Lectio Divina – Bibel neu erleben

Anlässlich des vollständigen Erscheinens der Lectio Divina-Bibel im Herbst gibt Tobias Maierhofer einen Einblick in seine persönliche Praxis mit der Bibelausgabe:

Gebet um den Heiligen Geist, in mich gehen und zur Ruhe kommen. Dann beginne ich zu lesen, Mk 3,7: „Jesus zog sich mit seinen Jüngern an den See zurück…“ Ich lese bis 3,21, das reicht mir für heute. Ich lese langsam und laut und lausche dem Klang der Wörter, dem Rhythmus des Textes. Nach ein, zwei Wiederholungen habe ich seinen Sound im Ohr, karge Sätze, immer gleich zur Sache, darin eine Aufzählung, erdrückend bereits wie die herannahenden Scharen, am anderen Ende, gleichsam als Gegengewicht zur anonymen Masse, Namen und Namen. Doch von vorn! Ich versuche jetzt, dem Wortlaut des Textes möglichst genau zu folgen, Wort für Wort für Wort. Drei Verse, vier Verse bin ich voll bei der Sache, bis meinem Bewusstsein die ersten Formulierungen entwischen, ich bald über ganze Sätze hinweglese. Ich unterbreche, sammle mich kurz und weiter geht’s mit dem Lesen, den letzten Vers sicherheitshalber nochmal. Eine weitere Unterbrechung ist nötig, doch schon die Apostelnamen sind wieder nur mehr leerer Schall. Und weil ich der Meinung bin, dass das viel besser geht, lese ich den Abschnitt erneut, gaanz laaangsaam. Dass ich den Text mittlerweile fast auswendig kann, hilft mir beim Fokussieren nicht gerade sehr, und wieder rauschen Sätze von Ohr zu Ohr, ohne unterwegs einen Halt im Gehirn einzulegen.

Aber dann plötzlich 3,13: „die er selbst wollte“! Der kurze Relativsatz ist mir bisher nie aufgefallen, die vier Durchgänge zuvor und auch sonst nicht. Jetzt drängt er, irritiert er mich, ist er wie ein Rätsel, das mir zur Lösung aufgeben ist: Wenn nun erst diejenigen zu Jesus kommen, die er ausdrücklich um sich haben will, was ist dann mit den vielen, die Heilung und Befreiung bei ihm suchten – und fanden? Sollten sie Jesus weniger nah sein, eine Last gar? Gewiss: der Nebensatz steht in enger Verbindung zur Einsetzung der Zwölf, an ihrer Autorität soll es wohl nichts mehr zu rütteln geben. Doch sind die, die er rief, überhaupt mit den Zwölfen identisch? Und wenn: hätte hier nicht ein „rief zwölf zu sich und setzte sie ein“ gereicht? Stattdessen Jesu Willen Ausrufezeichen. Eine kleine Restunzufriedenheit bleibt, doch komme ich hier erstmal nicht weiter. Ich werfe einen Blick in die Randspalte. Rot gedruckt erstens brauche ich: „Schreiben Sie den Namen Jesus in die Mitte und drumherum die Menschen, von denen außerdem erzählt wird. Welche Beziehung hat er zu diesen Menschen?“

Wieso nicht? Da sind also: die Vielen, die sich am See um Jesus scharen, darunter Schaulustige vermutlich, vor allem aber viele Kranke und Besessene, Jesus heilt die einen und maßregelt die anderen; die Gerufenen natürlich; daraus (?) die Zwölf, der engste Kreis um Jesus, ausgestattet mit Verkündigungsauftrag und zum Dämonenaustreiben bevollmächtigt; die Vielen, die Jesus beim Essen belagern; und schließlich seine Angehörigen, die das Theater, das er aufführt, mit Gewalt beenden wollen. Immer wieder aber „viele“. Bislang unbemerkt blinkt mir das Zahlwort gleich mehrfach entgegen, weckt eine vage Erinnerung. War da bereits? Ich blättere zum Anfang des Evangeliums zurück und überfliege. Und da war, 1,34, 2,2, 2,4… Und wie in meinem Abschnitt sind die „Vielen“ jedes Mal die Kranken, die Besessenen, die Sünder auch, Jesus tut Wunder an ihnen. Oh, that’s it, heureka! Sie sind als Verkünder und Bevollmächtigte denkbar ungeeignet! Sie wollten etwas von Jesus und haben es auch bekommen. Doch das prägt ihr Bild von Jesus, macht ihre Jesusbeziehung aus, und seine volle Bedeutung erfassen sie möglicherweise nicht. Die er rief, tun sich da schon schwer, über 3,19 liegt Judas‘ Schatten bereits, ich denke auch an Petrus in Cäsarea Philippi und beim Hahnenschrei. Wer ist Jesus für mich? Nachfolge! Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden. Will ich IHN, oder einen Mangel stillen? BREAK, beim Text bleiben! Weil ich aber fürs Erste zufrieden bin mit meiner Textausbeute, beschließe ich, zum nächsten Schritt zu gehen. Rot gedruckt zweitens: Einer dieser Menschen sein! „Wie fühlt sich das an?“

Krankheit? Grauenhaft! Von schweren und chronischen Leiden bisher verschont geblieben macht mich bereits der kleinste Anflug einer Erkältung zum Jammerlappen. Ununterbrochen fühle ich, ob die Symptome nicht doch wieder verschwinden, nach dem ersten Enttäuschungsfrust, wann der Höhepunkt erreicht ist und ich endlich mit Besserung rechnen kann. Über allem die Käseglocke, stellvertretend für die, die ich tunlichst meide, ekle ich mich vor mir selbst. Ernsthaft zu erkranken, unheilbar gar, nicht auszudenken! Gibt als Thema für die Jesusbeziehung eines kerngesunden Mitdreißigers aber wenig her, oder? Hmm, Trost und Heil bei Krebs, Unfall, Sucht, das nicht, doch biografische Wunden, Komplexe, Ängste waren in religiösen Dingen eine nie zu unterschätzende Triebfeder, bis in die theologische Auseinandersetzung hinein. Manchmal bete ich eben, weil es mich verlässlich entspannt, wähle ich religiöse Optionen aus Orientierungsbedürfnis, nicht aus Überzeugung. Ein verlässlicher Glaubenszeuge bin ich deshalb wohl eher nicht. Meine Rolle stattdessen? Schleierhaft! Ein Rätsel, das ich jetzt aber nicht lösen muss. Und weil ich bereits überzogen habe, beschließe ich, allmählich ans Ende zu kommen. Wieder gehe ich ein, zwei Minuten in mich. Ich betrachte das Wirrwarr aus Textschnipseln, Ahas und neuen Fragen vor meinem inneren Auge, gebe es schließlich in die Hände Gottes. Ein kurzes Dankgebet, dann gehe ich, das „die er selbst wollte“ im Ohr, wieder an die Arbeit. Ein paar Tage später bin ich 2 Kapitel weiter beim Besessenen von Gerasa angelangt. Seine Dämonen waren „viele“ und „Jesus erlaubte es ihm nicht,“ bei ihm zu sein. Er aber „verkündete in der ganzen Dekapolis, was Jesus für ihn getan hatte“!

Dipl.-Theol. Tobias Maierhofer, Projektreferent „Lectio Divina-Bibel“ im Katholischen Bibelwerk e.V.

Bereits erschienen: Lectio Divina. Neues Testament – Die Einheitsübersetzung, Stuttgart 2019.

Das Alte Testament wird im Herbst dieses Jahres in 2 weiteren Bänden erscheinen.