Nicht Gott ist der Skandal, sondern der Mensch.

Gerne frage ich bei Veranstaltungen zur Heiligen Schrift: „Nach welcher Lesung möchten Sie im Gottesdienst eigentlich nicht hören: ‚Wort des lebendigen Gottes‘?“ Fast immer ist Gen 22 dabei, die sogenannte „Opferung des Isaak“.

Das ist genau der Gott, mit dem niemand zu tun haben möchte: Arrogant und menschenverachtend in seinem Verlangen nach einem Menschenopfer und am Ende großzügig-herablassend auf seine Forderung verzichtend. Das hat mit Gott nichts zu tun. Solche Texte gehören aus dem Leserepertoire der Bibel in der Kirche herausgenommen. Zumindest wäre deutlich zu machen: Der Gott des Alten Testaments ist ein völlig anderer als der des Neuen Testaments. Brutalität und Barmherzigkeit stehen einander unversöhnlich gegenüber. Da hat das Christentum doch gegenüber dem Glauben Israels einen Quantensprung gemacht.

Nur zu dumm, dass der, auf den sich die Christen berufen, nämlich Jesus Christus, genau aus diesem Volk Israel stammt und den Gott, von dem das Alte Testament spricht, auch noch seinen Vater nennt. Nur zu dumm, dass in jeder Kirche ein Kreuz zu sehen ist, das bezeugt: Da wurde zwar keiner auf einem Holzstoß als Opfer verbrannt, aber es wurde einer aufs Holz gelegt, festgenagelt und hochgezogen. Und dann wartete man zu, bis er endlich tot war. Der Unterschied zur Isaak-Erzählung: Jetzt ist es Gott selbst, der zum Opfer wird. Aber irgendwie hängt Gott selbst mit drin, hatte doch Jesus gebetet: „Vater, wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Aber nicht mein, sondern dein Wille möge geschehen.“ Einige der modernen Christentumskritiker haben scheinbar Recht, wenn sie sagen, dass der Unterschied zwischen Altem und Neuen Testament doch gar nicht so groß sei. Gott bleibt grausam.

Also: Wer sich durch das Beiseiteschieben der Isaak-Erzählung herausmogeln möchte aus den Zumutungen unseres Glaubens, hat deren Ernst noch nicht wirklich wahrgenommen. Was soll man dann aber vernünftigerweise zu ihr sagen?

Schaut man in die Bibel selbst hinein, stellt man fest, dass dort ein wichtiger Lesehinweis gegeben wird. Es heißt dort: „Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe“. Es lohnt sich, „diese Ereignisse“ einmal näher anzuschauen. Denn vielen dürfte von Abraham vor allem die Berufung in Erinnerung sein: Auf Gottes Wort hin und ermutigt durch die Verheißung von Nachkommenschaft verlässt er alles und zieht in ein unbekanntes Land. Doch noch im selben Kapitel wird berichtet, wie er seine Frau Sara – ohne die eine Erfüllung der Verheißung schwerlich möglich war – während einer Hungersnot dem Harem des ägyptischen Pharao zu überlassen bereit ist. Aus Angst davor, wegen seiner schönen Frau umgebracht zu werden, rät er ihr: „Sag, du seiest meine Schwester, damit es mir deinetwegen gut ergeht.“ Dass die Geschichte am Ende gut ausgeht, haben Abraham wie Sara allein Gott und dem Pharao zu verdanken, der die Zeichensprache Gottes versteht. Als Abraham aus Misstrauen gegenüber der göttlichen Verheißung das Rechtsmittel der Nebenfrau ausschöpft und diese Frau namens Hagar schwanger wird, weicht er der Eifersucht seiner bislang unfruchtbaren Ehefrau Sara dadurch aus, dass er Hagar einmal als Schwangere und später sogar mit ihrem neugeborenen Ismael im wörtlichen Sinne „in die Wüste schickt“. Wieder verhindert nur Gottes Eingreifen den drohenden Tod für Mutter und Kind.

Das ist nicht einfach nur eine Erzählung von vor mehreren tausend Jahren. Spekulanten sind bereit, für Börsengewinne ganze Volkswirtschaften zu gefährden. Pharmakonzerne lassen Gutachten fälschen, um lebensgefährliche Produkte auf den Markt zu bringen und nehmen den Tod von Menschen in Kauf. Mobbing heißt das Stichwort der Gegenwart zur Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes. Der spontan durch Alkohol- oder Drogenexzess aufbrechenden Lust an Gewalt wird in U-Bahn-Stationen freier Lauf gelassen. Kinder – und am liebsten gesunde – werden zum mit allen Mitteln zu erzwingenden Recht; da kann man sich um ein paar überzählige Embryonen nicht auch noch kümmern.

Es ist erstaunlich: Die Opferbereitschaft unserer Gesellschaft scheint grenzenlos. In allen geschilderten Situationen von Abraham bis heute könnte das Motto lauten: „Unterm Strich zähl – ich.“

Und nach all diesen Ereignissen sollte Gott zuschauen, der das Leben aller will? Dabei macht die Anfangsnotiz, dass es sich um eine Probe handelt, deutlich: Gott schlägt nicht mit gleichen Mitteln zurück und opfert jetzt seinerseits: sei es Abraham oder Isaak. Nein, die unerträgliche Forderung, den einzigen geliebten Sohn Isaak zu opfern, soll dem Abraham nur spiegeln, was er bis jetzt getan hat. Für einen Augenblick wird er zur Preisgabe eines Menschen gezwungen, wie er sie zuvor dreimal freiwillig und mit Berechnung vorgenommen hat. Wer Gott begegnet, begegnet sich selbst – und keineswegs als schulterklopfendem Tattergreis, sondern in seinem Zurückbleiben hinter dem, wozu Gott sie und ihn erschaffen hat. Nicht um irgendeinen gewalttätigen oder Opfer verlangenden Gott geht es, sondern um einen letztlich gewalttätigen und zu allen möglichen Opfern bereiten Menschen, der von Gott entlarvt wird. Die letzte Entlarvung wird der Kreuzestod Jesu sein: Ein Unschuldiger muss sterben. Die Ankläger fühlen sich durch Jesus gestört, Pilatus sieht seine Freundschaft zum römischen Kaiser in Gefahr. Die Entlarvung solcher Mechanismen in unserem Handeln hat natürlich niemand gern. Aber darin liegt die Chance zu wirklichem Leben. Sich wenigstens versuchsweise auf Umkehr einzulassen, ist der entscheidende Schritt, von Gott her auf Auswege aus verfahrenen Situationen hingewiesen, letztlich aus ihnen erlöst zu werden. Der Widder lauert sozusagen schon im Gebüsch.

Solange wir ihn nicht entdecken, ist nicht Gott der Skandal, sondern der Mensch.

Gunther Fleischer, Köln