Umwertung aller Werte oder: Dort fängt der Friede an

Ich kann es immer noch schwer ertragen. Die täglichen Nachrichten und Bilder aus der Ukraine, die Gesichter der jungen Mütter mit ihren Kindern in unseren Zügen hier, die Berichte von Menschen, die von dort erzählen, neulich der Bericht des Bischofs von Wroclaw angesichts der dramatischen Flüchtlingssituation dort … Vor allem aber fällt mir schwer, das offensichtliche tägliche Lügen und Verdrehen von Tatsachen auszuhalten: Wie kann ein Mensch, ja kann eine ganze Regierung die Weltöffentlichkeit einfach so belügen? Wie geht das? Wie können die Verantwortlichen jeden Tag ruhig schlafen gehen?

„Er stürzt die Mächtigen vom Thron“ heißt es im Magnificat, das täglich im Stundengebet der Kirche gebetet wird. Die Dimension dieser Sehnsucht wird mir erst in diesen Tagen noch einmal vor Augen geführt, in der ich spüre, aus welch letzten Fasern meiner Selbst diese Zeile mittlerweile kommt: Wo bist du, Gott, möchte ich schreien, wann beendest Du dieses klägliche Schauspiel, wann führst du die tausenden Ermordeten und Vergewaltigten, diejenigen, deren Zukunft von heute auf morgen geraubt wurde, hin zu ihrem Recht?

Ein Wort, das mir im Zusammenhang solcher oder ähnlicher Ohnmachtssituationen immer wieder in den Sinn kommt, ist eine Aussage Jesu, die sich bei Markus oder Matthäus nachlesen lässt. Seine Jünger bitten ihn, sie mögen im Himmelreich links und rechts neben ihm sitzen, „in deiner Herrlichkeit“, heißt es. Ein Stück des so reizvollen Kuchens also, mit ‚oben‘ auf dem Treppchen stehen zu dürfen, ein bisschen etwas abzubekommen von seiner Macht und seinem Glanz, so die Vorstellung und Bitte. Jesus dreht den Spieß um und antwortet: „Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein (…) (Mk 10,42-43).

Diese Perikope, die im Zusammenhang steht mit der Ankündigung des Leidens Jesu, möchte vor allem klarstellen, was Nachfolge Jesu wirklich bedeutet: Nämlich zunächst eine Umwertung aller Werte unserer so vertrauten und gewohnten Alltags-Erfahrungswelt. Die Vorzeichen Gottes lassen die Melodie des Lebens halt ganz anders klingen, als wir uns das oft vorstellen können oder zugegebenermaßen manchmal auch ‚eigen-willig‘ gerne lieber hätten.

Was mir an dieser Stelle gefällt, ist das Subversive, das Alternative, das Ungewohnte des christlichen Glaubens. „Die kürzeste Definition von Religion: Unterbrechung“ sagt der 2019 verstorbene Theologe J. B. Metz. Unterbrechung des Gegebenen, des Vorherrschenden, dessen, was unabänderlich scheint. Unterbrechung des gnadenlosen und lethargischen „Das-ist-halt-so“. Unterbrechung eben auch von: Machthabende missbrauchen durch alle Zeiten hinweg immer wieder ihre Verantwortung, in der Welt, in der Gesellschaft und Wirtschaft, in den Kirchen. Doch es geht nicht nur um „die-da-oben“: „Bei euch aber soll es nicht so sein“ gilt gleichermaßen in Fragen von Gerechtigkeit und Teilhabe in der Gesellschaft, von Macht und Ermöglichung zum selbstverantworteten und -wirksamen Christsein, von Machtstrukturen innerhalb von Familien und Gruppen, von Freiheit und Angst in der Kirche …

Vor allem aber spricht mich die Stelle auch selbst an und stellt mir jeden Tag die Alternative meines Denkens und Handelns vor Augen: Bei dir soll es anders sein, du sollst unter einem anderen Vorzeichen als du es gemeinhin kennst, hörst, gesagt bekommst oder gewohnt bist, deine Entscheidungen durchdenken und dein Handeln ausrichten! Unter diesem Vorzeichen, so das Versprechen, wirst du mir nachfolgen.

Um auf den Beginn dieser Gedanken zurückzukommen: Die Sehnsucht bleibt. Die Sehnsucht nach Einsicht bei den Verantwortlichen angesichts der Situation in der Ukraine und dieses sinnlosen Krieges. Die Sehnsucht nach Frieden, die Sehnsucht nach einem Wirken Gottes ganz konkret in diesen Tagen … Die Erzählung „Vom Dienen und Herrschen“ im Markusevangelium allerdings lenkt den Blick dieser Sehnsucht überraschend auf mich und meine Möglichkeiten, mit Verantwortung und Macht in meinen jeweiligen Kontexten anders umzugehen. Dort fängt der Friede an.

Ansgar Hoffmann, Diözesanleiter für das Katholische Bibelwerk im Bistum Dresden-Meißen