Erwartung

„Wir warten aufs Christkind“. So heißen manche Sendungen im Radio oder im Fernsehen. Als Kind haben mir solche Sendungen das Warten auf die Bescherung am Abend verkürzt. Wir warten aufs Christkind. –

Warten. Erwartung: Das ist eine Haltung, die den ganzen Advent prägt.

Advent heißt ja übersetzt: „Ankunft“, und auf diese Ankunft warten wir – mit Ungeduld manchmal, mit Vorfreude. Im Vordergrund steht im Advent wohl bei vielen die Vorfreude auf die Weihnachtsferien, auf die Geschenke. Vielleicht auch die Freude auf das große Familienfest, das für die Feiertage geplant ist.

Im christlichen Glauben geht es aber eigentlich noch um mehr. Es geht um die Vorbereitung und Vorfreude auf das Fest der Geburt Jesu.

Dass Christen sich im Advent auf die Feier eines Geburtstages freuen und vorbereiten, ist sicher für viele Menschen nachvollziehbar, auch wenn sie den christlichen Glauben nicht teilen. Geburtstage feiert fast jeder gerne. Schwieriger ist aber vermutlich – und das gilt auch für manche Christen, – dass der Advent auch die Zeit der Vorfreude auf die Rückkehr Jesu ist. Wann das sein wird, weiß niemand. Aber wenn Jesus wiederkommt – so die Erwartung – dann wird sich das Reich Gottes vollenden. Das Reich des Friedens wird anbrechen. Es wird keinen Kriege, keinen Hunger und keine Krankheiten mehr geben.

Ist das nicht alles Träumerei?

Ja! Die Adventszeit ist die Zeit der großen Visionen und Träume. In den Gottesdiensten werden mehr als sonst die Propheten der Bibel gelesen. Sie sprechen in großartigen Bildern vom Frieden, den der Retter der Welt allen Menschen bringen wird. Sie versuchen mit Worten ein Bild zu malen von dem, was „kein Auge gesehen und kein Ohr vernommen hat“. So schreibt z.B. der Prophet Jesaja: „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. …Er richtet nicht nach dem Augenschein, und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er, sondern er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist … Man tut nichts Böses mehr und begeht keine Verbrechen …“ (Jes 11,1.3.9a).

Sind das nicht alles nur Vertröstungen? Nein! Ich denke das nicht. In einem anderen biblischen Buch heißt es: „Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde“ (Spr 29,18). Ich denke, das trifft nicht nur für ein Volk oder eine Glaubensgemeinschaft zu, es gilt auch für jeden einzelnen Menschen. Träume und Visionen können Kraft geben. Mit einem Ziel vor Augen kann man heute schon an seiner Verwirklichung arbeiten. Auch an der Verwirklichung der großen christlichen Hoffnung auf ein Reich des Friedens. Sicher, auf die Vollendung des Reiches Gottes müssen wir noch warten. Aber die Kraft der Erwartung lässt Visionen Wirklichkeit werden.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gesegnete und erwartungsreiche Zeit des Advent.

Sabine Gahler

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