Der Bibel auf den Geschmack kommen

„Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein: Je mehr du es reibst, umso stärker duftet es.“ Diesem Satz Martin Luthers stimme ich zu. In Jahrzehnten mit der Bibel ist sie mir nie langweilig
geworden. Ob und wie die Bibel zum Lebens-Mittel wird, das hängt von verschiedenen Gegebenheiten ab.

1. Hunger ist der beste Koch!
Einer, der keinen Hunger hat, wird nicht essen wollen. Wer keine Frage, keine Sehnsucht hat, wird sich auch nicht auf den Weg machen. Ein erster Zugang zur Bibel ist also immer eine Sehnsucht, die einen im Leben gerade umtreibt: die Frage nach Gott, Liebe, Glück, dem Leid oder gar Tod, ein Familienthema … Das kann die treibende Kraft sein und dazu motivieren, mit der Bibel ins Gespräch zu kommen. Das geschieht am besten, indem man Bibeltexten Fragen stellt, zustimmt, widerspricht, darüber nachdenkt, weiterschreibt … Das Thema „Liebe zwischen Mann und Frau“ behandelt z.B. das Hohelied, Familienthemen kommen in Gen 12-50 vor, Deutungen von Leid im Buch Ijob. Zu den Stichwörtern, die einen interessieren, kann man die passenden Bibelstellen finden im Stichwortverzeichnis im Anhang der Bibel oder durch Recherche in den Online-Bibeln (z.B. http://www.bibelwerk.de; http://www.bibleserver.com).

2. Gegessen wird, was gekocht ist!
Die Bibel ist in einem Zeitraum von 800-900 Jahren vor 2000 Jahren entstanden. Da braucht es historisches Wissen und entsprechende Aufbereitung, damit das darin Überlieferte für uns verständlich und vor allem lebendig wird. Ob die Bibel „schmeckt“, entscheidet an erster Stelle die Übersetzung, die man wählt. Menschen, die bisher wenig Zugang hatten, brauchen oft eine Übersetzung, die schwer Verständliches gut in heutiger Sprache ausdrückt. Das tut z.B. die Basisbibel oder die Gute-Nachricht-Bibel. Mancher, dem der Appetit vergangen ist aufgrund der immer gleichen Übersetzung, in der er liest, mag das Eine oder Andere am Text ganz neu entdecken in einer anderen Übersetzung. So lohnt es sich, Psalmen in der Einheitsübersetzung 2016 zu lesen. Insgesamt ist sie näher am Urtext als die frühere Version, dadurch aber auch anspruchsvoller zu lesen.

3. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen!
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was Gottes Mund spricht!“ (Dtn 8,3; Lk 4,4), so zitiert Jesus. Es ist staunenswert, dass Menschen oft viel für die Fitness des Körpers und für die geistige Fortbildung aufwenden, aber sehr wenig für die Reifung der Seele, die geistliche Nahrung. In der Bibel ist reichlich davon da. Auch hier braucht es Entscheidung und Regelmäßigkeit, damit die Seele genügend genährt wird. Das kann z. B. die tägliche Schriftlesung sein in Abschnitten entlang einem biblischen Buch. Leib und Seele zusammen hält auch, wenn auf verschiedenen Ebenen Zugang zur Schrift gesucht wird: mit verstandesmäßiger Erkenntnis, mit emotionalen Zugängen wie über die Identifikation mit biblischen Gestalten, mit dem Erspüren des Herzens, über die betende Betrachtung.

4. Das Auge isst mit!
Beim Essen ist nachgewiesen wichtig, wie ein Gericht angerichtet ist und wie wir darauf schauen, ob wir es schmackhaft finden. Bei der Bibel lohnt es sich, hinschauen zu lernen, um Geschmack an ihr zu finden:
Wie bei Gerichten gibt es bei Bibeltexten Basiszutaten: Das sind Leitwörter, Kontraste, Schreibstil, Dramatik, der Zusammenhang, in dem ein Text steht. Sie können in jedem Text entdeckt werden. Darüber hinaus lassen sich Feinheiten aufspüren, die man bisher nicht entdeckt hat, indem man im Geist immer mal wieder eine andere Brille aufsetzt: mal die Perspektive des Verfassers, mal die wechselnden Erzählperspektiven der biblischen Personen, die uns der Text anbietet, mal die Dramatik, die sich entfaltet…

5. Genügend kauen, nicht hinunterhauen!
Wir sind oft gewohnt, schnell zu essen und schnell Texte aufzunehmen. In Ez 2,8-3,11 wird dem Propheten Ezechiel empfohlen, Gottes Wort in Form eines Buches gut zu kauen, bis es süß wird wie Honig. Von Brot weiß man, dass es, wenn es ca. 30 mal gekaut wird, süß wird, dass also durch das längere Kauen viel mehr Geschmack aufgeschlossen wird und sich entfaltet. Ein Wort, einen Satz aus einem gelesenen Bibeltext immer wieder meditativ vor sich hin zu sprechen, einfach zu verkosten, erschließt oft ganz Neues. Es kommt dann manchmal in Lebenssituationen zu Hilfe als Orientierung oder Trost.

6. Der Appetit kommt mit dem Essen!
Für Ungeübte schmecken am Anfang meist erzählende Bücher wie das Markusevangelium, das älteste Jesusbuch, das Lukasevangelium, das Buch Genesis, Buch Exodus oder kleine Bücher wie das Buch Rut. Ist man geübter, schmecken auch Bücher der Bibel, die mehr Aufwand brauchen, sie zu erschließen, wie z. B. prophetische Bücher. Deshalb braucht es bei mancher biblischen Kost auch Geduld und ein Einhören und Einüben, bis man auf den Geschmack kommt!

7. Das liegt schwer im Magen!
Und was ist mit schwer verdaulicher Kost? Die gibt es in der Bibel wie im Leben. Wichtig ist, sich vor Augen zu halten: Die Bibel will Menschen ins Heil bringen. Es ist manchmal mühsam, in gewalttätigen Texten die Gottesspur zu finden, aber sie ist fast immer da, wenn man spürsam hinschaut: durch das Unheil hindurch zum Licht.

8. Satt heißt nicht, dass keine Schokolade mehr hineinpasst!
Und wenn man genug hat von schweren Bibeltexten? Etwas geht immer noch wie beim Essen: ein Schmankerl. So manchen humorvollen Spruch, der einen zum Nachdenken bringt, findet man z.B. im Buch der Sprüche und in Jesus Sirach: „Besser ein trockenes Stück Brot und Ruhe dabei als ein Haus voll Braten und Streiterei.“ (Spr 17,1). Womit wir wieder beim Essen wären!

Der Beitrag erschien zuerst in „Dein Wort – Mein Weg“ 1/2018.

© Anneliese Hecht, Katholisches Bibelwerk Stuttgart

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s