Geliebt

„Warum ist Gott Mensch geworden?“ So lautete eine spannende Frage in der mittelalterlichen Theologie.

„Warum ist Gott Mensch geworden?“, so habe ich auch bei einem Glaubensabend die Leute in der Pfarrei gefragt. Daraufhin kam selbstverständlich die Antwort: „Um uns am Kreuz durch seinen Tod von den Sünden zu erlösen.“

Das ist gewiss ein wichtiger Aspekt im großen Heilsgeschehen Gottes, aber er verkürzt das wunderbare Geheimnis der Liebe Gottes.

Duns Scotus, ein Vertreter der franziskanischen Theologie, antwortet auf diese Frage: „Gott ist Mensch geworden, weil er uns liebt.“ Gegenfrage: „Wäre Gott auch Mensch geworden, wenn der Mensch nicht gesündigt hätte?“ Antwort: „Selbstverständlich; denn Gott sucht in Seiner Liebe ein menschliches Du, dem ER sich schenken kann.“

Das Johannesevangelium bringt es auf den Punkt: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn dahingab…“ (Joh 3,16)

Wir können gar nicht tief genug ermessen, wie unbegreiflich und überbordend und vor allem vorbedingungslos die Liebe Gottes ist. Vielleicht könnte uns ein Gedicht von Bertolt Brecht (aus: Der gute Mensch von Sezuan) eine Ahnung davon vermitteln, wenn wir es als Zusage Gottes hören:

Ich will mit dem gehen, den ich liebe.
Ich will nicht ausrechnen, was es kostet.
Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist.
Ich will nicht wissen, ob er mich liebt.
Ich will mit ihm gehen, den ich liebe.

Wirklich, unfassbar. Deswegen meint der in einer Plattensiedlung in Leipzig lebende Kleine Bruder Andreas Knapp: „Wie zart muss mir gesagt werden, dass ich geliebt bin, damit ich es wirklich glauben kann.“

Katja Ebstein hatte zu ihrer Zeit gesungen: „Nur die Liebe lässt uns leben.“ Wie wahr!

Und Wilhelm Bruners:

Geliebt –
das notwendige Lichtwort
in der Dunkelkammer
stets bedrohten Lebens.

Im Kreuz Jesu wird die unendlich schenkende Liebe Gottes sichtbar. Sie wirbt um mich und meine Antwort.

H.-Konrad Harmansa, Leipzig – Diözesanleiter Kath. Bibelwerk e.V., Bistum Magdeburg