Die Bibel. Ein Buch randvoll mit Wahrheit  – für uns

Hat sich wirklich alles so abgespielt, wie es in der Bibel steht? Dies Frage wird in Bibelgesprächen oder Bibel-Kursen immer wieder gestellt. Für viele Menschen hängt die Frage nach der „Wahrheit“ der Bibel vor allem an ihrer Zuverlässigkeit als historische Quelle. Deshalb wird auch immer wieder nach den Resten der Arche Noah gesucht. Oder die Erzählung von der Speisung der Fünftausend wird gern so erklärt, alle hätten etwas dabeigehabt, es aber erst einmal für sich behalten wollen. Aber schließlich hätten alle ihre Verpflegung aus den Taschen gekramt und geteilt. Wenn jede/r gibt, was er hat …

Müssen wir als gute Christen wirklich Wort für Wort glauben, was in der Bibel steht? In der Bibelwissenschaft ist es heute keine Frage mehr, dass die biblischen Texte nicht exakt protokollieren, was historisch passiert ist. Die biblischen Texte sind durchweg mehr story als history. Und dass eine Story/eine Erzählung oft eine größere Kraft hat als historische Ereignisse, das hat der Ägyptologe Jan Assmann mit seinen Überlegungen zu Mose und dem Exodus eindrucksvoll gezeigt: Historisch ist der Exodus als Massenauswanderung des Volkes Israel aus Ägypten in den archäologischen Zeugnissen nicht belegt. Aber die Story/ die Erzählung des Exodusbuches ist so stark, dass sie sich in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegraben hat und Christentum und Judentum bis heute nachhaltig prägt.

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist für katholische Gläubige klar, dass die Bibel „Gottes Wort in Menschenwort“ ist. Und wie jedes Menschenwort ist auch die Bibel nicht ohne Interpretation zu verstehen. Schon jede Übersetzung ist eine Interpretation des ursprachlichen Textes. Jedes Lesen oder Vorlesen interpretiert den Text. Das Konzil versteht den biblischen Text darum auch nicht als fest gemeißelte Wahrheit, sondern als dialogisches Kommunikationsgeschehen zwischen Gott und Menschen. Die Wahrheit der Bibel wird als Wahrheit beschrieben, die Gott „um unseres Heiles willen in den Heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“ (DV 11).

Es geht also im katholischen Schriftverständnis darum, die Schrift als heilsamen Begegnungsraum mit Gott zu öffnen. Die Bibel als Schatz von Gottes- und Lebenserfahrungen kann soll für unser Leben heilsam, ein Wegweiser werden. Doch wie geht das? Die Bibel ist doch oft so schwierig?

Vereinfacht gesagt fordern die neueren Bibeldokumente aus Rom dazu auf, beim Lesen eines Bibeltextes sich nicht mit der Frage: Was ist damals passiert? stehen zu bleiben und sich mit den eigenen Antworten zufrieden zu geben, sondern in Übereinstimmung mit bibelwissenschaftlichen Erkenntnissen und im Horizont der Interpretationsgemeinschaft „Kirche“ weiter zu fragen: Was will der Text aussagen? Was sagt der Text als theologischer Text über/von Gott? Wozu will er Menschen bewegen?

Man kann ganz einfach in einem ersten Schritt mit dieser Art von Lektüre anfangen. Wir müssen lernen, Bibelstellen „kontextuell“ zu lesen. Das bedeutet:

  1. Der Zusammenhang einer Schriftstelle im Buch, im Kanon der Schriften, ist unbedingt zu beachten. Also bei einer Bibelstelle immer schauen: Wo steht sie? Was steht davor, was danach? Wie klingt sie in ihrem weiteren Umfeld? Gibt es andere Stellen der Bibel, die mit dieser Stelle zusammenklingen? Oder ihr widersprechen?
  2. Das Wort „kontextuell“ dürfen wir auch noch anders verstehen: Die Schriften sind von der jüdischen und den christlichen Glaubens-Gemeinschaften zu heiligen Schriften erklärt worden. In diesen Glaubensgemeinschaften werden sie gelesen, ausgelegt und gelebt. Darum ist die Lektüre der Bibel in Gemeinschaft, in einem Bibelkreis oder in einer Lectio-Divina-Gruppe so ergiebig. Hier, beim gemeinsamen gründlichen Lesen und Hören auf die Schrift weht der Gottesgeist und einengende Missverständnisse können leichter vermieden werden.

Nach und nach werden wir der Wahrheit der Schrift für uns und unser Leben immer mehr auf die Spur kommen. Und Hunger auf mehr bekommen!

Bettina Eltrop, Kath. Bibelwerk e.V., Stuttgart

Den Artikel finden Sie auch in gedruckter Form im Magazin „Nordlicht“ des Pastoralverbunds Nördliches Siegerland.