Nachverdichtung

In der Sommerferienzeit erinnern sich bibelaffine Menschen gerne an die Worte Jesu aus dem Markusevangelium: „Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.“ (Mk 6,30-32) Oft findet man das Zitat in Pfarrbriefen oder auf Internetseiten von Pfarrgemeinden als Anstoß zu einer Betrachtung über Ruhe und Erholung, die wir alle bräuchten, über Zeiten von Gottesbegegnung, zu denen die Ferien natürlich gehörten oder zu kritischen Bemerkungen zum Stress und Trubel der modernen Zeit.

Alles gut und recht – aber: nützt das was? Werden Menschen ruhiger, erholter – suchen sie Zeiten der Muße? Eher nicht. Das Leben wird schneller und dichter, kein Wort beschreibt diesen Zug der Zeit besser als das aus der Stadtplanung stammende Wort „Nachverdichtung“. Weil in vielen beliebten Städten kein bezahlbarer Wohnraum mehr zu finden ist, da Bauland fehlt und Ausdehnung in die Fläche geographisch nicht geht, wird „nachverdichtet“: Grünflächen verschwinden, Schrebergärten werden bebaut, Parks von Gründerzeitvillen und Gärten von Gartenstadthäusern parzelliert und überbaut. Orte der Ruhe und Frische (das Grün trägt ja zum besseren Stadtklima bei, v.a. in Zeiten des Klimawandels) gehen verloren. Was hier geschieht, ist Bild für das Leben vieler Menschen: in Beruf, Freizeit und Familie geschieht „Nachverdichtung“: der Termin passt auch noch rein, das schaffe ich, andere schaffen es auch… usw. Schon die Kinder haben durchgetaktete Terminpläne.

Ruhe würde hier nur ein radikaler Wechsel des Lebensstils bringen, ein Ausstieg aus der Logik des Wachstums, des Immer-mehr und Immer-weiter. Aber geht das überhaupt? Ist das nicht weltfremde Utopie?

Und wenn wir auf die biblische Geschichte schauen, so ist auch hier von „Nachverdichtung“ die Rede:

„Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.“ (Mk 6,33f.)

also: guter Wille, aber letztlich doch keine Ruhe – die Menschen kriegen mit, wohin Jesus und die Jünger gehen –  the show must go on.

Wenn wir in unsere Welt heute schauen, mehren sich die Zeichen, dass es so nicht weitergeht, dass Änderungen not tun. Der Klimawandel ist genauso Ergebnis eines verdichteten Lebensstils wie Flüchtlinge, die auf Grund unserer Wirtschaftsweise hier in ihren Heimatländern keine wirtschaftliche Perspektive mehr sehen. Wenn alle so „verdichtet“ lebten wie wir, wäre die Erde buchstäblich am Ende.

Die Zeit der Unterbrechung jetzt – Zeit, auch darüber nachzudenken. Und vielleicht die Enzyklika „Laudato si“ (http://w2.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html) von Papst Franziskus (wieder) lesen, der darin Mut macht zu einem anderen Lebensstil (und sogar die Nachverdichtung in den Städten anspricht – vgl. Abschnitt 44!).

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