Ungerechtfertigte Ansprüche?

Predigt zum 27.Sonntag im Jahreskreis 2020 zu Matthäus 21,33-46:

Das Gleichnis von den Winzern

Liebe Geschwister im Glauben,

das ist ja ein geradezu dramatisches martialisch klingendes Evangelium heute! Und auf das erste Hören hin nicht wirklich leicht zu verkraften, geschweige denn zu verstehen, was uns damit gesagt werden soll! Eine ziemliche Zumutung! Aber das sollte es sogar auch damals schon vor 2000 Jahren sein. Eine Zumutung und Herausforderung Jesu.

Kurz zur Einordnung in das Geschehen: Jesus ist in Jerusalem angekommen. Vorausgegangen ist die Tempelreinigung und nun folgen Streitgespräche mit den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes. Da nimmt Jesus überhaupt kein Blatt vor den Mund. Da ist er nicht diplomatisch, sondern drastisch in der Auseinandersetzung, worum es ihm eigentlich geht. Es ist die ewig lange Geschichte Gottes mit seinem Volk. Dieses Volk, das immer und immer nicht begreift, was Gott und seine Treue bedeuten. Man misshandelt und drangsaliert die Propheten, will einfach nicht hinhören. Im letzten wird das dann für Jesus selber tödlich enden, auch er scheitert an der Verstocktheit und am Unglauben der führenden Köpfe.

Der Gutsbesitzer im Gleichnis hat einen wunderbaren Weinberg angelegt mit allem was es dazu braucht. Der Anfang ist einfach nur „sehr gut“. Dann wird verpachtet und ganz normal erwartet der Gutsbesitzer seine Pacht, also einen Teil der Früchte der Ernte. Aber was passiert: die Pächter wollen nicht abgeben, sie verweigern das und wollen sogar selber den Weinberg erben und in Besitz nehmen. Dazu wenden sie höchst aggressive Mittel an. Bis dahin, den Sohn des Besitzers umzubringen. Sie haben selbst vor ihm überhaupt keine Achtung! Achtung, das ist eines der wichtigen Wort in diesem Text.

Wer aber meint, es gehört alles ihm, was in Wahrheit nur gepachtet ist, dem wird hier sehr deutlich von Jesus selber die rote Karte gezeigt.

Wer keine Achtung vor dem Sohn hat, hat natürlich auch keine Achtung vor dem Vater. Das betrifft hier bei Matthäus ausdrücklich die religiöse Elite. Kurz vorher sagt Jesus: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes, weil sie geglaubt haben. Das ist ziemlich unerträglich für die, die meinen sie hätten das Sagen und die Klugheit in religiösen Angelegenheiten. Das war damals so und scheint heute nicht viel besser, wenn es um Achtung und den Respekt vor unterschiedlichen Lebensentwürfen geht, wenn es um Beurteilung und Einordnung von fremdem und  normalem Verhalten geht, von vorgeblich klarem Wissen, was zu sein hat und was nicht. Das wird gerade zur Zeit in unserer Kirche deutlich in  strittigen Themen. Und in der Gesellschaft auch. Es fehlt so oft einfach an Achtung.

Jesus sagt dazu eigentlich sehr klar: es hat von euch keiner die Wahrheit gepachtet, sondern ihr habt nur einen Weinberg gepachtet. Der ist euch wirklich anvertraut worden und Früchte, die nach guter Arbeit geerntet werden können, sind nicht für euch allein, sondern auch für den, der der Schöpfer des Ganzen ist. Früchte wollen geteilt werden, dann sind sie Nahrung und Leben.

Die einzige Autorität, auf die es wirklich zu hören gilt, ist Jesus selber. Der ist nämlich der Eckstein, der dem Haus Stabilität gibt. Andere haben nur insofern Autorität, als sie sich durch Achtung, wirkliche Achtung auszeichnen. Das hat zutiefst etwas mit Sensibilität und Acht-samkeit zu tun, mit Feingefühl, gutem Urteilsvermögen und vielleicht auch so etwas wie vornehmer Bescheidenheit.

Es wird auf eine deutliche Entscheidung hinauslaufen für jede und jeden von uns: Wem überlasse ich Autorität über mein Leben, ob in der Kirche oder in der Gesellschaft? Denn auch diese Autoritäten sind nur Pächter oder Pächterin und können todbringend machtbesessen sein.

Im letzten geht es darum: Gott, dem Schöpfer, zurückzugeben, was mir anvertraut wurde als Pächterin und Pächter meines Lebens, meiner Talente, meiner Kraft, der Welt um mich herum. Dann bringt das Reich Gottes weiter reiche Frucht und kann wachsen, vielleicht an ganz anderen Orten als gedacht. Denn in den Augen Gottes liegt für jeden und jede von uns unglaublich liebevolle Achtung und Wertschätzung. Wer sich so an-gesehen, – wirklich in der Tiefe der Seele angeschaut weiß, der oder die braucht nichts und niemanden zu fürchten.

Sr. Dr. Michaela Wachendorfer, Gemeindeleitung Juist