Gottesluft

Sie besiedelten die Luft und lösten Epidemien aus. Über den Atem drangen sie in die Menschen ein, die sie mit Fieber und unheilbaren Krankheiten schlugen. Manche griffen vorzugsweise in der Nacht an, andere bedienten sich des Windes. Oft traten sie in Gruppen zu mehreren auf, gern zu siebt, aber das konnten nur die Experten wissen, denn für gewöhnliche Menschen waren sie unsichtbar. Die Rede ist nicht von Viren, sondern von Dämonen, denn das Unsichtbare und Unbekannte vermochte die Menschen zu allen Zeiten in Angst und Panik zu versetzen und verleitete sie nicht selten zu irrationalen Handlungen. Die einschlägigen Experten waren nicht Virologen, sondern Exorzisten.

Das Böse

In der Antike bedrohten zahlreiche Dämonen das Leben der Menschen. Sie waren allgegenwärtig. Die Dämonen der Antike waren Grenzgänger zwischen Himmel und Erde und Mittler zwischen den Menschen und ihren Göttern. Im Alten Testament waren sie noch mit den Engeln verwandt. In der griechischen Kultur vermochten die Dämonen Böses abzuwehren, als Totengeister setzten sie sich gegen das Unrecht ein und bestraften Übeltäter. Für Homer waren sie weder gut noch böse, sie waren lediglich unbekannt, Mächte von begrenztem Einfluss und den Göttern unterstellt. Judentum und Christentum legten Wert auf Eindeutigkeit und verbannten die vielen Götter der Heiden zu Gunsten des einen, wahren und guten Gottes, der fortan nur noch von Engeln vertreten werden durfte. Den Dämonen blieb nichts Anderes übrig, als sich auf die Seite des Satans zu schlagen, der immer mächtiger wurde, je mehr die Frommen das Unerklärliche und Böse von ihrem Gott fernzuhalten versuchten. Der Monotheismus hat seinen Preis, jedenfalls dann, wenn man Gott und dem Leben nicht zugesteht, unbegreiflich, unerklärlich und unberechenbar zu sein, erhebend und abgründig zugleich.

Und seine Abwehr

Während Gott an seinen Heiligtümern anzutreffen war, siedelten sich die Dämonen vorzugsweise an Übergängen und Grenzen an, geographischen und solchen des Lebens, wenn sie sich nicht gleich in die Totenwelt zurückzogen. Oft wurden sie als Mischwesen zwischen Mensch und Tier dargestellt, denn natürlich konnte man sie sichtbar machen, nicht unter dem Mikroskop, aber in der Mythologie. Man trug ihre Bilder auf Amuletten mit sich herum, um sich vor ihren Angriffen zu schützen. Auch Abwehrrituale und Fluchformeln konnten helfen, sie sich vom Leib zu halten. Sie verliehen dem Namenlosen einen Namen und dem Unsichtbaren ein Gesicht.

Besessen

Im Markusevangelium (5,9) fragt Jesus den Dämon eines Besessenen nach seinem Namen und erhält die kryptische Auskunft, “Legion heiße ich, denn wir sind viele”. Manche Exegeten sehen in dieser Antwort eine Anspielung auf die römische Besatzungsmacht zur Zeit des Neuen Testaments, was gut möglich ist, denn deren dämonische Auswirkungen hatten sich lähmend auf den Alltag der Menschen gelegt. In der Erzählung selbst bittet dieser Dämon mit seinen tausend Gesichtern lediglich darum, einen Ort zugewiesen zu bekommen. Die “unreinen Geister”, wie der griechische Text sie nennt, fahren in eine Herde Schweine, und die für das Judentum unreinen Tiere stürzen sich in den See und ertrinken. In der Logik der Geschichte funktioniert das, in der Realität können Schweine, wie alle Säugetiere, schwimmen. Darauf aber kommt es nicht an. Um den Gefahren zu begegnen, mit denen das Leben uns umstellt, brauchen wir Erzählungen und brauchen die Erzählungen Protagonisten. Die Dämonen gehören ebenso dazu wie ihre Opfer und jene, die sie in Schranken zu weisen wissen.
In diesem März 2020 wird um das sogenannte Coronavirus herum eine neue Großerzählung gesponnen. Es besiedelt die Atemluft, Türklinken und Handybildschirme, dringt von dort aus in die Menschen ein und schlägt sie mit Fieber, raubt manchen die Luft zum Atmen. Das Tückische daran: Es ist nicht nur unsichtbar, sondern vor allem auch weitgehend unbekannt. Täglich geben die Experten ihre neue Erkenntnisse bekannt, und die Verunsicherten hängen gläubig an ihren Lippen, während sie sich von ihren Nächsten distanzieren, die ja infiziert, biblisch gesprochen: “unrein” sein könnten. Wer hustet, erntet vernichtende Blicke.

Und befreit

Noch ist nicht entschieden, ob die größere Gefahr vom Virus ausgehen wird oder von den Reaktionen jener, die darüber in Panik und Hysterie verfallen. Dem Risikoforscher Gerd Gigerenzer zufolge liegt die größere Gefahr in der menschlichen Angst vor der Gefahr und nicht in der Gefahr selbst, auf die wir wie hypnotisiert starren.
Die Autorin dieser Zeilen hatte sich in einem Moment des Zorns über den medialen Corona-Overkill entschieden, für den Rest der Fastenzeit auf jegliche Corona-Berichterstattung zu verzichten, um sich wenigstens mental nicht infizieren zu lassen. Es ist ihr nicht gelungen. Der “neuartige” und dabei bis zum Überdruss vertraute Dämon “Corona” hat nicht nur die Atemluft, Türklinken und Handybildschirme besiedelt, sondern bereits das Denken eines ganzen Landes. Manchen raubt es die Vernunft wie dem Besessenen von Gerasa. Der hatte freilich Glück. Ihm ist Jesus begegnet, ein Mensch, der bemerkenswert angstfrei gewesen sein muss, obwohl er sich fast täglich mit Dämonen konfrontiert sah. Um ihn herum, so sagte es einmal der Theologe Gottfried Bachl, muss so etwas wie “Gottesluft” gewesen sein. Wirksamer als jedes Desinfektionsmittel reinigte sie die Atmosphäre, vor allem die zwischen Menschen. Sie bezwang die Dämonen und befreite die Besessenen. Nein, das ist natürlich kein Heilmittel gegen ein Coronavirus, das getrost den darauf spezialisierten Experten überlassen bleiben mag. Jene “Gottesluft” aber, die Besessene aufatmen ließ und vor der sich die Dämonen fürchteten, ist notwendiger denn je in einer Zeit, die Tote zählt, Kontakte einfriert und sogar Kirchen schließt. Letzteres dürfte für den biblischen Jesus allerdings nicht unbedingt ein Problem sein.

Dr. Andrea Pichlmeier, Bibelpastoral Passau