Endlich verständlich?!

Das Wunder der Horizonterweiterung ereignete sich vor beinahe zwei Jahrtausenden in Jerusalem: Menschen aus aller Welt hören am Pfingsttag die Jünger in ihrer jeweiligen, eigenen Sprache predigen: „Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören?“ (Apg 2,8). Ausnahmslos alle können verstehen. Welch‘ großartige Vision …

Heute dagegen ist für viele Menschen die Sprache (in) der Kirche fremd und unverständlich geworden – nicht nur für Kirchenferne oder Menschen mit Verständnisschwierigkeiten. Mehr denn je bedarf kirchliches Leben deshalb einer leicht(er) verständlichen Sprache, sei es im Gottesdienst oder in der Gemeindearbeit, im Kirchenanzeiger oder im Religionsunterricht, bei Haupt- wie Ehrenamtlichen.

Das Potential einer leicht verständlichen Sprache

Die ursprünglich im Kontext der Behindertenarbeit entwickelte so genannte „Leichte Sprache“ kann dafür wertvolle Denkanstöße liefern. Leichte Sprache ist eine barrierefreie Art des Redens und Schreibens, die bestimmten Grundsätzen folgt. Ihr oberstes Ziel ist Verständlichkeit. Deshalb verzichtet sie auf Fremdwörter oder schwierige Begriffe. Sie macht kurze Sätze und verwendet auch mal die Umgangssprache. Und sie wird durch Bilder oder Illustrationen ergänzt (für weitere Informationen siehe www.leichtesprache.org und Heft 4/2017 der Zeitschrift Katechetische Blätter).

Die Impulse und Einsatzmöglichkeiten einer solchen leichter verständlichen Sprache im kirchlichen Raum sind vielfältig. Vermeldungen, Pfarrbriefe und Einladungen werden besser verständlich, Predigten einfacher und klarer, Gottesdienste für alle geeignet. Die Beschäftigung mit den Prinzipien der Leichten Sprache weitet den Horizont: Denn sie nimmt konsequent und wertschätzend auch diejenigen in den Blick, die oft am Rande stehen, weil sie nicht mehr oder noch nicht alles verstehen: Menschen mit Behinderungen, Kinder, Senioren, kirchlich oder religiös „Unmusikalische“, Migranten, Geflüchtete …

Biblische Horizonterweiterung

Mit am deutlichsten wird diese mögliche Horizonterweiterung bei Texten der Bibel. Hier geht das Projekt „Evangelium in Leichter Sprache“ der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus Nürnberg, des Katholischen Bibelwerks Stuttgart e. V. und der Thuiner Franziskanerinnen neue Wege. Seit 2013 werden von einem über ganz Deutschland verstreuten Team die Sonntagsevangelien in Leichte Sprache übertragen und kostenlos im Internet (www.evangelium-in-leichter-sprache.de) und in Buchform (Reihe „Bibel in Leichter Sprache“ im Verlag kbw) angeboten – leicht verständlich, knapp kommentiert und anschaulich illustriert. Zunächst für Menschen mit Lernschwierigkeiten gedacht, bilden diese ganz eigenen Bibeltexte eine unverzichtbare Ergänzung zu den klassischen Bibelausgaben und können auch für andere Zielgruppen hilfreich sein und neue Perspektiven eröffnen.

Bauliche Barrierefreiheit ist längst Standard in Kirche wie Gesellschaft – sprachliche Barrierefreiheit sollte es ebenso werden. Eine leicht verständliche Sprache – mündlich wie schriftlich – gehört deshalb zum Handwerkszeug der Arbeit von Ehren- wie Hauptamtlichen. Wer den Auftrag Jesu, ausnahmslos allen Menschen Gottes frohe Botschaft vom Leben in Fülle und Vielfalt zu verkünden (vgl. Mt 28,16-20; Joh 10,10), ernst meint, kommt an der Leichten Sprache nicht vorbei.

Ausnahmslos alle sollen verstehen

Noch einmal zurück nach Jerusalem: Das Pfingstwunder besteht interessanterweise nicht darin, dass der Geist eine neue Einheitssprache schafft – Babel wird gerade nicht rückgängig gemacht. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Gottes Wort beginnt, ausnahmslos alle Sprachen zu sprechen.

Mit anderen Worten: Nicht die Vielfalt wird vereinheitlicht, sondern die Einheit entfaltet – ein grundlegender Perspektivenwechsel. Ausnahmslos alle sollen verstehen!

 

Claudio Ettl, Nürnberg

(Überarbeitete Fassung eines Beitrags aus Heft 5/2017 der Zeitschrift Gemeinde creativ; der Autor ist Mit-Initiator und Verantwortlicher des Projekts Evangelium in Leichter Sprache)

Logo: evangelium-in-leichter-sprache.de/D. Groß

 

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Reich Gottes in Mbyo?

Dorfidylle in Ruanda: Ein paar Bänke stehen im Schatten der Eukalyptusbäume, wir werden herzlich von der Dorfgemeinschaft empfangen. Aber das, was Andrew S. (Name geändert) dann erzählt, ist alles andere als idyllisch: „Ich habe sechs Menschen getötet“, berichtet der Ruander mit fast schon brutaler Offenheit von seiner Verstrickung in den Völkermord von 1994. Damals kamen binnen 100 Tagen zwischen 800.000 und einer Million Ruanderinnen und Ruander auf brutalste Art und Weise ums Leben, ermordeten Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 75 Prozent der Tutsi-Minderheit. Und das in einem Land, das mit einem Bevölkerungsanteil von beinahe 70 Prozent Katholiken als das katholischste in ganz Afrika galt.

Von Angesicht zu Angesicht mit einem Mörder

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich einem Mann gegenüber sitze, der mehrere Menschen ermordet hat. Und der davon im Kreise der Überlebenden und Angehörigen seiner Opfer spricht. Gemeinsam mit Kollegen der Nürnberger katholischen Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus und Mitgliedern von CECUP e.V., unserem Förderverein für Friedens- und Bildungsarbeit in Afrika, bin ich zum zweiten Mal in Ruanda unterwegs. Neben der Unterstützung unseres Ausbildungsprojektes für alleinerziehende Mütter in Butare wollen wir auf unserer Reise durch das ostafrikanische „Land der 1000 Hügel“ mehr über den Genozid, seine Vorgeschichte und seine Folgen erfahren. Und wir wollen dies mit unseren Erfahrungen und Ansätzen aus der Bildungsarbeit in Nürnberg zusammen bringen – der Stadt der Reichsparteitage und Nürnberger Prozesse ebenso wie der Menschenrechte und des Friedens.

An diesem sonnigen Julitag sind wir nach Mbyo gereist, einem kleinen Ort im Osten Ruandas, der auch als Versöhnungsdorf bekannt ist. Hier soll funktionieren, was aus deutscher Sicht beinahe unvorstellbar erscheint: Die Täter des Genozids und die Angehörigen ihrer Opfer leben wieder zusammen, Tür an Tür, ohne, dass es zu Racheakten und Feindseligkeiten kommt.

„Wir teilen alles“, sagt tatsächlich die neben Andrew sitzende Bernadette M. (Name geändert). Sie war 13 Jahre alt und verlor ihre Eltern, ihren Bruder und ihre Schwester durch den Genozid; nur drei Verwandte kamen mit dem Leben davon. Sie selbst konnte sich nur retten, weil sie sich zwei Monate lang auf einer Toilette vor den im Blutrausch mordenden Nachbarn versteckte. Rache an Tätern wie Andrew ? Daran denkt sie trotz der traumatisierenden Erfahrungen nicht.

Es ist eine bewegende Geschichte, die Bernadette erzählt. Aber auch die des Täters Andrew berührt uns tief. „Der Pastor des Dorfes war mein Freund“, erzählt er von der Zeit vor dem Genozid, „er schenkte mir eine Kuh.“ Und dennoch brachte der heute 56-Jährige sechs Menschen aus der Familie des Geistlichen um. Auch 22 Jahre nach der Tat lässt das schlechte Gewissen Andrew nicht in Ruhe: Während er seine Geschichte erzählt, kneten seine Finger immer wieder ineinander, sein Blick ist immer wieder starr in die Ferne gerichtet.

Denn mit den Morden ist seine Erzählung noch nicht zu Ende: Er wird nach dem Genozid zu einer neunjährigen Haftstrafe verurteilt, und der Pfarrer, der ihn im Gefängnis besucht, um mit ihm über seine Taten zu sprechen, ist ausgerechnet jener Pastor, dessen Familie Andrew umgebracht hat. „Ich habe es ihm dann gestanden und ihn um Vergebung gebeten“, erzählt er weiter. Leider erfahren wir nicht, wie der Pastor reagiert hat, doch er scheint trotz seiner grausamen Familiengeschichte die treibende Kraft für die Versöhnung des Dorfes gewesen zu sein.

2003, neun Jahre nach dem Genozid, gibt es in Ruanda eine Generalamnestie für viele Täter, die auch Andrew S. die Freiheit zurückbringt. Drei Monate lang wird er auf die Rückkehr in sein Dorf vorbereitet, dann steht er eines Tages wieder dort, wo seine Opfer lebten. „Ich hatte furchtbare Angst vor Rache und schämte mich sehr“, erinnert sich Andrew an diese Zeit.

Er ist nicht der einzige, der sich Sorgen macht. Auch Bernadette hat Angst, dass mit der Rückkehr der Täter von einst das Morden wieder beginnt. „Am Anfang konnten wir nicht miteinander sprechen, uns nicht einmal gegenüber sitzen“, erinnert sie sich. Was in dieser Situation half, waren nicht Worte, sondern Taten: Täter und Opfer brennen zusammen Ziegel, um die während des Genozids zerstörten Häuser wieder aufzubauen.

„In der Bibel steht, dass wir vergeben sollen“

Und, vermutlich noch wichtiger: Die Täter erzählen den Angehörigen, wo sie die Opfer 1994 verscharrt hatten. Neun Jahre hatten die Menschen gehofft, dass ihre Angehörigen vielleicht doch überlebt haben könnten. Jetzt gibt es Gewissheit – und die hilft, das Geschehene zu verarbeiten. „Das war ein wichtiges Signal, dass die Täter Reue zeigen“, berichtet Bernadette. Und erinnert an das christliche Gebot zur Vergebung. „In der Bibel steht, dass wir vergeben sollen“, diesen Satz sagt sie mehrfach bei unserem Gespräch. Ruhig, fast tonlos, und doch mit Überzeugung.

Die Fähigkeit zur Vergebung scheint über die Jahre gewachsen zu sein. Denn heute arbeiten die Frauen im Dorf zusammen und bessern mit Korbwaren und Näharbeiten die Einkommen der Familien auf. Und die Männer sorgen für die Bestellung der Felder – die Unterscheidung in Hutu und Tutsi spielt nach den Worten unserer Gastgeber keine Rolle mehr. „Ich vertraue ihm meine Kinder an, und er mir seine“, erzählt Bernadette und deutet dabei auf den neben ihr sitzenden Andrew S.

Der Besuch in Mbyo wirkt lange nach in unserer Gruppe, auch bei mir. Ist das wirklich „echte“ Versöhnung? Oder ist es nicht eher die – absolut nachvollziehbare – Verdrängung eines letztlich nicht vergess-und noch weniger vergebbaren Leids? Weil es eben keine andere Möglichkeit gibt, wenn man weiterleben will? Weil nur so überhaupt eine Chance auf eine wie auch immer geartete Zukunft besteht? Und weil sich in einem so kleinen Land wie Ruanda Täter und Opfer schon räumlich nicht aus dem Weg gehen können? Vergebung also als unvermeidliche Option, mit der sich die Hoffnung auf eine erträgliche Zukunft irgendwie am Leben erhalten lässt?

Die Begegnungen mit den Menschen des Versöhnungsdorfes irritieren und bewegen mich und alle anderen in unserer Gruppe. Kann das funktionieren? Oder machen sich die Menschen in Ruanda etwas vor? Je länger ich darüber nachdenke, desto nachdenklicher werde ich. Zunächst einmal: Was oder wer gibt mir das Recht, überhaupt so zu denken? Und dann: Sieh hin – es funktioniert doch ganz offensichtlich. Seit Jahren. Hier in Mbyo, aber nachweislich auch an unzähligen anderen Orten. Im ganzen Land leben Täter und Opfer zusammen, im gleichen Dorf, in derselben Straße, Haustür an Haustür.

„In der Bibel steht, dass wir vergeben sollen.“ Bernadettes Worte gehen mir nicht aus dem Sinn. Die 35-jährige Mutter dreier Kinder zitiert nicht das Gebot der Feindesliebe, das uns vielleicht als erstes in den Sinn kommen könnte. Schließlich würde sich niemand wundern, wenn die Täter, die ihren Opfern und deren Angehörigen so viel Leid zugefügt und das Leben so vieler zerstört haben, als Feinde betrachtet würden und es dauerhaft blieben.

Gerechtigkeit, Reue, Vergebung

Stattdessen: Vergeben. Dem „Nächsten“, also dem ehemaligen Nachbarn, Freund oder gar Angehörigen, der über mich, meine Familie oder meine Freunde so unsägliches Leid gebracht hat. Wie kann das gelingen? Vielleicht, so frage ich mich, ist eine solche Vergebung realistischer und mehr auf Zukunft ausgerichtet als eine auf den ersten Blick noch extremer erscheinende Feindesliebe. Weil Vergebung die und den anderen in den Blick nimmt und ihr und ihm einen Neuanfang ermöglicht. Weil sie ihr oder ihm die Chance gibt, vom mordenden Täter wieder zum Nachbarn und Nächsten auf Augenhöhe zu werden. Vergebung – mag sie aus purer Notwendigkeit, Verzweiflung, Resignation oder schlicht der Sehnsucht geschehen, endlich wieder an eine Zukunft glauben zu wollen – kann so zur Basis für Versöhnung und für eine gemeinsame Zukunft von Tätern und Opfern werden. Doch was sich auf dem Papier so erbaulich, beinahe kitschig lesen mag, ist in Wirklichkeit ein langer, steiniger Weg, das spüren wir bei unseren Gesprächen.

Und noch etwas wird deutlich: Dieser beispiellose Weg der Versöhnung könnte wohl nicht gegangen werden, wenn der Vergebung nicht Gerechtigkeit und sichtbare, tätige Reue der Täter vorangingen. „Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein“, so heißt es beim Propheten Jesaja (Jes 32,17). Die Verurteilung und Bestrafung der Mörder trägt ebenso zur Versöhnung und zum sozialen Frieden bei wie das offensichtlich ernsthafte Bemühen der Täter, sich der Begegnung und der Konfrontation mit den Opfern und deren Angehörigen auszusetzen und so der eigenen Verantwortung zu stellen.

Reich Gottes in Mbyo?

Am Ende unseres Besuches bleiben weit mehr Fragen als wir Antworten bekommen. Die Gedanken und Gefühle reichen von Verwunderung und Staunen über Respekt bis zu Fassungslosigkeit und tiefer Bewegung. Vielleicht ist ja das, was hier geschieht, ein kleines Stück vom Reich Gottes? Die subversive, alles auf den Kopf stellende, Menschen und Welt verändernde Kraft des Evangeliums auf – blitzt sie hier, in der Dorfgemeinschaft von Mybo, auf? Unscheinbar und zögernd, und doch mit unbestreitbarer Wirkung …

Zum Abschluss dieses unvergesslichen Besuches nehmen wir noch eine Bitte Bernadettes mit nach Hause zurück: „Erzählt den Menschen in Deutschland, dass Versöhnung möglich ist.“