„Die Deinen bauen uralte Trümmerstätten wieder auf…“

Herbst 2015: Mit einigen Geflüchteten, die ich aus einer der Notunterkünfte kannte, besuchte ich die Würzburger Residenz. Einfach mal etwas Schönes von Würzburg sehen, dachte ich mir. Wir schlossen uns einer Führung durch die beeindruckenden Prachträume an und landeten schließlich in einem Raum, der die Zerstörung der Residenz im 2. Weltkrieg dokumentiert. Es gelang mir kaum, die jungen Leute, die alle aus Syrien kamen, zum Weitergehen zu bewegen. Intensiv betrachteten sie die Fotos der zerstörten Residenz und studierten die Dokumentation des Wiederaufbaus.

Schließlich fragte mich einer der jungen Leute: „Meinst Du, Burkhard, es wird in Aleppo auch mal so sein, dass wir die Stadt wieder aufbauen so wie in Würzburg?“ Ich habe in diesem Augenblick versucht, mit meiner Antwort Hoffnung auszustrahlen und gleichzeitig ist mir einmal mehr bewusst geworden, dass die alten Fotos, die ich von zerstörten deutschen Städten kenne, für die Menschen, die zu uns kommen, heute erlebte Wirklichkeit sind. Die Bilder der Ruinen machen sichtbar, wozu Menschen in jeder Richtung fähig sind: zu ungeheurer Zerstörung, aber auch zu Taten der Hoffnung trotz allem.

„Die Deinen bauen die uralten Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern aus der Zeit vergangener Generationen stellst du wieder her.“ (Jes 58,12)

So schreibt Jesaja im 58. Kapitel. In den Versen zuvor beschreibt der Autor einen Versöhnungs- und Heilungsweg. Nur auf diesem Weg gelingt die Heilung der zerstörten Stadt, die Versöhnung mit der Geschichte voller Verletzungen – nicht über Wehklagen und Fasten. Der Wiederaufbau der eigenen Trümmerorte und die Heilung alter Wunden führt über die ganze Aufmerksamkeit für diejenigen, die heute leiden unter Ungerechtigkeit, Krieg, Hunger und Unterdrückung.

Die alten Trümmer der Seele und die realen Trümmer der zerstörten Städte werden in dem Augenblick wieder zu einem Ort für das Leben, in dem sie den Blick lenken auf die leidenden Menschen heute.

Manchmal denke ich mir: Vielleicht sagen deshalb so viele Menschen, die vor Krieg und Zerstörung geflüchtet sind und in Würzburg gelandet sind, dass es ihnen hier so gut geht. Weil wir selber wie Verwundete sind in dieser Stadt, die im März 1945 zu 90 % zerstört wurde. Und weil wir damit einen besonderen Auftrag haben, uns den Verwundeten unserer Tage zuzuwenden.

Vielleicht ist eine verwundete Stadt der beste Fluchtort für Menschen, die heute aus zerstörten Städten mit verwundeten Seelen zu uns kommen.

Was für die Stadt gilt, in der ich lebe, lässt sich für so viele Orte in Deutschland sagen. Es sind Orte, die Geschichten der Zerstörung erzählen, aber auch Hoffnung machen, dass aus Trümmern ein neuer Anfang möglich ist.

Ist es vielleicht tatsächlich so, dass diese Städte gerade in diesen Tagen noch einmal neu aufgebaut werden und aus Trümmern erstehen, wo Menschen, die heute Opfer von Krieg und Gewalt sind, bei uns Aufnahme finden? Ist es vielleicht tatsächlich so, dass hier aus den Trümmern neu ersteht, weil Menschen mit ihren körperlichen und seelischen Wunden hier einen Ort finden, an dem sie wirklich gesehen werden mit ihren Leiden, mit ihrem Hunger nach Gerechtigkeit?

„Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche…?“ (Jes 58,6), höre ich die Stimme Gottes bei Jesaja weiter rufen, wenn gerade ihr euch einsetzt für Gerechtigkeit in der einen Welt. „Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche…“, wenn Menschen auf der Flucht gerade bei Euch in Deutschland Heimat und Heilung für Leib und Seele finden.

„…Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen.“ (Jes 58,8)

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