Jesus – Markus – und jetzt?

Seit nun doch schon einigen Jahren beschäftige ich mich mit der Übertragung von Bibeltexten in Leichte Sprache. Ein Spezifikum dieser Leichten Sprache ist, dass sie absolut verständlich sein muss. Mehrdeutige oder gar missverständliche Textaussagen darf es nicht geben. Das liegt an der Zielgruppe für diese Leichten Texte: Menschen mit Lernbehinderung.

Für den „Übersetzer“ heißt das, dass er einen Text sehr gut verstanden haben muss, um ihn in Leichte Sprache übertragen zu können. Was bei einer Gebrauchsanleitung noch relativ einfach ist, wird bei literarisch anspruchsvolleren Texten schon schwieriger. Sie sind „bedeutungsoffen“ und können auf mehrerlei Weise verstanden werden. Da muss sich der Übersetzer in Leichte Sprache leider (!) für eine ganz bestimmte Deutung entscheiden.

Der Witz bei den Gleichnissen

Eine ganz besondere Herausforderung aber stellen Gleichnisgeschichten dar. Sie wollen ja „im übertragenen Sinne“ Klarheit schaffen. Sie schaffen den Zuhörenden einen offenen Raum, in dem diese selber ihre Lösung für das gestellte Problem finden können (sollen). Wenn man ein Gleichnis erklären muss, ist die Geschichte kaputt. Das ist wie bei einem Witz.

In Leichter Sprache komme ich aber um die Erklärung einer Gleichnisgeschichte nicht herum. Das mag man bedauern, aber es ist halt trotzdem so. Weil Gleichnisse in Bildern erzählen, die aufgelöst werden müssen. Was mache ich aber, wenn es zum selben Gleichnis mehrere Erklärungen gibt wie z. B. in Markus 4? Da erzählt Jesus das Gleichnis vom Sämann, in dem er breit ausführt, wie viel beim Säen „daneben geht“, um dann am Schluss zu zeigen, dass der Erfolg des Wenigen, das auf guten Boden fiel, die Verluste bei weitem aufwiegt (Mk 4, 1-9). Kurz darauf folgt dann aber eine Erklärung, die in eine ganz andere Richtung geht, weil sie das Gleichnis allegorisch auslegt (Mk 4,13-20). Da geht es nicht mehr um den Sämann und seine Zuversicht beim Ausbringen der Saat, sondern um den richtigen Boden, der Frucht bringen soll.

Von Jesus zu Markus

Es scheint mir einigermaßen klar zu sein, dass das eigentliche Gleichnis noch viel näher an dem dran ist, was Jesus verkündet hat: Es spricht von seiner Zuversicht, dass die Verkündigung des Reiches Gottes Frucht bringt, auch wenn es vielleicht zunächst einmal gar nicht danach aussieht. Die allegorische Auslegung deutet demgegenüber eine ganz andere Geschichte und stammt (nicht nur) meines Erachtens sicher nicht von Jesus. Sie ist später hinzugewachsen.

… und heute?

Mir geht es jetzt nicht darum, welcher der beiden Texte heiliger ist oder womöglich der „eigentliche“ Bibeltext. Meine Frage ist: Wenn Markus diese beiden Texte vorgefunden und hintereinander gestellt hat, möchte er dann das Gleichnis auf diese ganz bestimmte Form verstanden wissen? Und: Müssen wir als Übertragende diese Deutung übernehmen, also die allegorische Deutung bereits in die Übertragung des Gleichnisses in Leichte Sprache eintragen? Oder sagen wir: Nachdem Jesus dieses Gleichnis erzählt hatte, erzählte er ihnen, wie man die Geschichte auch noch anders verstehen kann …?

Schwierig, schwierig!

Dieter Bauer, Kath. Bibelwerk, Stuttgart

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