Diskurse statt Wahrheiten

Eine Buchvorstellung und Glosse zugleich

Eine Freundin schenkt mir ein Buch zum Geburtstag: „Der Jude Jesus und die Zukunft des Christentums“, von Norbert Reck. Der Haupttitel klingt eher unspektakulär, der Untertitel lässt ahnen, dass es ans „Eingemachte“ geht, zumindest in der katholischen Kirche: „Zum Riss zwischen Dogma und Bibel“. Und dann steht da noch: „Ein Lösungsvorschlag“. Das ist gewagt, denke ich, wenn jemand den Anspruch erhebt, er hätte eine Lösung.

Reck interessiert sich weniger für das, was derzeit als Krise verhandelt wird zwischen verübtem Missbrauch und verweigerter Frauenpriesterweihe, sondern geht in seinem Essay der Frage nach, „warum der christliche Glaube in Westeuropa sich immer schwerer erzählen lässt und warum immer mehr Menschen dem Christentum den Rücken kehren.“ Er beschreitet keine synodalen Wege, schlägt sich aber genausowenig auf die Seite der (Neu-)Evangelisierung, und schon gar nicht will er missionieren, denn er sucht und findet eine Spur in den Einsichten der frühesten Opfer christlichen Superioritätsdenkens: im Judentum.

Biblische Einsichten

Es sind biblische Einsichten, denn die Bibel wurde ja nicht im Christentum, sondern im Judentum erfunden. Oder besser gesagt: Sie ist Ausdruck jüdischen Denkens und Lebens, denn sie ist vielstimmig und nicht auf einen Nenner zu bringen, vermutlich nicht einmal auf einen christologischen.
Das soll nun kein Einwand gegen den Glauben an Jesus Christus sein, aber dieser Glaube entspringt seinerseits einem ausgesprochen biblischen – und jüdischen Vorgang: dem Diskurs.
Um es gleich zu sagen: das ist die Lösung, die Reck ins Spiel bringt. Diskurse statt Wahrheiten. Denn die Versuche, ewige Wahrheiten festzuhalten“, seien mit dem Einbruch der Moderne endgültig gescheitert. Mit dem Anspruch, letztgültige Wahrheiten zu besitzen, lässt sich bequem Macht und Kontrolle ausüben, doch wenn diese Wahrheiten sich vom gelebten Leben und seinen Deutungen (den jeweiligen Diskursen) ablösen und zu leeren Chiffren verkommen, läuft jede Kontrolle ins Leere und verblasst die Macht. Dieser Zustand ist der Kirche des Westens sattsam vertraut. Daran wird sich aber nichts ändern, solange das eigene Offenbarungsverständnis im Gegensatz zu der Einsicht steht, „dass vergänglichen Menschen der unmittelbare Zugang zur absoluten Wahrheit nicht möglich ist.“

Diesseitigkeit

Diskurse sind der Ausdruck einer zeit- und kulturabhängigen Auseinandersetzung mit den Fragen der jeweiligen Gegenwart. Vermutlich kann man den Begriff auch noch anders definieren, aber so präsentieren sich die biblischen Texte, von denen kein vernünftig arbeitender Exeget mehr behaupten würden, sie seien (dem Wortlaut nach) „Wort Gottes“, sondern sie bezeugen das Wirken Gottes in den geschichtlichen Erfahrungen Israels bzw. des Judentums und, in der Folge, der frühen Kirche. Sie sind das Ergebnis von Diskursen.
Während aber in der jüdischen Tradition der Diskurs bis heute andauert, ist die Entwicklung im Christentum in die entgegengesetzte Richtung gegangen. Die Kirche hat den Weg der Vereinheitlichung eingeschlagen, hin zur Orthodoxie, der „rechten Lehre“ über die „Heilstatsachen“.
Hatte es damit zu tun, dass der Gekreuzigte als Messias den jüdischen Zeitgenossen seiner Jünger im ersten Jahrhundert aufgrund der Tora nicht vermittelbar war? Hinzu kam, dass seine „Wiederkunft“ ausblieb und die Hoffnung der Christen sich zunehmend auf das „Jenseits“ richtete, während das Judentum weitgehend bei jener unabweisbaren „Diesseitigkeit“ der biblischen Texte blieb, die das göttliche Wirken in einem gelingenden Leben in dieser Welt sucht.
Reck führt in diesem Zusammenhang das Exodusnarrativ an, in dem die Befreiung aus dem Sklavenhaus als erstes der „Zehn Worte“ gilt.
Narrative nehmen immer wieder neue Gestalt an, sie lassen sich unter veränderten Bedingungen neu erzählen. Wenn es große Narrative sind wie die biblischen, ist dies sogar über Jahrhunderte hinweg möglich.
Dogmen tun sich da schwerer. Sie müssen quasi „vorgeschrieben“ werden, denn sie dulden keinen Widerspruch und wollen nicht Gegenstand von Diskursen sein. Dogmatiker mögen mich korrigieren, wenn es sich anders verhält.

Was kann ich bezeugen

Für meinen Teil bleibe ich dennoch lieber beim Diskurs. Ich plädiere fürs Erzählen, für Rede und Gegenrede und für die offene Suche nach einer Wahrheit, an die ich glaube, von der ich aber nicht glaube, dass man sie besitzen kann. Ich halte mich dabei an die drei Fragen, die Arnold Stadler 1999 in seiner Büchnerpreisrede formuliert hat:

Was habe ich für einen Platz bekommen?
Was habe ich gesehen?
Was kann ich bezeugen?

Das ist der Weg der Bibel, im Plural natürlich. Sie hat ihren Platz nie anderswo gesucht als „in der Welt“, in einer diesseitigen Welt, wohlgemerkt. Denn dahin hat es offenbar auch Gott unaufhaltsam gezogen, den Gott des Exodus ebenso wie Jesus den Menschensohn. Letzterer hat sich übrigens einen ziemlich begrenzten Platz in der Geschichte ausgesucht. Aber das hat gereicht, um eine grenzenlose Geschichte in die Welt zu setzen.

Dr. Andrea Pichlmeier, Diözesanleiterin Passau