Gott wohnt in einem Lichte – Teil II

Lectio divina auf dem Jakobsweg

2. Und doch bleibt er nicht ferne, ist jedem von uns nah. Ob er gleich Mond und Sterne und Sonnen werden sah, mag er dich doch nicht missen in der Geschöpfe Schar, will stündlich von dir wissen und zählt dir Tag und Jahr.

Zwei Tage später. Ankunft in der Herberge von Portela de Tamel. Es ist fast  Abend. Ich sitze mit zwei kanadischen Frauen in der Nähe der Anmeldung. Sie fragen mich aus, wie es war, hinter dem Eisernen Vorhang aufzuwachsen. Sie erzählen mir, wie sie sich 1989 in Kanada mit den Menschen in Ostdeutschland mitgefreut haben.

Da beobachte ich einen ankommenden Pilger. Er wird an der Anmeldung nach seinem Beruf gefragt. Er ist ein Koch. Ein Koch auf dem Camino? Wieso mag der auf dem Jakobsweg sein? Dieser Mensch interessiert mich. Vielleicht komme ich mit ihm noch ins Gespräch.

In der Nacht sitzen wir alle im Garten der Herberge zusammen. Wir essen   gemeinsam Pizza. Es sind alles junge Menschen, der Koch hat einen Platz in meiner Nähe. Ich höre den Gesprächen zu. Warum gehen die anderen diesen Weg, frage ich mich. Bewegt sie auch so etwas wie mein Ich-bin-der-ich-bin-Gott? Nein. Da höre ich recht oberflächliche Gespräche. Nur dieser Koch, der hat ein Motiv. Das spüre ich.

Plötzlich wird es ganz kurz richtig Hell. Eine Sternschnuppe. Alle rätseln, was das wohl war. Eine Leuchtrakete? Ein Blitz? Und ich denke mir: Wir sind auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Compostela bedeutet Sternenfeld. Ein Stern weist uns heute den Weg zum Ziel. Schon einmal hat ein Stern drei suchenden Menschen den Weg gewiesen. Auch sie waren Pilger.

Am nächsten Tag geht es nach Ponte de Lima. Ein langer Weg. Der Koch ist nach ein paar Yogaübungen im Garten bereits aufgebrochen. Es ist Sonntag. In einem Dorf besuche ich einen Gottesdienst. Blasen an den Füßen, die Wärme. Aber trotzdem ist der Weg schön, wenn auch einsam. Dann komme ich in Ponte de Lima an. Es ist spät. Hoffentlich ist noch ein Bett in der Herberge frei. Sonst habe ich ein Problem.

Und dann verliere ich mich. So viele Menschen. Es ist Jahrmarkt. Überall Verkaufsstände, Familien in portugiesischen Sonntagsgewändern. Ich lasse mich treiben, vergesse die Zeit. Dort! Ein paar Musiker singen ein Volkslied. Ich höre zu. Es nimmt kein Ende. Ich drehe mich um – und da steht der Koch vor mir. Und er sagt zu mir: Wollen wir essen gehen? Ich habe schon ein Lokal ausgesucht.

Was wird mit meiner Herberge? Egal. Wir gehen Essen. Und noch bevor die Getränke auf dem Tisch stehen, frage ich ihn nach seinen Motiven für diese Pilgerschaft. Er heißt Matthias. Wie ich ist er im Osten ohne Religion aufgewachsen. Genau wie mich hat ihn die Frage nie losgelassen, ob das alles ist. Er sucht auf dem Weg des Buddhismus. Ich suche als Christ Antworten in der Bibel. Wir sind uns von Anfang an vertraut. Wir respektieren unseren unterschiedlichen Weg. Eigentlich nähern wir uns doch beide dem gleichen Geheimnis von verschiedenen Seiten an, stellen wir fest.

Da sagt Matthias: Ich habe die letzten Tage in den Herbergen kaum geschlafen. Deshalb habe ich mir heute in der Jugendherberge ein Doppelzimmer genommen. Es ist noch ein Bett frei, wenn du willst. Ich bin verblüfft. Ich habe zu Essen, ich habe ein Bett, ich habe einen Freund zum Austausch. Braucht man eigentlich mehr?

Wir liegen auf den Betten und reden noch lange. Dann frage ich in die Dunkelheit hinein: Wie fühlst du dich eigentlich, so fern von deiner Frau, deinen Kindern? Ich höre Stille. Ich höre Schlucken. Wir sollten schlafen.

(Fortsetzung folgt … !)

Torsten Bühring, Magdeburg

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