Alles auf Anfang

Alles auf Anfang! Ganz neu beginnen mit etwas, das misslungen, oder furchtbar schiefgegangen ist. Alles auf Anfang. Beim Film gibt es das. Eine Szene wurde gedreht, der Regisseur oder Produzent ist nicht zufrieden. Also dreht man alles noch einmal von vorne. Das geht zwar ganz schön ins Geld, aber es geht. Alles auf Anfang, bis die Szene im Kasten ist.

Alles auf Anfang. Manchmal würde ich das auch gerne. Ganz neu anfangen. Aber anders als im Film. Ich hätte manchmal gerne die Chance, meine Fehler nicht noch mal zu machen. Das gehört wohl zu jedem Menschenleben: das gelegentliche Verlangen, mit etwas noch einmal ganz neu anzufangen. Aber das Leben ist eben kein Film.

Es gibt im Leben Situationen, in denen ein Neuanfang verdammt schwerfällt. Vielleicht sogar ganz unmöglich ist. Gerade da, wo man sich einen Neuanfang verzweifelt herbeisehnt, geht oft gar nichts mehr.

Manchmal ist eine Beziehung zwischen Menschen so zerstört, dass man sie nicht mehr heilen kann. Manchmal sind da so viele Altlasten, dass man nicht mehr in der Lage ist, die Beziehung zu kitten. Manchmal ist ein Leben so zerstört, so in die falsche Richtung gelaufen, dass nichts mehr zu verbessern ist, nichts mehr saniert werden kann. Und jeder weiß, ich kann nicht noch einmal von vorne beginnen zu leben. Ich kann nicht noch einmal geboren werden und alles ganz anders machen.

Wenn da jemand einen ganz neuen Anfang schenken würde – das wäre die Lösung. Das wäre die Erlösung.

Von diesem geschenkten Neuanfang spricht der Evangelist Lukas in seinem Evangelium:

Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Siehe, auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar gilt, ist sie schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Da sagte Maria: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel. (Lk 1,26-38)

Der Engel verkündet den Neuanfang, den Gott mit den Menschen vorhat: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höch­sten wird dich überschatten.“

Der Heilige Geist, das ist die Kraft Gottes, mit der er Neues schafft. Der Geist, den der Engel verkündet, ist der Geist, mit dem Gott die ganze Welt geschaffen hat.

„Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höch­sten wird dich überschatten.“ Mit der Kraft dieses Geistes beginnt Gott wirklich etwas ganz Neues.

Gott selbst will in Jesus Mensch werden und das Wunder eines gelungenen Lebens, einer gelungenen Schöpfung zeigen. In Jesus Christus schenkt Gott Erlösung, wo Menschen keine Lösung mehr finden können. Die Altlasten, unsere Schuld, unser Versagen, unsere Schwäche wird er auf sich nehmen und tragen bis ans Kreuz.

Gott schenkt uns einen ganz neuen Anfang. Völlig unbelastet.

„Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höch­sten wird dich überschatten.“

Diese Botschaft des Engels gilt auch uns. Ein gesegneter Gruß für den kommenden Advent.

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Erwartung

„Wir warten aufs Christkind“. So heißen manche Sendungen im Radio oder im Fernsehen. Als Kind haben mir solche Sendungen das Warten auf die Bescherung am Abend verkürzt. Wir warten aufs Christkind. –

Warten. Erwartung: Das ist eine Haltung, die den ganzen Advent prägt.

Advent heißt ja übersetzt: „Ankunft“, und auf diese Ankunft warten wir – mit Ungeduld manchmal, mit Vorfreude. Im Vordergrund steht im Advent wohl bei vielen die Vorfreude auf die Weihnachtsferien, auf die Geschenke. Vielleicht auch die Freude auf das große Familienfest, das für die Feiertage geplant ist.

Im christlichen Glauben geht es aber eigentlich noch um mehr. Es geht um die Vorbereitung und Vorfreude auf das Fest der Geburt Jesu.

Dass Christen sich im Advent auf die Feier eines Geburtstages freuen und vorbereiten, ist sicher für viele Menschen nachvollziehbar, auch wenn sie den christlichen Glauben nicht teilen. Geburtstage feiert fast jeder gerne. Schwieriger ist aber vermutlich – und das gilt auch für manche Christen, – dass der Advent auch die Zeit der Vorfreude auf die Rückkehr Jesu ist. Wann das sein wird, weiß niemand. Aber wenn Jesus wiederkommt – so die Erwartung – dann wird sich das Reich Gottes vollenden. Das Reich des Friedens wird anbrechen. Es wird keinen Kriege, keinen Hunger und keine Krankheiten mehr geben.

Ist das nicht alles Träumerei?

Ja! Die Adventszeit ist die Zeit der großen Visionen und Träume. In den Gottesdiensten werden mehr als sonst die Propheten der Bibel gelesen. Sie sprechen in großartigen Bildern vom Frieden, den der Retter der Welt allen Menschen bringen wird. Sie versuchen mit Worten ein Bild zu malen von dem, was „kein Auge gesehen und kein Ohr vernommen hat“. So schreibt z.B. der Prophet Jesaja: „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. …Er richtet nicht nach dem Augenschein, und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er, sondern er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist … Man tut nichts Böses mehr und begeht keine Verbrechen …“ (Jes 11,1.3.9a).

Sind das nicht alles nur Vertröstungen? Nein! Ich denke das nicht. In einem anderen biblischen Buch heißt es: „Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde“ (Spr 29,18). Ich denke, das trifft nicht nur für ein Volk oder eine Glaubensgemeinschaft zu, es gilt auch für jeden einzelnen Menschen. Träume und Visionen können Kraft geben. Mit einem Ziel vor Augen kann man heute schon an seiner Verwirklichung arbeiten. Auch an der Verwirklichung der großen christlichen Hoffnung auf ein Reich des Friedens. Sicher, auf die Vollendung des Reiches Gottes müssen wir noch warten. Aber die Kraft der Erwartung lässt Visionen Wirklichkeit werden.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gesegnete und erwartungsreiche Zeit des Advent.

Sabine Gahler

Beziehungspflege

Warum soll man in der Bibel lesen? Man kann diese Frage sicher vielfältig beantworten. Meine persönliche Antwort: Man soll in der Bibel lesen, weil es wichtig ist, an seinen Beziehungen, auch an seiner Gottesbeziehung zu arbeiten. Christen glauben an einen persönlichen Gott. Nicht an einen Privatgott. Den macht man sich selbst, so wie man ihn gerne hätte. Christen glauben nicht an einen selbst erfundenen Gott. Christen glauben an einen persönlichen Gott. Ein persönlicher Gott, damit ist gemeint: Gott ist für uns Menschen ein Gegenüber. Nicht etwas Abstraktes. Nein, ein Gott, den ich mit Du ansprechen kann. Mit dem ich reden kann. Ein Ansprechpartner. Der mein Leben begleitet und der zu mir spricht. Ein Gott, der eine Beziehung mit uns Menschen haben will. Von diesem Gott erzählt die Hl. Schrift, die Bibel. Menschen haben in den Hl. Schriften der Bibel ihre Erfahrungen mit Gott aufgeschrieben.

Gott spricht zu uns durch diese Erfahrungen, die in der Bibel überliefert sind. Die Bibel ist Gottes Wort. Damit ist nicht gemeint, dass die Bibel von Gott diktiert wurde. Damit ist gemeint: Gott spricht zu uns durch die Erfahrungen, die Menschen aufgeschrieben haben. Glaubenserfahrungen aus drei Jahrtausenden. Erfahrungen, die von Gott erzählen und andere Menschen, auch heutige Menschen, herausfordern wollen, sich mit Gott auseinander zu setzen. Gott besser kennen zu lernen.

Menschen schreiben, wie sie Gott in ihrem Leben erfahren haben. Als den starken Gott, als den, der sie begleitet. Der sie aus der Gefahr herausführt. Der ihre Not sieht. Menschen schreiben aber auch von einem Gott, von dem sie sich verlassen glaubten. Der scheinbar nicht geholfen hat. An anderen Stellen wird erzählt: Gott liebt die Menschen so leidenschaftlich, dass er sogar mit Eifersucht reagiert, wenn die Menschen anderen Göttern glauben. Sehr menschlich geht es da manchmal zu. Manches, was es in der Bibel zu entdecken gibt, freut mich, anderes empfinde ich als Zumutung oder als Herausforderung. All diese Erfahrungen bereichern aber meine Beziehung zu Gott. Diese Erfahrungen aus drei Jahrtausenden helfen mir, Gottes Wirken auch in meinem Leben zu entdecken. Mein Gottesbild zu erweitern, Erfahrung um Erfahrung, Facette um Facette.

Warum soll man in der Bibel lesen? Weil es wichtig ist, an seinen Beziehungen zu arbeiten. Aus dem zwischenmenschlichen Bereich weiß man: Beziehungen können ganz leicht einschlafen, wenn man an ihnen nicht arbeitet. Erich Kästner hat das einmal treffend bedichtet: „Als sie einander acht Jahre kannten, und man kann sagen, sie kannten sich gut, kam ihre Liebe plötzlich abhanden, wie anderen Leuten ein Stock oder Hut.“

Kästner spricht von der Liebe zwischen zwei Menschen. Aber was er sagt, gilt auch von der Beziehung zwischen Mensch und Gott. Beziehungen brauchen Pflege. Und dabei ist für mich die Bibel unverzichtbar. Sie hilft meine Beziehung zu Gott zu pflegen.