Beten oder schamvoll verschweigen? – Streichen oder nicht?

Haben Sie schon mal den Psalm 58 gebetet, womöglich sogar laut? Ich habe das neulich einer Gruppe von biblisch interessierten Erwachsenen innerhalb einer Fortbildung zu den Psalmen zugemutet. Sätze wie „O Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Mund! Zerschlage, Herr, das Gebiss der Löwen!“ liest man nicht einfach so. Sie bleiben einem buchstäblich im Hals stecken, – gerade in der ruhigen Atmosphäre einer Bibelgruppe.

Solche Verse sind geeignet, die Vorurteile vom grausamen Gott des Alten Testaments hervorzuholen und den scheinbar nur liebenden Gott des Neuen Testaments dagegen zu stellen. Solche Verse eignen sich ebenso hervorragend dazu zu belegen, dass das Christentum eben doch keine Religion der Nächstenliebe ist und endlich in den Papierkorb der Geschichte gehört, – zusammen mit den grausamen Textstellen, die sich im Koran finden.

Auch den Teilnehmenden der Bibelgruppe erging es nicht anders. Liebend gern hätten sie ihre Bibel zugeschlagen, oder wären zum Neuen Testament weitergegangen. Es gab also genug Gründe, warum dieser und ähnliche grausam klingende Psalmen 1971 aus dem Stundenbuch der Kirche entfernt wurden.

Doch meine Nachfrage, ob diese Psalmen besser aus der Bibel gestrichen werden sollten, führte –  bei allem Entsetzen – zu einem klaren „Nein“. Die Verse gehören in die Bibel und sie würden nicht anfangen, einzelne Seiten rauszureißen.

Wie aber damit umgehen? Wieso stehen die Psalmverse in der Bibel? Das Gespräch brachte ein paar Aspekte ans Licht: Einig waren sich alle, dass – auch wenn christliche Fundamentalisten es anders lesen – der Psalm gerade keine Berechtigung oder Ermutigung ist, die Keule gegen Andersdenkende und –glaubende zu schwingen. Die Rachegelüste werden an Gott übergeben. Gott soll für Gerechtigkeit sorgen. Aber reicht das für das Verständnis? Hängen geblieben ist besonders ein Gedanke: Der Psalm ist eine Einladung, an einem Ort radikal ehrlich sein zu können, – Gott gegenüber. Hier aussprechen zu können, was vor allen anderen verschwiegen werden muss. Gottes Gegenüber gibt den schützenden Raum dafür. Das entlastet und öffnet mich. Ausgerechnet Psalm 58 als Plädoyer für innere Transparenz und damit ein Weg zu innerer Freiheit?

Barbara Leicht, Katholisches Bibelwerk e.V.

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