Der bibellesende Mensch

Der Mensch, genauer der Homo sapiens, existiert seit ca. 200.000 Jahren.

Vor ca. 5500 Jahren hat eine Oberschicht in Sumer und Ägypten das Schreiben und Lesen erfunden. Die allgemeine Schulpflicht und damit das Schreiben und Lesen für alle Menschen wurde z.B. in Bayern vor 200 Jahren eingeführt. Bibelleseempfehlungen der kath. Kirche für das katholische Volk gibt es erst seit dem zweiten Vatikanischem Konzil (Dei Verbum).

Die Vermutung, dass seit Gutenbergs Buchdruck vor allem in der Evangelischen Kirche viele Menschen die Bibel schon früher gelesen hätten und sie diese quasi mit der Muttermilch gereicht bekämen, scheitert am Datum der Einführung der allgemeinen Schulpflicht, die das Lesen und Schreiben für alle erst ermöglicht hat.

Die Chance des Lesens und damit auch des Bibellesens gibt es für den Menschen noch nicht all zu lange. Versuchen wir einmal die Zeitspanne auf einem Zollstock darzustellen:

Zwei Meter sind zweihundert Zentimeter, zwei Meter entsprechen 200.000 Jahre, ein Zentimeter entspricht 1.000 Jahre der Geschichte des Homo sapiens.

Demnach haben die Menschen die letzten 5,5cm auf dem Zollstock ihr Leben entsprechend lesend erschlossen. 1/5 Zentimeter, das sind zwei Millimeter, entsprechen 200 Jahre allgemeine Schulpflicht. 60 Jahre Dei Verbum und damit Leseempfehlung der Bibel für alle Christen entsprechen weniger als ein halber Millimeter auf dem Zollstock.

Man könnte nun sagen, der Homo sapiens habe das Lesen und schon gar nicht das Bibellesen in seiner DNA nicht abgespeichert. Die Zeit dafür war menschheitsgeschichtlich gesehen viel zu kurz.

Und dennoch gleicht die Erfindung der Schrift und des Lesens einer kulturgeschichtlichen Revolution des Menschen, die in kürzester Zeit sein Denken verändert hat.

Neurowissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass das Lesevermögen des Erwachsenen und bereits das Vorlesen für das Kleinkind signifikante Veränderungen im kognitiven Bereich bewirkt. Das lesende Gehirn wird nicht nur anders ausgebeult als das nicht lesende, es ist auch nachweislich kreativer.

In der bibelpastoralen Praxis beobachten wir das grundsätzliche Phänomen: warum lesen die meisten Menschen die Bibel nicht? Dies hat sicher auch etwas mit der Entwicklungsgeschichte des Homo sapiens zu tun.

Lesen ist mühsam und deshalb unbequem. Die ältesten sumerischen Schriftsammlungen belegen die Praxis des Leselernens. Sehr oft musste der Lehrer den Rohrstock einsetzen, um den Schüler zu disziplinieren. Die Früchte des Leseerfolgs einschließlich des geheimen Wissens hat nur die Oberschicht verkostet.

Eine nachhaltigere Methode als der Rohrstock seit Einführung der allgemeinen Schulpflicht ist das Vorlesen. Eltern und Großeltern lesen dem Schoßsitzer aus Märchen- und Bibelbüchern vor. Die nachweisliche Ausbeute in Sachen Sprachentwicklung, Empathie und Fantasie für das Kleinkind ist immens. Bis zu ca. 30% höhere Sprachkompetenz gegenüber dem Kind, dem nicht vorgelesen wurde, konnte ermittelt werden. Auch die positive Einstellung zum Bücherlesen ist im Kindes- und Jugendlichenalter höher als bei jenen, denen nicht vorgelesen wurde. Lernen durch Nachahmung trägt auch später noch Früchte. Dass auch eine höhere „Glaubenskompetenz“ durch Vorlesen im Kindesalter herausspringt, ist bekannt, wenn bislang auch nicht genauer ausgewertet.

Wie sehr sich das Lesevermögen im Zeitalter der elektronischen Medien wieder verringert, wird gerade untersucht.

Nachteile der menschheitsgeschichtlich jungen Erfindung des Lesens beschreibt bereits Sokrates. Er beobachtet die Zerstörung des Gedächtnisses.

„Denn diese Erfindung wird den lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für das Gedächtnis, sondern nur für die Erinnerung hast du ein Mittel erfunden.“ (Platon, Phaidros).

In der Liturgie (Eucharistie) ist das Volk bis heute auf reines Zuhören angewiesen. In Coronazeiten, in denen sogar das Gotteslob aus virologischen Gründen weggeräumt wird, zeigt sich einmal mehr, dass für den Glaubensvollzug Lesen nicht notwendig ist. Selbständiges Bibellesen muss dann auch nicht sein, so könnte man vermuten. Doch ohne persönliches Bibellesen bleibt die brillante Formen- und Sprachenwelt der Bibel verborgen und mit ihnen die Zeugnisse SEINER Vergegenwärtigung.

Literaturhinweis: M. Wolf, Das lesende Gehirn. Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt, 2009; S.C. Ehmig/T. Reuter, Vorlesen im Kinderalltag. Bedeutung des Vorlesens für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und Vorlesepraxis in den Familien, 2012:  www.stiftunglesen.de

Reinhold Then, Diözesanbeauftragter für das Kath. Bibelwerk im Bistum Regensburg