Merkel, Luther, der Papst und eine Bibel, die alle verstehen

Warum die Prinzipien der Leichten Sprache für die Kirche unverzichtbar sind

Was haben Angela Merkel, Martin Luther und der Papst mit der Bibel gemeinsam? Diese Frage konnte sich stellen, wer die Geschenke sah, mit denen die Bundeskanzlerin bei ihrem Abschiedsbesuch im Vatikan im vergangenen Oktober Franziskus überraschte. Unter anderem waren darunter die drei Bände der Evangelien in Leichter Sprache, einer inklusiven Bibelübertragung, die das Nürnberger Caritas-Pirckheimer-Haus, das Stuttgarter Bibelwerk und die Thuiner Franziskanerinnen seit 8 Jahren gemeinsam mit behinderten Menschen erstellen.

All das war kein Zufall. Die evangelische Pfarrerstochter und Kanzlerin überreicht dem Papst eine katholische „Bibel für Alle“ aus Anlass des großen Jubiläums der ersten deutschen „Bibel für Alle“. Denn 2022 jährt es sich zum 500. Mal, dass Martin Luther das Neue Testament in ein für alle verständliches Deutsch übertrug. Die biblischen Texte sollten die Sprache der Menschen ihrer Zeit sprechen – nicht umgekehrt, das war seine Absicht.

Verständlichkeit, Klarheit, Zielgruppenorientierung, nah dran an den Menschen wie am Wort – diese Kriterien gelten für jede Art von Text, der von möglichst allen verstanden werden soll. Sprache wird dabei nicht als starres Kunstwerk oder verstaubtes Museum, sondern als lebendiger, dynamischer Prozess verstanden. Wie seinerzeit Luther beschäftigen auch uns im Projekt „Evangelium in Leichter Sprache“ (www.evangelium-in-leichter-sprache.de) diese Kriterien, wenn wir standardsprachliche Bibeltexte der Einheitsübersetzung in Leichte Sprache übertragen.

Leichte Sprache ist barrierefreie Sprache. Zuallererst für Menschen mit Lernschwierigkeiten bzw. geistiger Behinderung gedacht, ist sie auch für alle anderen Menschen geeignet, deren Sprachkompetenz (noch) nicht ausreicht, um „schwere“ Texte zu verstehen – Kinder, Schüler:innen, Menschen mit Demenz, Geflüchtete und andere.

Schwere Texte leicht gemacht

Leichte Sprache bedient sich klarer Regeln: Kurze Sätze, einfache Wörter, keine Fremdwörter oder mehrdeutigen Bilder, nur eine Aussage pro Satz, keine komplizierten Satzkonstruktionen, klares Schriftbild, große Schrift, dazu Bilder und Illustrationen zur Verdeutlichung u.v.m.… Ihr Ziel: Die Botschaft möglichst einfach klar zu machen.

Dabei helfen besonders zwei Regeln: Zum einen: Kompliziertes und Schweres muss leicht, d.h. einfach gesagt werden. Dies zwingt mich, mir über die eigentliche Botschaft des Textes oder eines Begriffs erst einmal selbst klar zu werden, bevor ich anderen davon erzähle. Wie beschreibe ich z.B. in Leichter Sprache eine Synagoge? „Eine Synagoge ist ein besonderes Haus. In der Synagoge können sich die Menschen treffen. Und beten. Und zusammen über Gott sprechen“. Was ist ein Prophet? „Der Prophet ist ein Mensch, der in seinem Herzen mit Gott redet. Der Prophet sagt den Menschen, was Gott zu ihm im Herzen redet.“

Zum anderen: Beim Übersetzen muss ich die Perspektive derjenigen einnehmen, für die ich den Text übertrage, also der Zielgruppe. Und das in radikalster Form: Das Gütesiegel „Leicht“ dürfen die Texte erst tragen, wenn sie gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten entstanden, am besten von Beginn an. Eine nicht immer einfache, aber ungemein qualitätssichernde Anforderung.

Die Perspektive auf den Kopf stellen

Wer Texte in Leichte Sprache überträgt, gibt die Entscheidung darüber, ob und wann ein Text wirklich verständlich ist, ab, und zwar an die Lesenden bzw. Hörenden. Nicht das, von dem ich glaube, dass es für die anderen verständlich sein könnte oder sollte, zählt. Sondern das, von dem die anderen sagen, dass sie es verstehen!

Leichte Sprache stellt die Perspektive auf den Kopf. Keine andere biblische Geschichte veranschaulicht das besser als die vom blinden Bartimäus (Mk 10,46-52). Als er vor ihm steht, dürfte Jesus schnell geahnt haben, worum ihn der Blinde bitten würde. Doch Jesus macht ihn nicht einfach sehend. Er stellt als erstes eine unerwartete – aber alles entscheidende – Frage: „Was willst DU dass ich DIR tun soll?“ Jesu Blick geht auf Augenhöhe mit Bartimäus: Was er braucht, mag für andere scheinbar klar sein – wirklich wissen können sie es nur, wenn Bartimäus es selbst sagt (es könnte ja auch sein, dass sein Hunger viel größer ist als sein Wunsch zu sehen).

Das Bartimäus-Prinzip

Dieses „Bartimäus-Prinzip“ eines radikalen Wechsels der Perspektive ist Jesu Grundhaltung gegenüber anderen. Es besitzt eine Sprengkraft, die weit über den Bereich von Inklusion und Teilhabe hinausgeht. Wer es ernst nimmt, wird die Sicherheit aufgeben (müssen), schon selbst zu wissen, wie die Botschaft am besten vermittelt werden kann. Stattdessen wird sie bzw. er vom vermeintlich Wissenden zur erstmal Fragenden. Und werden die anderen vom Objekt zum Maßstab allen Sprechens – und nicht nur des Sprechens, sondern auch des Handelns, der Verkündigung, von Kirche-Sein überhaupt. Ob die Botschaft der Bibel – der Basis von Kirche, Glauben und Pastoral – in Zukunft wieder für alle verständlicher werden kann, hängt davon ab, ob es gelingt, diesen Perspektivenwechsel endlich ernst zu nehmen. Vielleicht steckte in Angela Merkels Geschenk ja auch ein wenig von dieser Aufforderung Jesu: Geht von dem aus, was die Menschen sagen, dass sie brauchen – und nicht von dem, was ihr glaubt, dass sie brauchen sollten!

Überarbeitete Fassung eines Beitrags in Heft 4/2021 der Zeitschrift „Sendbote des Heiligen Antonius“ / Foto: Vatican Media