Das Tal der Tränen hinter sich lassen

Psalm 42-43 als heilsames Selbstgespräch

Manche Menschen führen Selbstgespräche, wenn sie etwas bewegt, ihnen keine Ruhe lässt und eine Lösung braucht. In der Bibel finden wir solche Gespräche mit dem eigenen Inneren in manchen Psalmen. Vor allem dann, wenn man sich in Not oder Bedrängnis weiß. In der Klage wehrt man sich gegen das, was einem das Leben schwer macht. Denn Herzensqual spüren Menschen, deren Leben den Erwartungen zuwiderläuft, denen Trauriges und Unglück widerfahren ist. Zum Heilungsprozess gehören in der Trauerarbeit das Zulassen der Gefühle, das Aussprechen des Leidvollen und das Gewinnen einer neuen Lebensperspektive. All das findet sich in Ps 42-43, einem Psalm in drei Teilen mit jeweils widerkehrendem Refrain. Erst in der griechischen Übersetzung des Psalms aus dem Hebräischen wurde der Psalm in zwei Psalmen geteilt, obwohl es einen Spannungsbogen im Ganzen gibt.

Nach Psalm 42-43 sitzt da eine betende Person traurig am Jordan im Hermongebirge, weit weg von Jerusalem. Im ersten Teil des Psalms schaut sie voll Wehmut zurück in die Vergangenheit, als sie schöne Feste am Tempel in Jerusalem mitfeierte, im zweiten Teil beklagt sie das Elend der Gegenwart, von starken Gefühlen überflutet , im dritten Teil hofft sie, dass in der Zukunft die Not überwunden wird. Am Anfang des Psalms steht als Bild für die betende Person das von der Hirschkuh, die nach Wasser lechzt. Es drückt hier Sehnsucht aus nach Nähe zu einem Gott, der scheinbar abhanden gekommen ist in harter Zeit und Not. Zumindest ist die Beziehung nicht mehr so lebendig, wie sie schon war.

Dazu wird auch noch vom Umfeld der Finger in diese Wunde gelegt, wenn darüber gespottet wird, wo denn nun dieser Gott sei. Siebenmal im Psalm wird gefragt: Warum ist es so? Eigentlich wird damit eher nach dem Wozu gefragt: Wohin soll das führen? Welchen Sinn soll dieses Leiden haben? Die Fragen richten sich an Gott und das eigene Innere zugleich. Denn Gott wohnt in der Seele. Gerade in der Trauer ist es wichtig, nicht zu versteinern im Schmerz, sondern sich zu bewegen. Im Weinen (V. 4) kommt das Verhärtete ins Fließen. Im (Selbst-) Gespräch entsteht zudem eine Bewegung durch das gute Zureden zum verzagten Ich. Die Seele wird in der Qual und Unruhe dreimal im Refrain angesprochen und zur Geduld ermutigt. Vorausgeschaut wird schon mitten im Traurig-sein auf eine kommende Zeit der Dankbarkeit über Gottes Hilfe in der Not. Beten mit so großem Vertrauen, als ob man das Erbetene schon empfangen hätte, das geschieht im Psalm hier, und das empfiehlt auch Jesus (Mk 11,24). Danken mitten in der Not? Das greift weit hinaus über das Bedrängende der Gegenwart und spannt eine Brücke über das Tal der Tränen zum festen, rettenden Ufer jenseits der Qual.

Dennoch werden in der Gegenwart auch die starken Gefühle und Tränen zugelassen, die überfluten wie Wassermassen. Halt gibt da Gott, der Fels. Das Festhalten an ihm verhindert, dass man untergeht im Verlassenheitsgefühl oder dem unterliegt, was einen angreift. Stärkende Gottesbilder wie die vom „Gott des Lebens“, dem „Retter“, „Tröster“, „Licht“, „ der Freude“ und „Treue“ sind Anker in der seelischen Not. Die Gottesbeziehung stabilisiert sich so nach und nach. Der innere Spannungsbogen führt mehr und mehr hin zu „meinem Gott“ (Ende des dreimaligen Refrains).

Aus-Wege aus der Not und Traurigkeit sind nach dem Psalm letztlich

  • sich an gute Zeiten erinnern, die es schon gab (hier sind es frohe Feste);
  • den Schmerz im Weinen und im Klagen ausfließen lassen;
  • im Gespräch bleiben mit dem Inneren: fragen, bitten, vertrauend ausschauen, ermutigen („harre“);
  • sich an positiven Bildern von Gott festhalten wie an einem Geländer.

Nach der jüdischen Überlieferung gibt es drei Wege, der Trauer Ausdruck zu geben und zugleich aus ihr herauszufinden: 1. Stufe: Der Mensch weint. 2. Stufe: Der Mensch schweigt. 3. Stufe: Der Mensch wandelt sein Leid in ein Lied. Das ist das Gebet des Ps 42-43: ein Lied, das hilft, das Tal der Tränen hinter sich zu lassen, das mitten in der Traurigkeit schon hineinreicht in den Dank nach überstandener Not. Es ist eine Einübung in Gottvertrauen und Sich-trösten-lassen, bis heute!

Anneliese Hecht