Der Nächste bitte!

Diesen Satz kennen wir nur allzu gut aus der Arztpraxis. Man ärgert sich, wenn der Nächste ein anderer ist, und wartet darauf, selbst der Nächste und damit endlich an der Reihe zu sein. Der Nächste bin ich am liebsten selbst.

Der Nächste bitte! – Unter dieser Überschrift fand sich vor einiger Zeit ein Zeitungsbericht zu einer Episode des Personenkarussells, das sich immer wieder  in Wirtschaft und Politik dreht. Hier ist der Nächste – je nach Sichtweise – der Hoffnungsträger oder eine Bedrohung für seinen Vorgänger, den er ablöst. Oder er ist der, auf den man voll Neid schaut, weil man selbst so gerne die Stelle bekommen hätte, die jener jetzt einnimmt.

In solches Denken platzt die so oft zitierte Nächstenliebe als Zentrum eines biblisch-christlichen Ethos ziemlich störend hinein. Keineswegs aber erst heute! Das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 25-37), in dem Jesus angesichts eines Raubopfers zwei tatenlos Vorbeigehende einem hilfreichen Mann aus der damals feindlich beäugten jüdischen Gruppe der Samariter gegenüberstellt, steht ja nicht im luftleeren Raum. Es antwortet auf die von Jesus erinnerte Forderung der Tora nach Nächstenliebe und die damit provozierte Frage: „Wer ist denn mein Nächster?“ Ein cleverer Schachzug, diese Frage eines Mannes, der von Jesus die Einlassbedingungen für’s ewige Leben wissen will. Wenn schon eine solch schwierige Forderung wie die der Nächstenliebe, dann bitte eine konkrete Liste! Sie böte zwei Vorteile: Man könnte sie abhaken wie die einzelnen Therapieeinheiten in einer Kur zum Nachweis bei der Krankenkasse. Und wer auf der Liste nicht erscheint – den brauche ich auch nicht zu lieben.

Leider tut Jesus den Gefallen nicht. Besser: Gott sei Dank tut er es nicht. Stattdessen erzählt er ein Gleichnis, das komplexer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Klar: Die Räuber haben den Niedergeschlagenen nicht geliebt. Und doch könnte man schon hier fragen: Was war ihr Motiv? Von menschenverachtender Geldgier bis zur existentiellen Not, der bislang niemand abhelfen wollte oder konnte, ist alles denkbar – ebenso wie berechtigte oder unberechtigte Rache. Von daher könnte man schon an dieser Stelle ein erstes Mal fragen: Was hindert Täter an der Nächstenliebe? Was hindert daran, in irgendeiner Weise einmal nicht zuzuschlagen? Und wird das Opfer fortan ein in der Liebe „Behinderter“ sein? Misstrauen und Menschenangst  lassen ihn vielleicht überall nur noch „Räuber“ vermuten.

Zwei Männer, fertig mit ihrem Dienst am Tempel, gehen mit abgewandtem Gesicht am Daliegenden vorbei. „Bei aller Liebe!“ – nach dem Wochendienst heißt es jetzt auf schnellstem Weg heim zu den Lieben. Kein Risiko! Keine Verunreinigung durch Blutkontakt, die aufwändige Reinigungsriten nach sich ziehen würde. Außerdem sieht „der da“ nicht so aus, als sei noch etwas zu machen. Toragebot der Nächstenliebe hin, Toragebot der Nächstenliebe her – hier gilt das Gebot der Stunde: heimwärts! Die Nächstenliebe hat – frei nach Kohelet 3 – „ihre Zeit und Stunde“, also: Jetzt nicht!

Der besagte Samariter sieht das offensichtlich anders. Er sieht – und hilft. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Das äußere Bild der Not dringt in sein Inneres – biblisch ist der Ort der Barmherzigkeit der Leben schenkende Mutterschoß (hebräisch) oder die Eingeweide (griechisch). Mitgebrachtes Öl und Wein – wohl eher für Zuhause gedacht – wird zu Desinfektionszwecken eingesetzt, das Reittier als Transportmittel zur Verfügung gestellt und eine wohl kaum vorgesehene Nachtwache im Wirtshaus eingeschoben. Mehr ist nicht drin an Eigenleistung. So wechselt auch noch Geld den Besitzer zur weiteren Versorgung durch den Gastwirt mit versprochener Nachzahlung, wenn die Summe nicht ausreichen sollte. Wird der Wirt wirklich helfen, oder – im Sinne eines reinen Materialisten – das Geld ohne Leistung einstreichen?

Viele Möglichkeiten, sich im Gleichnis fragend zu verorten; es wie einen Raum zu betreten mit vielen „Andockstationen“, um möglicherweise diesen Raum am Ende anders zu verlassen, als man ihn betrat.

Die Überraschung kommt zum Schluss. Man könnte ja mittlerweile vor lauter Erzählen vergessen haben, dass Jesus eigentlich auf eine Frage antworten wollte: „Wer ist mein Nächster?“ Das wollte der Fragesteller wissen. Jetzt antwortet Jesus mit einer Gegenfrage: „Wer ist dem Opfer zum Nächsten geworden?“ Auf das Gleichnis bezogen ist die Antwort simpel: Natürlich der Samariter! Aber es geht gar nicht um den Samariter, sondern immer um mich – die bzw. jeweils Lesende(n). Damit bin ich wieder am Anfang der Ausführungen. Ich bin nicht nur am liebsten immer der Nächste. Der Nächste zu sein wäre auch tatsächlich im Sinne dessen, was Jesus und die Heilige Schrift einfordern.

Der Nächste bin tatsächlich immer ich selbst, aber nicht als vom Arzt hereingebetener Patient, sondern als barmherziger Helfer, der im anderen keine Bedrohung, keinen Störer, Auszunutzenden oder Lästigen, sondern einen Menschen sieht, der meine Zuwendung braucht.

Der Nächste bitte! Der Satz lautete besser: „Sei du der Nächste! Bitte!“

Dr. Gunther Fleischer, Köln

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