Zum Jahr der Bibel 2020

Papst Franziskus hat das neue (Kirchen-)Jahr, welches am 1. Advent 2019 begonnen hat, zum Jahr des Wortes Gottes ernannt. Jahr des Wortes Gottes – nicht etwa Jahr der Bibel, sondern Jahr des Wortes Gottes. Die Bibel, das ist uns allen klar und präsent, ist unser wichtigstes Buch, auch oft die Ur-Kunde unseres Glaubens genannt. Aber, zugleich verbinden wir mit dem Begriff der Bibel oft auch einfach den Begriff: wichtiges Buch, das jeder sicher in einer oder mehreren Ausführungen im Schrank stehen hat, oder im besten Fall auf dem Schreibtisch. Manche Bibeln haben einen edlen Goldschnitt, sind Erbstücke aus der Familie, werden gut behütet und regelmäßig abgestaubt; andere sind Handwerkszeug, abgegriffen, voll geschrieben und optisch nicht mehr der Hit. Aber letztlich für viele im Alltag „nur“ ein Buch.

Papst Franziskus möchte uns aber darauf aufmerksam machen, dass es eben nicht einfach „nur“ ein Buch ist, diese unsere Bibel; dass es nicht darauf ankommt, wie sie aussieht, ja, nicht einmal wichtig ist – Ausnahme ist der Gottesdienst – in welcher Übersetzung sie vorliegt; wichtig ist nur eins: dass, wann immer ich die Bibel aufschlage Gott mir in seinem Wort sehr konkret begegnet. Sozusagen von Angesicht zu Angesicht. Und er begegnet mir dabei in einer Form, die deutlich macht, dass es nicht um eine vergangene Geschichte, nicht um fromme, legendenhafte Erzählungen geht, sondern, dass es um eine Beziehung geht, die zu allererst ihn und mich betrifft. Es geht um mein Leben. Es geht um mich und ihn. Ich bin persönlich zutiefst davon überzeugt, dass es keinen Text der Heiligen Schrift, der Bibel gibt, der nicht immer auch etwas mit mir, meinem Leben, meinen Fragen zu tun hat. Gott spricht MICH an. Manchmal mag ich das beim Lesen des Gotteswortes vielleicht nicht sofort merken, manchmal mag es schwierig sein, mich selbst oder mein Leben in diesen Texten zu finden. Aber manchmal brauche ich nur ganz kurz darauf schauen, und spüre zutiefst wie ich von diesem Wort getroffen und betroffen bin. Der berühmte Satz von Hanns-Dieter Hüsch fasst das für mich wunderbar zusammen: auch du stehst mit drin. Können die Erzählungen und Texte noch so von unbekannten Orten, Namen und Zeiten sprechen – immer geht es um die Beziehung Gottes mit den Menschen, immer geht es auch konkret um die Beziehung Gottes zu mir.

Wir glauben an die Menschwerdung Gottes in Jesus und damit wird uns bewusst: wir sind nicht irgendeine Buchreligion, die sich mit einem leblosen, stummen Buch beschäftigt, sondern mit dem lebendigen Wort, das Mensch werden will. Gott, so werden wir es wieder hören, spricht sich in seinem Sohn selbst aus, um ganz bei uns zu sein. Als das Konzil vor über 50 Jahren tagte hat es diese Erkenntnis wieder deutlich gemacht: alles was wir tun und sagen, muss auf dem Hintergrund des Gottes Wortes geschehen. Oder anders formuliert: Die Heilige Schrift soll und muss die Seele der Pastoral, der Seelsorge, all unseres Arbeitens und Mühens sein. Nicht unsere Ideen, sondern immer erst die Heilige Schrift.

In unserer Schwesterkirche gibt es seit 500 Jahren das Diktum: Sola scriptura. Luther hat gesagt: allein die Schrift soll das Handeln leiten, soll den Glauben bestimmen. In unserer Kirche ist dieses Wort in einer Erweiterung ebenfalls gültig: scriptura et traditio. Schrift und Tradition (in dieser Reihenfolge) sind ausschlaggebend für unser geistliches Handeln, für unseren Glauben. Das ist durchaus eine wichtige und gute Erweiterung. Allerdings kann man im Alltag auch leicht in Versuchung kommen den Satz umzudrehen: Traditio et scriptura – Tradition und Schrift. Die Schrift hat dann der Tradition zu folgen und sich unterzuordnen. Etwas, was leider immer wieder auch so geschehen ist. Nicht zum Guten. Hätte man darauf geachtet, die Tradition vom Wort Gottes her zu lesen und zu gestalten, dann wäre manches nicht passiert und wir müssten viele Punkte im Rahmen des synodalen Weges nicht besprechen, da sie sich quasi erledigt hätten. Es kommt vielleicht nicht von ungefähr, wenn der Beginn des Synodalen Weges zeitgleich mit dem Jahr des Wortes Gottes beginnt. Gott selbst lädt uns ein, wieder mehr und neu auf sein Wort zu schauen und uns, unser Leben und Handeln im Licht dieses Wortes zu reflektieren und auf dieses auszurichten. Kirche mehr und immer wieder aus dem Wort Gottes heraus zu gestalten. Auf Zukunft hin.

Das Jahr des Wortes Gottes wird am 30. September, dem 1.600ten Todestag des Heiligen Hieronymus zu Ende gehen. Von ihm stammt der berühmte Ausspruch: „Die Schrift nicht kennen, heißt Christus nicht kennen.“ Gerne kann man das erweitern auf: „Die Schrift nicht kennen, heißt Gott nicht kennen.“ Hieronymus war es wichtig, dass möglichst viele Menschen einen verständlichen Zugang zum geschriebenen Gotteswort bekommen und er hat deshalb seine berühmte Vulgata-Übersetzung geschaffen. Eine Übersetzung der Heiligen Schrift aus dem Hebräischen und Griechischen in die Umgangssprache seiner Zeit, das Lateinische. Diese, seine Vulgata-Übersetzung ist bis heute die verbindliche, lateinische Grundlage in unserer Kirche. Ausgehend von ihr und vielen, fast unzählbaren Textschnipseln antiker Schriften bemühen sich bis heute Menschen darum, immer im Geiste des Hieronymus, das Wort Gottes in eine Sprache zu bringen, die die Menschen ihrer Zeit und Sprachgruppe verstehen können, damit sie so in eine immer konkretere Beziehung zu Gott und Christus treten können, damit sie, damit WIR immer besser verstehen, was er uns, was er MIR mit seinem Wort sagen will. Die Schrift nicht kennen, heißt Gott nicht kennen. Ohne das Zeugnis der Schrift würden wir Gefahr laufen uns einen Glauben und einen Gott zu basteln, der uns gefällt – aber nichts mit GOTT zu tun hat.

Im Lesen der Schrift dürfen wir erfahren, dass Gott uns anspricht – so lernen wir ihn und seine Botschaft kennen. Daraus sollen wir unser Leben, unser geistliches, pastorales, aber auch gesellschaftliches Leben gestalten. Auf dieses Wort hin sollen unsere Traditionen, Regeln und Gesetze gelesen und auch wo nötig korrigiert werden – so, dass immer mehr das Gottes Wort, in uns, in seiner Schrift, in seiner Kirche wachsen und groß werden kann.

Diakon Daniel Pomm, Diözesanleiter  Bistum Erfurt des Kath. Bibelwerkes e.V.

(Erstfassung des Textes: Statio zum Einkehrtag des Ordinariates 2019)