Im Labyrinth des Lebens: Unterwegs-Sein verändert

Vor kurzem bin ich wieder einmal in einem Labyrinth gewesen und habe es abgeschritten. Labyrinthe erfreuen sich großer Beliebtheit, nicht nur die bekannten, wie z.B. das berühmte Labyrinth in der Kathedrale von Chartres in Frankreich. Auch hierzulande gibt es viele, meist begehbare Labyrinthe, größere und kleinere, runde und eckige, gemauerte oder angepflanzte …

Labyrinthe sind faszinierend. Eine Besonderheit ist: In einem Labyrinth kann ich mich nicht verirren. Denn anders als ein Irrgarten – mit dem es oft gleichgesetzt wird –  führt ein Labyrinth immer ans Ziel.

Das Ziel ist in der Mitte. Das Ziel IST die Mitte.

Ja und Nein.

Der Weg durch ein Labyrinth ist weder gerade noch vorhersehbar, sondern hat immer wieder Windungen und Drehungen. Ich muss mich darauf einlassen. Und auf Überraschungen gefasst sein.

Und: Gerade, wenn es scheint, dass ich dem Ziel am nächsten bin, macht der Weg eine plötzliche Windung und ändert seine Richtung. Und führt mich wieder weg von der Mitte.

Aber auch die Mitte ist noch nicht das endgültige Ziel. Denn: Ich muss wieder zurück aus der Mitte. Der Weg des Labyrinths führt vom Eingang zur Mitte und von der Mitte zurück zum Eingang. Das angepeilte Ziel -wenn ich es erreicht habe, erweist es sich nur als Zwischenstation.

In der Bibel ist nirgends die Rede von einem Labyrinth. Trotzdem wurde es im Christentum recht bald u.a. als Symbol für den Lebensweg des Menschen gedeutet und eingesetzt: Wir sind unser Leben lang auf dem Weg. Auf der Suche nach unserer Mitte, nach dem Ort, an dem wir zuhause sind, nach dem wir uns sehnen.

Das Labyrinth lehrt mich: Ich bin auf dem Weg zu diesem Ort, ich werde an diesen Ort gelangen. Aber es lehrt mich auch: Ich bleibe nicht an diesem Ort. Denn der Weg führt weiter. Das Ziel wird zur Etappe, der Weg zur Reise.

Der Weg führt mich weiter. Von der Mitte zurück zum Ausgangspunkt. Zurück an den Ort, an dem ich gestartet bin. Der Beginn wird zum Ende, der Start zum Ziel …

Leben ist Unterwegs-Sein zu dem Ort, an dem wir zuhause sind, so lautet eine der Botschaften des Labyrinths.

Dieses Motiv des „Auf dem Weg-Seins“ ist ein zutiefst biblisches. Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Garten Eden, das Volk Israel durch die Wüste, Mose zum Sinai, Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger durch Galiläa nach Jerusalem, Paulus und seine Mit-Missionierenden durch die halbe Welt, die frühen Christen zum himmlischen Jerusalem und und und … „Nun aber geht …“ (Markus 16,7) – mit diesem „Marschbefehl“ an die Frauen am Grab endet das älteste Evangelium.

Vom Anfang bis zum Ende erzählt die Bibel vom Unterwegs-Sein. Auf fast jeder Seite und in beinahe jedem Abschnitt ist sie Wegbeschreibung, Fahrtenbuch und Landkarte zugleich.

Kehren wir noch einmal zurück zum Labyrinth: Das scheinbar erreichte Ziel in der Mitte ist in Wirklichkeit nur ein Zwischen-Ziel. Der Weg führt weiter, nämlich wieder zurück zum Ausgangspunkt.

Doch wenn wir das Labyrinth durchschritten haben und wieder zurück sind am Ausgangspunkt, dann hat sich etwas verändert.

WIR haben uns verändert.

Der Weg durch das Labyrinth des Lebens, unser Weg mit all seinen Windungen, Überraschungen und Drehungen hat UNS verändert und verändert uns immer wieder und immerfort.

Unterwegs-Sein verändert – beim Gehen durch das Labyrinth ebenso wie beim Lesen der Bibel.

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