uns verständlich und vor allem lebendig wird. Ob die Bibel „schmeckt“, entscheidet an erster Stelle die Übersetzung, die man wählt. Menschen, die bisher wenig Zugang hatten, brauchen oft eine Übersetzung, die schwer Verständliches gut in heutiger Sprache ausdrückt. Das tut z.B. die Basisbibel oder die Gute-Nachricht-Bibel. Mancher, dem der Appetit vergangen ist aufgrund der immer gleichen Übersetzung, in der er liest, mag das Eine oder Andere am Text ganz neu entdecken in einer anderen Übersetzung. So lohnt es sich, Psalmen in der Einheitsübersetzung 2016 zu lesen. Insgesamt ist sie näher am Urtext als die frühere Version, dadurch aber auch anspruchsvoller zu lesen.

3. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen!
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was Gottes Mund spricht!“ (Dtn 8,3; Lk 4,4), so zitiert Jesus. Es ist staunenswert, dass Menschen oft viel für die Fitness des Körpers und für die geistige Fortbildung aufwenden, aber sehr wenig für die Reifung der Seele, die geistliche Nahrung. In der Bibel ist reichlich davon da. Auch hier braucht es Entscheidung und Regelmäßigkeit, damit die Seele genügend genährt wird. Das kann z. B. die tägliche Schriftlesung sein in Abschnitten entlang einem biblischen Buch. Leib und Seele zusammen hält auch, wenn auf verschiedenen Ebenen Zugang zur Schrift gesucht wird: mit verstandesmäßiger Erkenntnis, mit emotionalen Zugängen wie über die Identifikation mit biblischen Gestalten, mit dem Erspüren des Herzens, über die betende Betrachtung.

4. Das Auge isst mit!
Beim Essen ist nachgewiesen wichtig, wie ein Gericht angerichtet ist und wie wir darauf schauen, ob wir es schmackhaft finden. Bei der Bibel lohnt es sich, hinschauen zu lernen, um Geschmack an ihr zu finden:
Wie bei Gerichten gibt es bei Bibeltexten Basiszutaten: Das sind Leitwörter, Kontraste, Schreibstil, Dramatik, der Zusammenhang, in dem ein Text steht. Sie können in jedem Text entdeckt werden. Darüber hinaus lassen sich Feinheiten aufspüren, die man bisher nicht entdeckt hat, indem man im Geist immer mal wieder eine andere Brille aufsetzt: mal die Perspektive des Verfassers, mal die wechselnden Erzählperspektiven der biblischen Personen, die uns der Text anbietet, mal die Dramatik, die sich entfaltet…

5. Genügend kauen, nicht hinunterhauen!
Wir sind oft gewohnt, schnell zu essen und schnell Texte aufzunehmen. In Ez 2,8-3,11 wird dem Propheten Ezechiel empfohlen, Gottes Wort in Form eines Buches gut zu kauen, bis es süß wird wie Honig. Von Brot weiß man, dass es, wenn es ca. 30 mal gekaut wird, süß wird, dass also durch das längere Kauen viel mehr Geschmack aufgeschlossen wird und sich entfaltet. Ein Wort, einen Satz aus einem gelesenen Bibeltext immer wieder meditativ vor sich hin zu sprechen, einfach zu verkosten, erschließt oft ganz Neues. Es kommt dann manchmal in Lebenssituationen zu Hilfe als Orientierung oder Trost.

6. Der Appetit kommt mit dem Essen!
Für Ungeübte schmecken am Anfang meist erzählende Bücher wie das Markusevangelium, das älteste Jesusbuch, das Lukasevangelium, das Buch Genesis, Buch Exodus oder kleine Bücher wie das Buch Rut. Ist man geübter, schmecken auch Bücher der Bibel, die mehr Aufwand brauchen, sie zu erschließen, wie z. B. prophetische Bücher. Deshalb braucht es bei mancher biblischen Kost auch Geduld und ein Einhören und Einüben, bis man auf den Geschmack kommt!

7. Das liegt schwer im Magen!
Und was ist mit schwer verdaulicher Kost? Die gibt es in der Bibel wie im Leben. Wichtig ist, sich vor Augen zu halten: Die Bibel will Menschen ins Heil bringen. Es ist manchmal mühsam, in gewalttätigen Texten die Gottesspur zu finden, aber sie ist fast immer da, wenn man spürsam hinschaut: durch das Unheil hindurch zum Licht.

8. Satt heißt nicht, dass keine Schokolade mehr hineinpasst!
Und wenn man genug hat von schweren Bibeltexten? Etwas geht immer noch wie beim Essen: ein Schmankerl. So manchen humorvollen Spruch, der einen zum Nachdenken bringt, findet man z.B. im Buch der Sprüche und in Jesus Sirach: „Besser ein trockenes Stück Brot und Ruhe dabei als ein Haus voll Braten und Streiterei.“ (Spr 17,1). Womit wir wieder beim Essen wären!

Der Beitrag erschien zuerst in „Dein Wort – Mein Weg“ 1/2018.

© Anneliese Hecht, Katholisches Bibelwerk Stuttgart

Der Weg ist nicht das Ziel

Eine irritierende Beobachtung zu den Wallfahrtspsalmen am Jahresbeginn

Gerade am Beginn des Jahres, das eine neue Wegstrecke von 365 Tagen bereit hält, könnte man meinen, das Gegenteil der Überschrift sei richtig: Der Weg ist das Ziel. Immerhin, hinter dieser Formulierung steht eine lange Tradition: Sie wird gemeinhin dem chinesischen Philosophen Konfuzius (551 – 479 v. Chr.) zugeschrieben. Das ist zwar räumlich gesehen weit weg vom Herkunftsraum der Bibel, doch zeitlich sind wir damit genau in einer wichtigen Phase der biblischen Geschichte. 539 v. Chr. haben die Perser die Babylonier als Herrscher des Orients abgelöst und für das Volk Israel beginnt die Phase der Rückkehr aus Babylonien nach Jerusalem sowie die Neuorganisation des eigenen Lebens rund um den 515 v. Chr. eingeweihten Tempel von Jerusalem.

War das nicht auch die Erfahrung Israels: Der Weg ist das Ziel? Die eben beschriebene Geschichtsphase wird umrahmt vom Weg in die Gefangenschaft und vom Weg zurück in die verlorene Heimat. Doch jeder weiß: Was nach Ziel aussah, war nur von sehr vorläufiger Natur. Denn spätestens 70 n. Chr. endet mit der Zerstörung Jerusalems durch Rom, was man für ein erreichtes Ziel hätte halten können. Es beginnt endgültig die Zeit des Unterwegsseins in der Welt für das Judentum.

Und ist es nicht so, als hätte Israel Konfuzius vorweggenommen, indem es in seiner Heiligen Schrift auch schon lange vor dem chinesischen Denker im Wesentlichen Weggeschichten erzählt? Die Abrahamerzählung, die Hin- und Herbewegung der Joseferzählung, der vierzigjährige Zug durch die Wüste unter der Führung des Mose, der innerhalb der Fünf Bücher Mose noch nicht einmal zum Ziel kommt – lassen sie nicht alle den Weg wichtiger als das Ziel erscheinen.?

Und das Neue Testament scheint sich hier nahtlos anzuschließen. Rastlosigkeit ist ein durchgängiges Motiv, egal ob wir vom umherziehenden Jesus oder dem missionarisch getriebenen Paulus lesen. Und dann heißt es ja auch noch von diesem Jesus, wie in einem Brennglas die eigene Sendung zusammenfassend: „Ich bin der Weg …“ (Joh 14,6).

Wir kommen nicht daran vorbei: Der Weg ist eine ganz zentrale Metapher in der Heiligen Schrift. Aber lautet ihre Auflösung ins weniger Bildhafte wirklich, dass alle Texte und Erzählungen, die sie verwenden, den Weg bereits als das Ziel propagieren wollen?

Eine überraschende Beobachtung wird machen, wer sich mit dieser Frage im Gepäck an die Lektüre der Psalmen 120 – 134 macht.  Man könnte diese Zusammenstellung von insgesamt 15 Psalmen als eine Art Pilgergebetbuch betrachten. Tatsächlich werden sie alle zusammengehalten durch ein Überschriftwort, das sehr oft – so auch in der revidierten Einheitsübersetzung – mit „Wallfahrtslied“ übersetzt wird. Auch wenn diese Übersetzung nicht als absolut sicher gelten kann, da hebräisch ma’alot zunächst einmal „Aufstiege“ oder „Stufen“ bedeutet, passt sie doch sehr gut zum Gesamtgefüge dieser geistlichen Lieder, das unabhängig von allen Konkretionen eine Bewegung von einem wo auch immer liegenden Herkunftsort (Ps 120,5 verweist mit Meschach und Kedar eher im Sinne von Platzhaltern auf nördliche und südliche Randbezirke) zum Tempel von Jerusalem erkennen lässt. In ihm empfangen die Betenden schließlich in einem nächtlichen Gottesdienst noch einmal den Segen (vgl. Ps 134), um danach vermutlich in den Alltag ihrer Herkunftsorte zurückzukehren.

Zumindest aus heutiger Betrachtung, die nicht zuletzt durch den „Boom“ des Pilgerns auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela geprägt ist, würde man in einem solchen Pilgergebetbuch die Entfaltung einer „Theologie des Weges“ erwarten und vermuten. Tatsächlich zeigt die Lektüre der Psalmen aber etwas völlig anderes: Der eigentliche Pilgerweg  wird in genau zwei Versen gleichsam „kondensiert“:

„Ich freute mich, als man mir sagte:
Zum Haus des Herrn wollen wir gehen.
Schon stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem“ (Ps 122,1-2).

Alles vorher ist betende Reflexion über die Aufbruchssituation (Ps 120 – 121), alles was folgt, nimmt das offensichtlich bereits erreichte Jerusalem in den Blick (Ps 122.125-127.132-134)oder ergeht sich in grundsätzliche Betrachtungen des Handelns Gottes (Ps 124.130) bzw. des Ergehens der Menschen (Ps 123.128.129.131).

Dem Pilgergebetbuch geht es offensichtlich nicht um den Weg, geschweige dass er das Ziel wäre. Es geht vielmehr – und davon sprechen immerhin sieben der Wallfahrtspsalmen – um Jerusalem. Aber auch dieses ist nur Zwischenstation. Der offene Schluss der Gesamtkomposition in Ps 134, der mit der Segensbitte in den Alltag entlässt, wie Gott mit dem Schöpfungssegen sein Werk in den Alltag des Seins und Lebens entlässt (vgl. Gen 2,3), macht dies deutlich. Der Wallfahrtspsalter spricht so viel von Jerusalem, dem Zion, dem Tempel als Wohnung Gottes und seinem Heiligtum, weil dieser Ort auf den verweist, dem selbst zu begegnen, den wirklich zu sehen das eigentliche Ziel ist. Genau das ist dem irdischen Menschen nicht möglich. Die räumlich (im Tempel) erfahrbare, und doch nie aus der Verborgenheit von Unsichtbarkeit, Ritus, Gebet und der sinnlichen Erfahrung von Sakralität heraustretende Gegenwart Gottes stärkt zwar für all die Wege, die so vielfältig wie die Menschen selber sind, damit diese ihr Ziel erreichen. Aber sie bleibt bei aller denkbaren Intensität vorläufig. Das durch keinen Weg ersetzbare Ziel ist Gott selbst, und zwar in unverhüllter Direktheit – von Angesicht zu Angesicht. Das Ziel ist die von allen „Zwischenmedien“ befreite Begegnung mit dem Schöpfer, der geduldig auf ein jedes seiner Geschöpfe wartet (vgl. das Bild vom himmlischen Jerusalem ohne Tempel, Leuchte und Stadttore in Offb 21,22- 22,5). Deren Weg ist nicht ein vorbestimmter, aber auch kein zufälliger. Es ist der von Gott ermöglichte und durch den Ruf ins Dasein initiierte, der nun aber vom Menschen selbst zu gestalten ist. Von diesen Gestaltungsmöglichkeiten und den dazu notwendigen Hilfen sprechen die Psalmen. Denn natürlich besteht auch immer die Gefahr, auf „krumme Wege“ (das Ps 130,3 verwendete Wort ‚awōn für „Sünde“ hat mit „krumm sein“ zu tun) zu geraten. Im Weg das Ziel zu sehen, überfordert das Leben und übersieht, dass wir zu viel Größerem berufen sind als zum ständigen Gehen, das oft genug ein mühseliges Stolpern, manchmal aber auch ein zu forsches, die „Kollateralschäden“ übersehendes Voranschreiten ist.

Wiederum mit einer Metapher gesprochen: Das Ziel ist nicht der Weg, sondern die „Ruhe“ (vgl. Hebr 4,3  unter Rückgriff auf Ps 95 und Gen 2,2), die nicht mit Langeweile zu verwechseln ist, sondern beglückende Erfüllung von Sehnsucht und das Ende aller Ängste, Getriebenheiten, Zwänge, Nöte, Depressionen oder auch die Selbsttäuschung über die Bedeutsamkeit von Erreichtem meint. Auf dem Weg dorthin braucht es „Tankstationen“, Vorerfahrungen dieser Ruhe. Im Wallfahrtspsalter wird das Erleben der Gegenwart Gottes im Tempel als eine solche „Tankstation“ erkennbar und benannt. Die Verse 8 und 14 in Ps 132 pendeln bedeutungsmäßig wohl zwischen dem realen Tempel als Ruheort und dem Tempel als Symbol für  den auf Erden nie zu habenden, aber als Ziel erwarteten Ruheort. Bedenkt man, dass zwar am Ende nicht der Tempel Bestand hatte, wohl aber das Pilgergebetbuch weiter exisitiert und gebetet wird, zeigt sich, dass es darum geht, im Beten seine vorläufigen, aber stärkenden geistlichen Ruhestationen zu finden, die einen nicht vergessen lassen, dass nicht der Weg, sondern Gott selbst als Weginitiator, Wegbegleiter (vgl. hierzu neutestamentlich die Emmausgeschichte in Lk 24,13-35 oder die Zusage aus Mk 16,7, dass der Auferweckte im Alltag von Galilä – also auch unserem Alltag – anzutreffen sei) und am Ende auf uns Wartender das Ziel ist.

In diesem Sinne wünsche ich ein immer wieder zu „Wassern der Ruhe“ (Ps 23,2) führendes Jahr 2018.

Gunther Fleischer, Köln

„Das habe ich nicht erwartet!!“

„I wasn’t expecting that“Jamie Lawson

Wie steht es bei Ihnen, bei dir und natürlich auch bei mir, dem Schreiber dieses Blogs, mit dem Unvorhergesehenen, den Überraschungen im Leben, mögen sie positiv oder auch mal nicht so positiv sein?

Oh, das habe ich überhaupt nicht gedacht, erwartet, vorausgesehen!

Der englische Sänger Jamie Lawson erzählt in seinem Song „Wasn‘t expecting that“ von den unerwarteten Dingen, von der Lebens- und Liebesgeschichte eines Paares, angefangen von einem ersten Lächeln, von den Momenten, die das Leben verändern bis am Ende einer allein ist, da die andere stirbt.

„It was only a smile but my heart it went wild
„Es war eigentlich nur ein Lächeln, aber mein Herz spielte verrückt
and I wasn’t expecting that
Das hat mich selbst etwas überrascht
just a delicate kiss, anyone could’ve missed
Dann ein Kuss …. so flüchtig, dass ich ihn kaum mitbekommen habe
I wasn’t expecting that
Ich habe es nicht erwartet

Isn’t it strange how a life can be changed
Oh, und ist es nicht merkwürdig, wie ein ganzes Leben sich verändern kann
in the flicker of the sweetest smile
In dieser einen Sekunde, die das süßeste aller Lächeln dauert?
We were married in spring
Und im Frühling waren wir bereits verheiratet
You know I wouldn’t change a thing
Du weißt, ich würde alles genau so wieder machen
Without an innocent kiss, what a life I’d have missed“
Was hätte ich alles verpasst, ohne diesen Kuss, diesen ganz unschuldigen Kuss“

Das habe ich nicht erwartet – Wasn’t expecting that…

In den Tagen um Weihnachten werden manche von uns, einige oder auch viele die Erzählungen in der Bibel rund um die Geburt Jesu hören oder auch lesen.

Dass diese Geschichten rund 2000 Jahre später zu einer einzigen Weihnachts­story und einem idyllischen Bild in stimmungsvollen Weihnachtsfeiern zusam­men­geschmolzen sind, haben die ursprünglichen Autoren sicher nicht geahnt. Matthäus und Lukas, so nennen wir die anonymen Schriftsteller, schreiben für die dritte, vielleicht auch vierte Generation christlicher Communities, die mit dem Ausbleiben der Wiederkunft des Messias und dem Eintreten der ersten reichsweiten Christenverfolgung im Herrschaftsbereichs Roms unter Kaiser Domitian in eine innere und äußere Krise geraten sind.

It wasn’t expecting that – Ist das messianische Projekt gescheitert?

Die Evangelienschreiber wollten keine Idylle liefern, auch wenn wir heute ihre Texte als sehr schön empfinden.
Sie wollten Krisen literarisch bewältigen!
Und sie zeigen auf, dass von Anfang an Jesus als der von Gott gesandte und von Gott gewollte Messias in diese Welt gekommen ist.

It wasn’t expecting that – So haben wir das nicht erwartet!

Wie am Ende ihrer Erzählungen wird auch am Anfang der Messias nicht in seiner Vollmacht, sondern in seiner Ohnmacht vorgestellt.

Als Kind. Sein Auftrag wird sein, nicht die eigene Herrschaft aufzurichten, sondern die Herrschaft GOTTES.

Mit einem Kind – klein, ohnmächtig, ohne Herberge, verfolgt, auf der Flucht, aber mit dem Namen „Immanuel – Gott ist mit uns“, soll es anfangen.

Das ist die Botschaft, aus der die Gemeinden des Matthäus und des Lukas neu Hoffnung schöpften, angesichts ihrer Situation.

Das messianische Projekt ist anders und doch nicht gescheitert.

 It wasn’t expecting that!  – Das hat mich dann doch überrascht!

Was erwartest du, was erwarten Sie in diesen Tagen vor Weihnachten und dann? Und was haben wir nicht erwartet?

Die Zeit, die schon gekommen ist und die noch kommt, wird eine Antwort haben. Mag es Überraschungen, positiv oder auch nicht so positiv, geben.

Vielleicht führt uns der Gedanke, dass gerade auch im Kleinen, im Ohnmächtigen, abseits vom Glanz, Wichtiges geschieht, – wie damals in den Erzählungen der „Weihnachts-Schriftsteller“ -, dahin, Weihnachten heute mit anderen Augen neu zu sehen.

 It wasn’t expecting that! – Das wäre doch eine Überraschung!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen / euch / dir vom Blog Unkraut und Weizen

FROHE WEIHNACHTEN

Dr. Ulrich Kmiecik, Berlin

 

 

Hören und lesen

Eine Story hören, die mit der eigenen Geschichte zu tun hat, ist ergreifend. Dramatisch schildert dies Nehemia (3. Jh. v. Chr.), der Esra bei einer Lesung der Weisung des Herrn die Menschen zum Weinen bringt (Neh 8,1-12). Dieses Vorlesen und damit Hören der Schrift ist das Urbild unseres Wortgottesdienstes.

Seit jener Zeit hat sich bis zum heutigen Tag in der Vermittlung des Textes im Gottesdienst kaum etwas verändert. Wir hören den mündlichen Vortrag der Schriftleserinnen und Schriftleser. Die Kunst des Hörens ist angesagt.

Zur Zeit des Esra waren eingeladen „Männer und Frauen und überhaupt alle, die schon mit Verstand zuhören konnten.“ Für unsere Tage schier unglaublich ist die Erwähnung, „vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra vor“. Die Vorlesekompetenz des Vortragenden wurde damit umschrieben, dass Esra als Priester und Schriftgelehrter (sofer) vorgestellt wurde. „Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigenes dafür errichtet hatte“, wohl damit man ihm besser zuhören konnte. Nicht unbedeutend ist auch die Bemerkung: „die Leviten, erklärten dem Volk die Weisung… sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten.“

Das Gehörte an diesem „heiligen Tag zur Ehre des Herrn“ wurde gefestigt mit der kulinarischen Aufforderung: „Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein!“ Bei solch singulär festlichen Aufwand dürfte tatsächlich etwas hängen geblieben sein.

Bekenntnis und Zeugnis der Vortragenden kann selbst bei mittelmäßiger Lesung auch heute noch Hörerin und Hörer in Bewegung, wenn auch nicht gleich zum Weinen bringen. Mnemotechnische Mittel wie z.B. Satzbau, Wortwiederholungen und Rhythmus, die bereits im Text vorgegeben sind, mögen das Merken erleichtern. Doch was bleibt haften, wenn wir Woche für Woche, 52mal im Jahr die Botschaft nur hören?

Menschen, die nur hören und nicht lesen können, haben ein ausgeprägtes Gedächtnis und eine besondere Aufmerksamkeit.

Seit der allgemeinen Schulpflicht (18./19.Jhd.) und der damit verbundenen Alphabetisierung können viele Menschen im deutschsprachigen Raum lesen. Mit dem Lesevermögen haben sie in zunehmender Weise aber auch Gedächtnis und die Aufmerksamkeit zum Zuhören verlernt.

Deshalb hören in der Folge die Menschen beim Wortgottesdienst heute schlechter zu, ihre Gedanken gehen während des Vortrags gerne spazieren. Weitere Gründe für den Hörverlust in der Moderne kommen hinzu. Beim Verlassen der Kirche haben Gottesdienstbesucher schon vergessen, was sie kaum gehört haben.

Wir können auch lesen

Eine Maßnahme gegen das Vergessen könnte ein Leseblatt der Schriftlesungen sein, wie es in vielen Ländern üblich ist. Gottesdienstbesucher nehmen die Schriftlesungen des Sonntags verschriftet mit nach Hause und können im Nachgang die Inhalte nochmals zurückholen, vergegenwärtigen, meditieren, betrachten, studieren und in der Folge anwenden.

Der Akt der Vermittlung des Wortes Gottes, zu dem der gelesene Text werden möchte, war und ist durchaus kompliziert. Vormals mündliche Inhalte (Erzähltexte) werden gehört, später verschriftet und dann als Hl. Schrift wieder vorgetragen und in neuem Kontext erneut gehört. Es sind inzwischen Hörtexte, die schwer verständlich werden. Nicht zuletzt weil sich der Lebenszusammenhang und das Hörvermögen der Menschen gewandelt hat. Selbst bei bestem Willen reicht das Hören nicht mehr aus, die Inhalte zu verstehen. Es braucht mehr Redundanz, um die Inhalte zurückzuholen, zu vergegenwärtigen und sie hin und her zu bewegen (Ruminatio).

Ein Weg der Redundanz kann das wieder und wieder Hören in der Sonntagsliturgie sein, deren Texte sich bekanntlich spätestens im vierten Jahre wiederholen. Über Jahrzehnte hin gehört mag dann am Ende doch etwas hängen bleiben.

Ein anderer Weg der Redundanz ist das Lesen. Leseblätter der Schriftlesungen für die ganze Sonntagsgemeinde oder am Ende gar eine Bibel könnten eindeutig Abhilfe schaffen.

Hörvermögen und Leseverstehen ergänzen und überlagern sich. Am Ende bleibt die Botschaft, die einen Weg zum „hörenden Herzen“ finden möchte.

Reinhold Then, Regensburg

(Der Autor versucht gerade Leseblätter zu den Schriftlesungen der Sonntage in der neuen Einheitsübersetzung im deutschsprachigen Raum einzuführen. Sie sind derzeit abrufbar unter dem virtuellen Lehrhaus der Bibelpastoralen Arbeitsstelle:  http://www.bpa-regensburg.de)