Hören und lesen

Eine Story hören, die mit der eigenen Geschichte zu tun hat, ist ergreifend. Dramatisch schildert dies Nehemia (3. Jh. v. Chr.), der Esra bei einer Lesung der Weisung des Herrn die Menschen zum Weinen bringt (Neh 8,1-12). Dieses Vorlesen und damit Hören der Schrift ist das Urbild unseres Wortgottesdienstes.

Seit jener Zeit hat sich bis zum heutigen Tag in der Vermittlung des Textes im Gottesdienst kaum etwas verändert. Wir hören den mündlichen Vortrag der Schriftleserinnen und Schriftleser. Die Kunst des Hörens ist angesagt.

Zur Zeit des Esra waren eingeladen „Männer und Frauen und überhaupt alle, die schon mit Verstand zuhören konnten.“ Für unsere Tage schier unglaublich ist die Erwähnung, „vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra vor“. Die Vorlesekompetenz des Vortragenden wurde damit umschrieben, dass Esra als Priester und Schriftgelehrter (sofer) vorgestellt wurde. „Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigenes dafür errichtet hatte“, wohl damit man ihm besser zuhören konnte. Nicht unbedeutend ist auch die Bemerkung: „die Leviten, erklärten dem Volk die Weisung… sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten.“

Das Gehörte an diesem „heiligen Tag zur Ehre des Herrn“ wurde gefestigt mit der kulinarischen Aufforderung: „Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein!“ Bei solch singulär festlichen Aufwand dürfte tatsächlich etwas hängen geblieben sein.

Bekenntnis und Zeugnis der Vortragenden kann selbst bei mittelmäßiger Lesung auch heute noch Hörerin und Hörer in Bewegung, wenn auch nicht gleich zum Weinen bringen. Mnemotechnische Mittel wie z.B. Satzbau, Wortwiederholungen und Rhythmus, die bereits im Text vorgegeben sind, mögen das Merken erleichtern. Doch was bleibt haften, wenn wir Woche für Woche, 52mal im Jahr die Botschaft nur hören?

Menschen, die nur hören und nicht lesen können, haben ein ausgeprägtes Gedächtnis und eine besondere Aufmerksamkeit.

Seit der allgemeinen Schulpflicht (18./19.Jhd.) und der damit verbundenen Alphabetisierung können viele Menschen im deutschsprachigen Raum lesen. Mit dem Lesevermögen haben sie in zunehmender Weise aber auch Gedächtnis und die Aufmerksamkeit zum Zuhören verlernt.

Deshalb hören in der Folge die Menschen beim Wortgottesdienst heute schlechter zu, ihre Gedanken gehen während des Vortrags gerne spazieren. Weitere Gründe für den Hörverlust in der Moderne kommen hinzu. Beim Verlassen der Kirche haben Gottesdienstbesucher schon vergessen, was sie kaum gehört haben.

Wir können auch lesen

Eine Maßnahme gegen das Vergessen könnte ein Leseblatt der Schriftlesungen sein, wie es in vielen Ländern üblich ist. Gottesdienstbesucher nehmen die Schriftlesungen des Sonntags verschriftet mit nach Hause und können im Nachgang die Inhalte nochmals zurückholen, vergegenwärtigen, meditieren, betrachten, studieren und in der Folge anwenden.

Der Akt der Vermittlung des Wortes Gottes, zu dem der gelesene Text werden möchte, war und ist durchaus kompliziert. Vormals mündliche Inhalte (Erzähltexte) werden gehört, später verschriftet und dann als Hl. Schrift wieder vorgetragen und in neuem Kontext erneut gehört. Es sind inzwischen Hörtexte, die schwer verständlich werden. Nicht zuletzt weil sich der Lebenszusammenhang und das Hörvermögen der Menschen gewandelt hat. Selbst bei bestem Willen reicht das Hören nicht mehr aus, die Inhalte zu verstehen. Es braucht mehr Redundanz, um die Inhalte zurückzuholen, zu vergegenwärtigen und sie hin und her zu bewegen (Ruminatio).

Ein Weg der Redundanz kann das wieder und wieder Hören in der Sonntagsliturgie sein, deren Texte sich bekanntlich spätestens im vierten Jahre wiederholen. Über Jahrzehnte hin gehört mag dann am Ende doch etwas hängen bleiben.

Ein anderer Weg der Redundanz ist das Lesen. Leseblätter der Schriftlesungen für die ganze Sonntagsgemeinde oder am Ende gar eine Bibel könnten eindeutig Abhilfe schaffen.

Hörvermögen und Leseverstehen ergänzen und überlagern sich. Am Ende bleibt die Botschaft, die einen Weg zum „hörenden Herzen“ finden möchte.

Reinhold Then, Regensburg

(Der Autor versucht gerade Leseblätter zu den Schriftlesungen der Sonntage in der neuen Einheitsübersetzung im deutschsprachigen Raum einzuführen. Sie sind derzeit abrufbar unter dem virtuellen Lehrhaus der Bibelpastoralen Arbeitsstelle:  http://www.bpa-regensburg.de)

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