Leseratten aufgemerkt!

Aus der Musikliteratur kennen Sie die Aufforderung am Ende des Stücks: da capo al fine – nochmal von vorne bis zum Ende und wenn Sie am Ende angelangt sind, gilt die Aufforderung erneut: da capo al fine.

Wer seinen noch leseunkundigen Kindern oder Enkeln gerne vorliest, hört oftmals am Ende der Lektüre die Bitte: Lies nochmal (da capo al fine). Zumindest dann, wenn es eine gute Geschichte war. Ein Buch später zweimal oder gar öfter lesen, das kennen heute meist nur noch Jugendliche. Aus Lesern sind so Wiederholungsleser und Vielleser geworden.

Für Leseratten, die heute meist weiblichen Geschlechts sind, gibt es einen solchen Hinweis auch in einer biblischen Literatur. Ihnen kommt entgegen, dass die Aufforderung dort sogar an Frauen ergeht. Das wesentliche Mittel einer spannenden Geschichte ist, dass sie verrätselt. Da der Mensch keine offenen Rätsel verträgt, will er jedes Rätsel lösen, sonst ist er nicht glücklich.

Auch dieses literarische Moment hat der biblische Autor beachtet und es am Ende seiner Geschichte platziert. Darüber hinaus findet sich an vielen Stellen dieser Schrift ein Unverstehen, das ein Rätsel aufgibt.

Hinzukommt, dass der Autor ständig den geneigten Leser, die geneigte Leserin mit einbezieht. Regieanweisungen, wir nennen sie heute gerne auch redaktionelle Notizen, finden sich auf Schritt und Tritt in dieser Schrift.

Damit die einzelnen Erzählabschnitte gut im Gedächtnis haften bleiben, sind sie zudem chronologisch kurz und knapp geordnet. Auch wenn die Erzählzeit (Lesezeit) für diese Schrift nur ca. neunzig Minuten braucht, die erzählte Zeit umfasst ebenfalls nur neunundvierzig (7×7) Tage plus einen Tag.

Sie haben das Rätsel schon gelöst und wissen, welches biblische Buch gemeint ist?

Es ist das Markusevangelium.

Das Schlussrätsel, das der junge Mann mit weißem Gewand im Grab an die Frauen richtet, lautet dort: „Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es gesagt hat.“ Da capo al fine. Lies nochmal von vorne, lies nochmal, dann wirst du am Ende verstehen, worum es geht. Des Rätsels Lösung ist ganz einfach oder doch nicht?

„Da verließen sie (die Frauen) das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich.“

Ein eigenartiger Schluss oder etwa nicht?

Die kirchliche Redaktion hat das Rätsel auf ihre Weise aufgelöst und noch einen sekundären Markusschluss angehängt. Nun lautet der Schlusssatz im Evangelium: „Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die es begleiteten.“ Auch gut, wenn auch nicht so spannend.

Dass das ständige Wieder- und Wiederlesen nicht nur eine schöngeistige Privatlektüre in der stillen Wohnstube sein soll, wird in der Mitte des sekundären Markusschlusses ausgedrückt: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“

Zumindest vom Hl. Franziskus wissen wir, dass er das Evangelium sogar den Vögeln und Fischen erzählt hat.

Vieles von dem, was uns heute so fremd und neuartig vorkommt, war den Erstleserinnen und Erstlesern und mehr noch den leseunkundigen Ersthörerinnen und Ersthörern des Evangelisten noch bekannt. Heute müssen wir die Zusammenhänge und Absichten erst wieder enträtseln und die Regeln der Erzählkunst neu entdecken.

Eine spannende Lektüre dazu ist der Entdecker dieser Zusammenhänge und Erzählbögen:  Ludger Schenke, Das Markusevangelium. Pointen, Rätsel und Geheimnisse, Herder Verlag, Freiburg 2018.

Reinhold Then, Diözesanbeauftragter des Kath. Bibelwerks in der Diözese Regensburg

Werbeanzeigen