Leben teilen

Ein fast beiläufiger Satz unter einem Foto: Meghan Markle gibt bei ihrem Besuch der invictus games ihren Mantel einer Mitarbeiterin, damit diese ihr Baby darin wärmen kann. Es mag eine kleine Geste sein, selbstverständlich geradezu. Doch sie zeigt, was geschieht, wenn sich der Blick auf mein Gegenüber richtet und eine nicht achtlos vorbeischaut. Den eigenen Mantel ausziehen und der anderen in die Hand geben, weil sie ihn jetzt braucht. Vergessen, dass es ein teures Stück ist, nicht überlegen, wann und ob ich ihn nicht doch selbst brauchen könnte und wie ich ihn wieder zurück bekomme … Es ist nicht wichtig angesichts der Not des anderen. Wichtig ist, mit meinen Möglichkeiten in dem Moment dafür zu sorgen, dass es allen so gut wie möglich geht.

Biblische Erzählungen unter dieser Perspektive bzw. mit dem Blick „Leben teilen“ zu lesen ist zutiefst erfüllend und ermutigend. In wie vielen unpassenden Momenten finden Menschen zueinander und retten einander. In wie vielen Streitsituationen sprechen Menschen das richtige Wort aus und können sich versöhnen. An wie vielen heillosen Orten bricht Lebendigkeit hervor und schenkt Menschen einen Lebenshorizont. In biblischen Erzählungen heißt Leben teilen immer auch, den Glauben zu teilen. Menschen, die einander gut tun, weil sie füreinander da sind. Es geht in den wenigsten Fällen um Reichtum, der geteilt wird. Es geht viel mehr um all das, was das Leben mit sich bringt und wo Glauben eine Lebensperspektive gibt.

Wir erleben diese biblischen Erzählungen in diesen Tagen in der ihnen eigenen Intensität. Leben teilen mit Frauen, Kindern, Männern, die ihre Heimat, ihr bisheriges Leben verlassen mussten, um Leib und Leben zu retten. Was können wir teilen? Ein Dach über dem Kopf, Essen, eine Möglichkeit, sich zu waschen, Ruhe zu finden, vor allem einen Ort, wo sie nicht mehr um ihr Leben fürchten müssen. Gleichzeitig wissen wir, dass es vor allem des liebevollen Blicks bedarf, der über die äußere Versorgung hinausgeht. Ein Blick, der Verlässlichkeit signalisiert, der Verantwortlichkeit zeigt und die Bereitschaft, gemeinsam zu überlegen, was jetzt vonnöten ist. Leben teilen schließt diesen Blick ein. Er ist nicht einseitig, sondern ein Blick, der erwidert wird, der hin und her wandert zwischen den Menschen und die Hierarchie beiseite schiebt. Er setzt den Blick Gottes auf uns in eine konkrete Praxis um, die mehr als den Überfluss teilt. Es geht um Leben. Miteinander leben. Gutes Leben. Solidarisch leben. Achtsam leben. Gemeinsam leben mit all den Höhen und Tiefen, Sorgen und Fragen, Ängsten und Zweifeln, Unsicherheiten und Geduldsproben, mit den vielen kleinen Momenten des Glücks, den Freudentränen, dem zaghaften Lächeln und dem fröhlichen Grinsen, dem Gelächter über Missverständnisse und Missgeschicke. Leben teilen mit allen Sinnen, und vor allem mit dem Herzen.

Ich habe dieses Leben teilen über viele Monate vermisst. Den schnellen, ungeplanten Besuch, bei dem oft ganz Entscheidendes gesprochen wurde. Die langen Abende mit Freudinnen und Freunden mit den Diskussionen, dem Erzählen, dem gemeinsamen Essen. Die Konzerte, die kleinen Wanderungen und Spaziergänge, den Besuch im Café, der Schwatz auf dem Flur in den Büros, die Seitengespräche bei Tagungen und Kursen, die gemeinsamen Zugfahrten, Treffen mit der Großfamilie, Unbekanntes entdecken … Momente, in denen wir Leben miteinander teilen und zur Dankbarkeit finden. Gleichzeitig bin ich achtsamer geworden und versuche, fremden Menschen einen freundlichen Blick zu schenken, manchmal ein überraschendes Wort, der Nachbarin einen Blumenstrauß ohne Anlass. Von mir selbst kann ich sagen, dass ich empfänglicher geworden bin, besser etwas annehmen kann, weil ich um das Wertvolle des Teilens mehr weiß.

Für den Mai habe ich, einer Anregung von Christina Brudereck[1] folgend, mir vorgenommen, Namen für Gott zu teilen – wie es Hagar tat. Heute gebe ich Gott den Namen … „ … die meinen Blick auf andere lenkt“. Ich bin mir sicher, dass diese Namen anderen und mir selbst von meinem Leben erzählen werden. Leben teilen und Glauben teilen gehören zusammen.
Barbara Janz-Spaeth, Stuttgart


[1] Christina Brudereck, Trotzkraft, 3. Auflage Dezember 2021, z.B. Text 24: Heute gebe ich G-tt den Namen „Grösser als meine Angst“ u.a.