„Sag mir, mit wem du isst …“ – Ein biblischer Mahlberater

„Sag mir, mit wem du isst, und ich sage dir, wer du bist!“ Ja, meine Tischgemeinschaft sagt  viel über mich aus.

Das fängt bei der alltäglichen Mittagspause an: Gehe ich alleine essen? Oder mit Kolleginnen und Kollegen? Und: Wen frage ich? Es geht weiter bei privaten Essenseinladungen: Wer lädt mich ein? Wen lade ich ein? Und dann natürlich der Ausnahmefall: ein großes Fest, zum Beispiel eine Hochzeit oder ein runder Geburtstag. Hier kommt zur Frage der Gästeliste zumeist auch noch das Feilen an einer passenden Sitzordnung hinzu.

Wenn Sie selbst an Ihren heutigen Tag denken: Welche Mahlzeiten stehen an? Sitzen Sie mit anderen am Tisch?

Miteinander essen ist viel mehr als nur Nahrungsaufnahme. Miteinander essen ist ein wichtiges soziales Ereignis. Hier kann viel Positives im zwischenmenschlichen Bereich passieren. Hier kann aber auch viel schiefgehen. Vermutlich fallen Ihnen auf Anhieb mehrere Situationen aus Ihrem Leben ein, die den einen oder anderen Fall illustrieren.

Miteinander essen – das ist keine Erfindung der Neuzeit. Es ist ein urmenschliches soziales Tun.

So erwähnt auch der Apostel Paulus in seinen Briefen mehrfach das Mahl in der christlichen Gemeinde (1 Korinther 11,17–34). Vor allem weist Paulus dabei auf Probleme und Missstände hin. Seine Empfehlungen geben mir auch heute noch zu denken.

In der christlichen Gemeinde in Korinth gibt es eine große soziale Kluft. Reiche Gemeindemitglieder auf der einen Seite, arme auf der anderen. Und beim Gemeinschaftsmahl geht es alles andere als gemeinschaftlich zu. Die Wohlhabenderen bleiben lieber unter sich. So haben die ärmeren Gemeindemitglieder das Nachsehen.

Und Paulus? Er schlägt mit der Faust auf den Tisch: Das ist kein Mahl, wie es Jesus gefallen würde. Wer Jesus von Nazaret nachfolgen will, der darf solche Tischsitten nicht einreißen lassen. Wer sich auf Jesus beruft, muss herzliche Gastfreundschaft praktizieren. Jesus hat nie nach Status oder Einkommen differenziert. Jesus hat mit allen das Brot geteilt.

Damit hält Paulus auch mir einen Spiegel vor. Und Paulus fragt mich an: „Sag mir, mit wem du isst, und ich sage dir, wer du bist!“

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Endlich verständlich?!

Das Wunder der Horizonterweiterung ereignete sich vor beinahe zwei Jahrtausenden in Jerusalem: Menschen aus aller Welt hören am Pfingsttag die Jünger in ihrer jeweiligen, eigenen Sprache predigen: „Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören?“ (Apg 2,8). Ausnahmslos alle können verstehen. Welch‘ großartige Vision …

Heute dagegen ist für viele Menschen die Sprache (in) der Kirche fremd und unverständlich geworden – nicht nur für Kirchenferne oder Menschen mit Verständnisschwierigkeiten. Mehr denn je bedarf kirchliches Leben deshalb einer leicht(er) verständlichen Sprache, sei es im Gottesdienst oder in der Gemeindearbeit, im Kirchenanzeiger oder im Religionsunterricht, bei Haupt- wie Ehrenamtlichen.

Das Potential einer leicht verständlichen Sprache

Die ursprünglich im Kontext der Behindertenarbeit entwickelte so genannte „Leichte Sprache“ kann dafür wertvolle Denkanstöße liefern. Leichte Sprache ist eine barrierefreie Art des Redens und Schreibens, die bestimmten Grundsätzen folgt. Ihr oberstes Ziel ist Verständlichkeit. Deshalb verzichtet sie auf Fremdwörter oder schwierige Begriffe. Sie macht kurze Sätze und verwendet auch mal die Umgangssprache. Und sie wird durch Bilder oder Illustrationen ergänzt (für weitere Informationen siehe www.leichtesprache.org und Heft 4/2017 der Zeitschrift Katechetische Blätter).

Die Impulse und Einsatzmöglichkeiten einer solchen leichter verständlichen Sprache im kirchlichen Raum sind vielfältig. Vermeldungen, Pfarrbriefe und Einladungen werden besser verständlich, Predigten einfacher und klarer, Gottesdienste für alle geeignet. Die Beschäftigung mit den Prinzipien der Leichten Sprache weitet den Horizont: Denn sie nimmt konsequent und wertschätzend auch diejenigen in den Blick, die oft am Rande stehen, weil sie nicht mehr oder noch nicht alles verstehen: Menschen mit Behinderungen, Kinder, Senioren, kirchlich oder religiös „Unmusikalische“, Migranten, Geflüchtete …

Biblische Horizonterweiterung

Mit am deutlichsten wird diese mögliche Horizonterweiterung bei Texten der Bibel. Hier geht das Projekt „Evangelium in Leichter Sprache“ der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus Nürnberg, des Katholischen Bibelwerks Stuttgart e. V. und der Thuiner Franziskanerinnen neue Wege. Seit 2013 werden von einem über ganz Deutschland verstreuten Team die Sonntagsevangelien in Leichte Sprache übertragen und kostenlos im Internet (www.evangelium-in-leichter-sprache.de) und in Buchform (Reihe „Bibel in Leichter Sprache“ im Verlag kbw) angeboten – leicht verständlich, knapp kommentiert und anschaulich illustriert. Zunächst für Menschen mit Lernschwierigkeiten gedacht, bilden diese ganz eigenen Bibeltexte eine unverzichtbare Ergänzung zu den klassischen Bibelausgaben und können auch für andere Zielgruppen hilfreich sein und neue Perspektiven eröffnen.

Bauliche Barrierefreiheit ist längst Standard in Kirche wie Gesellschaft – sprachliche Barrierefreiheit sollte es ebenso werden. Eine leicht verständliche Sprache – mündlich wie schriftlich – gehört deshalb zum Handwerkszeug der Arbeit von Ehren- wie Hauptamtlichen. Wer den Auftrag Jesu, ausnahmslos allen Menschen Gottes frohe Botschaft vom Leben in Fülle und Vielfalt zu verkünden (vgl. Mt 28,16-20; Joh 10,10), ernst meint, kommt an der Leichten Sprache nicht vorbei.

Ausnahmslos alle sollen verstehen

Noch einmal zurück nach Jerusalem: Das Pfingstwunder besteht interessanterweise nicht darin, dass der Geist eine neue Einheitssprache schafft – Babel wird gerade nicht rückgängig gemacht. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Gottes Wort beginnt, ausnahmslos alle Sprachen zu sprechen.

Mit anderen Worten: Nicht die Vielfalt wird vereinheitlicht, sondern die Einheit entfaltet – ein grundlegender Perspektivenwechsel. Ausnahmslos alle sollen verstehen!

 

Claudio Ettl, Nürnberg

(Überarbeitete Fassung eines Beitrags aus Heft 5/2017 der Zeitschrift Gemeinde creativ; der Autor ist Mit-Initiator und Verantwortlicher des Projekts Evangelium in Leichter Sprache)

Logo: evangelium-in-leichter-sprache.de/D. Groß

 

Hören und lesen

Eine Story hören, die mit der eigenen Geschichte zu tun hat, ist ergreifend. Dramatisch schildert dies Nehemia (3. Jh. v. Chr.), der Esra bei einer Lesung der Weisung des Herrn die Menschen zum Weinen bringt (Neh 8,1-12). Dieses Vorlesen und damit Hören der Schrift ist das Urbild unseres Wortgottesdienstes.

Seit jener Zeit hat sich bis zum heutigen Tag in der Vermittlung des Textes im Gottesdienst kaum etwas verändert. Wir hören den mündlichen Vortrag der Schriftleserinnen und Schriftleser. Die Kunst des Hörens ist angesagt.

Zur Zeit des Esra waren eingeladen „Männer und Frauen und überhaupt alle, die schon mit Verstand zuhören konnten.“ Für unsere Tage schier unglaublich ist die Erwähnung, „vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra vor“. Die Vorlesekompetenz des Vortragenden wurde damit umschrieben, dass Esra als Priester und Schriftgelehrter (sofer) vorgestellt wurde. „Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigenes dafür errichtet hatte“, wohl damit man ihm besser zuhören konnte. Nicht unbedeutend ist auch die Bemerkung: „die Leviten, erklärten dem Volk die Weisung… sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten.“

Das Gehörte an diesem „heiligen Tag zur Ehre des Herrn“ wurde gefestigt mit der kulinarischen Aufforderung: „Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein!“ Bei solch singulär festlichen Aufwand dürfte tatsächlich etwas hängen geblieben sein.

Bekenntnis und Zeugnis der Vortragenden kann selbst bei mittelmäßiger Lesung auch heute noch Hörerin und Hörer in Bewegung, wenn auch nicht gleich zum Weinen bringen. Mnemotechnische Mittel wie z.B. Satzbau, Wortwiederholungen und Rhythmus, die bereits im Text vorgegeben sind, mögen das Merken erleichtern. Doch was bleibt haften, wenn wir Woche für Woche, 52mal im Jahr die Botschaft nur hören?

Menschen, die nur hören und nicht lesen können, haben ein ausgeprägtes Gedächtnis und eine besondere Aufmerksamkeit.

Seit der allgemeinen Schulpflicht (18./19.Jhd.) und der damit verbundenen Alphabetisierung können viele Menschen im deutschsprachigen Raum lesen. Mit dem Lesevermögen haben sie in zunehmender Weise aber auch Gedächtnis und die Aufmerksamkeit zum Zuhören verlernt.

Deshalb hören in der Folge die Menschen beim Wortgottesdienst heute schlechter zu, ihre Gedanken gehen während des Vortrags gerne spazieren. Weitere Gründe für den Hörverlust in der Moderne kommen hinzu. Beim Verlassen der Kirche haben Gottesdienstbesucher schon vergessen, was sie kaum gehört haben.

Wir können auch lesen

Eine Maßnahme gegen das Vergessen könnte ein Leseblatt der Schriftlesungen sein, wie es in vielen Ländern üblich ist. Gottesdienstbesucher nehmen die Schriftlesungen des Sonntags verschriftet mit nach Hause und können im Nachgang die Inhalte nochmals zurückholen, vergegenwärtigen, meditieren, betrachten, studieren und in der Folge anwenden.

Der Akt der Vermittlung des Wortes Gottes, zu dem der gelesene Text werden möchte, war und ist durchaus kompliziert. Vormals mündliche Inhalte (Erzähltexte) werden gehört, später verschriftet und dann als Hl. Schrift wieder vorgetragen und in neuem Kontext erneut gehört. Es sind inzwischen Hörtexte, die schwer verständlich werden. Nicht zuletzt weil sich der Lebenszusammenhang und das Hörvermögen der Menschen gewandelt hat. Selbst bei bestem Willen reicht das Hören nicht mehr aus, die Inhalte zu verstehen. Es braucht mehr Redundanz, um die Inhalte zurückzuholen, zu vergegenwärtigen und sie hin und her zu bewegen (Ruminatio).

Ein Weg der Redundanz kann das wieder und wieder Hören in der Sonntagsliturgie sein, deren Texte sich bekanntlich spätestens im vierten Jahre wiederholen. Über Jahrzehnte hin gehört mag dann am Ende doch etwas hängen bleiben.

Ein anderer Weg der Redundanz ist das Lesen. Leseblätter der Schriftlesungen für die ganze Sonntagsgemeinde oder am Ende gar eine Bibel könnten eindeutig Abhilfe schaffen.

Hörvermögen und Leseverstehen ergänzen und überlagern sich. Am Ende bleibt die Botschaft, die einen Weg zum „hörenden Herzen“ finden möchte.

Reinhold Then, Regensburg

(Der Autor versucht gerade Leseblätter zu den Schriftlesungen der Sonntage in der neuen Einheitsübersetzung im deutschsprachigen Raum einzuführen. Sie sind derzeit abrufbar unter dem virtuellen Lehrhaus der Bibelpastoralen Arbeitsstelle:  http://www.bpa-regensburg.de)

Faktisch – Postfaktisch – Kontrafaktisch

Die Wise Guys mit ihrem Song >Jetzt ist Sommer< und die Erzählung von Petrus im Gefängnis in der Apostelgeschichte

Der Ausdruck >Postfaktisch< wurde im letzten Herbst zum Wort des Jahres 2016 gekürt. Der Begriff zielt auf unsere gefühlte Wahrheit, die für unser Leben von Bedeutung ist. Unsere Wirklichkeit, die immer vielschichtig und mehrdimensional ist, beinhaltet verschiedene Wahr­heiten, denn aus menschlicher Sicht existiert >die eine Wahrheit< nicht.

>Kontrafaktisch< zur Wirklichkeit singen die >Wise Guys> in ihrem Song von 2011 ihre eigene gewünschte Realität:

„Wenn nix draus wird wegen sieben Grad…“, dann schaffen wir uns trotzdem einen schönen Sommer. „Ich drücke einfach auf den kleinen grünen Knopf und die Sonne geht an in meinem Kopf: Sommer ist, was in deinem Kopf passiert, es ist Sommer, ab ins Gummiboot, der Winter hat ab sofort Hausverbot“.

Der Traum hier bei den >Wise Guys< von einer Kompetenz in uns selbst, die – auch wenn es >faktisch< alles andere als Sommer ist, bei uns diesen Sommer schafft!! Natürlich meint der Begriff >Sommer< in der Verwendung bei den Wise Guys auch ein viel weiteres Spektrum:

Ein Leben in Balance, mit sich selbst, mit den Menschen, die wichtig sind, die einen lieben, die man selbst liebt, der gute Kontakt zur Natur, zur Schöpfung bis hin zum Draht nach „oben“, zur Transzendenz, zu Gott.

Sommer ist, was im Kopf passiert

Aber auch das Gegenteil gibt es – die andere Realität. Dann ist >postfaktisch< kein Sommer, selbst wenn draußen 30 Grad angezeigt werden. Menschen finden keine Hoffnung, vielmehr herrscht Verzweiflung, Depression, Mutlosigkeit und für das Leben fehlt die Perspektive.
Was wäre das für ein Traum, wenn das möglich wäre:

„Ich drücke einfach auf den kleinen grünen Knopf und es ist Sommer“.

Im realen Leben wissen wir, dass wir hierfür mehr tun müssen. Gerade bei psychischen Krisen brauchen wir Geduld, denn so einfach legt sich der Schalter nicht um. Gespräche sind nötig, Therapien, Medizin. Und bei gesellschaftlichen Problemlagen braucht es das Bewusstsein, dass es in der politischen Diskussion nicht allein um Emotionen, sondern auch um Fakten geht. Auf jeden Fall aber ist zu wünschen, dass „der kleine grüne Knopf“ sich nicht zurückgeschaltet.

Werfen wir ein Blick auf die Erzählung von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis in der Apostelgeschichte, Kapitel 12,6-11 und suchen nach dem >Faktischen<, >Kontrafaktischen< und >Postfaktischen<.

In Jerusalem hatte König Herodes Petrus verhaften lassen und in einer Gefängniszelle eingesperrt. In der Übersetzung der >Volxbibel< heißt es dann:

6 Eine Nacht vor der Verhandlung schlief Petrus seelenruhig in seiner Knastzelle. Zwei Soldaten, an die er mit Ketten gefesselt war, lagen neben ihn, ein dritter hielt vor der Tür Wache. 7 Plötzlich kam ein Engel mitten in die Zelle!

Es war so derbe viel Licht da, als hätte jemand einen 1000 Watt – Halogen­strahler angemacht. Der Engel weckte Petrus auf und sagte zu ihm:  „Hey Petrus, schnell, steh auf!“In derselben Sekunde wurden die Handschellen aufgesprengt.

8 „Zieh deine Klamotten an, nimm deine Jacke, und dann mir nach“, sagte der Engel zu ihm.9 Petrus ging hinter ihm langsam aus der Zelle raus, aber es kam ihm die ganze Zeit so vor, als würde er träumen. 10 Sie gingen, ohne dass jemand was mitbekam, einfach durch die Wachleute durch, einer nach dem anderen, bis sie schließlich an ein schweres Eisentor kamen. Das öffnete sich von alleine, sie gingen durch und waren auf einer engen Straße. Und zack, war der Engel auch schon wieder verschwunden. 11 Jetzt schnallte Petrus erst, was da gerade abgegangen war. „Ich habe nicht geträumt! Gott hat tatsächlich einen Engel vorbeigeschickt, um mich hier rauszuholen! Herodes kann noch lange warten, bis ich hingerichtet werde!“

Diese Geschichte wurde von einem unbekannten Schriftsteller und Evan­gelienschreiber verfasst, nachträglich von den Kirchenvätern wird er LUKAS genannt, gut 60 Jahre nachdem Petrus in Jerusalem gewirkt hat, und 30 Jahre nach dem Märtyrertod des Petrus.

Und so müssen wir >postfaktisch< gesehen sagen: die Erzählung ist zu allererst im Kopf des Geschichtenschreibers Lukas passiert. Schriftsteller arbeiten so.

Aber Lukas fasst in dieser Geschichte Erfahrungen von Gefangenschaft und Befreiung in Worte und spricht sie dem Petrus zu. Und wer von den Hörern und auch von uns kann nicht erzählen, was es heißt – real und auch innerlich – eingesperrt und gefesselt zu sein oder sich wie in einem Gefängnis zu fühlen. Wer kennt nicht das Erleben von Freiheit, von Befreiung, vom Aufsprengen der Fesseln?

Die Nacht, die Ketten, das Gefängnis sind reale Bilder für Verlorenheit und Unfreiheit. Das Licht, der Engel, die Überwindung von Hindernissen, die offene Tür sind Zeichen einer göttlicher Rettung.

Und der Verfasser des Textes stellt mit seiner Erzählung anschaulich dar, dass Gottes Macht größer ist als >faktische< staatliche Gewalt.

Dahinter steht die Erfahrung der jungen Christinnen und Christen: GOTT steht auf der Seite der Jesus–Leute. Die Befreiung erscheint für Petrus wie ein Traum. Mit traumwandlerischer Sicherheit wird sie zur Wirklichkeit.

Die Wise Guys könnten singen: „Befreiung ist, was im Kopf passiert“.

Bei Petrus ist der Schalter umgelegt, die Freiheit „geht an in seinen Kopf“.

Was sich in der Erzählung in Bilder verdichtet, kann in jeder Befreiung erlebt und erfahren werden. Lukas legt es dem Petrus so in den Mund: „Was da gerade abgegangen ist, habe ich nicht geträumt! Gott hat tatsächlich einen Engel vorbeigeschickt, um mich hier rauszuholen! Herodes kann noch lange, lange warten“.

>Postfaktisches< Erleben, >kontrafaktisch< zur Wirklichkeit als Motivation zur Überwindung realer Hindernisse.

Das zeigt die Erzählung aus der Apostelgeschichte. Und sie wünscht uns einen Engel auf unserer Seite und es passiert in unseren Köpfen: Menschen werden aus ihren inneren und äußeren Gefängnissen befreit, Fesseln werden gesprengt und Menschen können in einem Gleichgewicht wieder gut leben.

Kontrafaktisch – Postfaktisch – Faktisch

Dies ist Botschaft des Textes.

Dr. Ulrich Kmiecik, Berlin

Eure Gerechtigkeit

Darum sage ich euch:
Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist
 als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer,
werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
(Mt 5,20)

„Du hast keinen Krankenwagen gerufen?“, fragt Rana. Zusammen mit ihrem Mann Emad versucht sie verzweifelt, den erbarmungswürdigen alten Mann wiederzubeleben, der offensichtlich einen Herzanfall erlitten hat. Er erholt sich wieder, ehe er im Beisein seiner herbeigerufenen Familie einen zweiten Anfall erleidet, dessen Ausgang man als Zuschauer nur erahnen kann.

Scham und Ehre

Der iranische Film The Salesman oder Forushande, wie er auf Persisch heißt, berührt, eingebettet in ein zurückhaltend abgründiges Beziehungsdrama, die Frage nach Recht und Erbarmen in einer erbarmungslosen Welt, in der sich das Recht archaischen Vorstellungen von Scham und Ehre beugen muß, auch im Milieu eines „großstädtischen Bildungskleinbürgertums“, das „hilflos zwischen Anpassung und Selbstbewußtsein schwankt“, wie in einer Filmkritik der FAZ zu lesen war.
Rana und Emad müssen Hals über Kopf aus ihrer Wohnung flüchten, weil das Haus, ausgelöst durch Bauarbeiten auf dem Nachbargrundstück, einzustürzen droht. Ein Freund aus der Theatergruppe, in der sie beide spielen, bietet ihnen eine gerade erst frei gewordene Wohnung an. Um die Vormieterin gibt es Gerüchte. Sie habe Männerbesuche gehabt, heißt es. Einer dieser Besuche, so wird sich später herausstellen, hat vom Umzug der Frau nichts mitbekommen und läutet an der Tür. Rana, die Emad erwartet, drückt den Türöffner, läßt die Wohnungstür einen Spalt weit offen stehen und begibt sich unter die Dusche.
Als Emad nach Hause kommt, sieht er eine Blutlache im Bad und erfährt, daß Rana im Krankenhaus liegt. Sie wird an einer Kopfwunde genäht. Nie wird man erfahren, was genau sich in dem Moment ereignet hat, als der unbekannte Besucher die Frau entdeckt, die er nicht erwartet hat und Ranas Schrei die Nachbarn auf den Plan ruft. Rana kann sich ihrerseits nicht an den Moment erinnern, der sich wie eine große Unbekannte zwischen sie und Emad drängen und ihre Beziehung verändern wird.

Schuld und Sühne

Da Rana nicht zur Polizei gehen will, macht Emad sich selbst auf die Suche nach dem Täter. Es gelingt ihm, den Mann ausfindig zu machen, der sich als biederer, herzkranker Familienvater in fortgeschrittenem Alter erweist und von den Seinen auf anrührende Weise geliebt wird. Von seinen Besuchen bei Ranas und Emads Vormieterin ahnen sie nichts.
Der liberale, joviale Gymnasiallehrer Emad ist inzwischen zum Rächer geworden, an dem das geradezu kindische Flehen des alten Mannes abprallt. Er hat eine Strafe ersonnen, die das Leben nicht nur des alten Mannes, sondern auch seiner Angehörigen zerstören wird. Der Mann soll sich seiner Familie offenbaren. Rana hingegen sieht die Strafe mit der Angst des Mannes und seiner abgründigen Verzweiflung abgegolten und will ihn ziehen lassen. Während sie über die Schande hinauswächst, die ihr angetan wurde, versinkt Emad im Kampf um seine Ehre.

Gerechtigkeit und Erbarmen

Dabei bleiben Schuld und Sühne, die beiden Momente am Anfang und am Endes des Films, verhüllt. Niemand, der Besucher und die Besucherin des Films ebensowenig wie die Protagonistin selbst, erfährt, was geschah, ehe die Nachbarn Rana ohnmächtig auf dem Badezimmerboden finden. Und ob der Täter, der keine Gewalt im Sinn hatte, seine Lebenslüge mit ins Grab nehmen wird, bleibt gleichermaßen offen. Beide Momente plädieren mit ihrer Unzugänglichkeit für Gnade. Denn niemand, weder die Protagonisten noch der „allwissende“ Erzähler und erst recht nicht die unbeteiligten Zuschauer des Films, kennt die Wahrheit. Solange aber der Rest eines Zweifels besteht, gilt der bereits im römischen Recht verankerte Grundsatz In dubio pro reo, „im Zweifel für den Angeklagten“. Das ist ein Minimum menschlicher Gerechtigkeit. Wenn aber eure Gerechtigkeit nicht weiter reicht, so verstehe ich Jesu Wort in der Bergpredigt heute, habt ihr Gott noch nicht kennengelernt (vgl. Mt 5,20). Wie weit darf Gerechtigkeit gehen? Zweifellos braucht es ein Gericht, um die Opfer von Gewalt und Vergewaltigung zu rehabilitieren, doch wie kann das geschehen?
In der „Katholischen Welt“ des Radiosenders Bayern2 ist heute von der Barmherzigkeit als einer einer „universellen Tugend“ die Rede. Die Barmherzigkeit, heißt es da, sei über die Grenzen der Kirche hinaus bedeutsam und verbinde die Christen mit dem Judentum, wo sie eine der wichtigsten Eigenschaften Gottes darstelle, während im Islam einer der wichtigsten Namen Gottes der „Allbarmherzige“ sei. Auch Muslime glauben, „daß niemand dieser Barmherzigkeit Grenzen setzen könne und ihre Tore immer offen stehen.“ Rana und Imad sind Muslime. Sie ringen, nicht anders als die meisten Christen, um Menschlichkeit in einer Welt voller Abgründe. Bei Gott hat diese Menschlichkeit einen Namen: Erbarmen. Vermutlich wäre darin die „größere Gerechtigkeit“ zu suchen.

Die Autorin betreibt auch drei eigene Blogs: Bibelpastoral Passau, Fernkurs Passau und zeit.geschichten

Leben in Fülle

Der Start ins Jahr 2016? Schlecht. Die Probleme in unserer Welt scheinen täglich mehr zu werden und Lösungen sind kaum in Sicht. Umso überraschendere Interpretationen bietet ein bekannter Text aus dem Johannesevangelium, den die Leseordnung der katholischen Kirche vorsieht: Die Hochzeit zu Kana, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelt (Joh 2,1-12).
Mit dem Fest der Taufe Jesu (in diesem Jahr am Sonntag, den 8. Januar) endet die Weihnachtszeit und wir gehen sozusagen in den Alltag über. Und der beginnt mit dieser Hoffnungsgeschichte, die am Anfang dieses Jahres von Lebensfreude pur spricht!
Nicht die Heilung eines Kranken, keine Lehrrede, nein – die Rettung eines Festes ist das Ziel dieses Zeichens (so nennt der Evangelist Johannes die Wunder), Rettung durch Wein! Wein ist Zeichen für Leben in Fülle, schlicht für Lebensfreude und Genuss. Und es ist das erste Zeichen, das Jesus im Johannesevangelium tut! Dabei beginnt die Geschichte alles andere als hoffnungsvoll: Jesu Mutter bemerkt, dass auf der Hochzeit der Wein ausgeht und sagt das ihrem Sohn. Der antwortet sehr schroff und abweisend, man kann übersetzten: „Was habe ich mit Dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Also kein Wein, Ende des Festes.
Die Mutter Jesu aber sagt den Dienern einfach: „Was er euch sagt, das tut.“ Und Jesus gibt einfache, praktische Anweisungen: Füllt die Krüge mit Wasser, bringt das Wasser dem Speisemeister. Mehr nicht. 400 bis 700 Liter fassen die 6 Krüge, in denen das Wasser zu Wein wird. Und nicht zu irgendeinem billigen Fusel, nein zu sehr gutem Wein, wie der Speisemeister, der den Wein kostet, zum Bräutigam meint: „Du hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.“ Guter Wein im Überfluss – eine schöne Verheißung am Anfang des Jahres.
Wir brauchen solche Verheißungen für unser Leben – gerade wenn die Krüge der Hoffnung leer zu sein scheinen, wenn die Festfreude zu verfliegen und die Hoffnung zu schwinden droht. „Sie haben keinen Wein mehr!“ – das gilt oft auch uns.
Die Diener tun, was nötig ist – nicht mehr. Und daraus entsteht mehr als gedacht und erhofft. Ein Bild für uns: Auch wenn es zunächst – beim Blick in unsere Welt – nicht danach aussieht: Leben in Fülle ist uns verheißen und möglich.

Von Bettlern, Spendern und dem wahren Reichtum

Wie geht es Ihnen, wenn sich Ihnen in der Einkaufsmeile oder am Kirchenportal ein Bettler in den Weg stellt? Friedrich Wilhelm Nietzsche sagt: „Wahrlich, man ärgert sich ihnen zu geben und ärgert sich ihnen nicht zu geben.“ (Also sprach Zarathustra, 2.Teil, Von den Mitleidigen). Was fangen wir also mit den vielen bedürftigen Menschen an, denen wir nicht ausweichen können? Sollen wir sie ignorieren und wegschauen, um unser Gewissen nicht zu beunruhigen? Schauen wir skeptisch auf die selbstlosen Helfer, denen die fremden Anderen und deren Schicksal wichtiger scheint als das eigene Wohl oder das der Nahestehenden? Soll vielleicht doch die staatliche und kirchliche Armenunterstützung diesem Ärgernis nachkommen, damit unsere innere Ruhe nicht gestört wird?
Wenn der helfende Samariter schief angeblickt wird, weil er dem Hilfsbedürftigen bedingungslos und unterschiedslos zur Seite steht, wenn moralische Appelle und der Verweis auf christliche Werte oder gar auf Christus selbst nicht mehr helfen, dann wird es Zeit, den Blickpunkt zu ändern. Wer nicht einmal Dankbarkeit bei all seiner selbstlosen Hilfsbereitschaft erwarten kann, der handelt in der Tat erklärungsbedürftig.
Fragen wir nach den Motiven solchen Tuns, denn die selbstlose, ehrenamtliche Kraft des Helfenden scheint am Ende nicht verzehrt oder aufgefressen. Sie speist sich aus einer elementaren Quelle, die sättigt, bereichert und befriedigt.
Für die einen ist diese Quelle der christliche Glaube, die Identifikation mit Jesus. Jesus, der sich im Ärmsten, im Bedürftigsten finden lassen will (Mt 25,31-46), der sich selbst zum Geringsten gemacht hat (Phil 2,7-8) und der sagt, wer unser Nächster sein soll, der nämlich, der in Not ist, unabhängig von Glaube, Frömmigkeit, Herkunft und Hautfarbe (Lk 10,30-37). Die Motive des dringlichen Handelns gibt uns die Hl. Schrift immer wieder an die Hand. All diese Gründe kennen wir und doch fällt es schwer, loszulassen, materielle Güter wie Geld und Gut abzugeben, immaterielle Güter wie Zeit, Rat und Tat ohne die Chance auf Vergeltung zur Verfügung zu stellen.
Was nun ist diese elementare Quelle, die sich nicht verzehrt, sondern sättigt, bereichert und befriedigt? Sie ist das Glück des Schenkens, die spürbaren Augenblicke des Glücks des sich Verschenkens.
Beispiele lassen sich beobachten in der Flüchtlingsarbeit. Bei Sammelaktionen für neu ankommende Flüchtlingsfamilien bringen die Spenderinnen und Spender ihre Gaben (Geschirr, Gläser, Kleider, Fahrräder, Möbel), sie bringen aber mehr noch ein Leuchten in den Augen, das kaum zu beschreiben ist. Es speist sich aus Dankbarkeit, aus dem Wunsch endlich einmal selbst helfen zu können, aus der Freude etwas abgeben zu können, das selbst nicht oder kaum mehr gebraucht wird und nun anderen helfen wird, es ist ein Geben ohne Nehmen. In diesen Augen ist nicht Traurigkeit, Verlust oder Aufopferung zu erkennen, sondern funkelnde Freude. Diebische Freude, die nicht einmal Dankbarkeit erwartet.
Die Beispiele lassen sich mehren. Sie finden sich am Arbeitsplatz, in der Freizeit, bei vielen alltäglichen Dingen. Wer die Chance des sich Verschenkens erkennt, gibt zwar etwas ab, er wird aber auf einer anderen Ebene reich, die eigene Zufriedenheit und das persönliche Wohlergehen wird beflügelt.
Wer gibt und Gutes tut, wird nicht arm, er begegnet Jesus, auch wenn er es nicht oder erst viel später merkt. Und er erhält damit doch etwas: Das Glück des Schenkens.
Je mehr dieses Schenken, diese Selbstentäußerung von sich selber absieht, um so größer ist sie, so lehrt uns Jesus (Mk 12,41-44).

Reinhold Then