Sagt die Bibel den Propheten Muhammad voraus?

Sagt die Bibel den Propheten Muhammad voraus? Als ich diese Frage das erste Mal las, hielt ich sie für ziemlich daneben. Wer kommt denn auf so eine Idee? Jetzt, nachdem ich mich für die Redaktion eines „Bibel heute“-Heftes länger damit auseinandersetzen musste, finde ich die Frage gar nicht mehr so seltsam. Sie macht mich nämlich auf etwas aufmerksam, was wir Christen schon immer – und meist unreflektiert – tun:

Mit großer Selbstverständlichkeit lesen wir Texte der Hebräischen Bibel, die wir „Altes Testament“ nennen, auf Jesus Christus hin. Nach christlicher Überzeugung ist der Messias Jesus von Nazaret das Ziel der Heilsgeschichte, die mit der Schöpfung begann. „Mose und alle Propheten“ künden nach dem Lukasevangelium „in der gesamten Schrift über ihn“ (Lk 24,27). Dazu gehört auch, dass Jesus von Nazaret in christlicher Überzeugung der letzte der Propheten ist.

Aus der Sicht des Judentums sieht das alles natürlich ganz anders aus. Dort endet die Reihe der Propheten mit Maleachi, der für den Jüngsten Tag die Wiederkunft des Elija ankündigt (Mal 3,23f). Die christliche Interpretation, die in Johannes dem Täufer den wiedergekommenen Elija sieht (Mt 11,14), vermochte das Judentum nicht nachzuvollziehen.

Wir haben also drei Weltreligionen, die nacheinander je für sich die Abfolge der Propheten für abgeschlossen erklärt haben, aber mit großer Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass die vorangehenden Heiligen Schriften ihre Propheten vorausgesagt haben. Und es ist interessant, dass sich Muslime auf dieselben Stellen der Hebräischen Bibel beziehen wie auch die Christen, zum Beispiel auf Dtn 18,18: „Einen Propheten wie dich [Mose] will ich ihnen mitten unter ihren Brüdern erstehen lassen. Ich will ihm meine Worte in den Mund legen und er wird ihnen alles sagen, was ich ihm auftrage.“ Während Christen das als Hinweis auf Jesus von Nazaret verstehen, ist es für Muslime einer auf Muhammad.

Für mich wäre der gemeinsame Bezug auf die Heiligen Schriften der Juden, Christen und Muslime eine gute Grundlage, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Und vielleicht etwas von der eigenen Arroganz im Umgang mit den Glaubensgeschwistern abzulegen.

Dieter Bauer

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